KTM RC390 R & SSP300 Race Kit - Präsentation und Test

KTM RC390 R & SSP300 Race Kit - Präsentation und Test

Sowas von Ready to Race

KTM macht keine halben Sachen, wenn es um Rennsport geht. Einen erneuten Beweis für Kompromisslosigkeit im positivsten Sinne stellt die nun erhältliche RC390 R dar, welche sich mit dem „Supersport 300 Race Kit“ in eine WM-taugliche Supersport-Rakete verwandelt. Hinter dessen Entwicklung steckt die KTM Customer Racing Abteilung, welche eine Handvoll Journalisten und mich zur Testfahrt auf den schönen Salzburgring einlud. Besonders der schmale Grenzbereich der wahrhaftig scharf abgestimmten SSP300 ist mir, den Mechanikern vor Ort und meinem Leder ganz speziell in Erinnerung geblieben...doch dazu mehr am Ende meines Berichts.

Dass KTM ihrer „Ready to Race“-Philosophie treu bleibt und die populäre RC390 nun deutlich nachschärft, hat de facto nichts mit unzufriedenen A2-Führerscheinbesitzern zu tun. Denn jedem, der die kleine Supersportlerin aus Mattighofen schon einmal auf der Straße bewegt hat, wird schnell bewusst, dass die RC in Sachen Sportlichkeit verglichen zur A2-Konkurrenz die Nase vorne hat. Die 500 Stück der ab sofort erhältlichen „R“ Variante werden deshalb gebaut, weil KTM damit einerseits der weiter steigenden Nachfrage aus dem Rennsport nachkommen möchte, vor allem aber um den strengen FIM-Vorgaben der seriennahen WorldSSP300-Rennserie zu entsprechen. Denn von jenem Bike, dass die Hersteller den pfeilschnellen Racer-Jungspunden als Basismodell zur Verfügung stellen, müssen mindestens 500 Stück StVO-konforme Einheiten gebaut werden. Die 2017 ins Leben gerufene WorldSSP300 bietet packende Hersteller-Duelle zwischen KTM, Kawasaki, Honda und Yamaha und stellt in erster Linie die perfekte Ausbildungsplattform für Nachwuchsracer dar.

Per Race Kit zum WorldSSP300 Bike

So reagierte KTM und ließ die RC390 R entstehen, welche als Basis-Modell für den WM-Einsatz dient. Und gleichzeitig wurde vom kleinen aber feinen „KTM Customer Racing“ - Team der SSP300 Race Kit entwickelt, ein aus über 230 Einzelteilen bestehender Teilesatz, der die FIM- homologierte „R“ in das WM-taugliche Renngerät verwandelt. Der Kit kann ab sofort über offizielle KTM-Händler geordert werden, der Umbau dauert angeblich nicht länger als einen Arbeitstag. Nach welchem man schlussendlich ein Motorrad vor sich stehen hat, mit welchem - aus technischer und regulativer Sicht - um den WM-Titel in der WorldSSP300-Klasse gekämpft werden darf. Tatsächlich wird es den Käufern des auf 50 Stück pro Jahr limitierten Kits an nichts fehlen, selbst ein zweiter Satz Räder sowie Montageständer sind inkludiert. „Ready to Race“ wurde hier wortwörtlich genommen.

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Erste Testfahrt mit RC390 R auf Metzeler Straßenreifen

Am Salzburgring standen RC390 R, ADAC Junior Cup Bikes sowie die SSP300-Variante für Testfahrten zur Verfügung. Selbst für mich, einen Laien im Rennsportbereich, waren die Unterschiede zwischen den Modellen ganz klar zu erspüren. Den Anfang des Fahrtages bildeten einige Runden mit der RC390 R. Beim Aufsitzen machte sich sofort die sportlichere Sitzposition - im Vergleich zur Standard-RC - bemerkbar. Dafür verantwortlich ist eine neue Gabelbrücke und dazu passende Lenkerstummel. Brems- und Kupplungshebel sind CNC-gefräst, verstellbar und im Falle eines Sturzes klappbar, damit nichts zu Bruch geht. Nach wirklich kurzer Reifen-Aufwärmphase (Metzeler M5 Interact) macht sich dann auch das voll einstellbare Fahrwerk, der wichtigste Unterschied zur normalen RC, positiv bemerkbar. Die „R“ ist handlich, stabil und präzise und zwar so sehr, dass nach wenigen Runden auf der idyllischen Rennstrecke die Straßenbereifung überfordert wirkte, wohl temperaturbedingt. Ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich nicht mehr ganz so wohl und fuhr meinen Turn etwas verhaltener zu Ende. Das klar spürbare Feedback der Front war mir zu unruhig.

