Offroad-Test Aprilia Tuareg 660 vs Yamaha Tenere 700 World Raid

Vergleichstest in der Vulkanlandschaft Siziliens

Am Fuße des Ätna stellen sich sechs moderne Reiseenduros zum Offroad-Vergleich. Sehr ähnlich, und doch recht unterschiedlich sind dabei die Aprilia Tuareg 660 und die Yamaha Tenere 700. Welche schlägt sich im Groben besser?

Das deutsche Magazin MOTORRAD lädt zusammen mit Pirelli/Metzeler Italia nach Sizilien zum großen Reiseenduro Offroad-Vergleich. Sechs moderne Adventure-Bikes (Honda Africa Twin, Triumph Tiger 900 Rally Pro, Ducati DesertX, KTM 890 Adventure R, Aprilia Tuareg 660 und Yamaha Tenere 700 World Raid) zeigen im vulkanischen Hinterland Siziliens, wie kompetent sie sich durch anspruchsvolles Gelände bewegen lassen. Das Ziel war es, von unterschiedlichen Herstellern die modernsten Reiseenduro-Modelle mit 21-Zoll Vorderrad aufzustellen. Die Oberklasse mit 150+ PS wurde dabei aber bewusst ausgelassen. Die Gesamtauswahl der Bikes ist auch verantwortlich für den nicht ganz passenden Vergleich von Tenere World Raid und Tuareg 660, denn schließlich wäre eine Standard-Tenere passender. Die Erkenntnisse dieses Vergleichs lassen sich großteils aber auch auf die Standard-Version der Yamaha umlegen. Auf der Straße hatten wir schon einen Vergleichstest von Aprilia Tuareg 660 und Yamaha Tenere 700 Rally. Wenn euch der große Offroad-Vergleich interessiert, dann abonniert unseren Youtube-Kanal und seid gespannt auf das Video am 11.11.22.

Einheitsreifen beim Reiseenduro Offroad-Vergleich 2022

Um die Offroadtauglichkeit der Reiseenduros richtig einordnen zu können, setzen wir auf einen Einheitsreifen. Der Metzeler Karoo 4 ist ein moderner 50/50 Reifen, der mit seinem wellenförmigen Profil sehr guten Grip auf losem Untergrund bietet, trotzdem aber mit der weicheren Gummi-Mischung auf den Flanken auch anständige Schräglagen und Performance auf Asphalt ermöglicht. Schon auf meiner Offroad-Tour durch Island mit der Honda Africa Twin war ich begeistert vom Karoo 4.

Aprilia Tuareg 660 & Yamaha Tenere 700 World Raid im Offroad-Vergleichstest 2022

"Offroad" ist ein recht unterschiedlich verstandener Begriff. Für manche ist Offroad bereits eine breite Schotterstraße, für andere nur knallharte Single-Trails und Hillclimbs. In Sizilien ist das Terrain durchaus anspruchsvoll. Erstarrte Lava bildet groben und tiefen Schotter, gleichzeitig gibt es auf den Hügeln auch viele Erdwege durch die Wälder. Die Aprilia Tuareg und die Yamaha Tenere World Raid haben beide einen eher touristischen Zugang zum Offroad-Thema, was man schon an der Ergonomie merkt. Beurteilt wird hier vor allem die Ergonomie im Stehen.

Sowohl der Lenker auf der Aprilia, als auch der auf der Yamaha, sind recht hoch und ergeben so eine "touristische" Stehposition. Der Lenker ist also nicht so niedrig wie auf Sportenduros, wo der Oberkörper automatisch nach vorne geneigt wird, um mehr Kontrolle und Druck auf die Front ausüben zu können. Stattdessen steht es sich sehr aufrecht und gemütlich auf beiden. Die Yamaha hat allerdings einen etwas schmaleren Lenker, was manche Piloten stören könnte. Die Taille ist bei beiden schmal und der Sattel hoch, was einen festen Knieschluss ermöglicht. Bei gemütlicher Gangart, halbwegs ebenem Gelände oder auch steiler bergab schenken sich die zwei Konkurrentinnen bei der Ergonomie nicht viel und bieten beide ausreichend Bewegungsfreiheit. Unter Zug und steiler bergauf kommt einem auf der Tenere World Raid aber irgendwann der breite Tank in die Quere. Er wird zwar erst recht spät breit, doch bei steilen Bergauffahrten ist er dennoch im Weg. Dieses Problem dürfte auf der Standard-Tenere nicht bestehen.

