Motorradreise mit dem Sohn

Gran Canaria mit dem Motorrad erleben

Eine Motorradreise durch Gran Canaria: Serpentinen, Wolkenmeer & Atlantikblick. Africa Twin trifft CB125R – ein Generationenmoment voller Fahrleidenschaft.

Der Morgen dämmert über Las Palmas, als ich neben dem Seitenständer der Africa Twin kniete und den Reifendruck prüfe. Mein Blick wandert zu meinem Sohn, der konzentriert am Tank seiner Honda CB 125 R hantiert. Seine erste eigene Maschine auf einer großen Tour. Jahre saß er hinter mir, die Arme um meine Taille geschlungen. Heute steht er daneben, im eigenen Sattel, mit frischem A1-Führerschein und dieser Mischung aus Aufregung und Anspannung im Gesicht, die ich nur zu gut kenne. Ich drücke den Startknopf. Der Twin erwacht mit dem charakteristischen Grummeln eines Parallel-Twin-Motors. Über das Cardo Packtalk Edge höre ich ihn: Bereit?" Bereit!" Wir rollen aus der Stadt hinaus, durch den zähen Morgenverkehr von Las Palmas, vorbei an den bunten Fassaden der Altstadt Vegueta, während sich über den Bergen bereits die ersten Wolkenfetzen am Zentralmassiv sammeln. Gran Canaria zeigt sein morgendliches Gesicht: Die Sonne wärmt bereits, doch über den Gipfeln hängt das berühmte Mar de Nubes, das Wolkenmeer. Ein Versprechen. Dort oben wartet etwas, das wir noch nicht kennen.

Ankunft auf dem Miniaturkontinent

Die Entscheidung für Gran Canaria war keine spontane. Nach Jahren der Winterflucht auf die Kanaren hat sich diese Insel längst als Fixpunkt im Kalender etabliert. Während Mitteleuropa im Januar in Grautönen erstarrt, tankt man hier Sonne bei 22 Grad und fährt Motorrad auf Straßen, die selbst hartgesottene Alpenpiloten ins Schwärmen bringen. 1.560 Quadratkilometer Fläche, 14 Mikroklimazonen, fast 2.000 Höhenmeter vom Strand bis zum Gipfel. Ein geologisches Wunderwerk, das man nicht beschreiben kann. Man muss es fahren. Der Flug von Mitteleuropa dauert 5 Stunden. Landung am Flughafen Gran Canaria, südlich der Hauptstadt. Die Luft, die uns beim Aussteigen empfängt, trägt die Mischung aus Salz, Sonne und diesem leichten Hauch von Vulkangestein, der den Kanaren eigen ist. Kein europäischer Winter mehr. Hier beginnt eine andere Welt.

Canary Ride: Wo Träume eine Flottennummer bekommen

Die Adresse von Canary Ride in Las Palmas ist mittlerweile so vertraut wie die eigene Garage. Jedes Mal, wenn ich durch das Tor schreite, bin ich aufs Neue beeindruckt: Über 100 Motorräder stehen insgesamt aufgereiht in den Canara Ride Locations. Honda, BMW, Suzuki, Moto Guzzi, Ducati, Yamaha eine Auswahl, die ich sonst nirgendwo auf der Welt gesehen habe. Der Inhaber, ein leidenschaftlicher Biker mit einem logistischen Talent, das Respekt verdient, begrüßt uns mit einem Lächeln. Die Africa Twin Adventure Sports 2025 und die CB125R sind startklar." Ich stehe vor der Africa Twin. Frisch poliert, vollgetankt, mit dem unverwechselbaren Profil eines Reise-Enduros, das für solche Touren gemacht wurde: Federweg für ruppige Bergstraßen, genug Durchzug für steile Rampen, komfortabel genug für lange Tage im Sattel. Mein Sohn inspiziert derweil die kleine 125er kompakt, wendig, perfekt für ihn. Die E-Trials und Motocross-Maschinen seiner Jugend haben ihn vorbereitet, aber das hier ist neu. Richtiger Verkehr. Richtige Straßen. Richtige Verantwortung. Papiere in Ordnung, Helm auf, Cardo gecheckt?" Er nickt. Ich schwinge mich auf die Africa Twin, spüre das vertraute Gewicht, die Balance. Der Motor läuft seidenweich im Leerlauf. Wir rollen vom Hof. Las Palmas wartet.

