Im Reich der Roller - Der etwas andere Urlaub in Taiwan

Wie reist es sich auf der kleinen fernöstlichen Insel?

Kaum ein Land ist für uns weiter weg und dominiert dennoch unser Leben: „Made in Taiwan” steht auf unzähligen Alltagsprodukten. Doch was wissen wir eigentlich über diese ferne Insel? Reisen bildet, und so haben wir es uns aus der Nähe angeschaut.

Text+Fotos: Thilo Kozik

Der erste Eindruck ist unangenehm: Zu heiß, zu stickig, zu hohe Luftfeuchtigkeit als normaler Mitteleuropäer wird man vom tropischen Klima Taiwans zunächst regelrecht erschlagen. Doch das war vorherzusehen bei der lang gestreckten Insel von der Größe Baden-Württembergs, schließlich verläuft der Wendekreis des Krebses quer durch die Mitte. Der Rest ist Neuland: Wer Bambushütten und ausgedehnte Reisfelder im Kopf hatte, muss sein Bild schleunigst revidieren. In Kaohsiung, der zweitgrößten Metropole Taiwans nach der Hauptstadt Taipeh, herrscht eine Betriebsamkeit wie in jeder westlichen Stadt auch, die beeindruckende Skyline weist die gleichen Ausmaße auf, die Straßen sind breit, der Verkehr intensiv, doch alles andere als chaotisch. Für Fernost geht es hier erstaunlich geregelt zu.

Anreise nach Taiwan

Taiwan liegt ein wenig abseits der großen asiatischen Durchgangsrouten, daher ist die Anreise recht langwierig, beschwerlich und teuer. Direktflüge von Frankfurt gibt es nur von China Airlines nach Taipeh ab knapp 800 Euro. Der zweite große Flughafen im Süden, Kaohsiung, wird nicht direkt angeflogen.

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Das Land der (umweltfreundlichen) Roller - Der Verkehr in Taiwan

Natürlich dominiert immer noch der Roller das Straßenbild, doch der wirtschaftliche Aufschwung der letzten zwanzig Jahre hat deutliche Spuren hinterlassen: Viele Taiwaner besitzen mittlerweile ein Auto, und das Fernstraßennetz ist auf PKW abgestimmt. Für den Einkauf in der Stadt oder die Fahrt zur Arbeit bleibt der Roller aber erste Wahl. Das merkt man am Morgen, wenn tausende Menschen mit dem Roller aus den Vororten in die Büro- und Fabrikviertel pilgern. Dafür gibt es spezielle Roller-Fahrspuren neben den Ausfallstraßen, auf denen die Taiwaner wie auf vergrößerten Ameisenstraßen durch die Häuserblöcke wuseln.

Roller vor einem Restaurant in Taiwan
Zum abendlichen Restaurantbesuch geht's mit dem Roller.

Viele tragen unter den alles andere als ECE-konformen farbenfrohen Halbschalen es herrscht Helmpflicht einen Gesichtsschutz, manche Roller sind zudem mit Lenkerstulpen ausgerüstet, die bei uns nur im Winter zum Einsatz kommen: Beides dient dem Schutz vor Industriestaub, der allgegenwärtig die Luft verschlechtert. Vom erwarteten Zweitakt-Mief angesichts der irren Zahl kleiner Scooter ist indes praktisch nichts zu spüren, die kleinen Stinker sind schon seit Jahren verpönt, es gibt nur noch Viertakter und selbst die werden zunehmend von lokal emissionsfreien Stromern ersetzt.

Transportmittel und Verkehr - Unterwegs in Taiwan

Für größere Nord-Süd-Entfernungen empfiehlt sich in Taiwan ein günstiger und praktischer Inlandsflug oder die Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug HSR (High Speed Rail), der zwischen Taipeh und Kaohsiung verkehrt und 90 Minuten benötigt. Innerhalb der Städte nutzt man am besten ein Taxi, über Land fahren Busse oder man nimmt einen Mietwagen. Die Verkehrsregeln werden teilweise sehr individuell interpretiert, aber die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen von 90-110 km/h und 70 km/h auf Landstraßen werden mittels Radar oftmals kontrolliert. Zweiräder dürfen grundsätzlich nicht auf Freeways und Autobahnen fahren. In den großen Städten gibt es eigene Spuren für die zahllosen Roller und Mopeds.

Hubräume über 125 cm³ sind kaum zu finden

Wie sehr Taiwan auf Zweiradler eingestellt ist, zeigen nicht nur die separaten Fahrspuren. Die großen Kaufhäuser haben sogar Tiefgaragen für Roller gebaut, von denen aus man direkt zum Einkaufen gehen kann. Auf den großen innerstädtischen Parkplätzen stehen keine PKW, sondern hunderte Roller jeglichen Alters, Herstellers und Zustands. Diese Abstellmöglichkeiten reichen jedoch bei weitem nicht aus, die wabernde Scootermasse zu befrieden. Roller bevölkern in Zweier-, teils Dreierreihen die Gehsteige und belegen jeden freien Quadratzentimeter; Fußgänger müssen oftmals auf die Straße ausweichen, da am Rand kein Durchkommen mehr ist. In regelmäßigen Abständen veranstalten die Behörden daher ein Großreinemachen, bei dem alle unvorschriftsmäßig geparkten und offensichtlich nicht mehr funktionsfähigen Scooter auf einen Mini-Laster gepackt und als Kiloware verhökert werden.

