KTM 890 Adventure Test 2021 – Wie die 790 Adventure, nur besser!

Test der neuen Mittelklasse-Reiseenduro von KTM in Griechenland.

Nach nur 2 Jahren bekommt die KTM 790 Adventure schon eine Nachfolgerin. Doch geht es bei der neuen 890 Adventure nur darum die Euro5-Norm zu erfüllen, oder handelt es sich um ein echtes Update? In Griechenland bei Nafpaktos haben wir es überprüft.

Der Testort ist Nafpaktos am Festland von Griechenland in der Nähe von Patras. Hier am Golf von Korinth beginnen bereits die Ausläufer der Berge Mittelgriechenlands. Die Vegetation ist vielseitig, wechselt unvermittelt von kargem Fels zu moosigen Nadelwäldern, und auch die Straßen sind mindestens ebenso abwechslungsreich. Wer schon einmal in Griechenland war, der kennt den abenteuerlichen Zustand der Nebenstraßen. Hinter jeder Ecke lauert das Ungewisse. Vom Schaf über Felsbrocken bis hin zu Erdlawinen man muss mit allem rechnen. Genau richtig für ein Adventure-Bike, welches von KTM als ultimativer Allrounder bezeichnet wird. Doch was genau unterscheidet die 890 Adventure von der 790 Adventure?

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KTM 890 Adventure technische Daten, Neues und Vergleich zur 790 Adventure

Grundsätzlich ist die 890 Adventure in vielen Belangen ident mit der 790 Adventure. An den Fahrzeugmaßen und der Ergonomie hat sich nichts geändert. Kleinere Veränderungen im Detail gab es ein paar, wie zum Beispiel bei der Kupplung, die nun einen verbesserten Öldurchlauf haben soll. Doch die spürbaren Upgrades mit deutlichem Effekt beschränken sich auf vier Dinge: Motor, Bremsen, Federbein und Elektronik. Die Auflistung aller neuen KTM Modelle findet ihr übrigens in unserem großen Überblick zu den Motorradneuheiten 2021.

Das größte Novum ist hier natürlich der neue 890er-Reihen-Zweizylinder. Der 889cc-Motor, den wir schon aus der 890 Duke kennen, ist in der Adventure mehr auf eine lineare Leistungsentfaltung und in Richtung Drehmoment getrimmt, als sich auf Spitzenleistung zu konzentrieren. Statt der 121 PS der Duke produziert das Aggregat in der Adventure 105 PS, und damit 10 PS mehr als die 790 Adventure. Das Drehmoment ist ebenfalls gestiegen, von 88 auf 100 Nm. Durch eine Anpassung der Kurbelwelle werken jetzt in der 890 Adventure 20 % mehr rotierende Massen. Das soll die Leistungskurve linearer und das Ansprechverhalten souveräner und angenehmer machen. Für Leute, welche das Abenteuer im Namen der 890 Adventure sehr ernst nehmen, wird auch das Engine knock control system eine erfreuliche Neuerung sein. Dieses verhindert Motorprobleme bei Benzin-Gemischen mit niedriger Oktanzahl, wie man es häufig in Asien und anderen Regionen mit schlechterer Kraftstoffqualität findet.

Auch die Bremsen sind komplett überarbeitet worden und quasi neu. KTM hat sich die Kritik bezüglich der Bremsen der 790er zu Herzen genommen und hier bei der 890er nachgeschärft. Von den Bremskolben bis zur Bremsscheibe wurde das Material überarbeitet, der Hitzeschutz verbessert und die Bremswirkung verändert. Das Ergebnis ist ein Bremssystem mit mächtig Biss, welches sich aber gleichzeitig sehr fein dosieren lässt. Schon ab den ersten Millimetern packt die Bremse zu, baut dann sehr linear und berechenbar Bremskraft auf. So kann man auch in der Kurve gefühlvoll mitbremsen und die Geschwindigkeit fein regulieren. An dem neuen Bremssystem mit zwei 320 mm Bremsscheiben vorne und einer 260 mm Scheibe hinten gibt es wirklich nichts zu bemängeln.

Auch beim Federbein der 890er Adventure wurde das Feedback von Kunden und Presse berücksichtigt. Statt wie noch bei der 790er mühsam mit dem Imbusschlüssel rumzuwerken, kann das in Zugstufe und Vorspannung einstellbare Federbein jetzt werkzeuglos über ein Handrad an der linken Seite verstellt werden. Die Teleskopgabel an der Front ist jedoch gleich geblieben und weiterhin nicht einstellbar.

