Edelweiss Toskana-Reise 2021

Aus dem Bauch heraus in die Toskana!

Das Corona-Jahr 2020 hat es uns Reiselustigen beileibe nicht einfach gemacht. Auch bei mir gab es allerlei Unwägbarkeiten, nicht zuletzt auch in meinem Job und, davon abhängig, bei meinem Urlaub. Das Einzige, was sicher schien, war die Wahl des Reisemittels, in meinem Fall meine altgediente R1150GS. In die Toskana, einfach drauflos, das war der Plan. Doch dann streikte mein treues Gefährt und ich musste umdisponieren, von einer Minute auf die andere.

Anruf in Mieming. Ja, Mietmotorräder sind vorhanden, ob denn eine normale R1250GS reiche oder ich lieber die Adventure hätte? Na, dachte ich, wenn schon, denn schon. Entscheidungen aus dem Bauch heraus sind meist die besten, deshalb fällte ich nur Sekunden später gleich noch eine. Als mich die Edelweiss-Mitarbeiterin fragte, ob ich denn nicht Lust auf schöne, vorgebuchte Hotels und interessante Routenvorschläge hätte, nahm ich dankend an. Und habe, soviel sei verraten, keine der beiden Bauchentscheidungen bereut!

Überrascht hat mich dabei, wie kurzfristig das Ganze möglich war, denn ich hatte am Mittwoch angerufen und konnte bereits am Samstag meine GS abholen. Sie war mit Koffern, Topcase, einem Tankrucksack und einem GPS-Gerät ausgerüstet, auf dem Routen, Tracks und Wegpunkte bereits fertig vorinstalliert waren. Das Motorrad selbst war fast neu. Außerdem bekam ich eine Landkarte und ein kleines Büchlein, in dem die einzelnen Fahrtage vorgestellt wurden, und eine Liste mit den gebuchten Hotels. Sehr schön! Und weil ich bereits vorab eine Vollkaskoversicherung ohne Selbstbehalt abgeschlossen hatte, dauerte die Motorradübergabe nur ein paar Minuten.

Jetzt aber genug gelobt, es geht los. Nach einer erholsamen Nacht und einem umfangreichen und voll biologischen Frühstück im Hotel in Mieming erklimme ich die Adventure und mache mich auf gen Italien (dieser Witz ist schon alt, ich weiß...). 325 Kilometer liegen vor mir und ich freue mich auf jeden einzelnen. Es geht hinein ins Ötztal, die Sonne strahlt vom stahlblauen Himmel und unter mir brummt der Boxer, der - so viel ist mir schon nach wenigen Kilometern klar seinem Urahn aus der 1150 haushoch überlegen ist. Während ich noch sinniere, in welcher Farbe ich mir meine neue 1250er bestellen soll, geht es auch schon hinauf Richtung Timmelsjoch, das zwar üppig Maut kostet, aber jeden Cent wert ist.

Das höchstgelegene Motorradmuseum der Welt ist natürlich ein absolutes Muss, beziehungsweise es war ein Muss, denn es ist ja inzwischen abgebrannt. Bei meinem Besuch war es noch geöffnet und ich kann nur jedem empfehlen, sich auf die Wiedereröffnung zu freuen, die für Ende 2021 geplant ist. Auf der italienischen Seite des Passes fällt die Straße fast 1.800 Meter hinunter ins Tal. Gekrönt wird die traumhafte Fahrt von einer Portion frischer Marillenknödel beim Sandwirt in St. Leonhard, den nicht nur mein Edelweiss-Büchlein wärmstens empfiehlt. Meran soll sehr sehenswert sein, doch für einen Stadtbummel ist es mir zu warm, außerdem will ich ja Motorrad fahren. Trotzdem werfe ich hoch über dem Etschtal einen Blick auf den vielleicht ältesten und ganz sicher größten Weinstock der Welt, dessen Blätterdach eine Fläche von sage und schreibe 350 m² überdeckt!

Am Kalterer See esse ich wie empfohlen zu Mittag und fahre dann kurz auf die Autobahn, um am Nachmittag mehr Zeit für den Monte Baldo und die herrlichen Blicke auf den Gardasee zu haben. Den Gardasee kenne ich eigentlich gut, nur hier oben war ich noch nie. Was für ein Fehler! Kurz darauf rolle ich in Verona ein und lasse mich vom GPS zu meiner Unterkunft lotsen, ein hübsches Agriturismo auf einem Hügel nördlich der Altstadt. Angenehm, nicht selbst etwas suchen zu müssen, außerdem findet man so ein Kleinod sicher nicht auf die Schnelle.

Am nächsten Tag besuche ich noch kurz die berühmte Arena von Verona und den vielleicht noch berühmteren Balkon von Julia, die dort den Liebeserklärungen ihres Romeo gelauscht haben soll. Corona sei Dank habe ich die beeindruckende Altstadt ganz für mich allein, genauso wie die zahlreichen Palazzi in Mantua etwas weiter südlich. Auch zwischen den Städten und Dörfern bin ich allein auf weiter Flur, ich überquere den Po und passiere auf meinem Weg nach Bobbio noch zahlreiche Castelli und Palazzi. Italien ist ein echtes Wunderland!

