Yamaha MT-09 Testbericht mit Testvideo

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Yamahas 9 Milimeter. Geladen und entsichert.

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Yamaha MT-09

Dass das Interesse an Yamahas neuem Dreizylinder-Nakedbike groß sein würde, war zu erwarten. Wie groß es allerdings sein würde, damit konnten wir echt nicht rechnen.
9.500 haben schon die wenig aussagekräftige Vorankündigung samt kryptischem Video zur MT-09 gesehen, 34.000 im Juli die ersten ausführlichen Modellnews gelesen. Über 106.000 Klicks auf 32 Bilder in unserer Galerie. Das offizielle Video von Yamaha Europe wurde mehr als eine dreiviertel Million Mal aufgerufen. Von 208 Bewerbern, die allesamt beim internationalen Pressetest in Split Anfang September dabei sein wollten, konnten wir leider nur einen wählen und es ist uns verdammt schwer gefallen. http://www.motorrad-bilder.at/slideshows/291/010057/yamaha-mt-09-action-02.jpg

Ein 3-Zylinder-Naked Bike - The dark side of Japan.

Jetzt bin ich selbst hier an der Küste Kroatiens und die Welt wartet auf ein Wort, auf ein Zeichen, einen ersten Hinweis darauf, wie sich die neue Yamaha MT-09 fährt. Eins ist sicher: Sie wird es sehr bald selbst erfahren. Auf der EICMA 2012 präsentierte Yamaha ein futuristisches Geflecht aus tausenden von Fäden, das an einen Webstuhl erinnerte. Zwei Räder, eine Gabel samt Lenker und in der Mitte ein loser Motor. Darüber schwebte eine große Tafel in Form eines dreizackigen Sterns auf dem unter dem Yamaha Logo der Satz „Wo geht es hin?“ (Where to next?) stand. Aus next wurde jetzt, wir sind in der offenen Zukunft gelandet und haben ein neues Kapitel in der Geschichte der drei Stimmgabeln aufgeschlagen.

Mit der MT-09 setzt Yamaha die erfolgreiche Tradition der MT-Baureihe fort. (???) Ja, genau das dachte ich mir auch. Die MT-01 war originell, aber wenig erfolgreich, weil ein Choppermotor in einem Nakedbike-Chassis zu stark von der Norm abwich. Der gemeine Motorradfahrer ist eben auch nur ein Gewohnheitstier. Die MT-03 war eigentlich eine gute Idee, ich bin sie auch gerne gefahren, für mich der nächste logische Schritt nach der Supermoto-Hysterie, aber sie war schlicht und einfach zu schwach.

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Und jetzt soll die Nummer 09 der große Wurf sein und das auch noch auf dem Triple-Terrain, das der britische Platzhirsch seit vielen Jahren erfolgreich besetzt und verteidigt. Da holt man erst einmal tief Luft und hofft, dass es nicht allzu peinlich wird, wenn Yamaha sein neues Meisterwerk auch noch als „The dark side of Japan“ vorstellt.

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Bereits die Optik des Rahmens spiegelt den Charakter der MT-09 wider - sieht doch irgendwie aus, wie ein kleiner Pitbull Terrier, oder? Man erkennt es hier nicht so gut, die Rückleuchten sehen aber aus wie ein aufgesetzter Spoiler - an den man sich erst einmal gewöhnen muss.
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Die Instrumente sind komplett und finden sich ungewohnt seitlich versetzt, an der Ablesbarkeit gibt es aber nichts auszusetzen. Die hübschen und gut sichtbaren Krümmer können die Motorbauweise nicht verheimlichen: Es handelt sich um einen (gewaltigen) Dreizylinder!

