CFMOTO 800MT Test 2022

Gelungener Angriff in der Reiseenduro-Mittelklasse?

Schon die CFMOTO 800MT Sport präsentiert sich als gut ausgestattete Basis, in der von uns getesteten 800MT Touring steckt sogar eine noch üppigere Serienausstattung! Reicht das um die harte, angestammte Konkurrenz herauszufordern?

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Geht es um universelle Motorräder, die alles ein bisschen und insgesamt von allem am meisten können, kommt man am Segment der Adventure-Bikes kaum vorbei. Eine bequeme Sitzposition, ein komfortables Fahrwerk und in der Mittelklasse rund um 100 PS, die für ambitionierte, manchmal sogar sportliche Fahrleistungen ausreichen. Nicht zu vergessen die Offroad-Tauglichkeit, die teils sehr ernst, in der Regel aber wenigstens ernst genommen wird. Schließlich zählt für viele Interessenten mittlerweile auch eine ordentliche Ausstattung, die auf Reisen den Komfort weiter erhöht.

Schon die CFMOTO 800MT Sport ist umfangreich ausgestattet

Da macht die neue CFMOTO 800MT auf den ersten Blick doch eigentlich alles richtig! Der Reihen-Zweizylinder leistet 91 PS, die Bereifung bezeichne ich mit dem 19 Zoll-Vorderrad gerne als goldene Mitte zwischen Straße und Offroad und die Ausstattung kann sich mit zwei Fahrmodi, höhenverstellbarem Windschild, Cruise Control, 7 Zoll Farb-TFT-Cockpit samt Connectivity, einstellbaren Hebeln und Kofferträgern schon in der kargen Variante 800MT Sport sehen lassen. Bei der 800MT Touring kommen noch Seitenkoffer und Topcase, Quickshifter mit Blipper, Reifendruckkontrollsystem, Lenkungsdämpfer, Handprotektoren, Heizgriffe, beheizter Fahrersitz, Zusatz-Scheinwerfer, Alu-Motorschutz, Hauptständer und die feschen, güldenen Drahtspeichenfelgen dazu.

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Die 800MT Touring geht als Preis-Leistungs-Tipp durch

Solch eine Ausstattungsliste muss doch eigentlich wunschlos glücklich auf einer Mittelklasse-Reiseenduro machen, oder? Ich sage ja und nein. Ja, weil man einige Gimmicks der 800MT bei anderen Herstellern gar nicht, nur gegen viel Aufpreis oder gleich in der viel teureren Top-Version bekommt. Da kommt die 800MT Sport mit regelrechten Kampfpreisen daher (Deutschland 9899 Euro, Österreich 10.999 Euro), aber auch die 800MT Touring darf mit 12.499 Euro in Deutschland, 13.999 Euro in Österreich und 14.490 Franken in der Schweiz (da wird die 800MT Sport nicht angeboten) durchaus als Preis-Leistungs-Tipp gewertet werden.

Die eineiige Zwillingsschwester der KTM 790 Adventure?

Dennoch gibt es von mir auch ein deutliches Nein, wenn es um die Bewertung der 800MT Touring geht. Denn gerade der Schaltassistent samt Blipper, auf den ich mich vor der Fahrerei schon so gefreut habe, erledigt seine Arbeit leider nicht ganz zuverlässig, braucht oft Nachdruck und schickt mich sogar zwischen zweitem und drittem Gang in den Leerlauf. Für mich sehr irritierend, da ich davon ausging, dass der Quickie ähnlich gut wie auf der KTM 790 Adventure funktionieren müsste, immerhin ist das CFMOTO-Reihenzweizylinder-Triebwerk mit 799 Kubik mit jenem der KTM sehr stark verwandt, wenn man sie nicht sogar als eineiige Zwillinge bezeichnen kann.