Las Palmas: Basecamp zwischen Chaos und Charme

Die Entscheidung, Las Palmas als Ausgangspunkt zu wählen, ist bewusst getroffen. Andere Kollegen bevorzugen ruhigere Dörfer im Inselinneren, Halbpension, weniger Verkehr. Verständlich. Aber Las Palmas hat etwas, das man woanders nicht bekommt: das echte Gran Canaria. Hier lebt die einheimische Bevölkerung, hier pulsiert der Alltag, hier gibt es Restaurants, die nicht für Touristen dekoriert sind, sondern für Canarios. Die Preise sind niedriger, die Atmosphäre authentischer, und abends kann man am Strand von Las Canteras surfen oder durch die Gassen von Vegueta schlendern, während die Stadt immer wieter pulsiert. Der Nachteil? Der Verkehr ist mühsam. Die Parkplatzsituation eine Geduldsprobe. Aber nach all den Jahren kehre ich immer wieder hierher zurück. Die Stadt gehört zur Reise wie die Berge und das Meer. Sie ist Teil des Gesamtbildes, das Gran Canaria ausmacht.

Raus aus der Stadt! Frühmorgens auf der Stadtautobahn Richtung Süden!
Raus aus der Stadt! Frühmorgens auf der Stadtautobahn Richtung Süden!

GC-130: Der Aufstieg ins Wolkenmeer

Der Morgen bricht klar an. Vom Balkon des Hotels aus sehe ich die Berge im Inselinneren und sie sind frei. Kein Nebel, keine dicke Wolkensuppe. Das ist das Zeichen. Wir starten Richtung Telde, wo die GC-130 beginnt. Die Straße, die lokale Rennradfahrer als eine der härtesten Auffahrten Europas kennen. Für uns Motorradfahrer: ein Fest. Die ersten Kilometer schlängeln sich noch gemächlich durch die Vororte von Telde, doch dann beginnt die Straße zu steigen. Anfangs sanft, dann entschlossen. Die Kurven werden enger, die Steigung zieht an. 10 Prozent im Durchschnitt, Abschnitte mit 15. Die Africa Twin nimmt jede Kehre mit der Gelassenheit eines Arbeitspferds, das genau weiß, was es kann. Hinter mir höre ich über das Cardo, wie mein Sohn sich konzentriert. Zweiter Gang, Gas halten, Blick in die Kurve." Die Mantras, die ich ihm beigebracht habe, die er jetzt selbst anwendet. Die Landschaft verändert sich mit jedem Höhenmeter. Unten war es trocken, fast wüstenhaft. Jetzt, auf 600 Metern, tauchen die ersten Palmen auf, dann Agaven, dann Kiefern. Die Luft wird kühler, trägt den Duft von Harz und Erde. Wir durchqueren diverse Barrancos. Das sind steile Schluchten, deren Felswände sich bedrohlich nah an die Straße drängen. Die Sonne steht noch tief, wirft lange Schatten über den Asphalt. Bei La Breña beginnt das Steilstück. Fünf Kilometer, die zu den Feinsten gehören, was diese Insel zu bieten hat. Die Kurven folgen in endloser Abfolge. Haarnadelkurven, Spitzkehren, weite Schwünge ein Tanz mit dem Berg. Die Motorräder neigen sich in die Schräglage, die Reifen greifen sauber, der Rhythmus stimmt. Links und rechts fallen die Barrancos steil ab, und immer wieder öffnen sich Blicke auf die Ostküste, weit unten, wo das Meer in unzähligen Blautönen schimmert. Auf 1.200 Metern stoßen wir ins Wolkenmeer. Plötzlich ist die Sicht weg, verschluckt von dichtem Nebel. Die Temperatur fällt schlagartig. Waren es unten noch 23 Grad, sind es jetzt vielleicht 15. Ich greife nach dem Reißverschluss meiner Vanucci VSJ-7 Textiljacke, ziehe ihn ein Stück höher. Die Feuchtigkeit legt sich auf das Visier, die Welt schrumpft auf wenige Meter Straße vor uns. Dann, nach vielleicht zehn Minuten, brechen wir durch. Die Sonne explodiert über uns, und unter uns liegt das Wolkenmeer wie ein weißer Ozean, der sich bis zum Horizont erstreckt. Nur die Gipfel ragen heraus Roque Nublo, Roque Bentayga, die höchsten Erhebungen der Insel wie Inseln in einem Meer aus Watte. Die Luft ist glasklar, kalt, beinahe alpin. Ich halte an einem Aussichtspunkt, stelle den Motor ab. Die Stille ist überwältigend. Nur der Wind, der leise über die Kiefern streicht. Mein Sohn zieht den Helm ab, starrt stumm auf das Panorama.

