KTM 1290 Super Adventure S im Reise-Check

Wie gemacht für die Reise zu zweit

Weil man eine Reiseenduro am besten auf der Reise testet, hat sich Wolf zusammen mit seiner Sozia die KTM 1290 Super Adventure S geschnappt und ist mit ihr im September durch Slowenien und Kroatien unterwegs gewesen. Die Wege waren dabei so unterschiedlich, wie das Anforderungsprofil, das solch ein rundum ausgestattetes Motorrad ganz einfach zu erfüllen hat.

Der ewige Spagat zwischen "Enduro" und "High-Tech"

Unter Reise-Enduristen ist das so eine Sache - die einen wollen immer weniger Gewicht, was ja speziell im unwegsamen Gelände unbestritten von Vorteil ist. Die anderen, das belegen nicht zuletzt die stetig steigenden Verkaufszahlen der PS-starken Premium-"Enduros", können nicht genug High-Tech und Leistung an Bord haben. KTM versucht seit jeher beide Lager zu bedienen, ein Spagat, der natürlich nur schwer ohne schmerzhafte Verrenkungen oder "Glaubenskriege" an den Stammtischen von statten geht. Die 1290 Super Adventure S ist, gemessen an der leistungsmäßig vergleichbaren Konkurrenz, mit 223 Kilo trocken und knapp 250 mit sämtlichen Flüssigkeiten intus in dieser Klasse jedenfalls fast schon ein "leichtes" Mädchen. Und trotzdem ein ordentliches Bröckerl im Vergleich zu jenen plus-minus-100PS-Reiseenduros, die ich für gewöhnlich zu zweit über jene Schotterstraßerln pilotiere, wie sie uns am Balkan erwarten würden. Wir waren gespannt…

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Koffer bzw. Tankrucksack rauf und die Reise kann losgehen

Wer regelmäßig mit dem Motorrad reist, hat sich längst an Verzicht gewöhnt bzw. wird ein T-Shirt auch mal zwei oder drei Tage am Stück anziehen, trotzdem braucht es Koffer, wenn es auf Tour geht, speziell zu zweit. Wir entschieden uns für die Originalen von KTM, plus Topcase und Tankrucksack. Da passt richtig viel rein. Aber auch bei den Seitenkoffern gibt es sie, die Glaubenskriege unter den Reisenden - Alu oder Kunststoff, ob von oben oder seitlich zu beladen. Ich werfe ja eigentlich am liebsten alles in von oben zu öffnende Alukisten, jene aus dem Powerparts-Katalog sind aus (robustem) Plastik, öffnen seitlich, zwei einfach einzuhängende Netze sorgen aber dafür, dass einem der Inhalt nicht entgegen fliegt. Und sie sind in Sekundenschnelle mit wenigen Handgriffen montiert bzw. ebenso wieder abgenommen, schwingend befestigt und stören auch bei hohen Geschwindigkeiten überhaupt nicht. Also kanns losgehen!

Radar-Tempomat kann zwischen Komfort und sportlich gewählt werden

Zunächst auf der Autobahn, um erst einmal Kilometer zu machen. Wo gleich eine Neuheit der Super Adventure S zum Einsatz gelangte, die sie (noch) von den meisten Konkurrenten unterscheidet - der adaptive, radargesteuerte Tempomat. Ein echtes Komfortfeature, ist man doch selten ganz alleine auf der Straße und damit erledigt das Motorrad wie von Geisterhand gesteuert, sämtliche Brems- und Beschleunigungsmanöver von selbst, sobald ein Fahrzeug in der Spur vor einem auftaucht bzw. man die Spur wechselt. Wobei meine erfahrene Sozia, die schon auf unzähligen verschiedenen Motorrädern mitgefahren ist und wohl längst die 100.000-Kilometer-Marke hinten drauf geknackt hat, eindeutig für das "Comfort"-Programm des Tempomats plädierte. "Im Sport-Modus geht alles viel zu ruckartig, reißt es dich am Beifahrersitz meist unvorbereitet hin- und her." Ready to Race eben, was aber im konkreten Fall wohl nur dann Sinn macht, wenn man es richtig eilig hat. Neben der Intensität von Beschleunigung bzw. Verlangsamung kann noch der Abstand zum voraus fahrenden Verkehrsteilnehmer eingestellt werden und im Unterschied zum Tempomat im Vorgänger-Modell bleibt er jetzt auch nach Schaltvorgängen aktiv. Insgesamt eine wunderbare Sache und ich bin überzeugt, dass in naher Zukunft alle Premium-Reiseenduros solch einen adaptiven Tempomat zumindest im Zubehörprogramm haben werden. Bei KTM ist er serienmäßig in der 1290 Super Adventure S. Super!

