Beta Alp 4.0 Test 2024 - Geheimtipp für Enduro-Wanderer

Unterschätze die Beta Alp 4.0 nicht!

Wir Adventure Rider und Offroad-Enthusiasten suchen schon lange nach dem heiligen Gral. Wir wollen die Performance und Leichtigkeit einer Hardenduro im losen Gelände mit dem Langstreckenkomfort moderner Reiseenduros - ein sogenanntes Unicorn (= Einhorn). Ein potenzielles Einhorn wurde bisher kaum beachtet: Die Beta Alp 4.0. Wir haben uns angesehen, wie viel All-purpose wirklich in ihr steckt.

Für manche wird die Beta Alp 4.0 schon als Einhorn-Kandidatin wegfallen, weil sie keinen Windschutz bietet. Doch davon abgesehen, zielt sie genau auf diesen Spagat zwischen on- und offroad Fahrerei. Das Alp in ihrem Namen steht nämlich nicht für alpin oder die Alpen, sondern für "all purpose", zu deutsch "alle Zwecke". Im südlichen Slowenien haben wir auf einer zweitägigen Enduro-Tour mit Offroad-Fokus überprüft, ob die Alp 4.0 ihrem Namen gerecht wird.

Technische Daten Beta Alp 4.0

Ein Blick auf die technischen Eckdaten der Beta Alp 4.0 zeigt erst, warum sie ein Einhorn sein könnte. Die Alp gab es schon Anfang der 2000er, damals noch mit dem Suzuki DR350 Motor, einem unter Abenteurern hochgeachteten Motorrad. In der Neuauflage ist nun ein moderner, flüssigkeitsgekühlter Einzylinder mit 349 ccm Hubraum verbaut, der mit 35 PS bei 9.500 U/min und 28 Nm bei 6.250 U/min zwar nicht spektakulär viel, aber doch deutlich mehr Leistung bietet. Dieser Motor kommt von Tayo aus China, hierzulande bekannt für die Zweiradmarke Zontes. Davon abgesehen ist die Beta aber made in Italy. Mit ihrem 6-Gang Getriebe schafft die Alp 4.0 laut Beta 135 km/h Topspeed, was zumindest entspannte Reisegeschwindigkeiten möglich machen sollte. Gleichzeitig wiegt sie aber fahrbereit nur 150 kg und ist damit wesentlich leichter, als alle anderen "leichten" Reiseenduros. Die Bereifung kommt in klassischen Endurodimensionen, mit 90/90-21 an der Front und 140/80-18 am Heck.

Fahrendes Motorrad

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Beta Alp 4.0 auf der Straße im Test

Bevor es ins Grobe ging und auch zwischendurch auf Verbindungsstrecken waren wir am Asphalt unterwegs. Hier präsentiert sich die Alp 4.0 als sehr umgängliche und unkomplizierte Gesellin. Schon die Sitzhöhe von 865 mm, in Kombination mit einer schmalen Taille und dem niedrigen Gewicht, ist für kurzbeinige Piloten ein großer Vorteil im Vergleich zu den meist sehr hohen und teils schweren Enduros. Die Sitzposition ist entspannt und aufrecht, nur sehr große Piloten mit 1,90 m oder mehr könnten sich auf dem eigentlich zierlichen Motorrad etwas fehl am Platz fühlen. Mit meinen 1,85 m halte ich es aber gut in ihrem Sattel aus und genieße die entspannte, unkomplizierte Fahrt. Diese Unkompliziertheit kommt auch durch den Motor zustande, der sehr sanft und gut erzogen ans Gas geht. Wie das bei vielen modernen Einzylindern der Fall ist, braucht der Eintopf in der Alp etwas Drehzahl, um in Schwung zu kommen, bietet aber genug Kraft und sich auch flott vom Fleck zu bewegen. Die Gänge sind dabei sehr lange übersetzt, da sonst kein reisetauglicher Topspeed möglich wäre, dafür bleibt das Drehzahlniveau selbst bei über 100 km/h in der Mitte des Drehzahlbandes und man hat nicht das Gefühl den Motor zu quälen. Dennoch ist es mit der Alp 4.0 auch möglich sehr entspannt im 5. Gang ohne ruckeln durch das Ortsgebiet cruisen. Hier fällt noch der sehr leise, angenehme Klang, das Fehlen unangenehmer Vibrationen und das sauber schaltende Getriebe positiv auf.

