Erfahrungsbericht: Yamaha TT 600 S 1994 auf der Seeker Raid 2022

Kick´s mir hart!

Bei der Hobby-Rallye Seeker Raid in Bosnien sind nur alte Enduros erlaubt. Extra für dieses Projekt haben wir uns vier alte Eisen zugelegt, um damit über 1000 km Offroad zu bewältigen. Wie gut schlägt sich dabei die sportliche TT 600 S?

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Im August 2022 haben wir an der Seeker Raid in Bosnien teilgenommen. Bei dieser Hobby-Rallye geht es um nichts, man fährt weder gegeneinander noch auf Zeit, außer darum die wunderschöne Natur des Balkans auf einem alten Bike zu inhalieren. Enduros mit Baujahr 2000 oder älter dürfen mitfahren. Wir haben uns dafür vier alte Eisen gecheckt, uns Unterstützung bei Louis und Mitas geholt und die chaotische Reise vom Gebrauchtkauf bis zum Zieleinlauf in Bosnien mit der Kamera festgehalten. Hier findet ihr die gesamte Seeker Raid Videoreihe auf dem 1000PS-Youtubekanal, in diesem Bericht möchte ich mich aber auf mein Bike konzentrieren.

Kicken als Ritual - Alltagsgebrauch der 1994er Yamaha TT 600 S

Eine Szene wiederholt sich bei der diesjährigen Seeker 2000 jeden Morgen: Beäugt von sich überlegen fühlenden E-Starter-Piloten springt ein einziger Typ am Rande des Campingplatzes auf dem Kickstarter seiner Yamaha TT 600 S herum. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Die Schaulustigen Grinsen schon überheblich und fühlen sich bestätigt: Hättest mal doch lieber was mit E-Starter genommen, wa? Nein, denn spätestens beim fünften Versuch tuckert der Einzylinder-Motor mit gezogenem Choke los. Die Yamaha ist erwacht und ihr Fahrer als einziger schon vor Etappenbeginn aufgewärmt. Jetzt geht es los auf die Schotterpisten Bosniens und hier wird sich zeigen, welches Bike wirklich überlegen ist.

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Federleicht - Das Chassis der Yamaha TT 600 S 1994

Als diese TT 600 S 1994 das Licht der Welt erblickte, bekamen vor allem Fans radikaler Sportenduros bei ihrem Anblick ganz feuchte Hände. Der drehmomentstarke (48 Nm) 595-Kubik-Einzylindermotor wurde hier nämlich von einem leichten Chassis umschlungen, bei dem etwa die blau eloxierten Alu-Felgen, das Öhlins-Federbein (260 Millimeter Federweg) und die Kayaba-Upside-Down-Gabel (285 Millimeter Federweg) zur Serienausstattung gehörten. Dass die schlanke TT nur 164 Kilogramm auf die Waage brachte, qualifizierte sie zum fähigen Sportgerät mit einem Rest Alltagstauglichkeit. Auf dem Papier also eine gute Kandidatin für die Seeker 2000, eine sechstägige Enduro-Tour, bei der nur Motorräder bis Baujahr 2000 zugelassen sind. Let´s go!

Performantes Fahrwerk - Handling der Yamaha TT 600 S 1994

Über die ersten Schotterwege schwebt die Yamaha auch nach 28 Jahren mit größter Souveränität. Das softe und selbst aus heutiger Sicht grandios ansprechende Fahrwerk verträgt aufeinanderfolgende tiefe Löcher bei rund 50 km/h völlig problemlos. Erst bei kleinen Hüpfern küsst das mit Gepäckrolle beladene Heck ab und zu den Hinterreifen, schlägt dabei aber nie hart durch. Vorne wie hinten sind für die Seeker 2000 Mitas E-09 Pneus montiert, die dem Schotter ebenso gewachsen sind wie das Bike: Viel Traktion bei steilen Anstiegen trotz zur Sicherheit eingefüllten zwei Bar Luftdruck. Auf den Zwischenetappen über asphaltierte Straßen geben die Reifen dafür logischerweise kein Rennsport-Gefühl, lassen aber doch akzeptable Schräglagen zu. Wie lange sie solch einen gemischten Rally-Einsatz durchhalten, erfahrt ihr in diesem Bericht.

Kraftvoller Motor & sanfte Bremsen - Yamaha TT 600 S 1994 im Test

Je anspruchsvoller das Terrain wird, desto wohler fühlt sich die TT 600 S. Als die Route ein ausgetrocknetes Flussbett hinauf führt, lupft sie mit leichtem Kupplungseinsatz das Vorderrad locker auf größere Felsen und zieht das Hinterrad dank des bärigen Singles auch bei niedrigsten Geschwindigkeiten hinterher. Die Dosierbarkeit der Leistung erleichtert solche Trial-Sektionen immens und dank viel Schwungmasse scheint es hier beinahe unmöglich, den Motor abzuwürgen. Hat man es doch geschafft, muss erst einmal ein sicherer Stand zum Kicken gesucht werden, was im groben Gelände durchaus etwas dauern kann. Im warmen Zustand springt die Yamaha dann zum Glück meist beim ersten oder dritten Kick wieder an.

