Beta RR MY 2022 Test

2-Takt und 4-Takt im Härtetest

Beta stellte nun mit Stolz ihre neuen Enduro Modelle des Jahrgangs 2022 im harten Enduroalltag vor. Soviel schon mal vorweg, es ist ein guter Jahrgang!

Ja, es ist ein wenig wie mit dem Wein. Es braucht viel Erfahrung, die richtigen Zutaten und ein bisschen Glück. Erfahrung kann man Beta nicht abstreiten, gibt es den italienischen Familienbetrieb immerhin schon seit 1905. Stammen die Wurzeln noch eher aus dem Roadracing, schwenkte Beta in den 70ern dann Richtung Offroad und sind seither im Trial eine feste Größe als Innovationstreiber mit Fixabo auf WM Titeln. Klassische Enduro Wettbewerbsmotorräder werden seit 2004 produziert. So gesehen eigentlich noch recht frisch am Markt, kann man sich aber eine nationale oder internationale Enduro Veranstaltung ohne den roten Betas aus Italien kaum noch vorstellen. Genug mit Geschichtsunterricht, aber ein bisschen Background muss sein, um auch am Stammtisch ein wenig den Oberlehrer heraushängen spielen zu können. So richtig Schwung hat Beta die letzten Jahre aufgenommen, nicht nur dass die WM Titel am laufenden Band in die Konzernzentrale herein flattern, auch die Verkaufszahlen gehen steil nach oben. Hier hat der Spruch win on Sunday, sell on Monday immer noch seine Berechtigung. Selbst Hard Enduro Ikone Johnny Walker setzt als Privatier auf eine 300er Beta und ist damit weiter an der Weltspitze unterwegs. Die ohnehin guten Enduros wurden die letzten Jahre stark verbessert und haben mit dem großen Modellwechsel im letzten Jahr endgültig ein Top Level erreicht. Für normal sind dann Neuerungen eher in der Farbpalette zu suchen. Nicht so bei Beta. Die motivierten Ingenieure haben nicht lockergelassen und nochmals nachgelegt.

Ok, in den Farbtopf wurde trotzdem auch noch gegriffen und die Betas bekamen ein neues rotes Kleid. Immer eine Geschmacksfrage, aber die neue Farbgebung wirkt sehr hochwertig und komplett. Ein Dekorkit um sportlicher auszusehen ist da nicht mehr notwendig. Alle weiteren Infos zu den aktuellen Modellen findest du auf der Beta Homepage.

Die Qual der Wahl

Die Modellpalette mit 8 Bikes ist schon sehr groß, die Qual der Wahl umso höher. Und diese Auswahl ist wie sich beim Testtag gezeigt hat echt eine Challenge! Die 2 Takt Palette reicht von 125 über die schon selten gewordene, aber immer noch sehr beliebte 200er bis zu den klassischen Kubaturen mit 250ccm und 300ccm.

Bei den 4 Taktern beginnt die Palette bei 350ccm, 390ccm, 430ccm bis hin zum Dampfhammer mit 480ccm. Wer sich wundert warum es keine kleineren Kubaturen gibt, dann etwas Geduld, dies offenbart sich erst beim Fahren.

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Was ist alles neu?

Bei allen Modellen wurde am Fahrwerk ordentlich zugelangt. Der hintere Dämpfer bekam eine Low- und Highspeed Einstellmöglichkeit verpasst. Damit wird die Bandbreite des Dämpfers erhöht und somit hochwertiger angesiedelt. Die Gabeln bekamen ein neues Setting. Generell wurde das Fahrwerk neu abgestimmt, schon soviel vorweg, eine wirklich mehr als gelungenes Setting.

4 Stroke first

Nachdem die 4 Takt Motoren im letzten Jahr massiv überarbeitet wurden, konzentrierte sich Beta heuer speziell auf die Elektronik. Der Mappingschalter für 2 unterschiedliche Leistungsentfaltungen wurde angepasst und bietet nun einen spürbaren Unterschied. Ebenso wurde die Motorbremswirkung geändert, was wiederum im Fahrbetrieb positiv aufgefallen ist.

Noch viel gravierender aber die Änderungen am Getriebe. Ein leichteres Primärgetriebe fällt maximal auf, weil die Gänge schon beim kompletten Neugerät mit null Betriebsstunden richtig exakt ohne Nachdruck flutschen. Aber mehr als auffällig ist die nun extrem leichtgängige Kupplung. Dies wurde durch die Umstellung auf Tellerfedern erreicht. Dies bedeutet einen echten Komfortgewinn.

