Honda CRF1100L Africa Twin ES 2024 Offroad Test

Gamechanger semi aktives Fahrwerk - Kompromiss war gestern!

2024 bietet Honda erstmals ein optionales semi-aktives Fahrwerk für die Africa Twin an. Ist diese hochmoderne Komponente auch interessant für Piloten, die das Adventure Bike artgerecht ins lose Gelände entführen wollen? Wir haben das auf spanischen Waldwegen überprüft.

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Die Honda Africa Twin Modelle bekamen 2024 ein Update spendiert. Neben einem leichten Leistungszuwachs und dem Wandel der Adventure Sports zur straßenorientierten Maschine stand auch das semi-aktive Fahrwerk im Fokus dieses Updates. Ab sofort ist das EERA-Fahrwerk serienmäßig in der Adventure Sports verbaut und erstmals auch für die Standard Africa Twin verfügbar. Beim Test der neuen Honda Adventure Sports konnten wir dessen Performance auf der Straße schon testen, doch wie sieht es abseits der befestigten Wege aus? Unser Winterfluchtquartier in den Hügeln um Barcelona bot die perfekte Gelegenheit, um die Africa Twin ins Grobe zu entführen.

Schotterstraßen & Co. - Honda CRF1100L Africa Twin ES Test im leichten Gelände

Wenig überraschend bewegt sich die Africa Twin äußerst souverän auf leichten unbefestigten Wegen. Schotterstraßen, breite Waldwege und Feldwege bieten die Chance, den großartigen Motor auszukosten und die große Stabilität der Honda auszunutzen. Dank der entspannten Ergonomie und sehr aufrechten, wie ich es nenne "touristischen" Stehposition strapazieren auch lange Etappen auf losem Untergrund den Fahrer keineswegs. Der 18,8 Liter Tank baut zwar breit, kommt einem im leichten Gelände aber nicht in die Quere. Mit den optionalen Rally-Fußrasten steht man noch etwas breiter und sicherer auf der Africa Twin, die sich trotz ihres relativ hohen Gewichts und Schwerpunkts sehr gut über Fußrasten und den breiten Lenker dirigieren lässt. Der größte Freudenspender ist aber die Gasannahme und Leistungsentfaltung des 1.084 cm³ Reihen-Zweizylinders. Fein dosierbar und dennoch druckvoll lässt sich die Leistung abrufen. Das Drehmoment drückt schon bei niedrigen und mittleren Zahlen saftig an, ist aber sehr gut kontrollierbar, auch auf sehr losen, wenig griffigen Untergründen.

Honda Africa Twin ES Offroad Test 2024
Im leichten Gelände sind der fein dosierbare, doch richtig druckvolle Motor und die hohe Stabilität der Africa Twin.

Das ist auch gut so, denn die Elektronik der Africa Twin ist passend zum japanischen Sicherheitsgedanken eher konservativ ausgelegt. In der schärfsten Stufe der schräglagenabhängigen Traktionskontrolle werden zwar kleine Drifts zugelassen, aber in loserem Gelände auch zu viel Leistung weggenommen. Schon nach kurzer Zeit ist die Traktionskontrolle ausgeschalten, was aber kein Problem bei der präzisen, linearen Leitungsentfaltung ist. Zusätzlich gibt der relativ lange Radstand von 1575 mm viel Stabilität, wodurch das Heck nicht so schnell ausbricht und der Drift sehr gut kontrollierbar bleibt. Das funktioniert auch mit dem DCT Doppelkupplungsgetriebe ausgezeichnet, nur empfiehlt sich hierfür einer der Sportmodi, wo die Gänge etwas länger ausgedreht werden. Wie gut das DCT prinzipiell im Offroad-Einsatz funktioniert, habe ich schon beim Test der Honda CRF1100L Africa Twin DCT in Island beschrieben. Mit dem 2024er Update wurde auch das Ansprechverhalten bei niedrigsten Drehzahlen verbessert, doch ohne direkten Vergleich mit einem DCT der vorherigen Generation sind solch kleine Unterschiede kaum zu spüren. Was Offroad positiv auffällt, ist der neue G-Switch, quasi der Offroad-Modus des DCT. Ist dieser aktiviert, schleifen die Kupplungen weniger lange mit und geben die Leistung direkter ans Hinterrad, was die Traktion auf losem Untergrund verbessert. Zusammengefasst bewegt man sich mit der Africa Twin sehr souverän über leichte, unbefestigte Wege und kann je nach Wunsch komfortabel cruisen, oder sich auch ein bisschen spielen.

