Die schönste Seite der Alpen? - Motorradreise nach Südtirol

Die Highlights Südtirols für Motorradfahrer

Geheimtipp ist Südtirol wahrlich keiner. Trotzdem brauchen Motorradtouren in die Gegend ein gewisses Maß an Planung, vor allem wenn man maximal viel sehen möchte. 4 Tage lang haben wir nach den besten Gegenden für Touren in und durch Südtirol gesucht.

Die Alpen sind Europas Motorrad-Mekka schlechthin und hier ist Südtirol mit seinen spektakulären Pässen und den schroffen Granitspitzen der Dolomiten sicherlich ein Hotspot. Dementsprechend war ich der Meinung, dass von mir abgesehen schon quasi jeder Biker zumindest einmal die Highlights der italienischen Alpen inhaliert hat. Stilfser Joch, Sellarunde, die drei Zinnen - Alles Namen, fast die jedem Zweirad-Tourer in Europa was sagen. Das war zumindest meine Vermutung! Doch bei einer Umfrage auf unserem Instagram-Kanal traf mich die Realität wie ein Schlag: 58 % von euch gaben an, noch nie die Pässe Südtirols unter den Rädern gehabt zu haben! Für mich war es auch höchste Zeit endlich einmal die legendären Straßen Norditaliens zu erfahren und so habe ich es mir zum Ziel gemacht, die besten Gegenden Südtirols für euch zu finden.

Alpentour 2.0 - Der zweite Übeltäter ist auch wieder mit dabei

Eigentlich wäre ein Teil Südtirols schon bei meiner letztjährigen Vater-Sohn-Motorradtour durch Österreich am Programm gestanden. Leider macht uns eine stürmische Schlechtwetterfront einen Strich durch die Rechnung und wir müssen die Reise abbrechen. Wie schon im Video von damals angegeben, war eine Fortsetzung aber quasi fix. Anknüpfend an unsere erste gemeinsame Reise, packen also mein Vater und ich wieder unsere sieben Sachen zusammen und beladen unsere treuen Eisen. Ich schwinge mich auf die Kawasaki Versys 1000 SE und mein Vater besteigt die KTM 1290 Super Adventure S. Diejenigen unter euch, die die erste Reise mitverfolgt haben, werden sich erinnern, dass mein Vater nach 25 Jahren abseits der Straße damals zum ersten Mal wieder auf einer Straßenmaschine saß. Da stellt sich vielleicht die Frage, ob es wirklich so klug ist einem Anfänger ein 250 kg und 160 PS Maschine gigantischer Ausmaße anzuvertrauen. Zugegebenermaßen, es gäbe sicher bessere "Einsteiger-Motorräder", doch bei einer Körpergröße von 2 Metern bleiben fast nur große Maschinen in der engeren Auswahl übrig. Außerdem hat KTM den mächtigen 1290er-V2 dermaßen fein abgestimmt, dass sich selbst blutige Anfänger mit etwas Vernunft nicht gleich um Kopf und Kragen fahren. Top motorisiert kann es also endlich losgehen, doch eigentlich fahren wir die ersten 550 km gar nicht selbst.

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ÖBB Nightjet - Die beste Art Motorradreisen anzutreten

Von Wien bis ins Herz der Alpen ist es schon ein, wie wir in Österreich sagen, "brader Weg" (= breiter/langer Weg). Nicht, dass der Weg in die Alpen nicht auch wunderschön sein kann, doch lässt man mit bei einer kurvenreichen Route bis nach Südtirol vermutlich auch zwei Tage liegen. Unser kurzer Urlaub muss aber insgesamt mit 5 Tagen auskommen, also wählen wir die schnellste Variante zur Anreise. Hier kommen die Nachtzüge der österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) zum Einsatz.