2 Takt

Hier wurde bei der 300er richtig tief in den Motor eingegriffen. Durch das Feedback der Fahrer, dass die 300er zu viel Punch unten heraus hat und damit den klassischen Hobbyfahrer etwas überfordert, wurde der Motor komplett überarbeitet. Mehr Bohrung, weniger Hub, eine neue Auslasswalze, sowie eine neue Kurbelwelle sorgen so für mehr Kontrollierbarkeit im Dehzahlkeller und eine geglättete Leistungsentfaltung über das gesamte Drehzahlband. In den neuen Zylinderkopf wurde nun auch eine hochwertige Iridium Zündkerze verbaut. Durch die Reduktion des Schalldämpferdurchmessers, wurde die Spritzigkeit erhöht und auf den neuen Motor abgestimmt. Die leichtgängigere Kupplung mit Tellerfedern wurde ebenso wie in der 250er Zweitakt verbaut.

Die 200er blieb auf der technischen Seite her gleich, bei der 125er wurde ein neuer Zylinderkopf und eine neue Auslasswalze verbaut, um ein höheres Drehmoment in der Mitte zu bekommen.

So fahren sich die neuen Betas

Soviel zu den doch recht umfangreichen Updates in der Theorie. Aber was wirklich zählt ist die Praxis. Um dies bestmöglich beweisen zu können, wurde das Gelände rund um Rohr im Gebirge im Herzen von Österreich angemietet. Jeder der jemals in der Gegend war, bei einem der Trainings oder ÖEC/ÖM Läufe dabei war, weiß, dass es kaum eine bessere Möglichkeit gibt, und damit meine ich weltweit, um eine Enduro artgerechter testen zu können. Nur kurz erwähnt, Singletrails, Auf- Abfahrten in jeglicher Steigung und Länge, Waldböden, sandig bis schottrige Abschnitte, Wurzeln, Schlamm, Wasserdurchfahren, Bachbetten und Forstwege, wo alle Gänge zum Einsatz kommen. Einfach das komplette Paket. Dazu noch englisches Endurowetter, also nass von oben den ganzen Tag.

Beta RR MY22 Test
In Rohr im Gebirge wurden die Betas hart rangenommen.

Eine so große Produktpalette im Detail zu beschreiben würde den Rahmen sprengen, aber eines viel ganz massiv bei allen Bikes auf. Die Fahrwerksabstimmung, sowohl bei 2- als auch 4 Taktern ist für Hobbyfahrer perfekt gelungen. Waren die normalen Modelle in der Vergangenheit für ihre bockigen Fahrwerke schon etwas mühsam zu fahren, sind sie nun ein echter Genuss. Sowohl Gabel, als auch Federbein bügeln Wurzeln und Steine weg wie von Zauberhand. Das Fahrwerk spricht weich an, nutzt den gesamten Federweg und vermittelt immer das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben. Erst bei härterer Gangart gelangt dann die reinrassige Enduro Abstimmung an ihre Grenzen. Aber dafür gibts ja dann die Racing Modelle. Aber hier erstmals Hut ab für die gelungene Abstimmung. Ebenso ein echter Genuss ist die neue Kupplung. Die Zugkraft der Kupplung ist massiv geringer geworden, ich würde sogar behaupten, die leichteste am Markt. Wohlgemerkt, ohne dabei an Gefühl oder Dosierbarkeit verloren zu haben. Perfekt! Die Nissin Bremsen sind seit Jahren state of the art, darüber braucht man keine weiteren Worte verlieren.

Null Eingewöhnungsphase

Bei Beta Enduros fällt eines auf, dass man sich vom ersten Meter an wohl darauf fühlt. Null Eingewöhnungsphase und eine Geometrie, die extrem ausgewogen ist. Die Betas fühlen sich handlich an, liegen aber trotzdem stabil in langen Spurrillen, Anliegern oder auf schnellen Passagen. Hier hat man die goldene Mitte gefunden. Lediglich die immer noch relativ harte Sitzbank passt eigentlich nicht so ganz in das Gesamtbild der RR Modelle. Die Härte passt eher der Racing, sorgt aber so natürlich für eine sportlichere Haltung am Motorrad. Auch etwas ungewohnt die verschiedenen Längen der Schalthebel bei den 2 Taktern und 4 Taktern. Ich würde mir beim 4 Takter ebenso einen um ca. 2cm längeren Schalthebel wünschen. Mit Stiefeln die etwas höher auftragen, flutscht der Gangwechsel nicht immer so wie gewünscht. Ist sicher auch eine Gewohnheitssache, müsste aber nicht sein.