Das letzte große Update für die 890er findet sich in der Elektronik wieder. Grundsätzlich hat die 890er Adventure genau wie ihre Vorgängerin ein sehr umfassendes Elektronikpaket. Konfigurierbares ABS, Kurven-ABS, verstellbare Traktionskontrolle, Smartphone Connectivity, zahlreiche Gimmicks und Spielereien. Eines der zentralen elektronischen Features sind die vier Fahrmodi: Street, Rain, Offroad und Rally. Letzterer wurde jetzt überarbeitet, wieder aufgrund von kritischem Feedback. Der Rally-Modus ist auch für den Offroad-Einsatz gedacht und brilliert vor allem durch die Möglichkeit, die Traktionskontrolle während der Fahrt in 9 Stufen zu verstellen. In der 790er waren den Leuten diese 9 Stufen jedoch zu konservativ. Mit Stufe 9 war da die Traktionskontrolle ähnlich wie im Rain-Modus, Stufe 7 entsprach dem Street-Modus und erst ab 5-4 begann es ernst zu werden. In der 890er ist das jetzt anders. Schon Stufe 9 lässt mehr Slip zu als der Street-Modus und darunter wird es sehr schnell sehr ernst. Immer mehr Schlupf wird erlaubt und bei Stufe 1 ist die Traktionskontrolle faktisch aus und ermöglicht mächtige Drifts. In Summe ist der Rally-Modus noch stärker auf den ambitionierten Offroad-Einsatz ausgelegt und kann in diesem Bereich nun aber auch feiner justiert werden.

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KTM 890 Adventure Performance auf der Straße & Fahrverhalten

Sitzen tut man auf der 890er gleich gut, wie auf der 790er. Sie ist von KTM bewusst eher klein gehalten. Mit 830-850 mm Sitzhöhe (Die Seriensitzbank ist höhenverstellbar), einer schmalen Taille und dem durch den runtergezogenen Tank tief liegenden Schwerpunkt haben selbst kleine und unerfahrene Piloten und Pilotinnen keine Schwierigkeiten. Die Sitzposition ist angenehm aufrecht, der Kniewinkel nicht ungut spitz und der Lenker breit und hoch, sodass auch das stehende Fahren recht angenehm möglich ist. Am Papier ist die 890er Adventure um ein paar wenige Kilo schwerer, doch in der Realität spürt man das nicht. Die knapp 220 Kilogramm (fahrfertig) liegen tief und lassen sich mühelos mit leichten Gewichtsveränderungen und sanftem Input am Lenker von einem Radius in den nächsten werfen. Das Fahrwerk ist sportlich genug, um auch die abenteuerlichen Wellen und Schlaglöcher Griechenlands gekonnt auszubügeln und spurtreu durch die Kurve zu ziehen.

Sobald man den Motor anwirft und sich in Bewegung setzt, merkt man sofort einen Unterschied zur 790er. Diese zeichnete sich durch ihre Quirligkeit und ihre lebendige Motor-Charakteristik aus. Die 890er Adventure hingegen ist beruhigter und in niedrigen Drehzahlen deutlich souveräner. Von der Mehrleistung merkt man zwar kaum etwas, doch das früher anliegende Drehmoment ist deutlich spürbar. Die Zeiten von Ruckeln und Zuckeln unter 3000 Touren sind vorüber. Selbst engste Kehren können schaltfaul im zweiten Gang durchfahren werden. Aus dem Drehzahlkeller beschleunigt die 890er problemlos und gleichmäßig, begleitet von dumpfem Bollern aus dem Endtopf. Diese Leistungsentfaltung macht sie auch sehr berechenbar und damit einfach zu fahren. Auch Anfänger sind auf ihr keinesfalls überfordert. Falls die Bedingungen eine besonders sanfte Gasannahme erfordern, gibt es noch den Rain-Modus. Hier geht sie dann wirklich butterweich ans Gas.

KTM 890 Adventure – Offroad-Performance & Fahrverhalten im Gelände

Schon der Vormittag in Griechenland war passend für die Adventure. Immer wieder hört der Asphalt einfach auf, Felsen liegen auf der Straße und Erdflecken warten tückisch in den Kurven. Doch all das ist nichts im Vergleich zur Offroad-Sektion am Nachmittag. Auf Waldpfaden und alten Forstwegen geht es hinauf in die Berge. Der Untergrund wechselt zwischen felsig mit grobem, losem Schotter & Gestein und lehmiger, rötlicher Erde mit mächtigen ausgewaschenen Rinnen. Als dann auch noch Regen und sogar etwas Hagel einsetzt, verwandelt sich die Strecke in eine glitschige Rutschpiste, an deren Seite es teils viele viele Meter hinabgeht. Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, sind wir auf Straßen-orientierten Avon AV53 Trailrider Reifen unterwegs. Diese 90-10 Reifen haben etwas Profil, passend für Schotterpassagen. Doch auf den Gatsch-Pisten von Nafpaktos sind sie, wie auch ich, weit jenseits ihrer Komfort-Zone. Umso mehr muss man hier die Offroad-Performance der 890-Adventure hervorkehren.