Harte Schläge, grobe Untergründe und kleine Hillclimbs - Honda CRF1100L Africa Twin ES Test im mittleren Gelände

Wird es anspruchsvoller, gerät so ein großes Motorrad aber an seine Grenzen. Dabei darf man die Africa Twin nicht nur auf ihr Gewicht reduzieren, denn es gibt am Markt auch andere große Reiseenduros, die sich dennoch sehr performant durch das Gemüse scheuchen lassen. Das größte Problem der Africa Twin ist ihre Ergonomie. Auf der Straße und im leichten Gelände freut man sich noch über die entspannte Sitz- und Stehposition, doch geht es bergauf und zieht man den Hang womöglich noch mit offenem Gas hoch, sind die Fußrasten zu weit vorne platziert. Der Abstand zwischen diesen und dem Lenker reicht nicht aus, um bei Steigungen den Körper weit genug nach vorne und die eigene Masse in Balance zu bringen. Stattdessen hängt man wie ein Klammeraffe am Lenker, was zu Problemen bei plötzlichen Schlägen gegen das Vorderrad oder Stellen mit wenig Grip führt. Das Vorderrad wird noch zusätzlich durch unkontrollierte Impulse über den Lenker belastet und kann dadurch dann wegrutschen oder aus der anvisierten Fahrlinie verschlagen werden.

Honda Africa Twin ES Offroad Test 2024
Unter Zug bergauf kann auf der Africa Twin mühsam werden. Es ist einfach nicht genug Platz zwischen Fußrasten und Lenker.

Davon abgesehen setzt sich die Stabilität der Africa Twin aber auch im mittelschweren Gelände fort. Warum nur mittelschwer? Unsere Testmaschine ist durch ihre Metzeler Karoo Street Bereifung etwas limitiert. Dazu kommt, dass weder ich, noch Kameramann Schaaf auf der Husqvarna Norden 901, Offroad-Heroes alá Pol Tarres sind. Außerdem wagen es sowieso eher nur ebenjene Götter des losen Untergrunds, mit großen Enduros echt hartes Gelände anzuvisieren. Die welligen, teils groben und schmalen Erd- und Waldwege Spaniens waren für uns die perfekte Spielwiese. Und gerade auf diesem wechselhaften Untergrund mit herausragenden Steinen und Motocross-ähnlichen Wellen im harten Erdboden war auch das ideale Terrain, um dem Fahrwerk auf die Federn zu fühlen. Hardware und Software stammen von Showa und regeln permanent die Dämpfung. Die Vorspannung kann in verschiedenen Modi per Knopfdruck angepasst werden. Auch die Dämpfung kann zwischen Hart, Medium, Soft und Offroad verstellt werden, wodurch sich eine große Spreizung ergibt. Statt wie beim konventionellen Fahrwerk mühsam per Hand die Klicks zuzudrehen, kann man schon beim Abfahren von der Asphaltstraße in den Offroad-Modus wechseln und ohne anzuhalten mit einem abgestimmten Fahrwerk weiterfahren. Das Fahrwerk spricht dabei fein auf Unebenheiten an, bügelt leichte Impulse gekonnt aus und federt progressiv bei härteren Schlägen ein. Dank dieser gebotenen Stabilität fühlt man sich selbst im mittelschweren Gelände noch gut aufgehoben. Trotz eines fahrfertigen Gewichts von 242 kg, schaffe ich es selbst bei flott angefahrenen Wellen im Erdweg kein einziges Mal das Fahrwerk zum Durchschlagen zu bringen. Worauf man allerdings bei flotter Fahrt auf felsigem Boden achten muss, sind herausragende Steine. Da die Africa Twin leider nur Schlauchlosfelgen im Programm hat, kann eine Delle in der Felge ein echtes Problem werden. Zumindest im Zubehör wären Felgen für Schlauchreifen wünschenswert.