Roque Nublo: Pilgerfahrt zum Wolkenfelsen

Von der GC-130 zweigt kurz vor dem Gipfel die GC-134 ab. Das letzte Stück zum Roque Nublo, dem Wahrzeichen Gran Canarias. Ein 80 Meter hoher Monolith aus Basaltbrekzie, ein geologischer Pfropfen aus einem längst erloschenen Vulkanschlot, 4,5 Millionen Jahre alt. Für die Guanchen, die Ureinwohner der Insel, war er heilig. Ein Ort der Opfergaben, ein Fenster zum Sonnengott. Heute pilgern die Einheimischen hierher, und wer einmal vor ihm gestanden hat, versteht warum. Seit Februar 2025 braucht man ein kostenloses Online-Ticket, um zwischen 9 und 17 Uhr hierher zu kommen maximal 60 Besucher pro Stunde. Der Parkplatz La Goleta ist jetzt nur noch Bushaltestelle, aber wir sind früh dran, das Chaos hält sich in Grenzen. Die Motorräder parken wir an einer windgeschützten Ecke, ziehen die Stiefel fest, packen die Kameras aus. Der Weg zum Roque Nublo ist ein Rundweg, 2,3 Kilometer, etwa 90 Minuten hin und zurück. Nicht schwer, aber er steigt an, und auf knapp 1.800 Metern Höhe merkt man jeden Meter. Die Wintersonne steht tief, taucht die Felsarena in warmes, fast goldenes Licht. Links vom Weg erhebt sich der Roque del Fraile, der Mönch, eine schlanke Felsnadel, die tatsächlich aussieht wie ein Mann in Kutte. Daneben La Rana, der Frosch ein gedrungener Fels, dessen Form an ein hockendes Tier erinnert. Und dann, nach der letzten Steigung, liegt er vor uns: der Roque Nublo. Ich habe diesen Fels schon auf dutzenden Fotos gesehen, aber nichts bereitet einen auf die Wirkung vor, wenn man davor steht. 80 Meter reiner, roter Basalt, der aus der Bergkuppe ragt wie ein versteinernder Finger, der gen Himmel zeigt. Die Proportionen sind irre. Menschen wirken winzig. Die Stille ist beinahe sakral. Wir setzen uns auf einen Felsvorsprung, lassen die Beine baumeln, starren auf das Panorama. Bei klarer Sicht kann man von hier bis Teneriffa sehen, wo sich der Teide, der höchste Berg Spaniens, aus dem Horizont schält. Heute ist die Sicht gut. Der Teide ist da, eine ferne, weiße Pyramide, 3.715 Meter hoch, über 100 Kilometer entfernt. Das Gefühl, von einem Gipfel auf den anderen zu schauen, über das Meer hinweg, ist irgendwie super inspirierend. Wenn wir Bock hätten, könnten wir morgen auch dort drüben Motorrad fahren! Doch möglicherweise machen wir das wieder nächstes Jahr - hier die Informationen und die Story von unserer Reise aus 2024: https://www.1000ps.at/reisestories-id-3010978-teneriffa-mit-dem-motorrad Mein Sohn sagt nichts. Aber ich sehe, wie er die Landschaft aufnimmt, jedes Detail. Früher, auf dem Soziussitz, hätte er vermutlich sein Handy gezückt. Jetzt sitzt er einfach da, schaut, atmet. Motorradfahren verändert die Wahrnehmung. Plötzlich werden Dinge wichtig, die man sonst übersehen würde. Die Farbe des Lichts. Die Struktur eines Felsens. Der Wind, der anders klingt, je nachdem, wie er über Stein oder Kiefern streicht. Als die Sonne tiefer sinkt, wird es schnell kalt. Die Jacken, die unten zu warm waren, sind jetzt gerade richtig. Wir brechen auf, wandern zurück zu den Motorrädern. Der Abstieg liegt vor uns, und die Schatten werden lang.