Die CFMOTO 800MT Touring zählt in ihrer Klasse zu den beleibteren Exemplaren

Den Motor könnte ich grundsätzlich auch dafür kritisieren, dass er im Kaltlauf etwas ruckelt und mit seinen 91 PS bei 9250 Umdrehungen nicht ganz so spritzig aus dem Drehzahlkeller kommt, stattdessen Drehzahlen braucht, bis er seine Leistung entfaltet. Allerdings zieht er, sobald er warm ist, schon von weit unten ohne Ruckeln hoch und hat ab der Mitte spürbar mehr Punch, also werte ich ihn als durchaus gute Motorisierung für ein Mittelklasse-Adventure Bike. Vielleicht würde etwas weniger Gewicht helfen, die 800MT Touring haben wir auf der untrüglichen 1000PS-Waage mit stolzen 255 Kilo vollgetankt samt Koffern und Topcase gemessen. Ohne Koffer und Topcase bleiben immer noch 239 Kilo übrig - in dieser Klasse zählt sie damit schon zu den beleibteren Exemplaren. Da ist es wiederum sehr klug von CFMOTO die Sitzhöhe mit 825 Millimeter für eine Reiseenduro recht niedrig zu halten, man sitzt daher mehr in der Maschine drinnen als drauf und hat beim Rangieren einen guten Stand.

Die umfangreiche Ausstattung der 800MT schwächelt bei den Sicherheits-Features

Etwas seltsam ist wiederum der Verzicht auf eine Traktionskontrolle. Nicht, dass es bei 91 PS zwingend notwendig wäre, die Power zu zügeln, immerhin hat die 800MT auch zwei Leistungsmodi, von denen der Rain-Mode tatsächlich spürbar in der Leistung gekappt wird. Allerdings könnte man bei dieser reichhaltigen Ausstattung doch erwarten, dass auch die Sicherheitsfeatures umfassend vorhanden sind. Der Verzicht auf die Traktionskontrolle lässt mich auch vermuten, dass das ABS ein herkömmliches und kein schräglagenabhängiges sein könnte. Ausprobieren wollte ich das jedoch nicht, wenn auch die Fahrdynamik der 800MT Touring durchaus einen sportlichen Fahrstil verträgt. Sowohl das Handling als auch die Fahrwerksabstimmung sind sehr gelungen, komfortabel ja, aber nicht zu weich. Vor allem wollte ich wegen der interessanten Bereifung nicht auf der letzten Rille in Kurven stechen, ein grobstolliger Conti TKC80 kann nämlich eher offroaden als sporteln. Falls es also jemand wirklich wissen möchte und sich mit seiner 800MT ins Gemüse wagt, kann er sich über eine ausgewogene Stehposition und ein ebenfalls gutes Handling freuen. Zwar lassen die Federwege von 160 Millimeter vorne und 150 Millimeter hinten nicht unbedingt arge Geländeeinsätze zu, für gelegentliche Ausflüge auf unbefestigte Wege passt es aber gut.

Für das Problem Windschild gibt es eine einfache Lösung

Die Bremsanlage passt ebenfalls gut ins Bild, wer mehr oder weniger abseits des Asphalts fahren will, braucht bestimmt keine allzu giftigen Stopper. Stattdessen verrichtet die 320er-Doppelscheibenanlage mit Vierkolbensätteln der Brembo-Tochter J.Juan unauffällig, aber stabil die Arbeit. Schließlich möchte ich auch an der Verstellmöglichkeit des Windschilds keine unnötige Kritik aufbauschen. Klar wäre eine Einhand-Lösung wünschenswert, bei der CFMOTO 800 MT müssen aber zwei Räder gelöst werden, um den Schild dann nach oben oder unten schieben zu können. Das würde hinauf eigentlich nur im Stand funktionieren, allerdings kann man sich auch eines der Befestigungsräder genau so fest ziehen, dass man die Scheibe mit etwas Druck schieben oder ziehen muss und diese dann auch in dieser Position verharrt. Man kann sich über solch einen Windschild also beschweren oder eine passable Lösung finden.