RC390 R - Fazit vom WM-Racer

Als ich später noch den ebenfalls anwesenden Jan-Ole Jähnig, seines Zeichens deutscher Jung- Racer (geboren 2001) in der WorldSSP300, um sein Feedback bat, bestätigte dieser meine Erfahrungen. Zusätzlich konnte er mir noch beibringen, dass das Heck in langgezogenen Kurven zu pumpen anfängt und dass das Fahrwerk für seine WM-Pace zu weich wäre. Kein Wunder, die „R“ ist ja auch ein zulassungsfähiges Straßenmotorrad, welches dementsprechend sanfter abgestimmt werden muss. So wird im Federbein beispielsweise eine Feder mit 72 Newton pro Millimeter verwendet, in der SSP Variante steckt eine 100er bzw. 105er drinnen. Den letzten Unterschied zur gewöhnlichen RC390, ein kürzerer Ansaugtrichter, welcher ein minimal breiteres Powerband zur Folge haben soll, konnte ich ohne den direkten Vergleich zur Standardvariante im Übrigen nicht erfühlen.

Die sanftere Variante aus dem RC Cup

Das ebenfalls anwesende und ältere RC Modell aus dem deutschen ADAC Junior Cup bereitete schon mehr Freude, wohl wegen der sportlicheren Ergonomie und Fahrwerks-Abstimmung. Allerdings war ich in Gedanken eigentlich eh schon auf der SSP 300 Kit Version unterwegs, welche ja auch im Mittelpunkt der Veranstaltung stand. Der Cup-Teilesatz jedenfalls ist wesentlich günstiger in der Anschaffung, bietet aber eben auch nicht die Möglichkeiten, die RC kompromisslos in Richtung „Hardcore-Racing“ zu trimmen. Der ADAC wünscht sich ein weniger scharfes Fahrwerkssetup, welches Fahrfehler verzeiht und den jungen Piloten entgegenkommt. Weiters bietet die SSP mehr Leistung, dank Titan-Akrapovic und anderem Software-Mapping, welche auf die originale ECU aufgespielt werden.

Fahrwerk und Software hat Priorität

Ein anwesender Techniker bezeichnete das geänderte Mapping sowie die Änderungen im Fahrwerksbereich (Cartridge Kit, Shim Pakete) zur besseren Verstellbarkeit als die wichtigsten Maßnahmen, um die SSP voll renntauglich zu machen. Selbstverständlich ist es damit noch lange nicht getan. Die Auflistung aller getauschten Teile möchte ich mir an dieser Stelle sparen, aber die folgenden Modifikationen sollten dennoch nicht unerwähnt bleiben.

Der SSP300 Race Kit im Detail

Die Verdichtung wird leicht erhöht, die Verkleidung wird komplett getauscht, mit neuen Lufteinlässen und Schnellverschlüssen versehen. Der Kabelbaum wird auf's Wesentliche reduziert, ein anderer Kühler verbaut, die Cockpit bzw. Dash-Halterung wird so konstruiert, dass sie auch den ein oder anderen Sturz verkraften kann. Die Bremsanlage bleibt laut FIM-Regulativ unverändert, allerdings kommen eine größere Scheibe sowie andere Beläge und Bremsleitungen zum Einsatz, welche in größerer Bremskraft und einem wesentlich besser spürbaren Druckpunkt resultieren. Angetrieben wird das Hinterrad über eine schmale 415er Kette, die STM Rutschkupplung macht sich beim scharfen Anbremsen und schnellen Runterschalten besonders positiv bemerkbar. Ebenso wie der Quickshifter, über welchen übrigens die Drehzahl ausgelesen und reguliert werden kann. Denn über Limitierung der Drehzahl und Zusatzgewicht werden die doch recht unterschiedlichen Bikes der WorldSSP300-Serie (KTM RC390 R, Kawasaki Ninja 400, Yamaha YZF-R3, Honda CBR500R) zurecht reguliert, sodass definitive Chancengleichheit zwischen den Herstellern besteht.

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KTM lebt „Ready to Race“

KTM konnte mit der „R“ im Übrigen die ersten beiden Rennen der Saison für sich entscheiden, wurde dann aber wegen technischer Überlegenheit stark hinunter reglementiert. Auf meine Frage nach dem Grund für diese Überlegenheit antwortete der KTM Customer Racing Chefentwickler Wolfgang Felber mit „Kompromisslosigkeit“. Und exakt so fühlte sich die RC390 R in der SSP 300 Version für mich auf dem Rundkurs auch an.