GC-200: Küstenkino über dem Abgrund

Am nächsten Tag nehmen wir uns die Westküste vor. Die GC-200 gilt unter Motorradfahrern als eine der spektakulärsten Küstenstraßen der Welt. Sie ist die Route an der Westküste.Eng, kurvig, absurd steil, tollkühn in die Felsen über dem Atlantik gemeißelt. Eine Straße, die nicht gebaut, sondern erkämpft wurde. Wir starten früh. Die Morgensonne liegt noch flach über dem Meer, als wir Puerto de las Nieves erreichen. Ein verschlafener Fischerort, bekannt für seinen Hafen, von dem die Fähre nach Teneriffa ablegt. Hier beginnt die GC-200. Die ersten Kilometer sind harmlos, fast gemütlich. Dann biegt die Straße nach Süden ab und plötzlich verändert sich alles. Die Steilküste Andén Verde erhebt sich vor uns wie eine Mauer. Über 600 Meter fallen die Klippen senkrecht ins Meer. Die Straße klebt an der Felswand, windet sich in endlosen Kurven nach oben. Links die Wand, rechts der Abgrund. Keine Leitplanken. Nur gelegentlich ein niedriger Betonrand, der mehr psychologischen als physischen Schutz bietet. Der Atlantik brandet weit unten gegen die Felsen, schickt Gischt in die Luft, die im Morgenlicht glitzert. Die Africa Twin nimmt die Kurven mit stoischer Ruhe. Ich fahre nicht schnell das würde dem Erlebnis nicht gerecht werden. Jede Kurve ist ein Genuss, jeder Blick ein Postkartenmotiv. Hinter mir hält mein Sohn den Abstand, konzentriert, aber entspannt. Über das Cardo höre ich seine stauenden Worte, ruhig und entspannt. Er hat den Rhythmus gefunden. Die Straße hat 365 Kurven, angeblich eine für jeden Tag des Jahres. Ob das stimmt, habe ich nie nachgezählt, aber es fühlt sich wahr an. Kurve folgt auf Kurve, jede anders, jede fordernd. Manche sind weit und schnell, andere eng und langsam. Der Asphalt ist größtenteils gut, aber es gibt Stellen, wo Steinschlag Spuren hinterlassen hat, wo man achtsam sein muss. Die Strecke wurde bereits teilweise durch die GC-2 Autobahn ersetzt und ein Streckenabschnitt ist bereits gesperrt. Dort fotographieren und filmen wir besonders gerne. Man kann von Norden bis zur Absperrung einfahren und muss dann denselben Weg wieder zurücknehmen. Selten sind dort andere Verkehrsteilnehmer unterwegs. Bei San Nicolás de Tolentino machen wir Pause. Ein kleiner Ort, der sich an die Küste schmiegt, umgeben von kargen Bergen. Wir stellen die Motorräder ab, ziehen die Helme aus, lassen den Wind durch die verschwitzten Haare streichen. Normalerweise isst man hier frischen Thunfisch. Wir hatten mehr Bock auf Süsses und besuchen hier gerne immer die Pastelería San Nicolás. Danach hat man wieder ausreichend Zucker im Blut und kann die Konzentration wieder halten - so zumindest rechtfertige ich mir die süssen Sünden vor Ort. Der Wermutstropfen? Die GC-2, eine moderne, tunnelreiche Autobahn, wird durch die Berge gebohrt. Wenn sie fertig ist, droht der GC-200 das Schicksal vieler alter Küstenstraßen: Nicht mehr unterhalten, irgendwann gesperrt. Die Uhr tickt. Fahr sie, solange du kannst. Und fahr sie immer dann, wenn das Wetter gut ist. Denn die Straße liegt auf der niederschlagsreichen Seite der Insel. Außerdem sind einige Abschnitte oft im Schatten. Diese Straße ist immer dann am Plan, wenn schon morgens die Sonne scheint und der Himmel blau ist.