Geht´s nach dem Anstieg den Berg wieder hinab, zeigen sich auch die Brembo-Bremsen sehr benutzerfreundlich. Über viel Hebelweg lässt sich die Verzögerung am Vorderrad mit einem Finger dosieren und auch die Hinterradbremse fasst nicht allzu hart zu. Dank dieser Abstimmung gelingen sogar steile Abfahrten über groben Kies Nicht-Profis stressfrei. Die TT 600 S kann also auch in diesen Passagen als einsteigerfreundliche Enduro punkten.

Ready to Crash? - Robustheit der Yamaha TT 600 S 1994

Natürlich bleibt bei einer Enduro-Tour auch ungewünschter Bodenkontakt nicht aus. Solche Fauxpas steckt die TT 600 S ebenso lässig weg, wie sie die bosnischen Hänge erklimmt. Die Acerbis-Handprotektoren schützen die Handhebel vor ungewünschter Verkürzung und die Fußhebel sind nach dem Aufheben schnell wieder zurechtgebogen dann ein paar Mal kicken, bis der Vergaser die Gemischzufuhr wieder unter Kontrolle hat und weiter geht´s.

Gegen sich zerlegendes Plastik - HG Powerglue

Ein abenteuerlustiger Einsatz einer TT 600 S wird durch all die Erschütterungen und Vibrationen früher oder später die Peripherie am Motorrad in Mitleidenschaft ziehen. Schrauben werden locker, Teile loose und Plastik bricht. So geht es mir auch in Bosnien, wo Stürze und das materialmordende, steinige Terrain die TT hart rannehmen. Stahl kann geschweißt, Schrauben wieder reingedreht und mit Schraubenkleber fixiert werden. Doch was macht man bei Plastik? Wie es sich herausstellt: Plastik wird auch geschweißt! Eines der nützlichsten Ausrüstungsteile bei der Seeker Raid war die "Schweißnaht aus der Flasche" von HG Powerglue, dank der wir so manches Hoppala schnell richten konnten. Der 2-Komponenten Kleber nutzt Granulat und Superkleber, um in Sekunden eine feste Verbindung herzustellen und die Bruchstelle zusammenzukleben. So lässt sich die Verkleidung auch schnell im Wald reparieren.

Kaum Schwächen - Yamaha TT 600 S 1994

Die Schwäche des fehlenden E-Starters hat sich bereits als völlig irrelevant herausgestellt. Sorge machte vor Antritt der Seeker 2000 aber auch die Reichweite der TT 600 S. Ebenfalls zu Unrecht. Erst nach 180 Kilometern neigte sich der Benzin-Vorrat im Zwölf-Liter-Tank dem Ende und nach dem Umschalten des Benzinhahns auf Reserve waren weitere 15 Kilometer bis zur rettenden Tankstelle kein Problem.

Auch die Sitzhöhe von stolzen 960 Millimetern kann der TT 600 S nur schwer als Schwäche ausgelegt werden, schließlich sichert sie die große Bodenfreiheit. Allerdings erschwert sie kleineren Fahrerinnen und Fahrern den Stand wer unter 1,70 Metern groß ist und anhalten will, muss sich vorher entscheiden, welchen Fuß er absetzen möchte.

Fazit: Yamaha TT 600 S 1994

Dem E-Starter-Volk ist das überhebliche Grinsen schnell vergangen, denn die TT 600 S bewältigt jedes Terrain, das die Seeker 2000 in Bosnien bereithält, mit spielerischer Leichtigkeit. Grober Schotter, steile Hänge, felsige Flussbetten – nichts davon bringt sie an ihre Grenzen. Auch nach heutigen Standards geht die TT 600 S mit gutem Fahrwerk und unkompliziertem Motor als einsteigerfreundliche Enduro durch, mit der auch längere Etappen nicht zu sehr schmerzen. Lange (wegen der Sitzhöhe) und kräftige (zum Kicken) Beine vorausgesetzt.


  • Einfache, reparierbare Technik
  • Drehmomentstarker Motor
  • Niedriges Gewicht
  • Hochwertiges Öhlins Fahrwerk
  • Sanfte Bremserei
  • Sehr hoch, nichts für kurze Beine
  • Reichweite auf knappe 200 km eingeschränkt
  • Sitzbank für lange Etappen recht hart

Bericht vom 30.12.2022 | 9.410 Aufrufe

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