Honda Africa Twin ES Offroad Test 2024
Der größte Vorteil des semi-aktiven Fahrwerks ist die Spreizung. Um von der Straße ab ins Grobe abzubiegen braucht es nur ein paar Knopfdrücke und schon ist man richtig eingestellt unterwegs.

Das Gewicht macht sich am meisten bemerkbar bei schnell notwendigen Korrekturen und seitlichen Schlägen. Die Kilogramm sind auf der Africa Twin sehr frontlastig verteilt und liegen recht hoch oben. Ist diese Masse einmal in Bewegung und soll schnell auf einen neuen Kurs gebracht werden, braucht es schon einen sehr bestimmten Impuls über Fußrasten und Lenker. Schaaf meint dazu: "Man muss die Africa Twin manhandeln." Mit der Zeit lernt man zwar etwas besser die notwendigen Kräfte einzuschätzen, doch es kommt immer wieder vor, dass man zu wenig oder viel Impuls gibt und die hochbeinige Africa Twin sich plötzlich in Richtung Boden bewegt. Gerade bei langsamen Geschwindigkeiten ist sie eher kippelig und man kämpft ein bisschen mit der Africa Twin. Aber wie immer gilt Offroad: Der Fahrer setzt das Limit, nicht das Motorrad. Es gibt aber auch unter den großen Reiseenduros Maschinen, die sich spielerischer und agiler über Stock und Stein treiben lassen.

Honda Africa Twin ES Offroad Test 2024
Offroad rangieren ist mit der kopflastigen und hohen Africa Twin gar nicht so leicht. Lange Beine sind hier ein echter Vorteil.

Fazit zur Offroad-Performance der neuen Honda Africa Twin mit semi-aktivem Fahrwerk

Die Africa Twin hat sich schon seit ihrer Neuauflage 2018 als komfortables, souveränes und stabiles Fahrzeug etabliert. Daran ändert sich grundsätzlich auch abseits der befestigten Straßen und mit dem semi-aktiven Fahrwerk nichts. Es gibt definitiv sportlichere und agilere Eisen da draußen. Mit dem neuen Fahrwerk wird der Komfort und die Stabilität aber auf ein neues Niveau gehoben. Gerade bei gemischten Touren mit on- und offroad Strecken ist es ein großer Pluspunkt, wenn man das Fahrwerk nur per Knopfdruck in die richtige Einstellung bringen kann. Das verbessert dementsprechend auch die Gesamtperformance auf der Tour, wenn man nicht mit einem für den Offroad-Einsatz eingestellten Fahrwerk die Anfahrt auf der Straße bewältigen muss. Aber auch ganz punktuell im Moment, während man mit Schwung über Erdwellen brettert oder kleine Steilauffahrten hochbollert, lässt das Fahrwerk für uns Hobby-Offroader kaum Wünsche offen. Es arbeitet fein, liefert gutes Feedback an den Fahrer und rumpelt stabil über Stock und Stein. Ein konventionelles Fahrwerk mag, von einem Kenner auf Fahrer, Fahrzeug und Terrain eingestellt, besser performen, aber dafür setzt man sich auf die Africa Twin ES einfach drauf und fährt los. Den Rest erledigt die Elektronik, der typische Reiseenduro-Kompromiss zwischen Straße und Abenteuer wird entschärft. Sehr leiwand! Hach, wenn jetzt nur noch die Ergonomie diese Vielseitigkeit unterstützen würde... Vielleicht beim nächsten Update der Africa Twin.