Das elektronische Fahrwerk lässt kaum Wünsche offen

Serienausstattung ist auch das elektronische, semiaktive Fahrwerk vom hauseigenen Spezialisten WP. Damit ist man praktisch immer auf der richtigen Seite, um die Leistung bestmöglich auf Straße oder losen Untergrund zu bringen. Gekoppelt an die Fahrmodi von sportlich straff bis zu komfortabel bzw. auch individuell bis ins Detail einstellbar. Mel empfand die KTM speziell auf unbefestigten Wegen komfortabler als die meisten anderen Motorräder, was mich dazu ermutigte, mehr Schotter als ursprünglich geplant mitzunehmen. Die 200 Millimeter Federweg vorne und hinten sowie die Bodenfreiheit von 223 Millimeter reichen aus, um Unebenheiten zu "schlucken", das 21-Zoll-Vorderrad der Super Adventure R (die S ist vorne mit einem 19-Zoll-Rad ausgestattet) habe ich auf unserer Tour eigentlich nie vermisst, wenngleich das "Gelände" damit noch ein wenig rauer werden hätte dürfen. Mit dem Suspension-Pro-Paket, mit dem unser Testmotorrad bestückt gewesen ist, kann man auch die Vorspannung elektronisch anpassen, so dass sich das Bike immer automatisch auf dasselbe Niveau einstellt, egal ob man allein, zu zwei, mit oder ohne Gepäck fährt.

Praktisch, wenn man zwischendurch mal alleine eine Erkundungstour macht, wie ich das auf unserer Reise immer wieder machte, während Sozia faul am Strand herum lag. Zusätzlich verfügt man mit der Pro-Suspension noch über einen Anti-Dive-Mode, der das Eintauchen vorne, wie das bei Upside-Down-Gabeln mit den langen Federwegen einer Enduro eben üblich ist, verhindert. Damit lässt es sich, vergleichbar mit dem Telelever von BMW, vor Kurven oftmals einen Tick später bremsen, noch sportlicher fahren. Wobei mir persönlich der normale Federungs-Modus sympathischer ist, weil er mir mehr von dem vermittelt, was ich unter Feedback verstehe.

Prunktstück ist und bleibt der mächtige V2 mit seinen 160 PS

Sportlich kann die KTM sowieso ganz ausgezeichnet, wofür schon der mächtige V-Zweizylinder-Motor sorgt, der wie im Vorgängermodell 160 PS (bei 8.750 U/min) leistet das maximale Drehmoment liegt bei ebenso stolzen 138 Newtonmeter (bei 6.500 U/min) - und nach wie vor das Prunkstück der Super Adventure ist. Damit befindet man sich einfach immer auf der souveränen Seite, verfügt das Motorrad in jeder Lebenslage über mehr als ausreichend Kraft, ob allein, zu zwei bzw. vollbeladen. In Verbindung mit dem leider aufpreispflichtigen, aber beispielhaft einfach funktionierenden Quickshifter, kriegt man auf kurvenreichen Pass-Straßen das Grinsen unterm Helm gar nicht mehr weg.