Wirklich böse aussehen tut sie ja nicht, sie muss also eine dunkle Seele haben, wenn sie dem, ihr vorausgeschickten Ruf gerecht werden will. Angst bekam ich angesichts der Leistungsdaten zunächst keine. 115 PS sind kräftig, aber nicht brutal, 188 Kilo (ABS: 191) schlank, aber nicht athletisch. Einzig das Drehmoment hat mich beeindruckt, 87,5 Nm sind in dieser Klasse der neue Referenzwert, wenn man die MT-09 mit ihrem 847 Kubik Dreizylinder Konkurrenzmodellen wie der Triumph Street Triple 675, der MV Agusta Brutale 800 und der Kawasaki Z800 gegenüberstellt. Die Kawa hat zwar einen Vierzylinder, stellt aber für mich den stärksten und direktesten Kontrahenten dar. Zwischen diesen beiden würde ich bei einer Kaufentscheidung stehen. Die Street Triple ist leistungstechnisch deutlich unterlegen (106 PS, 68 Nm), die Brutale 800 zu exklusiv, zu selten, zu launisch. Obwohl sie die einzige ist, die der Yamaha um 10 PS kräftemäßig überlegen ist. Deren Drehmoment erreicht aber auch sie nicht.

Volle Attacke!

Yamaha war also nicht bescheiden, sondern attackiert frontal in einer der Marke scheinbar fremden Disziplin. Doch Dreizylinder-Motoren wurden nicht nur schon in Motorrädern eingesetzt, sondern laufen aktuell in Jet-Skis und als Außenborder. Das Know-How musste demnach nicht neu aufgebaut, sondern nur richtig eingesetzt werden.

Die Geometrie ist sehr gelungen. Mit meinem Standardmaß von 1.80 m empfand ich die Sitzhöhe von 815 mm als ideal (Street Triple: 800, Z800: 834, MV Agusta: 810), der Lenker ist schön geformt und schön breit, die Taille schmal und die Haltung entspannt, aber jederzeit angriffsbereit. Man sitzt nicht so extrem am Vorderrad wie bei der MT-03. Nichts sieht billig aus oder fühlt sich so an, einzig der Kabelsalat, der unter der seltsamerweise dezentral angebrachten digitalen Tachoeinheit herunterläuft, stört das Auge des Ästheten. Das breite Rücklicht, das hinten über dem Sozius wie ein Spoiler aufsitzt, mag im ersten Moment ebenfalls einen kurzen Stich auf der Netzhaut verursachen, während der Fahrt sieht das aber gar nicht so schlecht aus, weil nur zwei kleine Ecklichter leuchten, die entfernt an Teufelshörner erinnern. Insgesamt haut mich die MT-09 optisch nicht vom Hocker, da wäre mehr gegangen, auch wenn deutliche Züge eines Stuntbikes erkennbar sind.

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Die MT-09 ist herrlich kurz übersetzt, bis zum dritten Gang hebt das Vorderrad gerne, willig und ohne Anstrengung des Fahrers ab.
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Der Antritt ist erschreckend - Verzicht auf den 1. Gang.

Egal, Geschmacksache, rein in den Sattel und Knopf drücken. Knopf? Gibt es keinen, zumindest nicht zum Starten, das wird der Einfachheit halber über den Notausschalter/schieber erledigt. Also schieb und Start und der Dreizylinder plärrt sofort auf. Dieses räudige Bellen begleitet vom typischen Säuseln. Im Gegensatz zu den Motoren anderer Hersteller klingt die Yamaha aber nicht unharmonisch oder gar kaputt. Nice, nicht so grantig wie eine Street Triple und nicht so böse wie eine Brutale, dafür kultivierter und runder, das kann man jetzt schon sagen, ebenso wie man einfach „japanisch“ sagen könnte. Wir lassen die Motoren, wie es sich gehört, ein paar Minuten warmlaufen und dann geht’s endlich los. Aus der Hotelausfahrt gefädelt, am Schranken vorbeigeschlängelt, auf die Straße gebogen und dann zum ersten Mal Gas. VERDAMMTE SCHEI…!!!!! Mir ist gerade die heilige Maria erschienen, nicht ungewöhnlich in Kroatien. Sie trug einen schwarzen Mantel, hatte ein rotes Gesicht und sprach rückwärts. Was ist das für ein böses, böses Ding?! Den ersten Gang habe ich nach 500 Metern zur Sicherheit ad acta gelegt, Gaswheelies sind im zweiten Gang sicherer, oder im dritten. Diese zwei Gänge zählen ohnehin zum Aufregendsten und Geilsten, was ich je im Sattel eines Motorrades erlebt habe. Als würde man sich mit einem Steinbohrer durch die Atmosphäre schrauben. Den Schock mussten wir zunächst verdauen. Doch die MT-09 hat nicht nur Antritt, sondern auch Agilität. Das Handling ist spielerisch, die Bewegungsfreiheit optimal und die Schräglagenfreiheit entspricht angeblich jener der R6. Mit brandneuen Reifen und auf schmierigem und staubigem Asphalt brauchte es leider eine Zeit, bis ich mich davon überzeugen konnte.

