Geheimnisvolles Land zwischen Vulkanen - Motorradtour in Auvergne

Motorradreise in die Mitte Frankreichs

In zahlreichen Abenteuern hat Asterix das heimatliche Gallien durchstreift. Eine der beliebtesten Geschichten rankt sich um den Arvernerschild und spielt in der heutigen Bäder-Region der Auvergne, die in grauer Vorzeit von Vulkanen geprägt wurde.

Text+Fotos: Thilo Kozik

Die Auvergne liegt in Zentralfrankreich, besteht aus den Départements Puy-de-Dôme, Cantal, Haute-Loire und Allier. Hauptstadt ist Clermont-Ferrand. Mit 1,4 Millionen Einwohnern bei 260 km² gilt sie als dünn besiedelt und damit verkehrsarm. Ein großer Teil der Region gehört zum vulkanischen Zentralmassiv mit den Vulkanketten Chaîne des Puys und den Monts Dore. Bekanntester Gipfel ist der 1465 Meter hohe Puy de Dôme westlich von Clermont-Ferrand. Wirtschaftlich bedeutsam ist die Reifenindustrie (Michelin) in Clermont, die Käseherstellung (Saint-Nectaire), die Messermacher von Thiers (Laguiole) und die Heilbäder mit angeschlossener Mineralwasserabfüllung (Volvic, Vichy).

Auf den Spuren des Avernerschildes

Wir schreiben das 21. Jahrhundert und es ist Hochsommer. Ganz Frankreich ächzt unter der Hitze und dem mörderischen Verkehr. Ganz Frankreich? Nein, in der zentralen Region Auvergne mit ihren immergrünen, pickelgleichen erloschenen Vulkanen herrscht ein ausgeglichenes Mittelgebirgsklima. Und auf den wie Flüssen zwischen den mittelalterlichen Dörfchen mäandrierenden Sträßchen tendiert die Fahrzeugdichte gegen Null. Eine gute Wahl also, um der Hitze der Großstädte und dem Trubel der Strände in Ferienzeiten zu entgehen. Als Start- und Endpunkt für die Erkundung der Region haben wir Le Puy-en-Velay ausgewählt, die größte Stadt des Départements Haute-Loire und Sitz der dortigen Präfektur sowie einer der Ausgangspunkte zum Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Hier lohnt der Streifzug durch die malerische Altstadt mit ihren steilen und bisweilen unwegsamen Kopfsteinpflastergässchen, die sich zu Füßen der dominanten Kathedrale ausbreitet. In dieser befindet sich zwar nicht der vielfach gesuchte Arvernerschild, mit der Statue der Schwarzen Mutter Gottes aber eine absolute Seltenheit.

Gleich neben der Kathedrale hat man einen tollen Ausblick auf die spitze Felsnadel mit der Kirche Saint-Michel dAiguilhe und die auf einem benachbarten Kegel über der Stadt thronende, 16 Meter hohe Statue der NotreDame de la France. Die heute eigentümlich rosa angemalte Statue wurde 1860 aus dem Metall von 213 während des Krimkrieges erbeuteten Kanonen gegossen. Gleichzeitig erzählt das Panorama unheimlich viel über die Landschaft und ihre Entstehungsgeschichte: Die Auvergne wird von den Puys beherrscht, abgerundeten Basaltkuppen ehemaliger Vulkanschlote, der die Gegend ihre eigentümliche Faszination verdankt. Und einen Teil ihrer Wirtschaftskraft: Zahlreiche sprudelnde Mineralquellen haben bekannte Bäder und eine hochwertige Mineralwasserindustrie mit den Grand Crus der Heilwässer entstehen lassen: Die Getränke von Vichy, Volvic und Saint-Yorre kommen allesamt hier aus der Gegend.

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Reisezeit und Anreise nach Auvergne in Frankreich

Beste Reisezeit sind die Sommermonate mit angenehmen Temperaturen; im Frühjahr kann es noch empfindlich kalt Schnee auf den Pässen und vor allem nass sein. Der Frühherbst passt meistens auch, im Spätherbst hält aufgrund der Höhe schon früh der Winter Einzug. Die schnellste Route für die Anreise aus Deutschland führt über Luxemburg, aus der Mitte und dem Süden über Mulhouse in Richtung Lyon. Je nach Reiseziel biegt man von der Rhônetal-Autobahn A6 nach Westen ab. Von Österreich aus geht es am schnellsten über München und das südliche Bayern, dann am Bodensee vorbei und via Zürich und Genf nach Lyon, wo man sich dann an der Türschwelle von Auvergne befindet.