Motor und Leistungsentfaltung im Offroad-Vergleich - Aprilia Tuareg 660 vs. Yamaha Tenere 700 World Raid 2022

Im Offroad-Bereich ist weniger die Endleistung wichtig, sondern vielmehr die Art wie diese Leistung an das Hinterrad geliefert wird. Gebetsmühlengleich wird der 689 cm³ CP2 Reihenzweizylinder-Motor von Yamaha gelobt und auch dieser Test macht hier keine Ausnahme. Mit der bauchigen Charakteristik, dem ordentlichen Drehmoment ab niedrigen Drehzahlen und der sauberen Gasannahme ist es einfach eine Freude dieses Aggregat zu bewegen, auch im losen Gelände. Aufgrund des druckstarken Drehzahlkellers fühlt sich die 73 PS starke Yamaha stärker an, als der 659 cm³ Reihen-Zweizylinder der Aprilia mit seinen 80 PS Maximalleistung. Dabei ist die Italienerin am Papier auch beim Drehmoment mit 70 statt 68 Nm bei 6.500 U/min knapp überlegen, doch der subjektive Eindruck sagt was anderes. Aber auch die Aprilia ist fein zu dosieren und liefert ihre Leistung linear und berechenbar, vor allem oberhalb der 3.000 Umdrehungen. Sie ist mit gemessenen 207 kg (vollgetankt) auch die leichtere Maschine im Vergleich und kommt so noch etwas leichtfüßiger vom Fleck. Die World Raid bringt es mit ihrem 23 Liter Tank auf stolze 224 kg (vollgetankt).

Fahrwerke für "touristische" Offroader - Aprilia Tuareg 660 vs. Yamaha Tenere 700 World Raid im Offroad-Vergleich 2022

Fahrwerke sind im Offroad-Betrieb mitunter die wichtigste Komponente am Motorrad. Sie entscheiden maßgeblich über Stabilität und Handling. Viele meinen jedoch, dass mehr Federweg gleichbedeutend mit mehr Offroadtauglichkeit ist. Dass dem nicht so ist, zeigt uns dieser Vergleich. Den 230 mm Federweg vorne und 220 mm hinten auf der Yamaha stehen 240 mm vorne und hinten auf der Aprilia gegenüber. Beide Fahrwerke sind voll einstellbar und definitiv auf der weicheren Seite, passend zur touristischeren Ergonomie. Sie sind nicht dafür ausgelegt über Tables auf der Motocross-Strecke zu springen oder mit halsbrecherischem Tempo über Stock und Stein zu rasen, sondern eher für gemütliches bis moderates Tempo. In diesem Einsatzbereich ist das Ansprechverhalten der Kayaba Federung auf der Yamaha etwas feiner und ausgewogener. Die Aprilia gibt sich etwas intransparent und wird schneller instabil, wobei fairerweise nicht viel zwischen den Kontrahentinnen liegt. Im Zweifelsfall würde ich aber zum Fahrwerk der Japanerin greifen und auch der italienische Pro-Offroad-Fahrer beim Event in Sizilien meint, dass er für gemäßigte Offroad-Touren am ehesten die Tenere nehmen würde.

Bremsen und Getriebe - Aprilia Tuareg 660 vs. Yamaha Tenere 700 World Raid im Offroad-Vergleich 2022

Bei den Bremsen hat dafür die Aprilia mit ihrer Brembo Bremserei mit 300 mm Doppelscheibenanlage vorne und 260 mm Scheibe hinten klar die Oberhand. Die 282 mm Doppelscheibe vorne und die 220 mm Bremsscheibe am Hinterrad der Tenere macht ihre Sache zwar nicht schlecht, lässt sich fein dosieren und reicht Offroad für mein Fahrkönnen absolut aus, aber es fehlt der Biss der Brembo-Anlage. Beim Getriebe wiederum setzt sich die japanische Qualität durch und die Gangwechsel der Yamse sind klarer und knackiger, als auf der Aprilia. Dafür bietet diese einen Quickshifter im Zubehör an. In puncto Elektronik ist sie der puristischen Tenere sowieso haushoch überlegen.

