Auf die Pässe. Fertig. Los! - Yamaha Tracer 9 GT Alpen-Test 2021

Yamahas Sporttourer auf Praxistest im Hochgebirge

Erst on Tour lernt man alle Seiten eines Motorrads kennen, vor allem wenn die Route durch ein anspruchsvolles Gebiet wie die Alpen verläuft. Welche Stärken und Schwächen wird die Tracer 9 GT auf den alpinen Pässen offenbaren?

Was braucht eine Tour, um als gut angesehen zu werden? Wir Motorradfahrer suchen hier meistens nach kurvigen Straßen, tollen Ausblicken und atemberaubenden Landschaften. Selten wo findet man diese Kombination so konzentriert vor, wie in den Alpen. Sobald sich der Schnee zurückzieht machen jedes Jahr Tausende Biker die Pässe unsicher. Diese alpine Spielwiese ist der perfekte Ort, um die Tracer 9 GT einem Praxistest zu unterziehen. Als Yamahas größte Tourenmaschine auf zwei Rädern (Abgesehen von der auslaufenden FJR1300AE) sind die Erwartungen an sie hoch. Wie gut schlägt sie sich zwischen Europas Gipfeln?

Für das Jahr 2021 wurde die Tracer-Modellreihe groß überarbeitet. Die genauen technischen Neuerungen wurden schon von Juliane beim ersten Test der Tracer 9 GT in der Toskana erläutert, in diesem Bericht konzentriere ich mich daher auf die für die Passjagd relevanten Details.

Sitzt, passt, wackelt und hat Luft - Yamaha Tracer 9 GT Test in den Alpen 2021

Den Prüfstein der Tracer 9 GT, wo sie zeigen muss aus welchem Holz sie geschnitzt ist, bildet der Grimselpass und Umgebung im Grenzgebiet der Schweizer Kantone Bern, Wallis und Uri. Mit Passhöhen zwischen 2100 und 2500 Metern über Meeresspiegel bieten sie das volle Alpen-Programm mit Gletschern, Schneewänden, Geröllfeldern und richtig leiwanden Passstraßen. Doch bevor es endlich losgeht, gilt es zu packen. Dafür ist die Tracer GT ganz gut ausgestattet.

Yamaha Tracer 9 GT in den Alpen
Auf den Passstraßen muss die Tracer 9 GT zeigen was sie drauf hat.

Im Zuge des 2021er-Updates wurde auch der Heckrahmen der Tracer 9 überarbeitet. Da er jetzt aus Stahl besteht und dadurch einiges robuster ist, darf erstmals zusätzlich zu den Seitenkoffern auch ein 50 Liter Topcase montiert werden. Serienmäßig gibt es bei der GT aber weiterhin nur Hartschalen-Seitenkoffer. Diese schwimmend gelagerten Boxen bieten jeweils 30 Liter Stauraum und addieren im leeren Zustand 10 kg aufs Gesamtgewicht von 220 Kilogramm der Tracer 9 GT. Meine sperriges Kameraequipment findet in den aerodynamisch geformten Koffern keinen Platz, also schnalle ich mir noch einen Seesack auf den breiten Soziussitz. Spätestens mit dem Topcase ist man für Touren aber gut ausgestattet. Auch positiv ist, dass sich die Zuladung durch das stabilere Heck auf 193 kg erhöht hat.

Ist das Hab und Gut sicher verstaut, folgt die Sitzprobe vor der Abfahrt. Mit meinen 1,85 m liege ich gut im mitteleuropäischen Durchschnitt, aber mit einer Sitzhöhe von 810 bis 825 mm müssen sich auch kleinere Fahrer*innen nicht vor der Tracer fürchten. Ihre Taille ist recht schlank, die Füße erreichen schnurstracks den Boden, nur der Kupplungsdeckel auf der rechten Seite ist beim Rangieren etwas im Weg. Der Sattel formt ein sanfte Senke hinter dem gewölbten Tank, was mich automatisch in die richtige Sitzposition fallen lässt. Der Kniewinkel ist bei gemütlicher Haltung fast im rechten Winkel, in Angriffsposition mit den Fußballen auf der Fußraste aber im guten Mittel zwischen passiv und aktiv. Die konkaven Rundungen des Tanks bieten guten Halt für die Oberschenkel, halten die Tracer schmal und geben Bewegungsfreiheit. Man sitzt auf der Tracer 9 GT sehr gut, passend für gemütliche Touren, doch auch mit genug Raum für Bewegung und noch Luft, um bei sportlicher Gangart eine aktivere Haltung einzunehmen.

