Husqvarna Norden 901 Intensivtest - Neuer Reiseenduro-Stern

Kann sie fahrerisch halten, was sie optisch verspricht?

Lange und sehnlich erwartet, ist sie nun endlich hier! Die Husqvarna Norden 901 geisterte mir seit dem Erstkontakt auf der EICMA 2019 im Kopf herum. Ist sie vielleicht noch mehr als die fantastische Fahrdynamik der Konzernschwester KTM 890 Adventure in ein elegantes Kleid gepackt? Zwei Wochen Testbetrieb in Spanien bringen die Antwort!

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Der Reihen-Zweizylinder in der Norden 901 ist ein grandioser Motor

Eines muss man den Herrschaften in Mattighofen lassen. Motoren bauen können sie! Der allseits gut bekannte 889 ccm Parallel-Twin ist mit seinen 105 PS und 100 Nm Drehmoment goldrichtig dimensioniert. Dabei spreche ich vom Fahrverhalten bei der engagierten Landstraßenhatz ohne Sozius, hier kann man auch mit 65 PS Mehrleistung, die derzeit die Spitze im Reiseendurosegment markieren, keine nennenswerten Meter auf die Norden 901 machen. Wir haben es mit der Ducati Multistrada V4S ausprobiert. Voll beladen und zu zweit oder bei Streckenverläufen mit sehr langen Verbindungsgeraden und eine gewisse Ingnoranz gegenüber der StVO vorausgesetzt schaut es vermutlich etwas anders aus. Im Gelände hingegen sind die 105 Pferde schon deutlich mehr als irgendjemand auf den Boden bringen kann.

Dabei geht der Zweizylinder unfassbar kultiviert zu Werke, hat eine lineare Leistungsentfaltung, genug Punch von unten, lässt sich aber auch problemlos bis in den Begrenzer drehen. Dabei gibt es keine Spur mehr von den starken Vibrationen und dem heftigen Kettenschlagen bei niedrigen Drehzahlen aus den legendären Einzylindertagen bei KTM. In Kombination mit dem in allen Lebenslagen tadellos agierenden (leider extra zu bezahlenden) Quickshifter, fällt es wirklich schwer bei diesem Antrieb ein Haar in der Suppe zu finden. Über Langzeitperformance und Zuverlässigkeit kann ich naturgemäß nach zwei (wenn auch ausgiebigen) Testwochen nicht urteilen.

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Das Fahrwerk der Husqvarna Norden 901 ist ein gelungener Kompromiss

Bei so einem Prachtaggregat zwischen den Beinen lässt sich auch der zurückhaltendste Pilot dazu hinreißen, der Norden ab und an die Sporen zu geben. Da muss natürlich auch das Fahrwerk mitspielen, um dem Spaß kein jähes Ende zu bereiten. Am Papier bringt die Norden 901 hier mit voll einstellbaren Federelementen alle Voraussetzungen mit um nach etwas Justage das Setup nach den persönlichen Präferenzen zu finden.

Einen Umstand kann aber auch volle Einstellbarkeit nicht wegzaubern: Die Federwege sind lang, sogar sehr lang, wenn man sie mit den Mitbewerbern in der Klasse vergleicht. Auch bei einem strafferen Setup (die Grundeinstellung ist eher komfortorientiert gewählt), taucht die Gabel beim scharfen Anbremsen stark spürbar ein. Hat man sich einmal an diesen Umstand gewöhnt, lässt sich die Norden 901 allerdings dennoch verdammt schnell bewegen. Das Limit stellen auf befestigtem Untergrund die offroad-tauglichen Pirello Scorpion Rally STR dar. Für Fahreindrücke im Offroad verweise ich auf Nils Bericht zur Husqvarna Norden 901.

Man ertappt sich im Sattel der Husqvarna Norden 901 immer wieder mit dem Messer zwischen den Zähnen

Auch die Bremse könnte grundsätzlich als Spielverderber bei der ambitionierten Winkelwerk-Bezwingung negativ in Erscheinung treten. Im Fall der Norden 901 tut sie das zum Glück in keiner Weise. Die 310 mm Doppelscheibenanlage vorne hat keinen Superbike-Initialbiss (der wäre bei den langen Federwegen wohl auch eher kontraproduktiv), lässt sich aber sehr gut dosieren und sorgt für absolut ausreichende Verzögerung in allen Lebenslagen. Auch die Hinterradbremse, die ich gerne in engeren Kehren nutze um die Fuhre zu stabilisieren, macht einen guten Job. Und das ist sehr gut so.