Am nächsten Tag bringt mich die Route immer noch nicht in die Toskana, sondern erst einmal nach Ligurien. Ich bin begeistert, denn die Straßen sind mega-kurvig und dass ein nur 400 Meter hoher Pass so viel Spaß machen kann, hätte ich auch nicht gedacht. Schon bald kann ich das Meer sehen und riechen und dann liegt auch schon der Höhepunkt des Tages vor meinem Vorderrad. Die Cinque Terre hatte ich nicht auf dem Schirm, doch sie sind umwerfend! Die Route möchte mir drei der kleinen, verschachtelten Dörfer am Meer zeigen, aber ich beschließe, mir alle fünf anzusehen. Auch La Spezia ist übrigens sehr sehenswert!

Von La Spezia nach Pisa schafft man es in einer guten Stunde, doch das Edelweiss-Büchlein verspricht einen ganzen Tag Fahrspaß. Und es verspricht nicht zu viel, die Strecke durch die Apuanischen Alpen ist ein Traum und auch im weiteren Verlauf verwöhnt mich die Straße mit endlosen Kurven und herrlichen Aussichten. Ich bin vollkommen ungestört, niemand außer mir ist unterwegs und ich frage mich angesichts der winzigen, handtuchbreiten Asphaltbänder, ob das nur aufgrund des eben zu Ende gegangenen Lockdowns so ist, oder ob hier auch sonst eher wenig los ist. Letzteres wird eher der Fall sein, denke ich.

In Lucca, einer spektakulären und vollständig von einer mächtigen Mauer umgebenen Stadt, bin ich nicht mehr ganz so allein und später, in Pisa, sind viele Straßencafés geöffnet und die Menschen flanieren über die Piazza dei Miracoli, den Platz der Wunder. Vorsichtig noch und mit viel Abstand, doch sie flanieren. Ich flaniere mit und genieße das Dolce Vita. Warum wir Italien so lieben? Deshalb!

Der folgende Tag führt mich dann tief in die Toskana hinein, dorthin, wo sie am toskanischsten ist. Zypressenalleen, Weinberge, herausgeputzte Dörfer, die durch endlos kurvige Sträßchen miteinander verbunden sind, dazwischen verwunschene alte Kirchen und luxuriöse Landsitze, die sicherlich alle fest in deutscher oder britischer Hand sind. Nicht mal 200 km stehen heute auf dem Plan, doch ich bin den ganzen Tag unterwegs, denn ich komme aus dem Schauen, dem Staunen und dem Kaffee trinken gar nicht mehr heraus. Am späten Nachmittag stehe ich dann an der Piazzale Michelangelo und staune auf Florenz hinab, das sich unter mir ausbreitet, und wer jemals dort gestanden und diese einzigartige Stadt betrachtet hat, der weiß, wie weit mir der Mund offenstand. Lang war ich an diesem Abend noch unterwegs, zu Fuß durch die gesamte Innenstadt, die eigentlich mehr ein Freilichtmuseum ist als eine Stadt. Unglaublich!

Dann geht es zurück nach Norden. Vorbei am berühmten Helm von Mugello und über die bei Ducati-Testfahrern beliebten Pässe Futa und Raticosa gelange ich nach Bologna. Das Ducati-Museum ist geschlossen wegen Corona, ich schaue mich in der wunderschönen Altstadt etwas um und gönne mir eine Portion Tagliatelle mit ragù alla bolognese. Spaghetti Bolognese gibt es nämlich in Bologna nicht, das ist erstaunlich, aber wahr.

Ich durchquere die langweilige Poebene auf der Autostrada und gelange nach Bassano del Grappa. Hier ist die Heimat der bekannten, gleichnamigen Spirituose, die aus den Pressrückständen der Weinherstellung destilliert wird und über 60% stark sein kann. Für ein oder zwei Fläschchen davon habe ich extra Platz in einem Seitenkoffer reserviert, doch vor dem Verköstigen und Einkaufen steht erst noch ein fahrerisches Highlight auf dem Plan. Auf den Monte Grappa führt ein schmales, äußerst kurvenreiches Sträßchen und endet erst auf über 1.700 m, gleich neben einem gewaltigen Kriegerdenkmal. Es erinnert an die Schlachten, die im 1. Weltkrieg hier ausgefochten wurden und unzählige Menschenleben forderten. Fast 23.000 Soldaten liegen im Beinhaus begraben. Ich bin völlig allein, der Wind bläst Nebelfetzen über den Gipfel und es ist eiskalt. Selbst jetzt bekomme ich noch Gänsehaut, wenn ich an die Atmosphäre an diesem Tag dort oben denke.

Mit zwei Flaschen edlem Grappa im Gepäck fahre ich am nächsten Tag weiter. Es geht hinein in die Dolomiten, über den Rollepass und das Pordoijoch nach Arabba, wo eine hervorragende Pizza auf mich wartet. Tausend Kurven später erreiche ich Bruneck, meinen letzten Übernachtungsort, bevor ich mich früh am nächsten Morgen auf dem Weg zurück nach Mieming mache. Mein Edelweiss-Büchlein schlägt eine nette Runde vor, doch ich fahre direkt, denn ich muss ja nicht nur bis Mieming, sondern noch ganz nach Hause. In der Altstadt von Sterzing lasse ich mir noch einen letzten Caffè servieren und verabschiede mich dann von Italien. Arrividerci, bella Italia!

Im Mieming nimmt Tobias Wachter, Eigentümer von Edelweiss, höchstpersönlich meine GSA zurück, und das an einem Sonntag! Noch ein kleiner Plausch, mein Blick schweift über die vielen Dutzend Motorräder, die dicht gedrängt in der Halle stehen. Am liebsten würde ich mir gleich wieder eine schnappen und nochmal losfahren. Trotz Corona. Oder jetzt erst recht!

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Bericht vom 04.08.2021 | 3.680 Aufrufe

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