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Wie immer ist die Optik eine Frage des Geschmacks, die MT-09 tritt absichtlich betont kantig und zerklüftet auf. Der kräftige Dreizylinder-Motor beeindruckt jedenfalls vor allem im Fahrbetrieb.
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Für die über weite Strecken schlechten Straßen an Kroatiens Küste war das Fahrwerk zu hart, besonders die Gabel ging zu schnell aus den Federn. Hier sollte man nach dem Kauf und einigen Kilometern zum Gewöhnen mit dem Händler (oder in Eigenregie) die Dämpfung auf die eigenen Bedürfnisse anpassen. Die weitenverstellbare Bremse entspricht der Leistung des Motors, ist aber nicht ultrasensibel, sondern will gedrückt werden.
Leider bin ich momentan im Wheelisieren nicht sehr standfest, denn mit der MT-09 zählt das zur leichtesten Übung. 1, 2, oder 3, egal welcher Gang, mit oder Kupplung . Die kurze Übersetzung erlaubt Wheelies aus fast jeder Situation und Lage. Beim Beschleunigen hat man ständig das Gefühl, die MT-09 würde einem den Lenker aus der Hand reißen wollen. Bei Regen würde selbst ich im B-Modus fahren, mit wohl temperierter Leistung und Gasannahme, daneben gibt es noch den Standard und den A-Mode, was wahrscheinlich für „ausgezuckt“ oder „absolut arg“ steht. Derart stark bestückt ist man natürlich nicht langsam. Ein Engländer behauptete zwar fahnentreu, dass er mit der Street Triple wahrscheinlich schneller wäre, weil die Leistung der Yamaha, so sehr diese auch zu schätzen sei, zu hart einsetze und daher nicht optimal genutzt werden könne. Dass man etwas Erfahrung mitbringen sollte, ist sicher richtig, aber der Rest seiner Behauptungen war Bockmist.

Sparsam soll sie auch sein, sie fährt sogar „eco“, solange man kein Gas gibt. Wie man mit dem Ding allerdings 270 Kilometer weit kommen soll, ist mir ein Rätsel. Bei unserem Test war nach 200 km Schluß, Durchschnittsverbrauch 6,2 Liter. Das ist eben der Preis, den man für eine derart geile Fahrerei zahlen muss - und man zahlt ihn gerne.

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Nach stundenlangem Dauerfeuer war mein Hirn leer und mein Körper taub. Ein mörderisches Gerät, ein echter Wolf im Schafspelz. „Don’t judge a book by it’s cover.“ An manchen Stellen ist die MT-09 schon fast zu hart geraten, aber ich könnte mich daran gewöhnen. Ein paar Anpassungen am Fahrwerk, ein paar optische Accessoires, eine Akrapovic-Komplettanlage und es gäbe kein besseres Naked Bike für mich. Schade, dass die Saison bald zu Ende ist. Es wird ein kalter, einsamer Winter…

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Text: kot
Fotos:
Yamaha

Bericht vom 04.09.2013 | 169.735 Aufrufe

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