Barranco de Guayadeque: Leben in der Schlucht

An einem anderen Tag nehmen wir uns die Barrancos vor, die tiefen Schluchten, die vom Inselzentrum sternförmig zur Küste schneiden. Der Barranco de Guayadeque ist der spektakulärste von allen. Zufahrt über die GC-103 ab Agüimes, eine gut ausgebaute, kurvenreiche Straße, die direkt durch die Schlucht führt. Der Barranco ist 15 Kilometer lang, grün, fruchtbar, ein Kontrastprogramm zur kargen Hochgebirgswelt. Die Felswände sind übersät mit bewohnten Höhlenhäusern weiß gestrichen, sauber verputzt, manche luxuriös ausgebaut. Es ist eine eigene Welt, eine Siedlungsform, die bis zu den Guanchen zurückreicht und bis heute Bestand hat. Wir halten am Centro de Interpretación de Guayadeque, einem Museum, das in den Fels hineingebaut wurde. Drinnen erfährt man alles über die Geschichte der Guanchen, ihre Lebensweise, ihre Kultur. Draußen führt ein Pfad zu einigen der Höhlenhäuser, die man besichtigen kann. Die Temperatur in den Höhlen ist konstant, etwa 18 bis 20 Grad, ideal für das Klima Gran Canarias. Im Sommer kühl, im Winter mild. Kein Wunder, dass Menschen hier seit 2000 Jahren leben. Am Ende der Schlucht, auf 970 Metern Höhe, liegt das Höhlenrestaurant Tagoror. Wir parken die Motorräder, betreten das Lokal und sind sofort überwältigt. Die gesamte Gaststube ist in den Fels gehauen. Rohes Gestein über uns, Kerzenlicht, gedämpfte Stimmen. Auf der Speisekarte: traditionelle kanarische Küche. Carne fiesta (mariniertes Schweinefleisch), puchero (Eintopf), gofio escaldado (geröstetes Getreidemehl mit Brühe). Die Portionen sind großzügig, die Aromen intensiv. Wir essen langsam, genießen jeden Bissen, lassen die Atmosphäre wirken. Draußen, als wir wieder in der Sonne stehen, fällt mein Blick auf die Felswände. Bald blühen auch die Mandelbäume das wird in wenigen Wochen soweit sein. Dann wäre die Aussicht noch intensiver! Der Barranco taucht dann in ein rosa-weißes Blütenmeer. Ein Naturschauspiel, das nur wenige Wochen im Jahr zu sehen ist. Nächstes mal kommen wir möglicherweise etwas später!

Cruz de Tejeda: Knotenpunkt im Herzen der Insel

Cruz de Tejeda liegt auf etwa 1.500 Metern, mitten in der Caldera de Tejeda, einem riesigen Erosionskessel, der von dramatischen Felsformationen umgeben ist. Von hier aus laufen die wichtigsten Straßen der Insel sternförmig auseinander. Es ist der klassische Biker-Treffpunkt. An sonnigen Wochenenden stehen hier dutzende Motorräder, lokale Fahrer treffen sich, tauschen Routen aus, genießen die Aussicht. Wir kommen am späten Vormittag an. Das Mar de Nubes hängt noch über der Nordseite, aber hier oben ist es klar. Die Temperaturen liegen bei etwa 12 Grad, angenehm frisch. Wir stellen die Motorräder ab, suchen uns einen Tisch auf der Terrasse des Parador de Cruz de Tejeda, einem Hotel-Restaurant mit Panoramablick. Die Spezialität hier: Bienmesabe, eine süße Mandelpaste, und Mandelkuchen. Dazu Kaffee, stark und heiß. Von der Terrasse aus sehen wir den Roque Nublo, der sich majestätisch aus der Caldera erhebt. Rechts davon der Roque Bentayga, ein heiliger Berg der Guanchen mit einem Almogarén, einer Kultstätte, die astronomisch ausgerichtet ist. Die Guanchen nutzten solche Orte für Rituale, möglicherweise auch für astronomische Beobachtungen. Heute kann man zum Roque Bentayga hinaufwandern, ein Lehrpfad erklärt die Geschichte. Die Caldera de Tejeda ist ein geologisches Meisterwerk. Der spanische Philosoph Miguel de Unamuno beschrieb sie 1910 als versteinerter Sturm aus Feuer und Lava" und genau so fühlt es sich an. Die Felsen scheinen in Bewegung erstarrt, als hätte ein Gott sie mitten im Tanz eingefroren. Bei tiefstehender Wintersonne, wenn das Licht die Felswände in glutrote Töne taucht, ist die Wirkung magisch.

Tejeda: Mandelblüte und weiße Häuser

Vom Cruz de Tejeda ist es nur ein kurzer Abstecher ins Dorf Tejeda, das 2013 zu einem der schönsten Dörfer Spaniens gewählt wurde. Weiße Häuser, rote Ziegeldächer, enge Gassen traditionelle kanarische Architektur in Perfektion. Das Dorf liegt auf 1.050 Metern, eingebettet in die Caldera, umgeben von Mandelbäumen. Wir schlendern durch die Gassen, vorbei an Bäckereien, die turrón (Mandel-Nougat) und Marzipan verkaufen. Der Duft von gerösteten Mandeln hängt in der Luft. Am Nachmittag muss man hier lange anstehen, vormittags kann man noch etwas die Ruhe genießen. Auch hier kann man die Zuckerdepots wieder kräftig auffüllen. Draußen setzen wir uns auf eine Bank, schauen auf die Berge, lassen die Stille wirken. Anfang Februar findet hier das Fiesta del Almendro en Flor, das Mandelblütenfest, statt. Die ganze Region feiert die Blüte mit Musik, Tanz, Essen. Wir sind ein paar Wochen zu früh, aber die Leckereien sind bereits da - bei prächtiger Aussicht auf die Berge.

