Frontalangriff aus England. Nach der Tiger 800 will es Triumph mit der Explorer wirklich wissen.
Triumph
Tiger Explorer
Wir kennen den Herausgeforderten. Und jetzt auch den Herausforderer.
Preisfrage: Wann startete
das Projekt Tiger Explorer? 2006, 2008 oder 2010? Der Ursprung der Idee
einer neuen, großen Reiseenduro liegt tatsächlich schon sechs Jahre
zurück. Damals knallte ein ehrlicher Engländer nach einer langen,
kreativen Nacht im Pub ein leeres Pflichtenheft auf einen speckigen
Holztisch in Hinckley und bellte: „Let’s go to work, mates.“
Wahrscheinlich. Die ersten Skizzen wurden auf Servietten gekritzelt,
fromme Wünsche von bösen Realitäten gekillt und Ecken und Kanten in den
gedanklichen Eisenblock gemeißelt. Die Engländer sind vieles, aber nicht
feige. Denn wer einen kurzen Blick auf die Explorer wirft, der wird
nicht ganz sicher sein, ob er ein English Bike oder ein German Motorrad
gesehen hat.
Royal Rumble um die
Krone.
Somit ist sofort klar, wem dieser Angriff
gilt. Das wird heuer allerdings kein Zweikampf, eher ein Royal Rumble um
die Krone bei den Reiseenduros. Honda Crosstourer, Kawasaki Versys 1000,
Yamaha Super Ténéré, KTM 990 Adventure, Ducati Multistrada, Moto Guzzi
Stelvio und eben die Triumph Explorer wollen alle den Sonnenkönig BMW R
1200 GS stürzen, oder zumindest (realistischer gesehen) an seinem Thron
knabbern. Nur was Triumph in die Schlacht wirft, ist fast schon
Provokation. Kardan, Einarmschwinge, das Heck und der kurze Schnabel - verstecken will man
hier nichts, das ist englischer Exhibitionismus. Anpassung und
Nachahmung waren schon immer äußert mächtige Instrumente der
Kriegsführung. Und man hat immer noch den Dreizylinder. Den hat zwar
noch eine andere Marke, die aber am Rande der Gesellschaft dahin
vegetiert, also quasi Alleinstellungsmerkmal.
Mit 137 PS bei 9000 U/min. und 121 Nm bei
6400 U/min. liegt die Explorer zumindest schon mal leistungsmäßig auf
dem zweiten Platz hinter der Multistrada. Mit 259 Kilo vollgetankt zählt
sie allerdings auch zu den schwersten Exemplaren im Elefantenstall. (GS:
229, Adventure: 229, Multi: 236, Crosstourer: 275, Versys: 239, Stelvio:
257, Ténéré: 261) Nicht ohne Grund, denn um den 1215 Kubik großen
flüssigkeitsgekühlten Dreizylinder mit elektronisch gesteuerten
Drosselklappen (=Ride-by-Wire-System) ranken sich zahlreiche
Features, die bei anderen entweder gar nicht oder nur im Zubehörkatalog
zu finden sind. Nicht nur serienmäßig sondern auch abschaltbar sind das
ABS-System und die Traktionskontrolle, für standesgemäßes, Handgelenk
schonendes Kilometerfressen ist der Tempomat zuständig.
Ja, das Adventurebike hat einen Tempomat
an Bord. Eine lustige Spielerei, die zur Sicherheit nur bis zu einem
Tempo von 160 km/h eingesetzt werden kann und schon von vielen
Skeptikern in einem stillen Moment auf der Autobahn probiert und als
"Gar nicht mal so unpraktisch" bis "Eigentlich ziemlich leiwand" erkannt
worden war. Nun saß ich eine Woche zuvor auf dem neuen Crosstourer von
Honda, der nicht weniger Elektronik in sich trägt und wenn ich sonst
nichts vermisst habe auf diesem Hightech-Bomber, der Sound des V4 war
einfach ein Drama. Welches Juwel von einem Motor man hier unter sich
hat, kann man leider nur mehr erahnen, so zugeschmiert hat man die
Geräuschkulisse, die eine so wunderbare sein könnte.
>
Klingt am Auspuff wie
eine...
Anders bei Triumph, wie mir
Kundendienstleiter & Pressesprecher Uli Bonsels beim Abendessen
versprach. Ein Abenteuermotorrad braucht wie sein Reiter eine raue
Stimme, denn die Schale muss ebenso hart sein wie der Kern. Versprechen
gehalten, der Triple ist eindeutig als solcher zu erkennen, macht nicht
auf gute Manieren oder heuchelt Harmonie. Ein Dreizylinder muss klingen,
als würden irgendwelche Teile lose darin herumklimpern. Gut so. Obwohl
mit dem Ohr dicht
am Auspuff der Motor tatsächlich so klingt wie eine....wie eine GS. Na
und, ist eben eine Laune der Natur. Wie gesagt, man hat keine Angst vor
irgendwem. Dass man sich nicht verstecken muss, hat man bereits
eindrucksvoll bewiesen. Denn die Entscheidung zwischen einer Tiger 800
und einer BMW F 800 GS ist reine Geschmacksache, sonst nichts. Wieso
also nicht gleich in die Vollen gehen und den König der Motorräder
ärgern.
