Langzeit-Test Honda NT1100 DCT: Fazit nach 12.000 km

Mit dem Full Size Tourer vom Mühlviertel bis zum Stelvio

Die Honda NT1100 ist unser meistbewegter Dauertester der Saison 2022. Nach 12.000 km mehrmals quer durch Österreich inklusive einiger Abstecher in das ein oder andere Nachbarland ist es Zeit für ein Resumee.

Honda NT1100 DCT im Dauertest ab Saisonbeginn 2022

Die NT1100 war eines der ersten Fahrzeuge, das 2022 Einzug in den 1000PS-Fuhrpark fand, nur um dann sofort wieder zu verschwinden. Der Schuldige war schnell gefunden, konnte aber aufgrund seiner Stellung nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Die ersten zwei Monate hatte Nils den DCT-Tourer wohlbehalten in seiner Garage geparkt. Es sei ihm zu Gute gehalten, dass er regelmäßig damit gefahren ist und sein Testbericht zur NT1100 der restlichen Redaktion zumindest erste relevante Anhaltspunkte gab, wie sich die Maschine bewegen lässt. Ich hatte ja bereits Ende 2021 bei der Präsentation der Honda NT1100 das Vergnügen, erste Erfahrungen zu machen.

Zubehör für die große Reise an der Honda NT1100

Nicht, dass die Grundausstattung der NT1100 mit Seitenkoffern, Hauptständer, Griffheizung, Tempomat und riesigem Windschild karg wäre, aber bei uns lautete das Motto klotzen nicht kleckern. Unsere NT war bei der Auslieferung mit dem Touringpaket (Sozius-Komfortfußrasten, Nebelscheinwerfer und Komfortsitz für Fahrer und Sozius) ausgestattet. Mitte der Saison kam zusätzlich das 50 Liter fassende Topcase samt Rückenlehne und Innentasche hinzu. So hat die Honda in Summe 115 Liter Stauraum zu bieten, alle drei Koffer sind dabei praktischer Weise mit dem Fahrzeugschlüssel verschließ- und abnehmbar.

Weite Anreise? Heimspiel für Hondas Tourer und seinen hervorragenden Windschutz

So ausgerüstet stand weiten Touren nichts mehr im Wege. Die Honda NT1100 fand dabei vor allem bei unseren Kamerakollegen aufgrund der luxuriösen Platzverhältnisse für Mann und Gepäck großen Anklang. Spätestens, wenn es auf die Autobahn ging, war das Griss (österreichisch für Zank, Streit) um den DCT Tourer groß. Mit keinem Motorrad gelingt das Dahingleiten bei 130 km/h so entspannt wie mit der NT1100. Der Windschild bietet Schutz vor Umwelteinflüssen, der an Entkopplung grenzt, wenn man noch mehr will, sollte man die Anschaffung eines PKWs andenken. Trägt man dann noch einen angepassten Gehörschutz von Neuroth gelingen Gespräche in der Gruppe via Kommunikationssystem Cardo Packtalk Edge als würde man gemeinsam im Auto sitzen. Dem Tempomat, kann man, sofern man sich an die Bedieneinheit rechts am Lenker gewöhnt hat, ein gutes Zeugnis ausstellen, die einstellbare Maximalgeschwindigkeit beträgt 160 km/h.

Ebenfalls wichtig für die weite Strecke und durch viele Gesäße der 1000PS Redaktion erprobt: Die bequeme Komfortsitzbank. Dieses Extra ist aus meiner Sicht Pflicht, auch wenn man mit der Honda nicht die ganz großen Distanzen überwinden will. Selbst beim Pendeln zwischen Wien und dem 1000PS Büro in Wr. Neustadt (ca. 50 km) kommen die Vorzüge des Zubehör-Sattels voll zum Tragen. Insbesondere größere Piloten profitieren von der um 10 mm steigenden Sitzhöhe, die in einem entspannteren Kniewinkel resultiert.

DCT macht nirgends so viel Sinn wie im Tourer

Neben unserer Dauertestmaschine habe ich in den vergangenen 12 Monaten noch zwei weitere NT1100 bewegen dürfen. Neben der schon erwähnten Präsentation im Herbst des Vorjahres verglichen Juliane, Tibor und ich im frühsommerlichen Taunus die Honda NT mit Africa Twin und Goldwing. Dieser Vergleich offenbarte mir, dass Hondas einzigartiges Doppelkupplungsgetriebe wie gemacht für die Kategorie Tourer ist. Wenig verwunderlich war doch die Honda VFR1200F das erste Modell in dem Honda das DCT 2010 einsetzte.

Das ermüdungsverringernde System überzeugt in den weiten Radien des Mühlviertels und des Taunus, die sich von der Geländebeschaffenheit übrigens relativ ähnlich sind, also immer dann, wenn es keine extremen Steigungen zu überwinden gilt, dadurch, dass manuelle Eingriffe gänzlich unterbleiben können. Als ideale Einstellung für ambitionierte Kurvenräuberei hat sich dabei die Stufe S2 herauskristallisiert, ansonsten genügt S1, beim innerstädtischen Stop & Go oder auf wenig kurvigen Überland-Etappen tut es auch der D-Modus, der jedoch extrem früh hochschaltet.