Kaum zu glauben, doch mit den internationalen Nachtzügen hat Österreich europaweit fast ein Alleinstellungsmerkmal. Während in Deutschland zum Beispiel 2016 die City-Night-Line eingestellt wurde, bauen die Österreicher seit 2018 kontinuierlich ihr Angebot aus und können sich im Gegenzug großer Beliebtheit erfreuen. Aber was ist ein Nightjet überhaupt und warum sollte eine Zuglinie für uns Motorradfahrer interessant sein? Also grundsätzlich sind Nightjets einfach Züge, welche größere Städte in und um Österreich über Nacht anfahren. Vom Sitzplatz bis zur geräumigen Zweier-Kabine kann man Tickets in unterschiedlichen Klassen buchen, dort die Nacht verbringen und erreicht nach einem bereitgestellten Frühstück die gewünschte Destination. Das entscheidende Feature für uns Zweirad-Enthusiasten: Die Autoreisezüge. Bei vielen Nightjet-Verbindungen ist auch noch eine Wagon zum Transport von Fahrzeugen angehängt. Das heißt auch das eigene Bike kann einfach aufgeladen und mitgenommen werden. Diese Möglichkeit hat mir schon sehr viele Nerven und und auch Zeit erspart. Schon bei meiner Norwegenreise im Sommer 2019 habe ich den Nightjet nach Hamburg genutzt und so knapp 1000 km Anfahrt auf deutschen Autobahnen übersprungen. Das Angebot ist breit genug, dass auch viele Motorradfahrer aus anderen Staaten das Angebot nutzen und mit dem Zug über Österreich nach Kroatien oder Italien fahren. Deutsche, Schweizer, Skandinavier, Niederländer - In der warmen Jahreszeit sind die Nightjets voll mit Motorradfahrern aller Herrenländer. Auch meine nächste Motorradreise in die Toskana wird mit dem Nightjet nach Livorno starten, denn ich bin ein echter Fan der simplen und zeitsparenden Anreise per Zug.

ÖBB Nightjet nach Feldkirch
Die Autoreisezüge der ÖBB machen die Anreise zum Motorradurlaub sehr zeitsparend und bequem.

Wenig verwunderlich also, dass auch mein Vater und ich zuerst mit dem Zug von Wien nach Feldkirch fahren. So befinden wir uns schon um 8:00 des ersten Tages am Fuße mächtiger Gipfel und können mit der Passjagd loslegen.

Mit dem Motorrad nach Nord-Italien

Die Anreise nach Italien geht über Liechtenstein und die Schweiz. Die Fahrt auf den verkehrsreichen Landstraßen ist zwar wenig spannend, aber zumindest kann sich mein Vater so schön gemütlich auf die Super Adventure einstimmen. Je weiter wir in die Schweiz vordringen, desto kurviger werden die Straßen und bald schon begrüßt uns mit dem Flüelapass die erste Passstraße. Unser Ziel für die nächsten Tage ist es, möglichst viele ebenjener mitzunehmen, während wir den nördlichsten Teil Italiens von Westen nach Osten durchqueren. Damit uns das gelingt, sind folgende Dinge wichtig: Location, Location und LOCATION!

Die Lombardei, Trentino, Südtirol, Venetien und das Friaul bieten zweifellos unzählige leiwande Straßen und Wege, um sich auf zwei Rädern so richtig auszutoben. Nicht umsonst ist Kollege Schaaf mit seinen RAW-Onboard-Videos von gerade diesen italienischen Straßen bekannt geworden. Doch wenn man die namentlich bekannten Passstraßen, die prestigeträchtigsten Alpenzüge queren möchte und atemberaubende Panoramen inhalieren will, dann braucht es durchaus etwas Planung und eben die richtige Location. Gerade in so Gegenden wie rund um die Sellarunde, wo sich in alle Himmelsrichtungen Pass an Pass reiht, kann und will man nicht auch noch Zeit durch irgendwelche Anfahrten oder suboptimale Tourstarts verlieren. Deshalb ist ein Hotel bzw. eine Unterkunft an strategisch günstig gelegenen Orten wichtig.