Roller-Chaos in Taiwan
Da war eben ganz sicher noch ein Platz frei...

Allerdings ist diese Maßnahme nie von langer Wirkung, denn insgesamt tummeln sich rund zehn Millionen Roller auf den Straßen der Insel und die müssen halt irgendwo abgestellt werden. Rein rechnerisch besitzt also fast jeder zweite der 23 Millionen Einwohner einen Roller das sind Zahlen, bei denen unserer Zweiradindustrie die Tränen in den Augen stehen. Den Löwenanteil machen die Hubräume von 100 und 125 Kubikzentimeter aus, was weniger an der Preisgestaltung liegt sondern historisch bedingt ist: Bis vor wenigen Jahren galt für alle Zweiräder eine Obergrenze von 125 cm3. Selbst heute sind weder Roller noch Motorräder auf den Freeways zugelassen, so leistungsstark sie auch sein mögen.

Übernachten und Unterkünfte in Taiwan

Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in den Städten reichlich und in jeder Güte, auch in den beliebten Ausflugsgebieten wie der Halbinsel Kenting im Süden finden sich Unterkünfte jeglicher Couleur. Dazwischen und im dünn besiedelten Osten sollte man sich unbedingt vorher um eine Bleibe kümmern und reservieren.

In der Nacht geht kulinarisch die Post ab

Ein weiteres Kennzeichen Taiwans sind die zahlreichen Nachtmärkte, deren Besuch immer wieder ein Erlebnis ist. Die häufig in der Nähe von Tempeln gelegenen Straßen verwandeln sich abends durch zahllose fahrbare Stände, einfache Straßenrestaurants und aufgebaute Verkaufstische in Konsum- und Fresstempel unter freiem Himmel. Hier gibt es alles, was man sich nur so vorstellen kann, vom billigen Plastikimitat bis zu Produkten alltäglichen Bedarfs. Ein Blick in die Töpfen und Pfannen spiegelt die unglaubliche Vielfalt der taiwanischen Küche wider; manches lässt sich sofort identifizieren, bei anderem möchte man dagegen gar nicht wissen, was es ist. Aber alles wird stets frisch zubereitet, ist von guter Qualität und kostet kleines Geld. Hier versorgen sich die Einheimischen, da auch bei Paaren üblicherweise beide Partner berufstätig sind und nur selten selbst kochen.

Essen und Kulinarik in Taiwan

Wie überall in Asien spielt das Essen eine große Rolle. Taiwan bietet die Köstlichkeiten der chinesischen Festlandsküche, hat aber auch eine eigene Kultur unter dem Einfluss Japans entwickelt. Die ganze Bandbreite sollte man auf den Nachtmärkten oder in den zahllosen Restaurants eingehend probieren.

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Taiwans ruhigere Seiten

Abseits der industriell geprägten Küstenebene im Westen der Insel gibt sich Taiwan naturbelassen und vergleichsweise rückständig. Der gebirgige Ostteil Taiwans mit vielen unwegsamen Regionen und zahlreichen Dreitausender-Gipfeln ist idyllisch, hier finden sich wilde Wasserfälle und das Klima ist fast alpin. Schroff fallen Klippen zur Küste hin ab, über die eine verwegene Straße in den Fels gehauen wurde. In den wenigen Buchten finden sich einsame Strände und verträumte Fischerdörfchen. Ein echter Tipp für gewaltigen Kurvenspaß ist die Nationalstraße 20, die sich von der ehemaligen Hauptstadt Tainan mit ihren Tempelwelten im Westen am Yushan Nationalpark vorbei bis an die Ostküste nach Taitung schlängelt.

Die touristisch erschlossene Halbinsel Kenting auf Taiwan
Taiwans kleiner Zuckerhut auf der Kenting-Halbinsel

Vor allem die grüne Halbinsel Kenting im Süden mit dem gleichnamigen Nationalpark ist mit zahlreichen Hotels, Restaurants und Freizeitmöglichkeiten touristisch sehr gut erschlossen. Nur hier kann man mit Leih-Quads in endlosen Sanddünen nach Herzenslust umher driften. Im übrigen Land sind die vierrädrigen Spaßmacher nicht erlaubt. Auf der Fahrt dorthin offenbart sich übrigens das ganze Dilemma taiwanischer Geschäfts-Mentalität: In einer weiten Bucht liegen acht (!) Kartbahnen nebeneinander, die mangels Auslastung langsam zu verfallen drohen. Hier hatte jemand die lohnende Idee eines Kart-Verleihs, und als das funktionierte, machten es ihm geschäftstüchtige Landsleute sofort nach. Jetzt reicht das Auskommen für keinen von ihnen mehr...

Informationen zu Taiwan

Da Taiwan nicht gerade ein typisches Reiseziel ist, hält sich die Informationsfülle in Grenzen. Eine Empfehlung ist der gerade erschienene Lonely Planet Reiseführer Taiwan für 22,95 Euro, einen Überblick liefert der Polyglott on tour Reiseführer Taiwan: Individuelle Touren durch das Land von Günter Whittome für 13,90 Euro. Das taiwanische Fremdenverkehrsamt hält unter www.taiwantourismus.de zahlreiche gute Informationen parat.

Bericht vom 30.06.2021 | 3.414 Aufrufe

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