Beta Alp 4.0 Test
Durch die lange Übersetzung und den modernen Einzylinder sind auch höhere Geschwindigkeiten mit der Beta Alp 4.0 kein Problem.

Auf schlechten Straßen merkt man aber, dass beim Fahrwerk nicht die feinste Ware verbaut ist. Mit 185 mm vorne und 195 mm hinten bieten die Telegabel und das Federbein zwar genug Federweg, doch arbeiten die Komponenten nicht fein und schnell genug, um kleine Schläge sauber wegzubügeln. Dafür ist das nicht einstellbare Fahrwerk aber mit genug Dämpfung ausgestattet, um stets stabil zu bleiben. Selbst mit den serienmäßigen, sehr stolligen VRubber Reifen aus Thailand rollt es sich sehr harmonisch dahin. Und das, obwohl wir für die Offroad-Strecken nur 1,2 Bar Luftdruck eingefüllt haben. Spektakulär ist die Fahrt mit der Beta zwar nie, aber sie meistert alle Bereiche der normalen Straßenfahrt souverän.

Beta Alp 4.0 2024 Offroad-Test

Und wie sieht es abseits der befestigen Wege aus? Der Rest der Gruppe ist zwar auf Hardenduros unterwegs, doch trotzdem lassen wir Steilhänge und harte Offroad-Passagen aus. Ich bin in Gesellschaft meines Vaters und dessen Freunden unterwegs, allesamt über 60 Jahre alt. Da geht es eher um das Befahren der kleinsten Wege und das genießen der Landschaft, als um schweißtreibende Steilauffahrten. Es kommt aber auch vor, dass wir auf der Suche nach dem richtigen Pfad hier und da gewisse Sonderprüfungen bestehen müssen. So scheuchen wir die Beta Alp 4.0 in den zwei Tagen über viele Schotterstraßen, zweispurige Waldwege, Forststraßen, aber auch ein paar Single-Trails, verwachsene Holzwege und steinige Gipfelauffahrten. Unsere Tour würde ich als Endurowanderung bezeichnen, dennoch wurde die Alp definitiv aus ihrer Komfortzone gebracht.

Beta Alp 4.0 Test
Vom breiten Waldweg bis zum kleinen Single-Trail - Die Beta Alp 4.0 macht zumindest im gemächlichen Tempo so ziemlich alles mit, was man ihr entgegenwirft.

Die gedrungene, zugängliche Ergonomie der Alp macht die Fahrt auch Offroad leichter. Die mitfahrenden Hardenduros sind zwar auch schmal und leicht, aber wesentlich höher. Im schwierigen Geläuf gelingt der gelegentliche Stützschritt zum Boden auf der Alp leichter. Gleichzeitig ist aber auch die Stehposition auf der Beta gelungen und fällt erstaunlich aktiv aus. Durch die niedrige Bauhöhe greifen die Arme hinunter zum niedrigen Lenker, wodurch sich der Oberkörper ähnlich wie auf den Hardenduros nach vorne neigt. Die Fußrasten bieten nach der Herausnahme der Gummieinsätze viel Grip, die Knie können bei Bedarf die schmale Mitte der Beta einklemmen und der kleine 11-Liter Tank lässt nach vorne viel Platz.

Beta Alp 4.0 Test 2024
Durch die aktive Ergonomie und viel Bewegungsfreiheit lässt sich die schmale Beta Alp 4.0 sehr gut im Stehen steuern.