Trentino und Gardasee mit dem Motorrad

Nähert man sich Italien von der Schweiz aus, dann wartet unmittelbar nach der Grenze eines der Highlights der Provinz. Schon die Grenzüberfahrt ist ein Spaß, schließlich geht es am Umbrailpass auf knapp über 2500 Meter hinauf. Oben auf der Passhöhe angekommen befindet sich auch die Grenze zwischen der Schweiz und Italien, aber abgesehen von einem Schild weist gar nichts darauf hin. Gleich danach biegt nach links aber noch eine weitere Straße ab und schlängelt sich 250 Meter nach oben. Es ist das Ende der Westrampe des Passo dello Stelvio, zu Deutsch Stilfser Joch. Mit 2757 m. ü. M. ist es die zweithöchste Passstraße der Alpen und ein Pflichtstopp bei Motorradtouren in der Gegend. Episch blickt der 3905 Meter hohe Ortler, der ehemals höchste Berg Österreichs, auf uns herab, während wir einen Hotdog auf der Passhöhe inhalieren. Das traumhafte Panorama am Stilfser Joch, während Dohlen und Murmeltiere um uns herumwuseln, ist eine tolle Einstimmung auf die norditalienische Passjagd. Dieses erste Highlight macht Gusto auf mehr! Nur gut, dass Italien auch mehr als genug zu bieten hat.

Stilfser Joch
Der Ausblick vom legendären Stilfser Joch.

Vom Stelvio-Pass könnte man gleich ostwärts in Richtung Meran fahren, doch mit dem spektakulären Gaviapass, dem Passo Tonale, dem Adamello-Brenta Naturpark und dem weltberühmten Gardasee warten im Süden noch zu viele interessante Punkte. Dieses vielseitige Gebiet an der Grenze der Lombardei und des Trentinos zeichnet sich durch über 3000 m hohe Gipfel, tiefe Wälder und viele, stark verwinkelte Straßen aus. Unser Quartier, das Motorrad Hotel Monte Giner, liegt schön mittig gelegen in Mezzana im Valle di Sole, dem "Sonnental". Das 4-Sterne & 4-Helme Hotel eignet sich nicht nur wegen seinem Service, sondern vor allem auch wegen der guten Lage für Zweirad-Enthusiasten. Die unterschiedlichsten Tagestouren bieten sich an. Vielleicht fährt man auf einen Sprung in die Schweiz, oder erkundet die verwinkelten Seitenwege Trentinos. Manche stoßen lieber tiefer nach Südtirol in Richtung Bozen vor, oder aber statten den lombardischen Seen einen Besuch ab. Knappe zwei Stunden auf schönen Passstraßen trennen uns von den Ufern des Gardasees. Wir überlegen auch diese am nächsten Tag anzuvisieren, doch ausgerechnet im Sonnental erwischt uns eine Schlechtwetterfront.

Burgen, Wein & Apfelhain - Mit dem Motorrad im Herzen Südtirols

Da die Front von Süden her aufzieht, verwerfen wir unsere Pläne vom Trip an den Gardasee und flüchten nordwärts in Richtung Meran. Das schöne an Norditalien ist, dass es leiwande Strecken in jeder Himmelsrichtung gibt. Solange man sich von den Straßen im Tal fernhält, garantiert das schroffe bis hügelige Gelände Kurven ohne Pause. Die italienischen Straßen sind großteils gut ausgebaut, wenn auch hin und wieder recht wellig, und die häufig verbaute, raue Asphalt-Mischung lässt bei Feuchtigkeit ordentliche Schräglagen zu. So flutscht es selbst bei suboptimalen Wetter. Einzig die Panoramen bleiben uns aufgrund der tief hängenden Wolken verwehrt. Doch als wir schließlich vom Gampenpass ins Etschtal abfahren, lichten sich die Wolken leicht und offenbaren uns noch etwas Typisches für Südtirol: Apfelhaine. Im gemäßigten Klima und auf den der Sonne zugewandten Hügeln des Tals werden schon seit Jahrhunderten Äpfel und Wein angebaut. Auch im Vorbeifahren machen die grün leuchtenden Hügelflanken Eindruck, vor allem wenn am höchsten Punkt, wie so oft in Südtirol, eine mächtige Burg thront. Selbst wenn das Wetter mal nicht zum Kurvenfressen taugt, gibt es hier mehr als genug Beschäftigungsmöglichkeiten. Da unsere Wettersituation nicht gerade "Pass-tauglich" ist, besuchen wir nur etwas nördlich von Meran die Burg Tirol, von welcher der Name für die gesamte Region und das österreichische Bundesland stammt.

