Yamaha XSR700 Test: Puristischer Sweet Spot ohne Elektronik?
Kein Ride-by-Wire, kein Firlefanz - warum die XSR700 begeistert
Ist die Yamaha XSR700 ein veraltetes Naked Bike oder genau der Sweet Spot zwischen Moderne und Retro? Auf einer Feel-Good-Tour von Wien in die Wachau zeigt sich, warum ihr bewusster Verzicht auf Elektronik vielleicht genau das ist, was vielen Motorrädern heute fehlt.
Ist die Yamaha XSR700 ein veraltetes Naked Bike? Ein zu modernes Pseudo-Retro-Eisen? Oder liegt sie genau dazwischen - im Sweet Spot, wo Fahrspaß, Purismus und Design perfekt zusammenfinden? Diese Frage steht am Beginn unserer Tour. In einer Zeit, in der Motorräder immer mehr Elektronik und Sensoren bekommen, wirkt die XSR700 fast schon altmodisch. Kein Ride-by-Wire, keine Traktionskontrolle, keine Fahrmodi. Auf dem Papier mag das wie ein Rückschritt wirken. Auf der Straße könnte es aber genau das sein, was uns fehlt.
Mit dieser offenen Fragestellung starten wir in Wien und machen uns auf den Weg Richtung Wienerwald und weiter in die Wachau. Sonne, Kurven und eine ordentliche Portion Feel-Good-Vibes begleiten uns auf dieser Tour - und liefern die Antworten, die man nicht am Datenblatt findet.
Zwischen Moderne und Retro - schwer einzuordnen, leicht zu fahren
Die Yamaha XSR700 ist ein Motorrad, das man nur schwer eindeutig einordnen kann. Sie steht irgendwo zwischen zwei Welten. Mit ihrem flüssigkeitsgekühlten CP2-Reihenzweizylindermotor ist sie definitiv zu modern, um als echtes Retro-Bike zu gelten. Optisch hingegen greift sie bewusst klassische Elemente auf: runde Lampe, Alutank-Cover, klare Linien. Laut Yamaha stammt die Inspiration sogar von der legendären Zweitakt-RD350LC aus den frühen 1980er-Jahren.
Betrachtet man die XSR700 jedoch von außen, wirken die minimalistischen Verkleidungsteile, sichtbaren Kabel, Schläuche und das klar moderne Motorgehäuse eher wie ein Neo-Retro-Konzept. Yamaha nennt diesen Ansatz "Sport Heritage" - eine Bezeichnung, die ziemlich gut trifft, was die XSR sein will.
Gleichzeitig wird klar: Ein Naked Bike mit klassischem Gasseilzug und ohne überbordende Elektronik ist heute eine Seltenheit geworden. Selbst in der Einsteigerklasse sind Ride-by-wire, Traktionskontrolle und Assistenzsysteme inzwischen gang und gäbe. Selbst innerhalb der eigenen Modellfamilie mit MT-07 und Tenere 700 ist die XSR die letzte Bastion des Purismus, die noch nicht elektrifiziert wurde. Technisch gesehen ist sie damit fast schon retro. Was für diese Tour aber eigentlich nebensächlich ist.
Nicht Retro oder Modern - sondern Feelgood-Vibes
Denn auf unserer entspannten Ausfahrt geht es nicht um die Frage "Retro ja oder nein". Es geht darum, was ein Motorrad braucht, um auf diese ganz besondere Art und Weise die Seele zu massieren. Wir suchen Feelgood-Vibes.
Der 689 Kubikzentimeter große Parallel-Twin liefert dafür genau den richtigen Charakter. Er bietet einen druckvollen, jederzeit berechenbaren Durchzug, der zum entspannten Cruisen einlädt. Selbst im Serien-Trimm überzeugt der CP2 mit einem durchaus anständigen Klangbild - zumindest nach modernen Sound-Standards gemessen. Der Motor fühlt sich im Genuss-Modus keineswegs fehl am Platz an und trägt uns souverän Richtung Wachau.
Gleichzeitig reicht ein kurzer Schlenker am Gasgriff, und die XSR700 liefert zeitgemäße Leistung ans Hinterrad - inklusive Glückshormonen in der Blutbahn. Genau diese Bandbreite macht sie so interessant.
Purismus statt Elektronik - direkte Verbindung zwischen Hand und Hinterrad
Natürlich bieten auch viele andere Motorräder vielseitige Fahrdynamik. Das Besondere an der XSR700 ist jedoch das, was sie nicht hat. Keine Traktionskontrolle, kein Ride-by-Wire, keine Fahrmodi. Für manche klingt das nach Verzicht. Für andere fühlt es sich nach Befreiung an.
Hier hängt man wieder selbst am Gas. Direkt, mechanisch, unverfälscht. Die Verbindung zwischen rechter Hand und Hinterrad ist ehrlich, roh und unmittelbar. Jede Drehung, jede Reaktion ist spürbar. Es gibt keinen Filter dazwischen. Genau dieses unmittelbare Gefühl wird in Zukunft immer seltener. Selbst im Retro-Segment halten zunehmend elektronische Helfer Einzug. Ab 2026 werden z.B. alle Triumph-Bonneville-Modelle mit schräglagenabhängigen Systemen ausgerüstet sein, so auch die Kawasaki Z900RS.
Vielleicht ist die Yamaha XSR700 also eines der letzten Motorräder, das diesen ursprünglichen Charakter noch pflegt - ohne daraus ein großes Marketing-Statement zu machen.
