Yamaha Tenere 700 World Rally vs. Ur-Tenere

Über 300.000 Kilometer mit der Alten!

Alt gegen neu - mit 38 Jahren und mehr als 300.000(!) Kilometer Unterschied zwischen der Ur-Tenere und der neuen Yamaha Tenere 700 World Rally gewiss kein gerechter Vergleich. Da freut es umso mehr, dass die alte Dame mit ihrem sympathischen Patina dank der guten Pflege durch Besitzer „Herbie“ erstaunlich gut gefahren werden kann!

Dass die neue Tenere 700 World Rally ziemlich alles besser kann als die 38 Jahre alte Ur-Tenere steht wohl außer Frage, dennoch ist es einerseits erstaunlich, wie gut und harmoisch die alte Dame funktioniert und andererseits, wie gut sich die World Rally mit ihrem großen Spritfass fahren lässt! Doch bleiben wir vorerst bei der Yamaha Tenere 600 - der wahren Legende! Das Modell von 1985 ist zwar kein erstes Baujahr (1983), dafür eine Tenere 47N der ersten Serie. Die wichtigsten technischen Daten klingen sogar relativ modern, 165 Kilo Gewicht und 44 PS würden auch ausgezeichnet zu einem aktuellen Motorrad in der A2-Liga passen. Auch die Leistungsentfaltung und das Drehmoment werden äußerst harmonisch per Vergaser aufgebaut, da stottert nichts, da ruckelt nichts.

27.000 Kilometer stehen am Tacho - die 1985er Tenere hat aber 327.000!

Und damit eignet sich die alte Tenere immer noch ausgezeichnet für Ausflüge ins Gemüse, denn da tuckert sie hinauf wie ein Traktor und die, für heutige Verhältnisse doch recht schwammige Vorderradbremse reagiert niemals zu scharf oder abrupt. Da kann einem durchaus der Gedanke kommen, dass früher tatsächlich vieles besser war als heute, denn die alte Dame hat sage und schreibe 327.000 Kilometer auf dem Buckel! Wirkt dabei aber so frisch, dass sie durchaus um 300.000 weniger haben könnte. Das ist natürlich auch der guten Pflege durch ihren Besitzer Herbie Blum geschuldet, der sie hegt und pflegt, allerdings auch nicht übermäßig viel Restoration betreibt. Der Tank etwa ist und bleibt abgeschunden und soll mit seiner Patina ja auch von seinen Abenteuern erzählen.

Die Tenere 600 war 1988 bei der Rallye Dakar in Algerien

Herbies Tenere war nämlich sogar bei der Rallye Dakar dabei! Eine nette Geschichte, die der sympathische Schweizer sogleich relativiert, ohne überheblich auszuschweifen. Er war mit seinen Spezis nämlich im Jahre 1988 in Algerien auf seiner Tenere unterwegs, um den Rallye Dakar-Tross in einer Oase zu besuchen und begleiteten die Rallye bis zum nächsten Stützpunkt - dies aber nicht über die harte Route, die von den Rallye-Teilnehmern bewältigt werden musste, sondern über die Verbindungsetappen der Versorgungsfahrzeuge.

Die neue Yamaha Tenere 700 World Rally ist erstaunlich handlich

Dieses tolle Abenteuer würde Herbie heute zwar nicht mehr wagen, hätte er aber damals die neue Tenere 700 World Rally in der feschen Stephane Peterhansel-Lackierung gehabt, hätte es ihm bestimmt auch viel Spaß gemacht. Dieses aktuelle Modell ist nämlich trotz größerem 23 Liter-Tank, der aber schwerpunktgünstig montiert ist, sehr angenehm zu bewegen, dank der besseren Fahrwerkselemente gegenüber der herkömmlichen Tenere 700 (die Herbie im Übrigen auch besitzt) sogar etwas bequemer. Die Motorleistung von 73,4 PS geht auch für die 219 Kilo fahrfertig in Ordnung, der CP2-Reihenzweizylinder ist ja hinlänglich für seinen guten Durchzug bekannt und schiebt bereits von unten mächtig an, ohne den Piloten Offroad zu überfordern.

Bild von Vauli
Vauli

"Insgesamt haben beide Teneres überrascht - die alte Dame, weil sie immer noch richtig angenehm zu fahren ist und optisch mit ihrer Patina auch herrlich gut aussieht. Die neue Tenere 700 World Rally wiederum hat mich dadurch überrascht, dass sie erstaunlich handlich zu bewegen ist und mit dem komfortabel abgestimmten Fahrwerk auch noch tatsächlich langstecken-tauglicher ist als die normale Tenere 700. Mit der Stephane Peterhansel-Lackierung sieht sie außerdem auch noch richtig elegant aus. In Wahrheit also sind beide Yamaha Tenere-Modelle erstrebenwert, die neue klarerweise auch wegen ihrer modernen Technik, die alte vor allem, wenn man auf knapp 40 Jahre alte Technik steht und die Optik der damaligen Enduros mag!"

Fazit: Yamaha Tenere 700 World Rally 2023

Robust, ausgewogen und nutzerfreundlich - so lässt sich auch die leicht abgewandelte Schwester der Yamaha Ténéré 700 World Raid beschreiben. Wer will, bezwingt mit ihr auch härteres Gelände, wer aber keine weiten Strecken überbrücken muss, wird aber die Leichtigkeit der Standard Tenere 700 vorziehen. Der breite Tank der World Rally macht sich nämlich in Ergonomie und Handling bemerkbar. Das softe Fahrwerk steckt dagegen auch hartes Gelände gut weg und dank des Lenkungsdämpfers bleibt das Bike auch auf schnell überflogenen Feldwegen sehr stabil. Die komplizierte Deaktivierungsprozedur des ABS nervt auf Dauer, hier wünscht man sich eine simple „Aus“-Taste. Die World Rally eignet sich also ihrem Namen entsprechend besonders für Weitreisende und ist in dieser Hinsicht mit großer Reichweite und viel (Offroad)-Komfort sehr gut durchdacht.


  • drehmomentstarker, fein dosierbarer Motor
  • gelungene Ergonomie
  • hohe Reichweite
  • potentes Fahrwerk mit viel Reserven
  • Tank ist bei steilen Bergauf-Passagen im Weg
  • Bremsen könnten auf der Straße mehr Biss gebrauchen
  • hakeliges Drehrad und ABS-Abschaltung auf Dauer mühsam

Bericht vom 26.12.2023 | 13.225 Aufrufe

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