Südtirol
Selbst bei mäßigem Wetter ist Südtirol mit seinen Apfelhainen, Weinreben und Ritterburgen ein schönes Pflaster.

Unsere Hoffnung, dass sich das Wetter während unserer Kultur/Mittagspause im Dorf Tirol beruhigt, erfüllt sich leider nicht. Es wird eher noch schlimmer. Statt dem Jaufenpass, einem weiteren Pass-Highlight, geht es also im Tal in Richtung der nächsten Unterkunft. Am Weg dorthin gäbe es an einem guten Tag auch noch jede Menge kleiner Sättel und interessanter Sehenswürdigkeiten (z.B. die Erdpyramiden bei Lengmoos) mitzunehmen, aber im Schüttregen macht das keinen Spaß. Uns tröstet jedoch die Aussicht auf den nächsten Tag. Da soll die Sonne wieder vom Himmel lachen und wir haben die Pole-Position inne, um ein Highlight der Alpen unter die Räder zu bekommen.

Pässe ohne Ende - Mit dem Motorrad um die Sella-Runde

Die Sella-Runde begeistert Motorradfahrer und Skifahrer gleichermaßen. Auch wenn sich die Art der Fortbewegung unterscheidet, geht es bei beidem darum, das spektakuläre und bis zu 3152 Meter hohe Sella-Massiv zu umrunden. Dabei sind nicht nur die 4 Pässe der eigentlichen Sella-Runde ein Hit, sondern auch darum herum breiten sich zahlreiche Pässe aus wie ein Spinnennetz. Um an einem Tag das Maximum an Spaß herauszuholen, braucht es einen nahen Start. In Wolkenstein im Grödner Tal, direkt vor dem Zielhang der FIS Abfahrtsrampe, liegt das Motorrad Hotel Florian. Im Winter in der ersten Reihe bei der Abfahrt, im Sommer direkt an der Sella-Runde. Location = Check! Nach dem nassen Vortag haben wir uns im klassisch südtirolerisch eingerichteten Hotel wieder aufgewärmt und mit sensationellem Essen gestärkt. Gemäß der 4-Helme Einstufung bietet der Familienbetrieb umfangreiches Service für Biker, wie eine große Tiefgarage, Schrauberecke & Tourenberatung. Gastgeber Armin Pedevilla hat Hotel und Motorradleidenschaft schon von seinem Vater übernommen. Wenn er nicht in der Küche steht, gibt er auf den umliegenden Passstraßen mit seiner roten Ducati Multistrada 1200S Gas. Nach einer geruhsamen Nacht und gutem Frühstück satteln wir die Pferde und befinden uns nach wenigen Minuten schon am ersten Pass der berühmten Sellarunde.

Sellajoch
Das Sellajoch ist der bekannteste Pass der Sella-Runde und markiert den Start unseres Pass-Tages.