Schlechte Lösungen treffen bei der CFMOTO 800MT Touring auf geniale Ideen

Bei den Armaturen treffen sich Licht und Schatten, im wahrsten Sinne der Worte. Denn das große 7 Zoll-Display ist übersichtlich gestaltet und mit dem Imitat eines analogen Drehzahlmessers richtig gut ablesbar, die Menüführung könnte aber einfacher von Statten gehen. Vor allem der Wechsel zwischen den beiden Fahrmodi erfordert fünf Drücker auf drei unterschiedliche Tasten auch noch mit unterschiedlicher Dauer. Das könnte in der heutigen Zeit natürlich schon einfacher und besser funktionieren. Das Vorhandensein einer Cruise Control, noch dazu ähnlich einfach nutzbar wie bei BMW-Motorrädern, ist sehr löblich. Allerdings funktioniert sie nur bis 130 km/h, darüber muss man wieder brav selbst den Griff drehen. So macht ein Tempomat nur bedingt Sinn. Umso überraschender die Tatsache, dass CFMOTO beim Koffersystem und dem Topcase so manchem Traditionshersteller zeigt, wie es besser geht. Zum einen finde ich es sehr angenehm, die Koffer auch schließen zu können, wenn das Schloss selbst offen bleibt - bei vielen anderen Systemen nicht möglich. Zum anderen sieht die Auskleidung mit samtigem Material nicht nur edel aus, sie hat auch sehr praktischen Nutzen. Denn Handys, Navis oder sonstige Dinge können so nicht ungeschützt über das blanke Alu schleifen und Kratzer bekommen. Meine Bedenken, dass der Stoff früher oder später schmutzig werden und zu stinken beginnen könnte, ist berechtigt, aber ebenfalls schlau gelöst. Der Stoff ist nämlich rundum eingeklettet und lässt sich daher ganz einfach herausnehmen und waschen.

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Der letzte Feinschliff fehlt noch - Chinesen reagieren aber schnell auf Kritik

Es zeigt sich also, dass es an der neuen 800MT Touring einige Kritikpunkte gibt, die sich mit der Fülle an Ausstattung und dem dafür angemessenen Preis durchaus aufwiegen. Lediglich beim Schaltassistenten müssen die CFMOTO-Techniker unbedingt Hand anlegen und ihm eine geschmeidigere Funktion antrainieren. Die Entwicklung zeigt aber, dass chinesische Unternehmen schnell lernen und sehr flott auf Kritik reagieren. Wo es nun mal keinen Sinn macht, auf jahrzehntelange Tradition zu pochen und offensichtliche Fehler als Charaktereigenschaften eines Motorrades abzutun, kann man schnell reagieren und korrigieren. Ein Schuss vor den Bug der Konkurrenz ist jedenfalls das Design - die 800MT sieht vor allem in der Touring-Variante mit den Drahtspeichenfelgen hinreißend aus. Da trägt die Zusammenarbeit mit Kiska-Design Früchte, die sich ohne Kompromisse sehen lassen können!

Fazit: CFMOTO 800 MT 2022

Wer sich die Ausstattungsliste der 800MT, vor allem der Touring-Version ansieht, wird erstaunt sein, wie viel in einer vergleichsweise günstigen Mittelklasse-Reiseenduro serienmäßig verbaut sein kann. Das Koffersystem punktet sogar mit einer pfiffigen Auskleidung von Koffern und Topcase. Fahrwerk und Bremsen sind gut, der Motor könnte zwar etwas spritziger sein und im Kaltlauf weniger ruckeln, aber insgesamt passt die Performance gut. Tadellos ist die 800MT aber keineswegs, beim Schaltassistenten müssen die Techniker unbedingt nachbessern und die Menüführung könnte einfacher sein. Optisch gibt es hingegen nicht viel zu meckern, die Zusammenarbeit mit Kiska-Design zahlt sich aus!


  • Bequeme Sitzposition
  • gute Bremsen
  • ordentliches Handling
  • komfortables Fahrwerk
  • überaus umfangreiche Ausstattung
  • hübsches Design
  • Schaltassistent bei sportlicher Fahrweise zu träge
  • keine Traktionskontrolle
  • Motor ruckelt im Kaltlauf
  • komplizierte Menüführung
  • Cruise Control nur bis 130 km/h

Bericht vom 11.06.2022 | 8.819 Aufrufe

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