Denn die Husqvarna ist trotz ihrer Felgen-/Radkombination in den klassischen Reiseenduro-Dimensionen - 21 Zoll Vorderrad, 18 Zoll Hinterrad - ein unfassbar wendiges und agiles Motorrad. Hier schlagen die KTM-Gene im positivsten Sinne voll durch. Schon bei der 890er Adventure genoss ich dieses Gefühl im Sattel, bis die Seitenkoffer schliffen und auf der Husky wäre es nicht anders, wären da nicht die Pirelli Scorpion Rally STR. Sie sind zwar für Allroundreifen immer wieder überraschend grippig, in diesem Setup jedoch, wie bereits erwähnt, die limitierende Komponente. Mit reinen Straßenreifen wäre hier sicher noch mehr möglich!

Einer der Hauptgründe für die große Freude, die einem die Norden 901 im Sattel beschert, ist jener selbst. Er mag auf langen Etappen zwar nicht der bequemste sein und macht Personen unter 1,75 Metern bei der Nutzung der Norden sicherlich manchmal das Leben schwer, aber er steigt nur leicht und gleichmäßig in Richtung des Tanks an und ermöglicht es dem Piloten dadurch, eine Reiseenduro problemlos im Supermotomodus zu bewegen. Einfach ordentlich vorrücken und schon lässt die Husqvarna den auf ihr thronenden Piloten mühelos in die engsten Radien stechen.

Norden 901: Die Reiseenduro mit der große Fahrer glücklich werden

Die Sitzhöhe der Husqvarna ist serienmäßig zwischen 854 und 874 mm verstellbar. Diese Zahlen versetzen jetzt wahrscheinlich auch kleinere Pilotinnen und Piloten nicht in Angst und Schrecken, doch sie sind nur die halbe Wahrheit. Denn ausschlaggebend, dafür wie stressfrei man mit einem Motorrad rangieren kann ist das Schrittbogenmaß. Leider konnten wir es nicht nachmessen, aber die Norden 901 hat durch ihren breiten Sitz hier sicher ein längeres als andere Maschinen mit dieser Sitzhöhe. Im direkten Vergleich zur KTM 890 Adventure fällt dies besonders stark auf. Diese ist nur 20 mm niedriger, baut aber im Übergangsbereich zwischen Tank und Sitzbank deutlich schmaler als ihre nordische Schwester und ist somit auch für Personen mit kürzeren Beinen eine gute Wahl. Für all jene, für die es unbedingt die Norden sein muss, bietet Husqvarna im Zubehör einen Tieferlegungskit an, 22 Millimeter kosten knapp 600 Euro.

Wer sich jetzt denkt, damit muss die Norden 901 für große Menschen ausgezeichnet geeignet sein, den kann ich an dieser Stelle beruhigen, denn er hat vollkommen Recht. Der Kniewinkel ist entspannt, der Lenker reiseendurotypisch breit. Auch sonst bietet die Husqvarna eine tadellose Ergonomie, alle Hebel und Knöpfe befinden sich dort, wo man sie grundsätzlich vermuten würde, das Bedienkonzept ist logisch, für Personen die KTM-Erfahrung mitbringen sowieso, aber auch für alle anderen.

High-End Elektronik auch in der Mittelklasse, wenn auch gegen Aufpreis

Bei der elektronischen Aussatttung lässt die Norden 901 nicht nur durch die kristallklaren, edle Darstellung des wohlbekannten 5 Zoll TFT-Moduls Oberklasse-Flair aufkommen. Die Animationen im Display sind schön und machen schnell klar, was man denn da gerade verstellt. Der aufpreispflichtige Exprolerermodus entfesselt dann alles, was die elektronischen Helferlein an der Husqvarna an Einstellbarkeit zulassen. ABS und Traktionskontrolle arbeiten auch in der Standardausführung schräglagenabhängig und überzeugen durch beinahe unmerkliche, aber absolut zuverlässige Eingriffe. Positiv ist zu erwähnen, dass der Tempomat in der Norden endlich serienmäßig mit an Bord ist. Die drei Fahrmodi neben dem Explorer - Street, Rain und Offroad - sind selbsterklärend und tun genau das was man von ihnen erwartet. Anwählbar sind sie über das Steuerkreuz am linken Lenkerende.

Aufpreispflichtig ist das Connectivity-Paket, das eine Pfeil-Navigation im Display ermöglicht. Fürs Navigieren von A nach B reicht diese aus. Wir nutzen nicht nur, aber vor allem in Gegenden, in denen wir uns nicht gut auskennen Calimoto um besonders kurvenreiche Routen zu finden. Der schöne Spot direkt am Meer an dem unser Fotograf Patrick die Norden 901 in Szene gesetzt hat befindet sich z.B. am Ende dieser Route nahe Barcelona. Um das Handy dabei direkt im Blick zu haben montieren wir es mit dem SP Connect Moto Bundle auf den Lenker. Schwachpunkt an der Husky dabei: Im Cockpit befindet sich keine USB-Buchse, sodass der Smartphone-Akku stark beansprucht wird.