Wie es im Härte-Einsatz am Stilfser Joch um das Verhalten des DCT in engsten Serpentinen beschaffen ist, habe ich in einem anderen Bericht ausgeführt. Eines sei verraten, ganz ohne händische Schaltarbeit geht es hier aus meiner Sicht nicht. Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, wie gut man mit diesem Automatikgetriebe unterwegs ist und wie wenig einem das Schalten abgeht. Einziges Manko des Systems ist, dass im Stillstand kein Gang eingelegt ist und die NT daher durch eine Feststellbremse vor dem Wegrollen geschützt werden muss. Obwohl die Honda dafür nie einen konkreten Anlass geliefert hätte, bleibt beim Abstellen in starkem Gefälle stets ein mulmiges Gefühl.

Verbrauch und Reichweite der Fahrzeugklasse würdig, Zuladung etwas zu gering

Man könnte annehmen, dass der Verbrauch der Honda NT1100 durch das riesige Windschild und die ausladende Gepäcklösung samt voller Beladung und das DCT in astronomische Höhen schnellt und die Reichweite somit auf einen der Klasse unangemessenen Wert sinkt. Doch man würde irren. Die Rechnung ohne die japanischen Konstrukteure zu machen, rächt sich eben immer. Aufgrund des erstaunlich schwach ausgeprägten Dursts des 1073 ccm großen Honda Twins, haben wir auch auf den beiden langen Touren in Oberösterreich und Südtirol Verbräuche von knapp unter 5 Litern realisieren können. Bei einem Tankvolumen von 20,4 Litern ergibt sich somit eine Reichweite von über 400 Kilometern. Mit diesem Wert muss sich Honda wahrlich nicht verstecken.

Das relativ hohe Gewicht von 254 kg vollgetankt, gemessen ohne Koffer auf der 1000PS Viehwaage, steht einer eher niedrigen Zuladung von lediglich 194 kg gegenüber. Bei Reisen zu zweit will gut überlegt sein, ob man sämtliches Stauvolumen der NT1100 voll nutzen kann.

Erstaunlich agil! Fahrdynamik der Honda NT1100 mit Sozius und voller Beladung Dem großen Parallel-Twin von Honda im Allgemeinen und der NT1100 im Besonderen ist zu Gute zu halten, dass auch unter starker Belastung eine überzeugende Performance abgeliefert wird. Auch wenn die Zuladung von 194 kg voll ausgereizt wird, kommt nie das Gefühl auf, untermotorisiert zu sein. Der Sozius findet dabei ausladende Platzverhältnisse vor, der Windschutz ist ebenso superior wie für den Fahrer und der Kniewinkel entspannt. Das Polster am Topcase rundet das Wohlfühlpaket gelungen ab.

Im vollen Touring-Trimm, mit einem bewegtem Gewicht von beinahe 450 Kilogramm, wirkt die NT1100 dennoch nicht unhandlich. Sie scheint für genau diese Anforderung entwickelt. Durch die per Handrad schnell anpassbare Federvorspannung im Heck, steht einem auch beladen die Ausgangs-Fahrzeuggeometrie zur Verfügung. Die im Auftritt wuchtige NT1100 kann immer wieder mit ihrem spielerischen Handling überraschen. Einen entscheidenden Anteil daran haben natürlich auch immer die Reifen.

Reifen auf der NT1100: Drei Sätze von Metzeler, Conti und Mitas im Einsatz

Durch unsere stattliche Fahrleistung konnten wir heuer drei Touringpneus verschiedener Marken auf der NT1100 testen. Den Erstausrüstungsreifen Metzter Roadtec 01 , einen alten Bekannten, hatte Nils bei seinem Test im Frühjahr und ich bei der Präsentation in Portugal als Verbindung zur Straße zur Verfügung. Der grundsolide Touring-Reifen passt nicht schlecht zur NT, allerdings merkt man im direkten Duell mit topaktuellen Modellen, dass er doch schon etwas in die Jahre gekommen ist. Hohe Temperaturen steckt er beispielsweise schlechter weg als die Topliner der Konkurrenz.

Für unseren Reisemotorradvergleich im Juli, bei dem sich die Honda mit der Yamaha Tracer 9GT und der Kawasaki Versys 1000 messen musste, zogen wir als Einheitsreifen den neuen Conti RoadAttack 4 auf. Dieser konnte im kühlen und feuchten Anfangsdrittel unserer Oberösterreichreise mit kurzer Aufwärmzeit und extrem starker Nässeperformance überzeugen. Er unterstützt das agile Handling der NT1100 noch einmal stärker als der Metzeler und bietet in tiefen Schräglagen souverän Grip, wie Vauli in unserem Mühlviertel-Reisemotorrad-Vergleichstest eindrucksvoll zur Schau stellt. Für die letzte Reise der Saison (immerhin 2000 km) nach Südtirol zogen wir dann noch einmal frische Pneus auf, obwohl die RoadAttack 4 die Distanz locker weggesteckt hätten.

