Vyrus - Science-Fiction-Ducati Umbauten mit Bimota-Genen

Radnabenlenkung ist ein muss, ansonsten gibt es keine Regeln!

Seit 2001 baut eine Handvoll Ingenieure rund um Gründer Ascario Rodorigo V2-Ducatis zu futuristischen High-End-Bikes um. Die Vyrus-Kleinserien-Modelle strotzen dabei nur so vor extravaganter Technologie.

Die Edelmoped-Schmiede Vyrus liegt im italienischen Rimini an der Adria. Moment, Rimini? Kommt von dort nicht auch Bimota? Richtig, und die Ähnlichkeiten hören da noch nicht auf. Vyrus Gründer Ascanio Rodorigo sammelte bei Bimota Erfahrung in Motorradtechnik, bevor er sich 1985 selbstständig macht. Obwohl zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr bei Bimota angestellt, offenbart ihm 1990 schließlich die Bimota Tesi 1D seine Bestimmung. Das Konzept der Radnabenlenkung fasziniert Rodorigo und so beginnt er Motorräder mit Radnabenlenkung in Kleinserien zu produzieren. Dafür gründet er 2001 "Vyrus".

Radnabenlenkung beim Motorrad - komplexe Technik mit jeder Menge Tücken

Falls noch wer mit dem seltenen Konzept der Radnabenlenkung nicht so vertraut ist, wie ich es selbst auch vor diesem Artikel war, hier eine kurze Erklärung. Im Prinzip ist bei der Radnabenlenkung das Vorderrad nicht direkt über eine üblicherweise Teleskopgabel mit dem Lenker verbunden, sondern über mehrere Umlenkungen im Chassis. Über Stangen und Umlenkhebel wird der Lenkimpuls zuerst nach hinten zum Rahmen, dann runter und schließlich nach vorne zum Rad geleitet. Das Rad kann sich um die Radachse herum bewegen und kippt beim Lenken schräg in die Kurve hinein. Und warum macht man das? Nun, ein großer Grund ist bestimmt die Optik. Mit einer Radnabenlenkung ist es möglich vorne eine Schwinge, ähnlich der üblichen Hinterradschwinge, zu verbauen. Damit liegt ein Abstand zwischen Lenkung und Vorderrad und bricht komplett mit unserem gewohnten Bild des Motorrads. Ein weiterer Vorteil ist auch, dass eine Radnabenlenkung aufgrund der höheren Starrheit ein "Bremsnicken", also das typische Absinken der Motorradnase bei starkem Bremsen, verhindert oder zumindest stark verringert. Durch diese Stabilität in der Fahrzeuggeometrie lässt sich erst viel später in der Kurve bremsen.

Doch dieses Konzept bringt auch einige Probleme und Nachteile mit sich. Das größte Manko ist wohl der erhöhte Konstruktions- und Wartungsaufwand. Die Komplexität einer Radnabenlenkung und die vielen mechanischen Teile sind viel fehleranfälliger, kostenintensiver und brauchen mehr Wartung als eine simple Teleskopgabel. Außerdem ist nicht nur die Lenkung hier besonders, sondern auch die vorderen Federelemente müssen komplett anders verbaut werden. Meistens wird ein Stoßdämpfer im Chassis montiert und die abzudämpfenden Kräfte ebenfalls per Umlenkhebel zugeführt. Wo aber dieser Stoßdämpfer montiert wird, ist Sache der Ingenieure und da gab es schon viele verschiedene Ideen. Welche Lösung auch immer gewählt wird, die Kosten und der Aufwand übersteigen auf jeden Fall die der üblichen Fahrwerke. Weitere Nachteile die man Radnaben-gelenkten Motorrädern noch nachsagt sind mangelnde Alltagstauglichkeit aufgrund des eingeschränkten Einschlagwinkels und schlechtere Fahrstabilität bei hohen Geschwindigkeiten.