Elektronik und Bedienkonzept - Aprilia Tuareg 660 vs. Yamaha Tenere 700 World Raid im Offroad-Vergleich 2022

Das Alleinstellungsmerkmal der Yamaha Tenere 700 seit ihrer Markteinführung 2019 ist der Verzicht auf jegliche Elektronik-Features, außer dem obligatorischen ABS, welches sich am Hinterrad oder komplett deaktivieren lässt. Die World Raid durchbricht diesen Purismus mit ihrem TFT-Display und Smartphone-Connectivity zwar etwas, Fahrmodi oder Traktionskontrolle gibt es aber weiterhin nicht an Bord. In diesem Punkt liegt der größte Unterschied zwischen Tuareg und Tenere und vermutlich für viele der ausschlaggebende Grund, zu welcher schlussendlich gegriffen wird. Die Aprilia bietet das volle Paket: 4 Fahrmodi, 4 stufige Traktionskontrolle, 2 stufiges ABS (auch komplett abschaltbar), 3 stufige Motorbremskontrolle, und die 3-stufige Gasannahme/Leistungsentfaltung. Sehr positiv ist mir beim Offroad-Test auf Sizilien allerdings nicht der Umfang der Elektronik aufgefallen, sondern das überaus intuitive und logische Bedienkonzept. Unter den sechs Motorrädern im Test ließ sich bei keinem die Traktionskontrolle und das ABS so einfach und schnell verstellen oder ausschalten, wie bei der Tuareg. Im Vergleich dazu ist die Bedienung der Tenere World Raid eine Katastrophe. Nur ein Abwürgen des Motorrads setzt die ABS-Einstellung nicht zurück, der Kill-Schalter und die Zündung jedoch schon. So muss man nach jedem und sei es auch noch so kurzen Stopp über das hakelige Steuerrad am Lenker mühsam ins Menü steuern und dort umständlich das Offroad-ABS wieder aktivieren. An einem ausgedehnten Offroad-Fahrtag macht man diesen Schritt vermutlich 10 - 20 mal.

Robustheit im Offroad Vergleich - Aprilia Tuareg 660 vs. Yamaha Tenere 700 World Raid 2022

Wo gehobelt wird, fallen Späne! Weshalb die Robustheit bzw. die Widerstandsfähigkeit von Reiseenduros bei Umfallern und leichten Stürzen auch ein nicht unerheblicher Faktor sind. Die Yamaha zählt generell als sehr vertrauenswürdiges Fahrzeug. Japanische Qualität wird geschätzt und meist nicht grundlos. Bei Italienerinnen sieht die Sache schon anders aus und auch auf der Aprilia fällt mir nach ca. einem halben Tag auf, dass sich auf der rechten Seite die Soziusfußraste losvibriert hat. Kein Drama, aber auch kein gutes Zeichen. Unabhängig von der Güte der Verarbeitung haben aber beide Bikes im Vergleich ein großes Problem. Bei beiden ist nämlich der Heckrahmen fix per Schweißnaht mit dem restlichen Rahmen verbunden. Sollte bei einem Sturz der Heckrahmen etwas abbekommen, was gerade mit Koffern leicht möglich ist, dann kann dieser nicht einzeln ausgetauscht werden, was potentiell aus einem blöden Sturz einen Totalschaden macht. Für gehobene Offroad-Ambitionen ein echter Minuspunkt. Ansonsten schenken sie sich nicht viel. Beide kommen mit dünnen Plastik-Handprotektoren in Serie und auch die Krümmerführung ist ähnlich exponiert. Bei einem Sturz auf die Seite sollte der breite Tank der World Raid dem Motor etwas mehr Schutz bieten. Ein Robustheits-Tuning mit Sturzbügeln und festen Handprotektoren ist bei beiden aber schwer zu empfehlen.