Kurven und Kultur ohne Ende - Motorradreisen in Auvergne

Nach einem geführten Stadtrundgang werden am nächsten Morgen die Motorräder gesattelt und vom südöstlich in der Auvergne gelegenen Le Puy gehts nach Norden in Richtung des Messer- und Korkenzieher-Zentrums Thiers, wo das legendäre französische Laguiole-Messer hergestellt wird. Entlang der Loire hält die D103 zunächst einen erfrischenden Kurvengenuss bereit, den auch die noch im Schatten liegenden feuchten Stellen nicht schmälern können der Asphalt ist ausnehmend gut und die Reifen auf den Flanken noch wunderbar griffig.

Mit dem Motorrad durch Auvergne
Rechts und links der Loire befinden sich kleine Dörfer

Über einen Bergrücken führt ein gewundenes Asphaltband aus dem Loire-Tal über Usson-en-Forez nach Ambert, von dort zeichnet die D40 den Verlauf des Flüsschens Dore nach wieder gibts Kurven satt. Da kommt die Pause in Thiers mit der informativen Werksbesichtigung bei SCIP, einem der bedeutendsten Laguiole-Produzenten, gerade recht. Als wir die Gebäude verlassen, hat sich der Himmel zugezogen, es wird bedrohlich dunkel. Deshalb beschließen wir, auf wenig attraktiven, aber schnellen Straßen nach Clermont-Ferrand, der einzigen Großstadt der Auvergne, zu fahren. Tatsächlich tun sich kurze Zeit später die Schleusen auf und wir sind froh, nach dem ungewohnt verkehrsreichen Queren der Stadt unser Quartier in Orcines am Fuße des Puy de Dôme halbwegs trocken zu erreichen.

Essen und Unterkunft in Auvergne

In den größeren Orten und Heilbädern finden sich Übernachtungsgelegenheiten jeglicher Couleur, die selbst in den üblichen Touristenmonaten im Sommer nicht komplett ausgebucht sind. Abseits davon kann es mitunter schwierig sein, überhaupt eine Bleibe zu finden. Vorab sollte die Frage geklärt sein, ob es eine Rundtour oder Tagestouren mit leichtem Gepäck werden sollen. Eine ungewöhnliche Übernachtungsmöglichkeit bietet die einsam gelegene Ecolodge am Lac du Pêcher Fons in 15300 Neussargues en Pinatell (www.ecolodge-france.com), Campingfreunde kommen in der Anlage Camping de la Haute Sioule, (www.camping-auvergne.info) auf ihre Kosten.

Museums- statt Vulkanbesichtigungen

Am nächsten Morgen hängen der markante Gipfel nebst vorgelagertem Freizeitpark Vulcania voll im Nebel, ein Besuch macht keinen Sinn schade, denn der Ausblick auf die umgebenden Vulkankegel wäre bei Sonnenschein sicherlich fantastisch. Ein wenig deprimiert fahren wir alternativ ins eine gute Stunde entfernte Riom und statten dem Motorrad-Museum Baster einen Besuch ab. Schon beim Eintreten verblüfft uns das Ambiente, unsere Laune bessert sich zusehends: Monsieur Baster hat alle berühmten Namen der Motorradhistorie versammelt, von Brough Superior über Indian bis zu französischen Exoten wie Terrot, Syphax oder Gnome Rhône. Komisch, dass wir von diesem liebevoll eingerichteten Museum noch nie etwas gehört haben. Einmal in Besuchslaune, besichtigen wir auch gleich das hochmoderne LAventure Michelin im Zentrum Clermont-Ferrands. Dieses bietet einen umfassenden Abriss der Geschichte des Unternehmens von den Anfängen der Reifenherstellung über die Kartenproduktion bis zum Gourmet-Führer.

Clermot-Ferrand
Großstädtisches Flair mit Straßenbahn gibt es nur in Clermont-Ferrand

Am späten Nachmittag hat sich das Wetter beruhigt und die Triumph Tiger flitzt bei Sonnenschein über wunderschöne Nebenstraßen und zahlreiche kleine Pässe nach Südwesten durch den Parc Régional des Volcans dAuvergne. Grüne Landschaften, Kurven ohne Ende und die Abwesenheit von Verkehr entschädigen für den schlechten Tagesstart, und in bester Stimmung erreichen wir das Heilbad La Bourboule. Ob hier Majestix die von Miraculix verordnete Schlankheitskur absolvieren musste?

Die Gebäude stammen zwar nicht aus der Zeit der römischen Besatzung, dennoch ist klar: Dieses Thermalbad hat die besten Tage hinter sich. Auch in Frankreich hat der Sparkurs im Gesundheitswesen schon vor Jahren das Kurwesen voll getroffen, sehr zum Nachteil der gewachsenen Bäder. So regiert der verblichene Charme der Belle Epoque das stille Leben in diesem vor sich hin bröckelnden Kurort.