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Der Alles-Könner unter den Dreizylindern - Motor und Leistung der Yamaha Tracer 9 GT 2021

So aber genug herumgestanden, es geht endlich los. Mit sonorem Dröhnen erwacht der 890 cm³ Reihen-Dreizylinder zum Leben. Mit einem eingetragenen Standgeräusch von 96 dB ist er zwar etwas zu laut für die von Streckensperrungen betroffenen Straßen in Tirol, doch im Sattel ist der Geräuschpegel präsent, aber nicht störend laut. Beim ersten Mal losfahren fallen mir zwei Dinge gleich auf: Erstens ist die Gasannahme sehr präzise und rund. Nicht nur geht der Motor selbst samten ans Gas, sondern auch der Gasgriff hat kaum Leerweg und fühlt sich dadurch besonders fein an. Zweitens greift die Kupplung erst recht spät, für meinen Geschmack zu spät. Meinem Gefühl nach müsste der Kupplungshebel etwas näher zum Lenker, doch hier gibt es leider keine Einstellungsmöglichkeit.

Kehren fahren mit der Yamaha Tracer 9 GT
Dank des samtenen Motors geht es spielerisch leicht durch die Kehren.

Das ist in Fahrt allerdings schnell vergessen. Mit einem breiten Grinsen unter dem Helm nehme ich die erste Auffahrt auf den Grimselpass in Angriff. Sofort wird mir klar, dass Yamaha mit dem Motor alles richtig gemacht hat. Der CP3 braucht nicht erst massig Drehzahl um auf Touren zu kommen, sondern drückt schon aus der Mitte kräftig an. 93 Nm Drehmoment sorgen bei 7.000 Umdrehungen für ordentlich Schub, was den Motor ideal für die engen Kurven der Passstraßen macht. Dank dem Quickshifter brauche ich mich auch nicht mit dem Kupplungshebel herumzuschlagen, sondern ballere einfach knackig vor der Kehre die Gänge runter. Kurz und präzise gehen die Schaltvorgänge über die Bühne, nur hin und wieder weigert sich der Schaltassistent schlichtweg seinen Dienst zu tun. Da hilft nur ein kurzes Zudrehen des Gashahns.

Im Radius lauern keine harschen Lastwechsel, samtig weich geht die Tracer ans Gas, dreht selbst aus niedrigen Drehzahlen sauber und ohne Ruckeln hoch und entfesselt schließlich bei 10.000 Umdrehungen die maximalen 119 PS. Dieser sanfte Charakter im unteren Drehzahlbereich und das röhrende Feuerwerk ab der Mitte sorgen für Fahrspaß, egal ob in der Kehre oder auf der Gerade. 119 Pferdchen sind auch nicht von schlechten Eltern und genug, um wohl in jedem Land der Welt schnell die Grenze des Legalen zu erreichen, doch durch das smoothe Hochdrehen kommt einem die Tracer nie brachial oder übermäßig stark vor.

Goldrichtig ausbalanciert - Handling und Fahrverhalten der Tracer 9 GT 2021

Damit sich ein Motorrad aber gut fährt, braucht es mehr als nur einen leiwanden Motor. Inzwischen habe ich den Grimselpass überwunden und erklimme den benachbarten Furkapass. Hier ist der Straßenbelag schon älter, zerfressen von den Jahreszeiten und vielfach ausgebessert - Eine Herausforderung für ddie Federung. Das semi-aktive Fahrwerk der Tracer 9 GT kommt wie bei der normalen Tracer auch von Kayaba, ist aber im Sinne der Reisetauglichkeit noch etwas weicher abgestimmt worden. Außerdem lässt sich die Teleskopgabel vorne mit ihren 130 mm Feder weg bequem über den Lenker einstellen. Am Federbein mit 137 mm Federweg muss aber noch immer Hand angelegt werden. Auch wenn die GT auf etwas weicheren Beinen steht, ist sie keineswegs ein Schaukelstuhl. Selbst in der weicheren Konfiguration schafft sie es die Unebenheiten des Passes auszubügeln, ohne dabei groß aus der Balance zu kommen. In der schärferen Stufe 1 lässt sie sich sogar recht ambitioniert von Schräglage in Schräglage werfen, legt sich mit Leichtigkeit um und zieht sauber durch die Kurve. Für den durchschnittlichen Fahrer ist das Fahrwerk der GT goldrichtig zwischen Komfort und Sportlichkeit abgestimmt.