Fazit zum Offroad-Vergleich Aprilia Tuareg 660 vs. Yamaha Tenere 700 World Raid 2022

Der größte Unterschied, die Elektronik, bleibt auch in diesem Duell wohl der primäre Entscheidungsgrund zwischen Tenere und Tuareg. Wer auf Traktionskontrolle und Co. jedoch verzichten kann, der bekommt mit der Tenere 700 World Raid eine Langstrecken-Offroad-Tourerin mit guter Ergonomie, 500 km Reichweite und top Fahrwerk. Die Aprilia würde sich von Motor und Gewicht auch für flottere Gangarten im Groben eignen, doch die Ergonomie und das Fahrwerk wollen auch eher in die touristische Richtung. In Summe sind beide gelungene Reiseenduros, die auch Offroad den Großteil der Fahrer zufriedenstellen werden.

Fazit: Aprilia Tuareg 660 2022

Insgesamt bekommt man mit der gut ausgestatteten Tuareg 660 von Aprilia nicht nur richtig viel Reiseenduro im wahrsten Sinne des Wortes für 11.990 Euro in Deutschland bzw. 13.490 in Österreich, sondern eben auch - wenn man so will - eine „Tenere mit Alles“. Dafür muss man eben etwas tiefer in die Tasche greifen. Wobei man mit der doch zugänglicheren Tuareg rasch vertraut ist und sie so auch sicher eine gute Wahl für jene darstellt, die ihre ersten Abenteuer abseits der befestigten Straßen suchen - ohne deshalb erfahrene Piloten zu langweilen, ganz im Gegenteil. Auf jeden Fall ist die Aprilia eine Bereicherung fürs Sequment und eine gute Option für jene, die auch auf einer offroad-orientierten Reissenduro auf elektronische Fahrhilfen nicht verzichten wollen.


  • Handling und Ergonomie
  • Gute Fahrwerkskomponenten mit ordentlichen Federwegen
  • Fahrmodi gut abgestimmt bzw. Unterschiede gut spürbar
  • Traktionskontrolle auch während der Fahrt einfach verstellbar
  • Tempomat serienmäßig
  • Der gute Quickshifter ist nicht serienmäßig
  • Die fesche weiß-blau-rote Farbvariante "Indigo Tagelmust“ ist aufpreispflichtig
  • Der Windschutz könnte besser sein

Fazit: Yamaha Tenere 700 World Raid 2022

Die World Raid ist eine gelungene Erweiterung des Ténéré 700 Modellprogramms. Bislang waren echte Enthusiasten selbst am Zug, wenn es um eine Verbesserung der Offroad-Eignung ging. Mit der World Raid schiebt Yamaha nun eine fix fertige Ausbaustufe für lange (Wüsten-)Touren in die Schauräume der Händler. Auch wenn in der Praxis wohl eher selten die vollen 500 Kilometer Reichweite von Nöten sind, lohnt sich der Griff auf dieses Modell im speziellen wegen seiner feinen Fahrwerkskomponenten. Im Straßenbetrieb gibt sich die World Raid weniger schaukelig, im Gelände überzeugt die enorme Reserve, welche die voll einstellbaren KYB Hardware mitbringt. Das Ansprechverhalten ist dabei auf absolutem Top-Niveau. Der serienmäßige Öhlins Lenkungsdämpfer bringt zusätzlich Ruhe in die Front. Neben zarter Modellpflege, wie beispielsweise dem Farbdisplay, Smartphone Connectivity oder neuen Bedienelementen, glänzt die World Raid weiterhin mit bekannten Ténéré Qualitäten. Nach unserem Test sagen wir: Weniger ist manchmal eben doch immer noch mehr. Sie weiß zu gefallen!


  • bewährter Antrieb
  • perfekte Dosierbarkeit
  • grandioses Fahrwerk
  • saubere Verarbeitung
  • umfangreiches Zubehörprogramm
  • ansprechendes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • gute Servicierbarkeit
  • durchdachte Detaillösungen
  • 23 Liter Tankvolumen nicht jedermanns Sache
  • Bremsperformance bei sportlichem Straßentempo
  • Tempomat für Überbrückungs-Etappen würde der World Raid gut stehen
  • ABS-Einstellung sehr mühsam

Bericht vom 19.10.2022 | 30.914 Aufrufe

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