Knapp 40 km lang bringt sie mich souverän durch diese widrigen Zustände. Der Offroad-Modus lässt den sanften Motor noch etwas behutsamer ansprechen. Das Offroad-ABS ist präzise genug eingestellt, um auch bei der rutschigen Abfahrt nicht unnötig reinzuregeln. Der Rally-Modus ist für erfahrenere Enduristen. Er ist etwas schärfer, ermöglicht aber auch eine präzisere Einstellung der Traktionskontrolle. Per Knopfdruck lässt sich so die Länge und Vehemenz des Schlupfes regulieren. Die Ergonomie stimmt auch im Gelände, allerdings bleibt die 890 Adventure wie alle Reiseenduros ein Kompromiss. Für längere Steh-Passagen wäre ein noch etwas höherer Lenker besser, doch so wie er ist liegt er gut in der Mitte zwischen Straße und Offroad. Das Fahrwerk kommt auch mit den groben Schlägen des Waldpfades gut zurecht und für die fein dosierbaren Bremsen bin ich dort auch sehr dankbar.

KTM 890 Adventure Powerparts und Zubehör – Der Krux mit dem Zubehörmarkt

Dass Hersteller teils auch sehr wichtige Features erst als Zubehör anbieten, ist leider nichts Neues mehr. Doch gerade bei der KTM 890 Adventure gibt es ein paar Zubehörteile, welche sie von einem guten Motorrad zu einem Top-Motorrad machen. Der Quickshifter mit Blipper-Funktion ist zum Beispiel fast ein Pflichtkauf. Sensationell gut ballert er durch die Gänge. Egal ob beim langsamen Dahingondeln im Stadtverkehr oder vollem Karacho nahe des Drehzahlbegrenzers, der Schaltvorgang funktioniert immer reibungslos und einwandfrei. Mit ihm macht die Fahrerei noch einmal so viel Spaß wie ohne, sowohl On- als auch Offroad. Weiters ist schade, dass bei der ganzen Elektronik die Software für den Tempomaten ein Zubehör ist (der Schalter ist serienmäßig schon am Lenker zu finden). Noch eine deutliche Verbesserung gegenüber der Serie ist die Rally-Sitzbank. Vor allem alleine fahrende Piloten werden sich über die verbesserte Ergonomie und Bewegungsfreiheit auf der schmaleren Sitzbank erfreuen.

KTM 890 Adventure oder 790 Adventure – Welche sollte man sich kaufen?

Für wen ist die 890 Adventure also? Lohnt sich ein Aufstieg von der 790 Adventure? Glückliche Besitzer einer 790 Adventure müssen nicht zwangsweise umsteigen. Die grundlegenden Qualitäten sind gleich und gerade die quirlige Charakteristik der 790er gefällt manchen vielleicht auch besser. Doch für Unentschlossene, welche schon mit der 790er geliebäugelt haben, sich dann aber doch nicht den letzten Schritt machen trauten, für die ist die 890 Adventure ein sehr attraktives Motorrad. Sie schlägt genau in die gleiche Bresche wie die 790 Adventure, weist sämtliche ihrer Stärken auf, macht aber einiges noch besser und eliminiert so einige Schwächen der 790 Adventure. Für Leute, welche auf der Suche nach einer Reiseenduro der Mittelklasse, mit guter Performance auf und abseits der Straße, ist die 890 Adventure auf jeden Fall eine Probefahrt wert.

Die genauen Preise werden von KTM noch bekannt gegeben. Die 890 Adventure soll leicht über der 790 Adventure liegen. Der Abstand zwischen 890 Adventure und 890 Adventure R wird vermutlich gleich sein, wie bei der 790er und ihrer R-Schwester.

Fazit: KTM 890 Adventure

Die KTM 890 Adventure folgt der 790 Adventure nicht nur, um die Euro5-Norm zu erfüllen, sondern ist auch ein wirklich qualitatives Update. KTM hat auf die Kritik und das Feedback zur 790er Adventure gehört und an den wichtigsten Stellen nachgeschärft. Die Bremsen sind jetzt top, das Elektronikpaket nachgebessert und das Federbein lässt sich endlich auch bequem per Handrad einstellen. Der neue Motor ist auch eine Wucht. Er verliert zwar etwas die Quirligkeit der 790er, macht das aber durch viel mehr Souveränität in den niedrigen Drehzahlen wieder wett. In Summe ist der 890er Motor deutlich einfacher und angenehmer zu fahren. Die 890 Adventure kann sowohl auf, als auch abseits der Straße überzeugen. Die Freude wird nur etwas von KTMs rigoroser Zubehör-Politik und der nicht einstellbaren Teleskopgabel getrübt.


  • Super Motor mit linearer, extrem souveräner Leistungsentfaltung
  • Sehr fein dosierbare Bremsen
  • Umfassende Elektronik mit tollem Rally-Modus mit an Bord
  • Einfach per Handrad verstellbares Federbein
  • Gute Ergonomie für sitzendes, als auch stehendes Fahren
  • Niedrige Sitzhöhe passt auch für kleinere Leute
  • Quickshifter ist ein absoluter Traum und verdoppelt den Fahrspaß
  • Niedriger Schwerpunkt schafft tolles Handling
  • Teleskopgabel an der Front nicht einstellbar
  • Wichtige Komponenten, wie z. B. Quickshifter und Tempomat, nicht serienmäßig dabei

Bericht vom 22.10.2020 | 23.062 Aufrufe

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