Der Salzburgring auf der WM-Maschine

Im Stand fiel mir nur die leicht erhöhte Sitzposition auf, das große Aha-Erlebnis folgte dann nach anderthalb Runden Einfahrzeit, welche ich den montierten Diablo Supercorsa Reifen (SC2) zugestand. So fühlt sich also ein echtes Renngerät an. Das Ende der Gerade erreicht man dank Titan-Akrapovic und angepasster Software etwas schneller. Die Bremse ziehe ich viel zu früh, weil die 320mm große Scheibe vorne die 132kg leichte RC vehement abstoppt. Angst vorm Überbremsen habe ich trotz fehlendem ABS aber keine, dafür ist das Gefühl am Bremshebel viel zu transparent. Das Fahrwerk hält mich beim Einlenken perfekt auf Kurs, ich erreiche den Scheitel, mach' das Gas auf und stelle fest, dass ich nichts feststelle. Nichts, außer gigantischer Stabilität. Keine unerwünschte Unruhe im Heck, das Motorrad liegt wie das sprichwörtliche Brett auf der Fahrbahn. Und auch die Front gibt mir Zuversicht, dass alles im grünen Bereich ist.

Jeremy McWilliams erzählt von Zweitaktern und Imola

Nach ein paar Runden steigt mehr und mehr Ekstase in mir auf und ich kann die Worte des ebenfalls anwesenden Jeremy McWilliams, ein ehemaliger MotoGP Pilot, der heute für KTM testet und entwickelt, sowie Renn-Nachwuchstalente ausbildet, immer besser nachvollziehen. Im kurzen Gespräch nämlich erzählte er, dass die RC ihn an seine frühe Motorradkarriere erinnere, an seine Zeit auf den 250 Kubik Zweitakt-Geschossen. Kein anderes KTM-Projekt hätte ihm in der Entwicklung so viel Freude bereitet, wie dieses. Weil es ihm den allergrößten Fahrspaß beschert hat. Er sprach über hunderte von Testrunden in Imola, wo er und das Team versuchten, möglichst viel Stabilität in Hochgeschwindigkeitskurven zu erzielen, ebenso wie ein klares Gefühl für die Front zu erhalten, welches so enorm wichtig ist, weil die besonders leichtgewichtigen Bikes so unglaublich hohe Kurvengeschwindigkeiten erreichen können.

Übermut tut selten gut - der Crash

Besser allerdings wäre es gewesen, auch die mahnenden Worte der Customer Racing Crew im Kopf zu behalten, welche zur Vorsicht rieten, da der Grenzbereich bei solchen SSP300 Rennern ausgesprochen schmal ist. Zu schmal für einen übermütigen Amateur wie mich. Während ich auf der verhältnismäßigen gutmütigen „R“ einen ordentlichen Hinterradrutscher noch souverän abfangen konnte, passierte das peinliche Malheur auf der SSP so schnell, dass ich erst gar nicht begriff, was geschehen war. Erst im Nachhinein und mit Analyse-Hilfe des anwesenden Fotografen wurde ich um jene Erkenntnis reicher, dass zu schnelles Umlegen in tiefe Schräglage in Kombination mit einer schlampigen Körperhaltung auf einer scharf-abgestimmten RC390 R Supersport 300 sofort ins Verderben führt. Glücklicherweise ohne negative Folgen für meine Gesundheit und auch das Motorrad konnte mit neuem Lenkerstummel und Fußraste wieder fahrtauglich gemacht werden. Ein WM-Bike macht zwar unfassbar viel Spaß, ist aber dennoch kein Spielzeug. Danke, KTM Customer Racing, für die lehrreiche Lektion und Entschuldigung für den entstandenen Schaden.

Fazit: KTM RC 390

Wer zunächst rund 8.500 (Deutschland) bzw. knapp 9.000 Euro (Österreich) für die RC390 R in die Hand nimmt und dann auch noch um die 11.000 Flocken für das SSP 300 Kit übrig hat, der bekommt weltmeisterschaftstaugliche Racing-Ware geliefert. „Ready to Race“, der Name ist Programm, echt jetzt. In diesem Fall wäre ein „Ready to win the World Championship“ ja fast treffender, weil der Teilesatz tatsächlich sowas von komplett ist und dem Reglement der FIM entspricht. KTM unternimmt alles, um all jenen ordentlich entgegen zu kommen, die einen ernsthaften Einstieg in die Rennsportwelt erwägen, vor allem natürlich all den Nachwuchshoffnungen da draußen. KTM Customer Racing, ich ziehe meinen Helm! Bravo!

1
Vorteile
  • Nie zuvor war es leichter, an ein WM-taugliches Renngerät zu kommen.
1
Nachteile
  • Die Erkenntnis, dass aus mir wohl kein begnadeter Ringfahrer wird.

Bericht vom 27.06.2018 | 7.513 Aufrufe

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