Welche 2 Takter für wen?

Naja, die 125er würde ich nur für junge ambitionierte Racer empfehlen. Zwar fühlt sich die 125er fast schon so handlich an wie ein schwereres e-Bike, jedoch muss der Schieber immer voll geöffnet sein, um auch wirklich die volle Leistung bereitgestellt zu bekommen. Der Motor ist bei ihr doch eher auf Racing Seite zu Hause. Daher hat auch die 200er ihre Daseinsberechtigung. Ein absolutes Spaßgerät, gerade noch überall genug Leistung, verspricht kein Motorrad mehr Spaßfaktor als dieser. E-Starter und automatisches Mischsystem sind schon inkludiert wie bei den Großen. Da wären wir auch schon beim Thema. Die 300er ist die meistverkaufte 2 Takter bei Beta, sie bietet halt gewisse Reserven in allen Lebenslagen. Mit dem neuen Motorupdate noch etwas benutzerfreundlicher. Aber, die 250er ist dennoch das goldene Mittelmaß. Noch immer leichtfüßig, dennoch genug Saft auch für steile und lange Hänge, würde ich die 250er als die beste Wahl für Hobbyfahrer und Leute empfehlen, die nicht jedes Wochenende an Extremenduro Rennen teilnehmen. Weniger rotierende Massen und etwas weniger Leistung fordern halt die Kondition nicht so sehr wie eine 300er, auch wenn diese sanfter wurde.

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4 Takte für ein Halleluja

Hier fällt die Entscheidung noch etwas schwerer, da ja auch die Kubaturen noch enger abgestuft sind. Zwar fragte ich mich immer, ob das so sinnvoll ist und warum es keine kleine 4 Takter gibt? Aber dazu muss man ein wenig die Herangehensweise von Beta verstehen. Beta baut nur Enduros. Die Motorräder sind von der ersten Handskizze weg bis zur Auslieferung nur als solche konzipiert. Motor, Rahmen etc. Daher sind dies auch keine Motocross Motoren die angepasst wurden. Und dies spürt man beim Fahren. Die Motoren haben eine hohe Laufruhe, ein geniales Leistungsband, wirken nie aggressiv und fühlen sich trotzdem spritzig an. Von der Leistung her würde ich die Beta 4 Takter gegenüber dem Mitbewerb schwächer einschätzen, daher würde ich eher zu etwas mehr Kubik raten. Die 350er ist das Spaßmobil, welche aber gerne mit Drehzahl gefahren werden möchte. Die 390er die besten Wahl für die breite Masse. Ein echter Allrounder, spürbar weniger rotierende Massen, immer noch genug Saft in allen Lagen. Die 430er hingegen verlangt schon etwas mehr Kraft und Ausdauer, hat man die, wird man mit viel brauchbarem Drehmoment die Steilhänge geradezu nach oben geschossen. Die 480er verlangt nach einer anderen Fahrweise. Obwohl sie an der Leistungsspitze steht, kann sie durch ihr riesiges Drehmoment sehr sanft und untertourig bewegt werden. Die perfekte Enduro für lange Touren und Rallyes, die aber auch das harte Gelände nicht fürchtet.

Fazit Beta RR MY2022

Die "kleine" Modellpflege war dann doch größer als erwartet. Die Abstimmung der Fahrwerke der RR Modelle ein Volltreffer für echtes Enduro. Für schnelle Wettbewerbsfahrer wird die Abstimmung zu weich sein, für jene gibts bekanntlich die Racing Version im Regal. Die Kupplung ein Genuss und die Optik typisch italienisch fesch. Die Motoren 100% Enduro, die Preise schwer in Ordnung. Eigentlich eine Auswahl die sonst kaum ein anderer Hersteller bietet. Die Dominanz im Enduro GP und die stark steigenden Verkaufszahlen sind kein Zufall!

Autor

Bericht vom 14.08.2021 | 9.205 Aufrufe

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