Einmal im Sattel der Explorer Platz
genommen, fühlt sich alles ganz anders an. Der Sitz, der zwischen 837 mm
- 857 mm in der Höhe variieren lässt, fällt recht breit aus und
verlängert so den Schrittbogen, was bei einer Körpergröße von 1.80m nur
die Ballen den Kontakt mit der Straße finden lässt. Am Parkplatz werden
daher Manövriermanöver zur kleinen Herausforderung, da macht sich das
Gewicht bemerkbar, was, einmal in Bewegung, erfreulicherweise schnell
vergessen ist. Im Vergleich zur Crosstourer ist die Triumph agiler und
kippt leichter in die Radien. Auf die optisch interessanten 10-Speichen
Felgen sind vorne ein 110er (19") und hinten ein 150er (17") aufgezogen,
da gibt es keine Experimente. Mit Gewichtsverteilung und Geometrie
dürfte man eindeutig richtig hantiert haben.
Es darf ruhig ein bisserl mehr sein. Die Explorer lebt von ihren
grobschlächtigen Formen. Da stören auch die Blinker im 'Röhren-TV-Gedenk-Format'
nicht.
Jö schau, ein Tempomat! Dies ist kein verirrtes Bild eines 30.000 Euro
Luxustourers. Allen Skeptikern sei ans Herz gelegt, es einmal zu
probieren.
So haben wir's gern. Optisch ansprechend und hervorragend ablesbar. Der
Bordcomputer zeigt beispielsweise Umgebungstemperatur,
Kraftstoffverbrauch und Durchschnittsgeschwindigkeit an und ist für das
optionale Reifendruckkontrollsystem vorbereitet.
Die Drücker sind perfekt dimensioniert und logisch angeordnet.
Der kantige Auspuff passt zur Gesamterscheinung. Und der Sound ist auch
O.K.
Für mich ein Muss auf einem Adventurebike.
Zusatzscheinwerfer im Rallye-Stil.
Triumph: Einmal am Tag aufs Hinterrad.
Mit der schwimmend gelagerten
Doppelscheibenbremse mit 305 mm Durchmesser und 4-Kolben-Festsattel
vorne und dem sportlich ausgelegten ABS lässt es sich auch schön dosiert
und kräftig in die Kurven bremsen, das Ansprechverhalten des Dreiers im
Kurvenausgang ist sowieso ein Traum. Er hat zwar aus dem Drehzahlkeller
nicht den Druck eines Zweizylinders, dreht dafür sehr gleichmäßig bis in
den 5-stelligen Bereich aus. Eine kleine Umstellung ist das schon, aber
in diesem Punkt gleicht sowieso keine Bigenduro mehr der anderen. Den
Vortrieb unterstützt die Traction Control, auf die man wie auf das ABS
jederzeit freiwillig verzichten kann. Was wir auch getan haben. Denn
eine Triumph muss zumindest einmal am Tag auf das Hinterrad gestellt
werden. Bei derart Blödeleien wird plötzlich wieder das Gewicht der
Explorer spürbar. Man muss (als Halbamateur) die Kupplung schon kräftig
einfahren lassen, um die 46mm Upside-Down-Gabel samt Vorderrad und allem
anderen in die Luft zu heben.
Ganz so stark wie die mit 950 Watt
weltstärkste Lichtmaschine im Motorradbau ist der Dreizylinder dann doch
nicht. Die hohe elektrische Leistung erlaubt den Einsatz von
Heizgriffen, Nebelscheinwerfern oder das Anstecken von elektronischen
Geräten über die Bordsteckdose im optionalen 35 Liter Topcase.
Zusätzlich ist im Cockpit ein weiterer 12V Anschluss vorhanden. Mit den
Seitenkoffern aus dem Originalzubehör steigt das Ladevolumen übrigens
auf 95 Liter. Da geht schon ein ganzer Mensch rein - in Teilen.
Insgesamt ist die Tiger Explorer ein ernstzunehmender Angriff. Ob der
reicht, um einen Giganten zu stürzen, bleibt abzuwarten. Interessant
dürfte aber das Duell Crosstourer-Explorer werden. Welche von den beiden
ich nehmen würde?
Die Stadt ist auch ein Dschungel.
Die Honda ist zwar auf dem Stand der Technik
von Odyssee im Weltraum und hat den V4, die Triumph aber den nicht
minder interessanten Triple und dieses gewisse Etwas, das mir bei der
Crosstourer fehlt. Etwas ungehobelter, etwas forscher, etwas grober. In
der Wildnis isst man eben nicht mit Silberbesteck vom Porzellanteller.
(Auch wenn man sich nur selten mit der Tiger in die Wildnis verirren
wird, die Stadt ist auch ein Dschungel.)
Das Wesentliche ist: Die Tiger Explorer gibt
es mit Vollausstattung, ABS, Traktionskontrolle und Tempomat in den
Farben Sapphire Blue, Graphite und Phantom Black ab sofort für
No more questions asked.
Technische Daten Triumph Tiger Explorer
Motor und Kraftübertragung
Typ
Flüssigkeitsgekühlter DOHC-Reihen-Dreizylinder mit vier Ventilen
Hubraum
1.215 cm³
Bohrung/Hub
85 x 71,4 mm
Einspritzung
Elektronische Multipoint-Saugrohreinspritzung, elektronisch
gesteuerte Drosselklappe (ride by wire)
Auspuff
3-in-1-Edelstahl-Auspuffanlage, G-Kat
Sekundärantrieb
Kardan
Kupplung
Mehrscheiben-Ölbad
Getriebe
6 Gang
Ölfüllmenge
4,0 Liter
Chassis, Fahrwerk und Instrumente
Rahmen
Stahl-Gitterrohrrahmen
Schwinge
Leichtmetall-Einarmschwinge mit integrierter Kardanwelle