Honda Africa Twin ES Offroad Test 2024
Es gibt agilere und leichtere Reiseenduros für den Offroad-Einsatz. Doch die Africa Twin bietet auch ein paar echte Offroad-Qualitäten, allem voran der Motor und das semi-aktive Fahrwerk.

Dies ist das Testfazit und somit Ende dieses Offroad-Tests. Zur Erklärung: Die folgenden Fazits beziehen sich ganz allgemein auf die Africa Twin und wurden, da sie auch in unserem 1000PS-Marktplatz so aufscheinen, von vorherigen, nicht nur Offroad-spezifischen Tests übernommen.

Fazit: Honda CRF1100L Africa Twin 2024

Die Africa Twin ist eine Reiseenduro wie eine Reiseenduro sein soll. Das galt schon fürs Vorgänger-Modell und änderte sich auch mit dem Anwachsen von Hubraum und Leistung nicht. Weil diese mit 102 PS zum einen überschaubar blieb und es Honda dabei sogar schaffte, ein paar Kilo gegenüber der CRF1000L abzuspecken. Also blieb ihr die Vielseitigkeit, funktioniert sie auf der Autobahn genauso wie im Gelände. Das Fahrwerk schluckt so ziemlich alle Unebenheiten, der Motor bleibt in jeder Lebenslage souverän, Ergonomie und Sitzkomfort sind beispielhaft. Ein Motorrad für alle Tage genauso wie für die große Reise – wo immer die auch hingehen mag.


  • durchzugsstarker Motor
  • ausgereifte elektronische Fahrhilfen
  • wunderbar funktionierendes DCT (Option)
  • Touch-Screen-Farbdisplay
  • gute Ergonomie
  • Langstreckentauglichkeit
  • Windschild gut für Offroad
  • Bedienkonzept der Elektronik wenig übersichtlich und intuitiv
  • Handguards für Offroad-Einsatz wenig robust
  • Windschild bietet überschaubaren Schutz
  • Ergonomie für stehendes Fahren nicht ideal

Fazit: Honda CRF1100L Africa Twin DCT 2024

Die Africa Twin ist für mich eine Reiseenduro wie eine Reiseenduro sein soll. Das galt schon fürs Vorgänger-Modell und änderte sich auch mit dem Anwachsen von Hubraum und Leistung nicht. Weil diese mit 102 PS zum einen überschaubar blieb und es Honda dabei sogar schaffte, ein paar Kilo gegenüber der CRF1000L abzuspecken. Also blieb ihr die Vielseitigkeit, funktioniert sie auf der Autobahn genauso wie im Gelände. Das Fahrwerk schluckt so ziemlich alle Unebenheiten, der Motor bleibt in jeder Lebenslage souverän, Ergonomie und Sitzkomfort sind beispielhaft. Hinzu kommt das im Motorrad-Bereich einzigartige, inzwischen extrem ausgereifte DCT-Getriebe als absolutes Killer-Komfort-Feature.Zusammengefasst: Ein Motorrad für alle Tage, für abenteuerliche Touren und genauso für die große Reise – wo immer die auch hingehen mag.


  • durchzugsstarker Motor
  • ausgereifte elektronische Fahrhilfen
  • wunderbar funktionierendes DCT
  • Touch-Screen-Farbdisplay
  • gute Ergonomie
  • Langstreckentauglichkeit
  • Windschild perfekt für Offroad
  • Serien-Handguards für Offroad-Einsatz wenig robust
  • Elektronisches Bedienkonzept braucht Eingewöhnung und genaue Auseinandersetzung - Stichwort: Schalterflut
  • Windschild bietet überschaubaren Schutz

Bericht vom 08.04.2024 | 9.195 Aufrufe

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