So bewegt man sich sehr souverän über unbefestigte Wege und fühlt sich nicht fehl am Platz. Zu diesem Gefühl trägt auch der Motor bei. Er mag nicht spektakulär sein, aber hat trotzdem genug Druck in der Mitte des Drehzahlbandes. Auf Schotterstraßen kann man sich schon etwas mit der Traktion spielen, das Heck dank feiner Gasdosierung ausbrechen lassen und sich einen breiten Grinser unter den Helm zaubern. Wird es steiler und loser, muss man für genug Druck das Gas etwas stehen lassen und gegebenenfalls mit der leichtgängigen, präzisen Kupplung dosieren. Durch die lange Übersetzung fährt man mehr im ersten und zweiten Gang, was aber kein Problem darstellt, und auch kurze Gasstöße weiß der Motor umzusetzen. Mit etwas Gewichtsverlagerung und einem Ruck im Handgelenk steigt das Vorderrad hoch, was die Fahrt über buckelige Pisten sehr spaßig macht. Das Fahrwerk macht dank der stabilen Abstimmung solche Manöver und kleine Sprünge sogar mit, wobei die Alp definitiv nicht dafür gebaut wurde. Nur sehr selten bringe ich sie zum Durchschlagen und sie bleibt bei so harten Schlägen stets stabil. Auf steinigen Pisten merkt man aber wieder das bereits angesprochen, nicht übermäßig feine Ansprechverhalten bei kleinen Schlägen und man wird etwas hergeprellt.

Auch bei der Bremserei ist die Ware nicht allerhöchste Liga. Die Bremsanlagen kommen zwar von Nissin, könnten bei härteren Verzögerungen aber besser dosierbar sein. Ist man gemütlich unterwegs, stört das wenig. Der Fußbremshebel ist stehend gut zu erreichen und bei sanfter Betätigung bleiben die Bremsen auch feinfühlig bedienbar. Nur wenn man mehr Kraft anwendet, beißen die Bremszangen ab einem gewissen Punkt recht vehement zu. Hier braucht es etwas Eingewöhnungszeit im losen Gelände, bevor man das Hinterrad gezielt und gewollt blockieren lässt.

Beta Alp 4.0 Test
Gas stehen lassen und sich hochziehen lassen. Auch außerhalb ihrer Komfortzone punktet die Alp 4.0 mit ihrem unkomplizierten Motor und dem gut abgestimmten Fahrwerk.

Damit das überhaupt möglich ist, muss das ABS deaktiviert werden. Das ist neben den zwei Fahrmodi Street und Offroad, dem schicken TFT-Display und den LED-Lichtelementen auch die einzige nennenswerte Elektronik auf der Alp 4.0. Und leider ist es auch der einzige wirkliche Minuspunkt im unbefestigten Gelände. Um das ABS zu deaktivieren, muss im Offroad-Fahrmodus einige Sekunden lang die ABS Taste am Lenker gedrückt werden. Wie bei vielen anderen Herstellern, wird es wieder aktiviert, wenn die Zündung oder der Motor ausgeschaltet wird. Leider setzt sich das ABS auch zurück, wenn der Motor abgewürgt wird. Bergauf und unter Last bietet der Motor genug Druck, dass er recht schwer abstirbt. Doch bergab im Schiebebetrieb auf losem Untergrund und mit der nicht perfekt dosierbaren Bremse passiert es nur zu schnell, dass man etwas zu fest auf die Hinterradbremse steigt und nicht schnell genug den Kupplungshebel zieht bevor der Einzylinder mit seiner niedrigen Schwungmasse aus geht. Da das ABS auch nur im Stand deaktiviert werden kann, muss man wieder anhalten und mehrere Sekunden die ABS-Taste drücken, bevor es weitergehen kann. Manchmal ist mir das gleich mehrfach hintereinander passiert, dann wird es lästig. Meist nervt der ABS-Reset einfach nur, wenn es steiler bergab geht, kann es aber auch brenzlig werden.

Haltbarkeit und Robustheit der Beta Alp 4.0 2024

In den zwei Tagen in Slowenien hat die Alp 4.0 schon einiges mitgemacht. Trotz aller Sprünge, grober Schotterpisten und harter Schläge gab es nur zwei Ausfallserscheinungen. Einmal hängte sich das TFT-Display auf einer heißen und staubigen Passage auf, konnte aber durch ein schnelles Aus- und Einschalten der Zündung wieder gelöst werden. Und die zwei Schrauben der Auspuff-Abdeckung haben sich losvibriert, was aber selbst bei den besten Enduros vorkommen kann. In Summe war die Alp 4.0 echt hart im Nehmen und konnte gerade in Anbetracht der Preisklasse mit ihrer Robustheit überzeugen.

Beta Alp 4.0 Test 2024
Robust genug! Nicht nur ihre Blinker sind hart im Nehmen. Die Beta Alp 4.0 steckt unseren intensiven Test locker weg.