Um möglichst viel mitzunehmen, gleichzeitig aber möglichst wenig doppelt zu fahren, fahren wir die Pässe rund um die Sellarunde in einer eigenwilligen Reihenfolge an. Den Anfang macht das berühmte, dadurch aber auch recht stark befahrene Sellajoch. Die Geschwindigkeitsbeschränkungen sind hier recht happig, lassen selten mehr als 60 km/h zu. Aber bei der Aussicht auf den umliegenden Langkofel und die Sellagruppe ist man mit Schauen allein sowieso gut beschäftigt. Am folgenden Pordoipass kommt schon mehr Fahrspaß auf. Der dichte Verkehr des Sellajochs schwappt nicht auf das Pordoijoch über und 50 Kehren machen die 22 km lange Passstraße zum Hochgenuss. Da ist der traumhafte Ausblick von der Passhöhe auf 2239 m Höhe nur die Kirsche oben drauf. In Richtung Osten blickt man auf die mächtigen Flanken des Sella-Massivs und der Marmolatagruppe. Es folgt der niedrigste Pass der Sella-Runde, der Campolongo-Pass. Trotz "nur" 1875 Metern bietet auch er Fahrspaß und tolle Panoramen. Statt danach die Sella-Runde mit dem noch ausständigen Grödner-Joch zu komplettieren, wenden wir uns nach Osten und nehmen noch die umliegenden Pässe mit. Der Valparola-Pass führt von Norden südöstlich unmittelbar zum Scheitel des Falzarego Passes. Mit 2105 Metern und einer rauen, mondähnlichen Felslandschaft rund um die Passhöhe ein echtes landschaftliches Schmankerl.

Passo di Giau
Der Passo di Giau bietet nicht nur schöne Panoramen, sondern auch der Fahrspaß kommt hier nicht zu kurz.

Das fahrerische Highlight des Tages (zumindest für mich) biegt vom Falzarego knapp vor Cortina südwestlich ab. Der Giau Pass wirbelt auf 21 Kilometern durch 55 Kehren. Wenig Verkehr, bis zu 18 % Steigung und ein irrsinnig griffiger Asphalt zaubern ein breites Grinsen unter den Helm. Vor allem die Südrampe ist ein Traum. Im tollen Gebiet rund um die Sella-Gruppe sind selbst die normalen Straßen im Tal grandios und bieten jede Menge Kurven und Kehren. So geht es spaßig weiter zum Passo Fedaia. Am Fuße der Marmolata-Gruppe verläuft dieser quasi parallel zum Pordoijoch etwas südlich zurück zum Sellajoch. Highlight ist hier der bezaubernde Fedaia-Stausee. Eine Dopplung ließ sich auf unserer Tagestour nicht vermeiden, daher geht es noch einmal über das Sellajoch und dann erstmals über das Grödner-Joch, den letzten großen Pass des Tages. Zwischen den Reiszahn-artigen Cirspitzen und der Nordflanke der Sella-Gruppe geht es hinab in den modernen Wintersportort Corvara und danach nordwärts in Richtung Bruneck. Die letzte Etappe des Tages bildet der Furkel-Pass, der uns bis nach Olang im Pustertal zu unserem nächsten Unterschlupf bringt. Geschafft, doch sehr glücklich kommen wir beim MoHo Alp Cron Moarhof an. Das Tagesfazit kann sich sehen lassen: 10 Pässe, über 10.000 Höhenmeter und jede Menge schöner Momente.

Die Stars der Dolomiten - Die Drei Zinnen

Der Wellnessbereich und die sagenhaften 5-Gänge-Menüs im Alp Cron Moarhof runden den Tag perfekt ab. Nach einer geruhsamen Nacht stehen uns wieder alle Möglichkeiten offen, denn das 4-Helme-Hotel bietet wieder Motorradtouren in alle Himmelsrichtungen an. Die Sellarunde ist vor der Tür, der Stallersattel vor der Nase und die Zillertaler Alpen zum Greifen nah. Uns zieht es jedoch nach Südosten, denn dort wartet das nächste Highlight Südtirols: Die Drei Zinnen.