Wir wollten die Chance nutzen und im direkten Umstieg noch einen weiteren Reifen testen. Diesmal entschieden wir uns für den mittelpreisigen Mitas Touring Force, den uns der Zweiradprofi Pauer mit gewohnter Gründlichkeit aufzog. Überraschenderweise steht der slowenische Sporttouringpneu bei trockenen Verhältnissen dem hochpreisigeren Conti RA4 in Nichts nach. Es dauert allerdings etwas länger, bis der Reifen auf Betriebstemperatur ist und bei Nässe geht der Touring Force nicht ganz so vertrauenserweckend ans Werk. Die Eigendämpfung ist zudem hervorragend und fügt sich somit optimal ins Gesamtpaket der Honda NT1100 ein.

Optimale Ausgangspunkte für unsere Motorradreisen 2022: Die MoHo-Motorrad Hotels

Wir vertrauen bei unseren Reisen seit Jahren auf die Vereinigung MoHo-Motorradhotels. Im Mühlviertel waren wir drei Tage im Hotel Rockenschaub untergebracht. Beim Hin- und Rückweg nach Südtirol haben wir jeweils einen Zwischenstopp in Kärnten eingelegt, einmal beim Strasswirt im Gailtal und einmal beim Erlebnishotel Kärnten-Mölltal. In Südtirol selbst haben wir mit dem [Pure Mountain Resort Paradies] (https://www.moho.info/de/motorrad-hotel/pure-mountain-resort-paradies-s32/) die perfekte Ausgangsposition für unseren Sturm aufs Stilfser Joch gefunden. In allen Hotels wurden wir dank Halbpension mit guter Küche und unsere Motorräder dank Garage samt Platz zum Waschen und Pflegen bestens versorgt. So erholt und vorbereitet konnten die anstehenden Testtage, gespickt mit Tourentipps der Hoteliers, problemlos absolviert werden.

Serviceintervalle Honda NT1100 - Keine Besonderheiten in der Werkstatt

Nach dem 1000er Service, konnten wir über 10.000 Kilometer mit der NT1100 abspulen, bis sie nach der Rückgabe zum nächsten Mal in die Werkstatt musste. Das Wartungsintervall von 12.000 km konnten wir dabei penibel einhalten. Außerplanmäßige Werkstattaufenthalte gab es in der gemeinsamen Zeit mit der Honda nicht. Lediglich die Koffer ließen wir im Zuge des 1000km Service tauschen.

Koffersystem an der NT - nach Tausch ohne Probleme

Nils monierte in seinem Test die Seitenkoffer betreffend folgende Schwachstellen: "…leider ist die Bedienung vom Schließmechanismus etwas hakelig und die kleinen Gurte im Seitenkoffer nerven beim Schließen der Deckel. Im Sattel einer Honda habe ich offen gesagt immer besonders hohe Ansprüche an mechanische Perfektion. Wer hier ähnlich anspruchsvoll ist wie ich, wird mit den Seitenkoffern nicht glücklich werden." Honda meldete sich daraufhin mit der Information, bei unserem Testfahrzeug seien noch Vorserienmodelle. Daraufhin bekamen wir nach dem ersten Service neue Koffer. Und siehe da, die von Nils angesprochenen Macken, waren bei den Tauschkoffern tatsächlich weit weniger ausgeprägt.

Fazit: Honda NT1100 2022

Die NT1100 hat das Potenzial zum ganz großen Wurf im Reisesegment zu werden. In vielen Bereichen erledigte Honda seine Hausaufgaben mit Bravour. Die letzte Konsequenz beim Thema Sicherheitsfeatures verhindert eine noch bessere Bewertung des Tourers. Dennoch ist es eines der besten Reisemotorräder, das ich je bewegt habe. Etwas Mut zu zusätzlichen Ausstattungs-Varianten und mehr Farbe könnten die NT 2023 ganz nach vorne bringen.


  • umfangreiche Serienausstattung
  • perfekter Wind- und Wetterschutz
  • toller Motor
  • langstreckentauglich
  • komfortabel
  • Apple Carplay und Android Auto Integration
  • Fahrwerkssetup stimmig
  • keine IMU
  • triste Farbvarianten
  • keine Option für E-Fahrwerk

Fazit: Honda NT1100 DCT 2022

Die NT1100 hat das Potenzial zum ganz großen Wurf im Reisesegment zu werden. In vielen Bereichen erledigte Honda seine Hausaufgaben mit Bravour. Die letzte Konsequenz beim Thema Sicherheitsfeatures verhindert eine noch bessere Bewertung des Tourers. Dennoch ist es eines der besten Reisemotorräder, das ich je bewegt habe. Etwas Mut zu zusätzlichen Ausstattungs-Varianten und mehr Farbe könnten die NT 2023 ganz nach vorne bringen.


  • umfangreiche Serienausstattung
  • perfekter Wind- und Wetterschutz
  • toller Motor
  • langstreckentauglich
  • komfortabel
  • Apple Carplay und Android Auto Integration
  • Fahrwerkssetup stimmig
  • keine IMU
  • triste Farbvarianten
  • keine Option für E-Fahrwerk

Bericht vom 15.10.2022 | 19.963 Aufrufe

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