Santa María de Guía: Der Blütenkäse

Auf dem Weg zurück an die Küste machen wir einen Abstecher nach Santa María de Guía, einem unscheinbaren Dorf im Norden, das für eine Besonderheit bekannt ist: den Queso de Flor de Guía, einen Blütenkäse, der mit Distelblüten-Lab hergestellt wird. Komplett vegetarisch (nicht vegan), aus Rohmilch (Schaf, Kuh, manchmal etwas Ziege), in Handarbeit, nach traditionellen Familienrezepten. Die Casa del Queso liegt etwas außerhalb des Ortes, in Montaña Alta. Ein kleines Museum mit angeschlossenem Laden. Wir probieren verschiedene Reifestufen: tíerno (jung, cremig, mild), semicurado (halbreif, würziger), curado (voll gereift, hart, intensiv). Der Geschmack ist außergewöhnlich cremig, leicht bitter, säuerlich, je nach Reifegrad. Der curado, nach etwa einem Jahr Reifung, hat eine harte Konsistenz und einen sehr würzigen, komplexen Geschmack. Die Käseproduktion ist saisonabhängig. Die wilde Artischocke blüht im April/Mai, wird im Juni geerntet, und die Herstellung läuft von Januar bis Juli. Im Januar bekommt man Käse vom letzten Jahrgang, teilweise schon perfekt gereift. Wir kaufen ein Stück curado für zu Hause ein Stück Gran Canaria, das wir mitnehmen können.

Artenara: Über den Wolken

Einen Tag später fahren wir nach Artenara, das höchstgelegene Dorf Gran Canarias auf 1.270 Metern. Von Cruz de Tejeda führt die Straße durch dichte Pinienwälder, kurvenreich, landschaftlich grandios. Artenara thront über der Caldera de Tejeda, bekannt für bewohnte Höhlenhäuser und den Mirador de Unamuno, einen Aussichtspunkt mit 360-Grad-Panorama. Wir parken die Motorräder am Ortsrand, gehen zum Mirador. Die Sicht ist unfassbar. Unter uns die gesamte Caldera, Roque Nublo und Roque Bentayga wie gigantische Wächter. Im Westen das Meer, im Osten die Ostküste. Und bei klarer Sicht, wie heute, erhebt sich am Horizont der Teide auf Teneriffa, schneebedeckt, fern und doch präsent. Der Mirador ist nach Miguel de Unamuno benannt, dem spanischen Philosophen, der 1910 auf Gran Canaria war und von der Caldera schwärmte. Man versteht, warum. Die Landschaft hat etwas Zeitloses, etwas, das sich der Sprache entzieht. Man kann sie nur erleben. In Artenara gibt es eine Höhlenkapelle, die Ermita de la Cuevita, in den Fels gehauen, mit einer Madonnenfigur, die von Pilgern verehrt wird. Viele Einwohner leben in Höhlen komplett ausgebaut, mit Strom, Wasser, Heizung. Die Temperatur in den Höhlen ist konstant, etwa 18 bis 20 Grad, das ganze Jahr über. Wir kehren in einem kleinen Höhlenrestaurant ein, essen puchero canario (Eintopf mit Kichererbsen, Fleisch, Gemüse. Die Wände sind rau, das Licht gedämpft, die Atmosphäre unwirklich. Es ist, als würde man in einer anderen Zeit essen.