Reisetauglichkeit und Windschutz

Damit die Finger auch bei niedrigen Temperaturen schön agil bleiben, bietet Husqvarna für die Norden eine Griffheizung an, leider ist diese aufpreispflichtig. Gleiches gilt für die Sitzheizung für Fahrer und Sozius, die auf unserem Testbike nicht montiert war. Auf längeren Etappen oder gar auf einer Reise, für die die Norden 901 ja auch gerüstet sein sollte, weiß man aber auch andere Eigenschaften an einem Motorrad zu schätzen. Eine davon ist ein brauchbarer Windschutz. Hier manövriert die Norden den Besitzer in ein Dilemma.

Der Windschutz am Oberkörper und Kopf ist mit dem wunderschönen in die Front integrierten niedrigen Windschild einfach unzureichend. Also entweder den Zubehör-Windschild um faire 130 Euro montieren und die Eleganz kübeln, oder durchbeißen. Wer schön sein will muss eben auch 2022 noch leiden, zumindest bei Husqvarna. Ganz anders sieht es von der Körpermitte abwärts aus. Durch die breit bauende Verkleidung mit den integrierten Nebelscheinwerfern und den schön kaschierten, weit hinabgezogenen Tankelementen ist der Wind- und Wetterschutz untenrum top. Ein Hauptständer ist übrigens optional erhältlich.

Eine andere Eigenschaft die vor allem auf Reisen zählt ist die Reichweite. Hier punktet die Norden, weniger durch ihren riesigen Tank (19 Liter) als durch ihren wirklich zurückhaltenden Verbrauch. Über 5 Liter sind wir auch beim kräftigen Andrücken nie hinausgekommen. Bravo KTM ähhh Husqvarna! Die sich dadurch errechnende Reichweite von knapp 400 km ist auch im Klassenvergleich ein sehr guter Wert. Selbiges gilt für die Zuladung, nicht weniger als 231 kg bietet die Norden 901, damit lässt sich neben einem ausgewachsenen Sozius auch noch ordentlich Gepäck schultern.

Soziustauglichkeit Husqvarna Norden 901

Beim Fahren zu zweit ist die Zuladung also nicht der Flaschenhals, auch das Soziussitzkissen ist breit ausgeführt und demnach praktisch jedem Sozius gewachsen. Der Kniewinkel hingegen ist durch die hoch montierten Soziusfußraster relativ spitz und da der Windschutz obenrum in Reihe eins schon eher mau ist, gilt das ebenso in Reihe zwei. In Summe schlägt die Norden 901 ihre KTM-Schwester in dieser Kategorie dennoch, da sie das etwas geräumigere Motorrad ist.

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Es ist alles relativ, Preis Husqvarna Norden 901

Die Norden ist kein Schnäppchen, so viel steht fest. Mit einigen must-have Extras ausgerüstet durchbricht man in Österreich locker die 17.000 Euro Grenze. Hier wird der Kreis der Konkurrentinnen in der Mittelklasse doch sehr klein. Aber es ist genau dieses Quäntchen Exklusivität, das man sich beim Ordern der Norden 901 erkauft. Sie ist eben kein Wald- und Wiesenmotorrad, also im sprichwörtlichen Sinne, im eigentlichen Sinn natürlich schon. Man darf gespannt sein, wie der sich der Werterhalt der Modelle z.B. am 1000PS Marktplatz zu beobachten, entwickeln wird.

Das Beste zum Schluss: Optik Norden 901

Bewusst erst abschließend, möchte ich noch ein paar Worte zum Aussehen der Husqvarna Norden 901 verlieren. Sie ist für mich definitiv unter den schönsten Reiseenduros am Markt. Man muss den Entscheidern hier gratulieren, dass sie die Serienmaschine so eng am Prototypen orientiert auf den Markt gebracht haben.

Fazit: Husqvarna Norden 901

Eine wie keine! Die Norden 901 ist eine grandiose Bereicherung für den Reiseenduromarkt. Ein Motorrad mit Charakter, das eine erstaunliche Vielseitigkeit besitzt. Einzig für kleinere Piloten kann das ausgewachsene Reisemotorrad eine Spur zu hoch sein. Große Piloten erfreuen sich an der komfortablen aber dennoch nicht passiven Ergonomie. Der grandiose Motor macht aus der Norden eine agile Kurvenräuberin. Beim Thema Windschutz heißt es jedoch: Wer schön sein will, muss leiden.


  • Großartiger Motor mit hoher Praxistauglichkeit
  • Tolles Ansprechverhalten vom Motor
  • Lineares Drehzahlband
  • Kaum Vibrationen im Sattel
  • hochwertiges Elektronikpaket
  • Hoher Reisekomfort
  • Angenehm abgestimmtes Fahrwerk
  • zugänglicher aber gleichzeitig aufregender Charakter
  • guter Wind- und Wetterschutz bis zur Körpermitte
  • Windschutz für Oberkörper und Kopf mäßig
  • Windschild nicht verstellbar
  • kein USB Stecker im Cockpit

Bericht vom 26.03.2022 | 15.979 Aufrufe

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