Fahrgefühl im Wienerwald - leichtfüßig, ehrlich, vertrauenswürdig
In der Praxis zeigt sich dieser Charakter sehr schnell. Im Wienerwald spielt die XSR700 ihre Stärken aus: handlich, spielerisch, leichtfüßig. Der CP2 zieht sauber durch, das Fahrwerk wirkt stabil und gleichzeitig komfortabel. Und obwohl keine elektronische Hilfe an Bord ist, vermittelt die Yamaha viel Vertrauen - gerade weil man sie so direkt spürt.
Die Rückmeldung passt, das Handling ist neutral, und die XSR lässt sich mühelos durch Kurvenkombinationen bewegen. Genau hier zeigt sich, dass Purismus nicht Verzicht bedeuten muss, sondern auch Qualität sein kann.
Von sportlich zu entspannt - durch das Donauland in die Wachau
Auf die kurvigen Abschnitte des Wienerwalds folgen die goldenen Hügel des Donaulandes. Die Stimmung wechselt von sportlich zu entspannt. Weinberge ziehen vorbei, kleine Ortschaften säumen die Straße, und die Donau glitzert in der Sonne. In dieser Umgebung gibt sich die XSR700 wieder gutmütig und gelassen. Sie fügt sich harmonisch ein und sorgt genau für jene Feel-Good-Vibes, die man sich von einer solchen Tour erwartet.
Je länger man im Sattel sitzt, desto klarer wird: Die XSR700 ist kein Motorrad, das beeindrucken will. Sie gefällt einfach - durch ihr Handling, ihren Sound und ihren ehrlichen Charakter.
Charakter statt Effekthascherei - warum die XSR700 so sympathisch ist
Der Motor schnurrt mit einem leichten Pulsieren, die Kupplung geht butterweich, das Getriebe schaltet direkt. Keine Effekthascherei, keine Spielereien - einfach pure, ausgereifte Mechanik. Genau das macht die XSR700 so sympathisch. Sie versucht nicht, mehr zu sein, als sie ist.
Natürlich hat sie ihre Eigenheiten. Das sehr simple,exponierte Display zum Beispiel oder der optische Mix aus Klassik und Moderne. Aber dafür schenkt sie etwas, das viele moderne wie auch viele Retro-Motorräder verloren haben: Unkompliziertheit. Zündung an und losfahren. Im Alltag keine Konnektivität, kein Menü-Wirrwarr, kein Fahrmodus-Wechseln. Und in Schräglage keine Traktionskontroll-Einstellungen, die im Hintergrund eingreifen. Diese Ruhe bildet ein sehr gut getroffenes Gegengewicht zur gebotenen Dynamik.
MoHo Maria Taferl - ein würdiger Abschluss für eine Feelgood-Tour
Der Tag im Sattel der XSR700 neigt sich dem Ende zu, als wir unser Ziel in der Wachau erreichen. Hoch über dem blauen Band der Donau thront der Wallfahrtsort Maria Taferl und blickt auf unsere heutige Tour zurück. Für eine echte Feel-Good-Tour braucht es neben Fahrspaß auch ein würdiges Rahmenprogramm abseits des Motorrads. Gut, dass sich hier auch das MoHo Motorradhotel Rose befindet.
Wir stellen unsere leise knisternden Maschinen in der historischen Ortsmitte ab und genießen ausgezeichnetes Essen, Elektrolytgetränke und den atemberaubenden Ausblick von der Hotelterrasse, von der aus man bei klarem Wetter fast halb Österreich sehen kann. Die Gedanken kreisen noch einmal um die Tour - und um die XSR700.
Fazit: Ehrlich, direkt und vielleicht schon ein zukünftiger Klassiker
Die Yamaha XSR700 hat nicht mit maximaler Leistung geglänzt, nicht mit Elektronik und auch nicht mit klassischem Retro-Charme. Dafür aber mit Gefühl, Unkompliziertheit und Ehrlichkeit. Egal wohin es uns mit ihr verschlagen hat, sie bot immer die passende Performance - ganz ohne eine Vielzahl elektronischer Systeme. Sie ist direkt, unaufgeregt und vielleicht genau deshalb so besonders.
Und wer weiß - vielleicht wird man in ein paar Jahren sagen: Die XSR700 war eines der letzten Motorräder, das sich wirklich so anfühlte, wie Motorradfahren einmal war. Unkompliziert, ehrlich, pur. Ein bisschen Retro, ein bisschen Moderne - und ganz viel Feel-Good-Vibes.
Fazit: Yamaha XSR700 2025
Kann alles aber nichts gut? Ein klares NEIN! Das quirlige und agile Retrobike mit ausreichend starkem Motor kann ein guter Allrounder sein, welcher ebenso optisch gescheit was hermacht und zum Kurvenheizen verleitet. Insgesamt ist das Bike für mich auch als Frau fantastisch handlich und sportlich agil. Der Motor arbeitet besser als erwartet und die Sitzposition ist mehr als angenehm. In punkto Schräglagenfreiheit wäre aber noch etwas Luft nach oben gewesen. Ich denke, dass sich hier auch weiter viele Menschen finden werden, die den Griff zu diesem Motorrad wählen, weil man hier einfach nicht viel falsch machen kann.- gelungenes Design
- bewährter CP2 Motor
- gemütliche Sitzposition
- ein Allrounder für jede Situation auf der Straße geeignet
- Display schwer ablesbar
- Relativ weiches Fahrwerk
- eher wenig Schräglagenfreiheit
Bericht vom 14.01.2026 | 12.576 Aufrufe