Von Toblach aus geht es die SS51 nach Süden. Durch die sanften Kurven rollt selbst Ende September noch recht viel Verkehr, schließlich befinden wir uns zwischen zwei großen, beliebten Naturparks. Spätestens am blendend weißen Ufer des Dürrensee, in dessen türkisen Wasser sich majestätisch die Cristallo-Gruppe am Ende des Tals spiegelt, wird uns auch klar, warum hier so viele Menschen unterwegs sind. Nur knapp nach dem Dürrensee kommt aber eigentlich erst das Highlight. Links zweigt die Straße zum Misurina-See ab, bei dem die mautpflichtige Straße hinauf zu den berühmten drei Zinnen beginnt. So gefragt sind diese, dass die Straße hinauf aufgrund komplett voller Parkplätze für den Verkehr gesperrt ist. Und das um 9:30 am Morgen! Aber ist die Auffahrt für den ganzen Verkehr gesperrt? Nein! Eine kleine, bauschmale Gattung an Fahrzeugen trotzt dem Fahrverbot und fährt trotzdem die kurvigen 7 Kilometer mit tollen Kurven und noch schöneren Ausblicken hoch. Tatsächlich werden Motorräder anscheinend immer durchgelassen, selbst wenn alle anderen direkt umkehren müssen. Ein Sieg für die Zweiräder! Und was für ein Riesenglück, denn oben erwartet uns das vielleicht schönste Panorama der ganzen Reise.

Die 3 Zinnen Dolomiten
Die 3 Zinnen waren nicht nur zu hoch für die Drohne, sondern man muss für das bekannte Postkartenmotiv der 3 Zinnen auch eine kleine Wanderung auf sich nehmen.

Um die drei Zinnen wie auf der Postkarte zu sehen, ist eine kurze Wanderung notwendig. Aufgrund von Motorradausrüstung und etwas Zeitdruck verzichten wir darauf und spazieren stattdessen entlang einer Klippe entlang. Tatsächlich gibt es in dem traumhaften Gebiet weit mehr zu sehen und zu bestaunen, als nur die drei Zinnen. Auch ein längerer Aufenthalt würde sich zweifelsohne lohnen, doch wir müssen weiter. Es steht uns noch viel bevor...Mehr als wir ahnen!

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Zwischen Streckensperrungen und der Giro d'Italia

Die Zeit der großen Pässe ist vorüber, doch trotzdem gibt es am Weg gen Westen noch einige Kehren und Kurven. Nach Auronzo di Cadore soll die verwinkelte SP619 nach Sauris, zu Deutsch "Zahre", folgen. Dort befindet sich am schönen Sauris-See eine deutschsprachige Enklave, wo mit Zahrisch sogar ein eigener Dialekt mit starken romanischen Einflüssen gesprochen wird. Generell ist Nordostitalien auch sprachlich sehr interessant. Nicht nur wird Deutsch und Italienisch in unterschiedlichsten Formen gesprochen, mit Ladinisch gibt es in einigen Bereichen auch eine komplett eigene Sprache, ähnlich dem Rätoromanischen der Schweiz. Zum Beispiel sprechen auch in Wolkenstein im Grödnertal, unserem zweiten Stopp, 90 % der Einwohner Gherdëina, einen eigenen ladinischen Dialekt. Die ladinischen Mundarten gehen bis auf die Besiedlung des Alpenraums durch die Römer zurück und wurde ursprünglich in dem gesamten Gebiet gesprochen. Warum erzähle ich euch das? Auf unserem Weg haben wir extremes Pech mit Streckensperrungen. Aufgrund von Bauarbeiten geht es statt nach Sauris über die SR355 nach Westen. Diese bietet auch einige schöne Kurven zum Inhalieren, doch auch einige Ortsgebiete. Da ist es von Vorteil, wenn die fahrerisch monotoneren Stücke mit kulturellen Schmankerl, wie ladinischen Dörfern, verfeinert werden.

Streckensperrung Italien
Gleich viermal stehen wir am vorletzten Tag vor einer Streckensperrung. Tja, Pech gehabt.