Für "Eigenkontrolle" bedarf es des aufpreispflichtigen Rally-Mode

Ebenfalls aufpreispflichtiges Extra ist leider der Rally-Mode, mit dem unser Testbike genauso bestückt gewesen ist und den ich jedem Käufer unbedingt empfehlen würde. Nicht, weil man mit der 1290 SAS "rallymäßig" auf unbefestigten Wegen unterwegs ist, sondern weil nur er die Möglichkeit bietet, aktiv in Parameter wie Traktionskontrolle (in 9 Stufen) bzw. Gasannahme einzugreifen und so in Wahrheit ein "Rider-Modus" ist. Wobei das Bedienkonzept bzw. das Wechseln zwischen den einzelnen Fahrmodi Street, Sport, Rain und Offroad unnötig kompliziert vonstatten geht, man dafür ins Menü eintauchen muss und zusätzlich auch noch immer den ABS-Modus (ob Kurven-ABS oder am Hinterrad deaktiviertes Offroad-ABS) einzustellen hat. Das bekommen andere einfacher hin, obwohl man sich auf den übersichtlichen Tasten am linken Lenker wiederum rascher zurecht findet als auf manch mit Knöpfen überladenen "Kontrollzentren" diverser Konkurrenten.

An Sitzposition, Wind- und Wetterschutz gibt’s nichts zu meckern

Überhaupt nichts zu meckern gibt es an für die Reise nicht unwesentlichen Parametern wie Sitzposition, Wind und Wetterschutz. Der Kniewinkel ist sowohl für den Fahrer, als auch den Beifahrer entspannt, der Wind- und Wetterschutz sehr gut. Bei Bedarf lässt sich der Windschild auch einfach während der Fahrt in der Höhe verstellen - warum hat KTM eigentlich den 890-Adventure-Modellen nicht auch so ein praktisches Hand-Drehrad verpasst? Die Sitzbank selbst könnte vielleicht einen Tick weicher sein, wie die Sozia empfand, ist aber doch ein gelungener Kompromiss zwischen Bequemlichkeit und Langstreckentauglichkeit, so dass wir auch nach langen Tagesetappen stets entspannt aus dem Sattel stiegen. Bei zu weichen Polstern relativiert sich das meist nach einer gewissen Kilometerzahl, sitzt man sich früher "wund".

Fazit: KTM 1290 Super Adventure S

Insgesamt ist die langstreckentaugliche KTM 1290 Super Adventure S wie gemacht für die Reise zu zweit, wobei der Fahrer kaum einmal darüber nachdenken muss, wo diese hingeht. Autobahnabschnitte, flotte Landstraßenpassagen oder kurvenreiche Passstraßen im engsten Winkelwerk mag sie genauso wie unbefestigte Wege mit durchaus mal gröberen Schotterpassagen, wo in erster Linie der Fahrer bzw. dessen Routine entscheidet, wie weit es gehen darf. Dort punktet auch das gegenüber dem Vorgänger durch den weit nach unten gezogenen Tank (und damit Schwerpunkt) verbesserte Handling. Das elektronische Fahrwerk kommt mit den wechselnden Untergründen einer Reise bestens zurecht und vermittelt stets Transparenz, der Motor in jeder Lebenslage Souveränität. Ready to race eben – oder auch: Bereit zum Fernrasen!


  • sehr sportliches, aber auch kultiviertes V2-Kraftwerk
  • trotz hohem Gewicht äußerst zugängliches Handling
  • bequeme, fahraktive Sitzposition
  • gute Bremsen inklusive Kurven-ABS
  • umfangreiches Elektronik-Paket
  • übersichtliche, gut strukturierte Armaturen mit riesigem 7 Zoll-Display
  • Einlenkverhalten in Wechselkurven etwas träge
  • Undurchsichtige Paketgestaltung und Aufpreispolitik
  • Armaturen und Schalter fühlen sich nicht sehr hochwertig an

Bericht vom 04.10.2021 | 8.244 Aufrufe

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