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Vyrus Umbauten - edelste Teile und exotische Technik

Wie so ein Vyrus-Umbau schlussendlich aussieht, ist schwer zu beschreiben, denn schließlich gibt es keine zwei gleiche Bikes. Vyrus berücksichtigt stark die Wünsche der Kunden und passt jedes Modell individuell an. Die Folge ist, dass nur ca. 15 Motorräder pro Jahr die Werkstatt verlassen. Ein paar Regelmäßigkeiten gibt es aber doch. Das Herzstück bildet fast ausschließlich ein V2-Motor von Ducati. Die zweite Konstante ist die Radnabenlenkung. Vyrus behauptet, durch feinste Ingenieurskunst und edle Bautmaterialien die Technik verfeinert und die Nachteile ausgemerzt zu haben. Nun, die Bauteile sind auf jeden Fall edel. Vyrus-Bikes scheinen nur aus drei Baustoffen zu bestehen: Titan, Aluminium und Kohlefaser. Die deutschen Kollegen von Motorrad testeten 2013 eine Vyrus mit einem V2 aus der Ducati 749 R im Kern. Die Vyrus hatte mit nur 153 kg (fahrfertig ohne Benzin) sage und schreibe 30 Kilogramm weniger als ihre Motorspenderin. Und auch die zweite Behauptung von Rodorigo, dass die Technik der Radnabenlenkung von Vyrus verbessert wurde, scheint zu stimmen. Die Motorrad Testpiloten schwärmten vom späten Bremsen vor der Kurve, ermöglicht durch die Stabilität des Vorderrads.

2017 bricht Vyrus ein einziges Mal mit ihrer Gewohnheit und verbaut in der Vyrus 986 M2 Strada einen Reihen-Vierzylinder anstatt des üblichen Ducati V2-Motors. Auch diese Bike wird von Motorradonline getestet und wieder schafft es die Vyrus mit ihrer Fahrdynamik zu überzeugen. Radnabenlenkung scheint also doch nicht nur fancy Bling-Bling oder das Ergebnis übermotivierter Ingenieure zu sein.

Vyrus Alyen 988 - futuristischer Ducati Umbau

Mit der neuen Vyrus Alyen 988 wurde jetzt wohl die futuristischste Vyrus geschaffen (Bilder gibt's in der Bildergalerie). Angetrieben wird sie von einem 1285 ccm Desmodromik V2-Motor von Ducati, der 205 PS bei 10.500 Umdrehungen leistet. Zusammengehalten wird die Alyen neben dem tragenden Motor von einem C-förmigen Magnesium-Rahmen, an dem wichtige Bauteile, wie zum Beispiel die Schwingen, befestigt sind. Neben der Vyrus-typischen Radnabenlenkung sticht aber vor allem das Design des Chassis und der Verkleidung hervor. Rabenschwarze Kohlefaser bildet außerirdisch anmutende Konturen. Vom steilen Auspuff bis zur Science-Fiction-Frontmaske - alles passt in das Design zwischen Batmobil und Raumschiff. Die wenigen farbigen Bauteile, wie der Sattel, die Lenkstreben oder die Federelemente, stechen aus dem Schwarz des Restes nur umso mehr hervor. Auch die Monoschwinge des Hinterrads oder die Karbonfelgen verstärken noch einmal den extraterrestrischen Look.

Mehr als die grundlegenden Spezifikationen sind noch nicht bekannt. Das Gewicht dürfte im Angesicht der edlen Komponenten nicht allzu hoch ausfallen. Auch über den Preis weiß man noch nichts. Ganz in Vyrus-Manier halten sich die Ingenieure weder bei der Konstruktion, noch beim Preis zurück und so wird die Alyen, wie viele andere Vyrus-Bikes auch, einen ordentlichen Batzen jenseits der 30.000 € Grenze kosten.

Header-Bild: vyrus.it

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Bericht vom 14.04.2020 | 15.024 Aufrufe

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