Leider war das nicht das letzte Mal, dass wir uns vor einem rot-weißen Schild wiederfinden. Eigentlich hätten wir den Lanzenpass von Paularo nach Pontebba und anschließend gleich den Nassfeldpass nach Österreich nehmen wollen. Doch beide sind ebenfalls gesperrt und zwingen uns zu mühsamen Umwegen über langweilige Bundesstraßen im Tal. Einzig die Fahrt über den Monte Zoncolan bringt Fahrspaß in die sonstige Fadesse des Nachmittags. Die Straße über den Gipfel des 1750 m hohen Berges ist womöglich den Radsport-Enthusiasten unter euch ein Begriff. Die Westauffahrt gilt als eine der schwierigsten Anstiege Europas. Extrem schmal und steil windet sich die einspurige Straße in engsten Kehren hinauf. Steigungen von bis zu 22 % sind zu bewältigen. Mit dem Motorrad geht es zwar leichter, trotzdem bleibt der Monte Zoncolan eine abenteuerliche Erfahrung. Zwischendurch geht es durch alte Tunnel und neben der Straße ehren Tafeln die alten Sieger von Radrennen am Monte Zoncolan. Insgesamt führte der Giro d'Italia zwischen 2003 und 2021 7-mal über den Zoncolan. Auf der Ostseite des Berges wurde für ein kleines Schigebiet eine neue zweispurige Straße mit breiten Kehren gebaut. Die alte, sausteile und enge Abfahrt wirkt daneben wie ein Ziegenpfad und interessiert uns eigentlich mehr, ist aber, wie sollte es an diesem Tag auch anders sein, wegen Bauarbeiten gesperrt. Sehr spät und leicht genervt ob der notwendigen Umwege, kommen wir beim Strasswirt in Kärnten an.

Die schönste Seite der Alpen? - Motorradtour durch Norditalien

Man merkt wir sind zurück in Österreich, statt Pasta gibt es wieder was "Gscheides". Das mächtige "Gordon Blö" ist genau das richtige, um die Stimmung wieder zu heben. Der Hotel-Gasthof Strasswirt liegt in Danz bei Jenig im Gailtal ebenfalls sehr gelegen für Motorradtouren und bietet als 4-Helme-MoHo auch maßgeschneiderten Service. Vor allem die schick eingerichtete Motorradgarage, inklusive Schrauber- und Waschecke, macht Eindruck. Mit dem Nassfeldpass ist man im Nu in Italien, auch Slowenien liegt keine 50 km entfernt und mit der Nockalmstraße oder dem Großglockner findet man auch heimische Biker-Highlights vor der Haustür. Bei diesen äußerst verlockenden Optionen fällt uns die Heimreise am nächsten Tag noch schwerer.

Mit dem Motorrad nach Norditalien
Ein Motorradurlaub entlang der vielleicht schönsten Seite der Alpen lohnt sich auf jeden Fall

Der letzte Tag ist angebrochen und es gilt die Rückreise anzutreten. Ein paar nette Strecken, wie zum Beispiel das Klippitztörl, nehmen wir noch mit, aber mit den epischen Strecken Norditaliens kann es nur wenig aufnehmen. Das Wetter ist auch eher bescheiden, also werden die letzten 200 km auf der Autobahn vollstreckt. Während der monotonen Fahrt lassen wir die vergangenen Tage noch einmal im Geiste durchlaufen. Ist die italienische Seite vielleicht wirklich die schönste Seite der Alpen? So monumental wie die Schweizer Alpen, jede Menge toller Straßen mit top Asphalt, traumhafte Seen, grandioses Essen und ein interessanter Misch an Kulturen und Sprachen. Mag sein, dass ich nach dem Trip vielleicht eine rosarote Brille trage, doch einen Besuch ist Norditalien und ganz besonders Südtirol auf jeden Fall wert. Also an die 58% von euch, die noch nicht dort waren: Packt die Sachen und ab geht's. Ihr werdet es nicht bereuen!

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Bericht vom 27.10.2021 | 13.127 Aufrufe

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