Der Generationenwechsel: Vom Sozius zum eigenen Lenker

Was diese Tour so besonders macht, ist nicht nur die Insel. Es ist der Wandel, den ich neben mir erlebe. Über Jahre war mein Sohn Sozius. Die Arme um meine Taille, das Gesicht im Nacken des Helms verborgen. Er sah die Landschaft vorbeiziehen, aber er steuerte sie nicht. Jetzt sitzt er auf einer eigenen Maschine, die kleine Honda CB 125 R, und plötzlich ist alles anders. Die Jahre auf Oset E-Trials und kleinen Motocross-Maschinen haben ihm die Basis gegeben Balance, Gasführung, Bremsen, Blickführung. Aber Straßenverkehr ist eine andere Welt. Es geht nicht mehr nur um Technik, sondern um Situationen lesen, Gefahren antizipieren, im Verkehr mitschwimmen, ohne sich mitreißen zu lassen. Das Cardo Packtalk Edge System ist Gold wert. Wir sind in ständigem Austausch. Ich warne vor Schlaglöchern, er fragt nach Gangwahl in steilen Rampen. Wir besprechen Kurventechnik in Echtzeit, analysieren Situationen, teilen Beobachtungen. Es ist eine neue Form der Nähe, eine Kommunikation, die nur auf dem Motorrad möglich ist. Was mich am meisten beeindruckt: die Aufmerksamkeit. Im Alltag ist die Welt oft langweilig, das Handy eine Ablenkung. Jetzt nimmt er alles wahr. Die Farbe des Lichts auf den Felsen. Den Geruch von Kiefernharz. Die Veränderung der Temperatur, wenn wir durch das Wolkenmeer brechen. Motorradfahren schärft alle Sinne, zwingt zur Präsenz. Man kann nicht abschalten, nicht abschweifen. Jeder Moment fordert volle Aufmerksamkeit und genau das macht es so intensiv. Abends, nach langen Tagen im Sattel, sitzen wir im Hotel, gehen die Route durch, reden über die Straßen, die Kurven, die Momente. Es sind Gespräche, die wir früher nicht hatten. Motorradfahren schafft eine gemeinsame Sprache, eine geteilte Leidenschaft, die über Worte hinausgeht.

Spendete Vertrauen und machte Spaß: Die Honda CB125R
Spendete Vertrauen und machte Spaß: Die Honda CB125R

Die Ausrüstung: Mehr als nur Klamotten

Ausrüstung ist auf Gran Canaria entscheidend. Die Temperaturunterschiede sind extrem 28 Grad am Strand, vielleicht 5 Grad auf dem Gipfel. Und das innerhalb von 90 Minuten Fahrzeit. Wer nicht vorbereitet ist, friert oder schwitzt. Mein Sohn trägt die Vanucci Schuhe VAB-8, stabil und bequem, die Vanucci Jacke RVX-3, die genug Belüftung bietet, ohne zu kalt zu werden, und den Nishua NTX-4 EVO Integralhelm, leicht und gut belüftet. Die Vanucci VAG-9 Handschuhe sind ein guter Kompromiss zwischen Schutz, Belüftung und Gefühl. Ich selbst setze auf die Vanucci VSJ-7 Textiljacke und die Vanucci VAT-6 Textilhose beide mit guten Lüftungssystemen. Der Nishua NT4-6 Evo Integralhelm ist diesmal mein Helm für Grand Canaria - überraschend leise und komfortabel. Die Vanucci VAB-5 Stiefel sind Touring-Stiefel mit guter Knöchelstütze, und die Vanucci VAG-4 Handschuhe sind meine universelle Wahl, wenn ich verschiedene Motorradkategorien fahren werden.

  • Hier die Informationen zur Marke Vanucci und zu den Produkten.
  • Die Kommunikation zwischen unseren beiden Maschinen ermöglichte das Cardo Packtalk Edge System, das in beiden Helmen verbaut war.
  • Für die Tourenplanung und Navigation kam Calimoto zum Einsatz, das sich besonders für kurvenreiche Strecken auf der Insel bewährt hat: https://calimoto.com/de/
  • Die Onboardaufnahmen machen wir mit unseren favorisierten - ActionCam: AcePro2 von Insta360. Im Alltag begeistert uns vor allem das Flip-Display und die Stärke bei wechselnden Lichtverhältnissen.

Warum Januar? Die perfekte Winterflucht

Gran Canaria kann das ganze Jahr über mit dem Motorrad befahren werden. Aber für uns Mittel- und Nordeuropäer ist der Januar unschlagbar. Während zu Hause die Garage zu ist und die Straßen nass und kalt sind, tankt man hier Sonne bei perfekten Temperaturen. Die Vorteile im Januar sind offensichtlich: Die Touristenmassen bleiben am Strand, die Bergstraßen sind am Tagesrand kaum befahren. Die Temperaturen liegen tagsüber bei 20 bis 23 Grad, keine brütende Sommerhitze wie im Juli/August, keine Kälte wie in Europa. Die Mandelblüte beginnt Ende Januar, verwandelt die Landschaft in ein zartrosa Meer. Die Winterluft ist klar, perfekt für Panoramablicke bei guter Sicht sieht man bis Teneriffa, über 100 Kilometer entfernt. Wunderbare Fotos ergeben sich wie von selbst. Das Wetter ist stabil. Im Süden gibt es im Januar meistens keinen Regen. Im Norden können fünf bis sieben Regentage vorkommen, aber die Schauer sind kurz und heftig danach ist wieder Sonne. Die Buchungslage ist im Januar entspannt. Hotels sind verfügbar, Preise akzeptabel. Nur über Weihnachten und Neujahr wird es voller, aber danach beruhigt sich alles wieder. Die Schulter-Saison (April bis Juni, September bis November) ist ebenfalls eine gute Option, aber der Januar hat diesen speziellen Reiz: Europa im Winterschlaf, Gran Canaria als Sonnenparadies.