Gepäcklösungen und Zuladung der Beta Alp 4.0 2024

Wenn man die Beta Alp 4.0 nun zum Endurowandern verwendet und vielleicht auch mehrtägige Touren machen möchte, braucht es Gepäcklösungen. Das einzige original Beta-Zubehör für die Alp 4.0 ist ein Gepäckträger, der mit einem Topcase kombiniert werden kann. So könnte sie sogar zum praktischen Stadtflitzer werden. Die zulässige Zuladung von 172 kg reicht auf jeden Fall für etwas Gepäck, oder eine Sozia. Beides wird eher knapp.

Preis und Preisvergleich der Beta Alp 4.0 2024

In Österreich kostet die Beta Alp 4.0 6.250 €, in Deutschland 6.130 € und in der Schweiz CHF 6'990. Damit ordnet sie sich gut in die Reihen Konkurrenz ein. Die Honda CRF300L kostet zum Beispiel 6.190 € in Österreich, bietet aber mit 286 ccm und 27 PS aber weniger Leistung und Hubraum. Die verkleidete CRF300L Rally kostet mit 7.500 € schon deutlich mehr. Das gilt auch für die heiß erwarteten und Einhorn-Anwärterinnen CFMOTO 450 MT und Royal Enfield Himalayan. Die sind als leichteste Reiseenduros deutlich schwerer und teurer, als die Alp 4.0

Ist die Beta Alp 4.0 das gesuchte Einhorn, die Alleskönner-Enduro?

Sie mag durch den fehlenden Windschutz und ihre etwas gedrungenen Ausmaße für die meisten nicht als ernsthafte Option für Abenteuerreisen in Frage kommen, doch ich sehe sie für die Nische der Endurowanderer als sehr interessantes Fahrzeug. Wer nicht vor hat Steilhänge zu erklimmen, der braucht keine Hardenduro. Und wenn man keine hunderten Kilometer am Stück bewältigen möchte, braucht es auch keine vollwertige Reiseenduro. Auf kurzen Touren mit leichtem bis mittelmäßigen Gelände bietet die Beta Alp 4.0 unkomplizierten Fahrspaß, sie kann aber auch ganz pragmatisch und souverän am Asphalt bewegt werden. Sie ist bei Weitem nicht perfekt, aber das darf man sich in der Preisklasse auch nicht erwarten. Das Geld, welches man sich im Vergleich zu anderen Maschinen spart, kann man locker in tolle Touren oder kleine Optimierungen an der Alp stecken. Unterm Strich muss ich sagen: Unterschätze die Beta Alp 4.0 nicht!

Fazit: Beta Alp 4.0 2024

Die Alp 4.0 ist ein echter Geheimtipp für die Nische der Endurowanderer. Sie bietet durch ihren kultivierten Einzylinder-Motor, das stabile Fahrwerk und eine ausgewogene Ergonomie eine hohe Vielseitigkeit. Die Alp kann problemlos mit hoher Geschwindigkeit cruisen, funktioniert unkompliziert im Stadtverkehr und schafft im losen Gelände mehr, als man ihr zutrauen würde. Steilhänge und Rallye-Tempo sind ihr zu viel, wer aber auf rabiates Tempo und extreme Sonderprüfungen verzichtet, kann mit der Alp 4.0 auch mittelschweres Terrain erkunden und muss dort auch nicht auf Fahrspaß verzichten. Hinzu kommt ein günstiger Anschaffungspreis, der so manche Imperfektion verzeihbar macht und Geld für tolle Touren übrig lässt.


  • Zugänglicher, unspektakulärer, dennoch spaßiger Motor
  • Stabil, abgestimmtes Fahrwerk, das auch härtere Schläge wegstecken kann
  • Gute Ergonomie, auch bei stehender Fahrt
  • Sauber schaltendes Getriebe
  • Enduro-Bereifung
  • Agiles Handling
  • Sehr vielseitig
  • Gutes Preis-Leistungsverhältnis
  • Bremsen könnten besser dosierbar sein
  • Fahrwerk spricht bei kleinen Schlägen nicht sehr fein an
  • Deaktiviertes ABS setzt sich auch beim Abwürgen des Motors zurück = mühsam

Bericht vom 07.05.2024 | 21.764 Aufrufe