Feinster Käse und feinste Kurven - Highlights in Auvergne

Viel lebendiger wirds am nächsten Tag auf dem kurzen Stück zum Käsestädtchen St. Nectaire. Doch was heißt hier kurz: Für die 20 Kilometer Luftlinie benötigt selbst das engagiert gefahrene englische Krallentier gut anderthalb Stunden über die bis zu 1400 Meter hohen Pässe Pausen nicht eingerechnet. Vollgepumpt mit Schräglagen-Adrenalin biegen wir in St. Nectaire links ab auf die D150, vorbei an der romanischen Kirche zur Ferme Bellonte in Farges. Hier wird seit 1663 der berühmte Käse produziert. Nach einem Rundgang durch die Höhlen, in denen der Käse reift, stärken wir uns im angegliederten Bauernrestaurant bei gehaltvollen, natürlich mit St. Nectaire zubereiteten Speisen.

Käsemetropole St. Nectaire
Käsemetropole St. Nectaire

Gestärkt nehmen wir die lange Etappe über reizvolle, mächtig gewundene Asphaltbänder weiter nach Südwesten in Angriff diese sind auf der Michelin-Karte 76 in Gelb für Regionalstraßen und fast ausnahmslos mit der grünen Zusatzmarkierung für landschaftlich besonders reizvolle Abschnitte versehen. Spätestens jetzt sind die von der langen Anfahrt ein wenig eckig gefahrenen Pneus wieder rund, was die Triumph mit leichtem Einlenken in die gefühlt tausend Kurven signalisiert. Im Überschwang der Gefühle übersehen wir jedoch den Sperrvermerk für den Col du Pas de Peyrol, das mit 1582 Meter im Wortsinne High-light der Tour. Ein Bergrutsch im Winter hat ihn unpassierbar gemacht, und die Arbeiten daran sind noch nicht abgeschlossen. Auch die rechts und links am Wegesrand vom Winter übrig gebliebenen Schneenester wirken nicht sehr gemütlich.

Salers - eine der schönsten Städte Frankreichs

Aber eigentlich macht das nichts, denn der Umweg zum Städtchen Salers, unserem heutigen Etappenziel, führt über unterhaltsames Michelin-Gelb und -Grün. Deutlich später als geplant stellen wir unsere Fahrzeuge in der Garage des Hôtel Bailliage unter und schaffen es gerade noch zum Abendessen. Zum Glück, denn das Drei-Gänge-Menü mit Schwerpunkt auf regionalen Produkten ist ein Gedicht. Danach sind wir bettschwer und ziehen uns in die geschmackvoll eingerichteten Themenzimmer zurück, den Stadtrundgang verschieben wir auf den nächsten Tag.

Salers in Auvergne, Frankreich
Grob behauene Steinklötze skizzieren das Örtchen Salers

Strahlender Sonnenschein und die Glocken der durchs Dorf getriebenen Kühe mahnen zum frühen Aufstehen, das sich wirklich lohnt. Vor Einbruch der störenden Touristenströme streifen wir durch das pittoreske Örtchen, in dem die Zeit stillzustehen scheint: Stadtmauer, Wehrtürme, Kirche und zahlreiche historische Gebäude aus der Renaissancezeit sind komplett erhalten. Nicht zuletzt der markanten Lavasteinhäuser wegen zählt Salers zu einem der schönsten Dörfer Frankreichs.

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So viele grüne Straßen - Mit dem Motorrad durch Auvergne

Noch bevor die Busse mit den Tagesbesuchern eintreffen, haben wir auf einsamen einspurigen Sträßchen aus dem Staub gemacht. Über den Col de Legal und den Col de Bruel führt der Weg ins Vallée de Mandailles, danach über die knackige Vulkankette der Monts du Cantal mit bis zu 1800 Meter hohen Kuppen hinab ins Tal der Cere mit der gut ausgebauten, aber dennoch unterhaltsamen N122. Über Murat erreichen wir das lokale Zentrum St. Flour und machen in der auf einem Hügel gelegenen Altstadt Rast. Am Platz neben der Mairie gönnen wir uns einen Café au lait und ein Sandwich, bevor wir zur Runde um den Stausee Lac du Barrage de Granval aufbrechen.

Die Straßen in Auvergne
Verkehr ist ein Fremdwort

Schon von weitem ist die besondere Sehenswürdigkeit dieser Gegend zu erkennen: Die mächtige stählerne Eisenbahnbrücke Viaduct de Garabit erinnert nicht von ungefähr an den Pariser Eiffelturm sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom Erschaffer des Pariser Schaustücks, von Gustave Eiffel erbaut. Vom Aussichtspunkt am Rande des Stausees bietet sich ein toller Blick auf das Bauwerk. Von hier aus gibt es zwei Wege zurück zum Ausgangspunkt der Tour nach Le Puy-en-Velay: Über die gelben D4 und D589 via Saugues oder die rote D590 an Langeac vorbei die Qual der Wahl fällt schwer, denn wie so viele Straßen in der Auvergne sind auch diese beiden Grün gekennzeichnet…

Bericht vom 12.07.2021 | 2.814 Aufrufe

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