14 Klimazonen: Von der Sahara in die Alpen in 90 Minuten

Gran Canaria wird nicht umsonst Miniaturkontinent" genannt. 1.560 Quadratkilometer Fläche, 14 Mikroklimazonen, und man kann morgens im Wüstenklima starten und mittags im Nebelwald enden. Das zentrale Bergmassiv ist die Wetterscheide: Die Passatwinde aus Nordosten stauen sich am Bergrücken, bilden das berühmte Mar de Nubes(Wolkenmeer) auf 1.200 bis 1.600 Metern Höhe, während der Süden im Regenschatten liegt und sich sonnt. Die klassische Alle Klimazonen in 90 Minuten"-Route beginnt in Playa del Inglés (Strand, Sahara-Feel, 23 Grad), führt durch die Dünen von Maspalomas (Wüste, für die man sich Zeit nehmen sollte sie sind surreal), dann die GC-60 hinauf durchs Fataga-Tal (grüner Canyon, Palmenhaine), weiter nach San Bartolomé (subtropisch, Fruchtbäume), hinauf nach Cruz de Tejeda (Pinienwälder, 15 Grad), und schließlich zum Roque Nublo (alpine Kühle, 12 Grad, kann im Winter sogar Schnee haben). Die Faustregel: -0,6 Grad pro 100 Höhenmeter. Start in Maspalomas oder Las Palmas bei 23 Grad, Ankunft am Pico de las Nieves auf 1.949 Metern bei vielleicht 7 bis 10 Grad. Temperaturdifferenzen von 15 bis 16 Grad sind völlig normal. Wer das nicht einplant, friert oder schwitzt. Die Praxis-Tipp für den Januar beim Start aus Las Palmas: Optisch checken, ob der Gipfel frei von Wolken ist. Wenn ja: Nordroute fahren, durch die Wolken brechen, oben Sonne genießen. Wenn dicke Wolkensuppe drüber hängt: Südroute entlang der Autobahn fahren und die Südflanke befahren meist besseres Wetter, weil Regenschatten. Das Mar de Nubes von unten zu durchstoßen ist grandios, aber die Sicht oben kann bescheiden sein. Und meistens sind die Straßen dann auch über weite Teile feucht.

Das Fazit: Die Magie des Miniaturkontinents

Gran Canaria im Januar ist mehr als nur eine Motorradtour. Es ist ein Versprechen, das diese Insel hält: 14 Klimazonen, fast 2.000 Höhenmeter, Straßen wie aus dem Lehrbuch, Landschaften, die den Atem rauben. Während der Rest Europas im Winterschlaf liegt, drehst du hier Runden auf Weltklasse-Straßen bei 22 Grad. Die GC-130, die GC-200, die Barrancos, die Bergdörfer alles ist zugänglich, alles ist fahrbar, und alles ist Teil von Europa. Ohne Roaminggebühren, ohne Währungsdifferenzen, ohne Passkontrolle! Die Insel fordert. Die Steigungen sind steil, die Kurven endlos, die Temperaturschwankungen extrem. Aber sie gibt auch viel zurück. Jeden Schweißtropfen, jeden Moment der Konzentration. Sie zahlt mit Aussichten, die man nie vergisst. Mit Momenten, die man nicht in Worte fassen kann. Mit einer Intensität, die nur das Motorradfahren bietet. Plane nicht zu viel. Gran Canaria will in Ruhe erlebt werden. Fahr jede Strecke zweimal einmal in jede Richtung, weil die Aussichten komplett anders sind. Halt an den Aussichtspunkten, iss Mandelkuchen in Tejeda, probier den Blütenkäse in Guía, und sitz zu Mittag in einem Höhlenrestaurant im Barranco de Guayadeque. Lass die Insel zu dir sprechen. Und wenn du abends im Hotel sitzt, die Beine müde, die Haut von der Sonne gerötet, das Visier noch voll Staub, dann weißt du: Das hier war mehr als nur Urlaub. Das war Leben.

Bericht vom 18.01.2026 | 798 Aufrufe

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