Wetterkapriolen im Hochgebirge - Wind- & Wetterschutz der Tracer 9 GT

Nicht an jedem Tag in den Alpen herrscht Kaiserwetter. Gerade im Hochgebirge kann sich die Lage schlagartig ändern, aber auf der Tracer 9 GT ist man recht gut vor den Kapriolen des alpinen Wetters gefeit. Mit dem Rain-Fahrmodus geht der Motor noch sanfter ans Gas, wird es kalt und zugig um die Finger lässt sich die serienmäßige Griffheizung 10-stufig (!) einstellen und die breite Front schützt den Fahrer recht gut vor Wind und Regen. Der Windschild lässt sich lobenswerterweise mit nur einer Hand und während der Fahrt um 50 mm verstellen. Nur leider schafft er es selbst in der höchsten Stellung nicht ganz den Wind sauber über mich hinwegzuleiten. Gerade bei flotteren Passagen spüre und höre ich laute Verwirbelungen am Helm. Piloten unter 1,80 m Größe sollten davon aber verschont bleiben.

Das größte Manko der Tracer 9 GT - Die Elektronik

Apropos Griffheizung und Fahrmodus - Kommen wir zu einem Thema, welches meine Freude an der Tracer etwas getrübt hat: Die Elektronik. Grundsätzlich hat Yamaha dem Sporttourer ein äußerst umfangreiches Paket an Assistenzsystemen spendiert. Kurven-ABS, schräglagenabhängige Traktionskontrolle, Wheelie-Kontrolle, Slide-Control, Tempomat und 4 Fahrmodi. Diese Systeme funktionieren auch, soweit ich das überprüfen konnte, ganz anständig. Das Problem ist nicht die Funktion an sich, sondern die Darstellung und Bedienung. Im zweigeteilten Display werden unterschiedliche Informationen angezeigt. In der linken Hälfte drängen sich Daten wie Geschwindigkeit, Drehzahl, Fahrmodus, Traktionskontrolle, Fahrwerks-Modus, Ganganzeige und mehr. Rechts dagegen lassen sich zusätzliche Informationen in vier großen Feldern beliebig anzeigen. Selbst mit meinen jungen, gesunden Augen tue ich mir schwer alle Zahlen am linken Bildschirm korrekt abzulesen. Rechts bekommt währenddessen eine banale Information wie die Außentemperatur gleich viel Platz, wie links alle verstellbaren Modi plus Uhr plus Tankanzeige zusammen. Hier hätte die Aufteilung etwas gleichmäßiger ausfallen können.

Display der Yamaha Tracer 9 GT
Links tummeln sich die wichtigsten Daten, rechts herrscht übermäßig viel Platz.

Noch etwas anstrengender wird es dann, wenn man auch noch anfängt die winzigen Zahlen zu verstellen. Erschwerend kommt hier hinzu, dass die einzelnen Verstellmöglichkeiten nicht auf einmal, sondern nur einzeln verändert werden können. Es gibt vier Fahrmodi, 2 Einstellungen für das Fahrwerk, drei Stufen für die Traktionskontrolle, zwei für das ABS und wieder drei für die Slide-Control. Einerseits gut für eine genaue Abstimmung, aber mühsam wenn man alles einfach etwas schärfer oder weniger scharf stellen möchte. Zu guter Letzt ist vor allem Anfangs auch die Bezeichnung der Einstellungen eine Herausforderung. Die verschiedenen Stufen der Systeme sind nämlich ausnahmslos nur als Zahlen dargestellt. Z. B. sind die Fahrmodi Sport, Standard, Soft und Rain im Display die Zahlen 1 - 4. Als Besitzer einer Tracer lernt man die Bedeutung sicher recht schnell, doch gerade auf den ersten Metern fühlt es sich an, als würde man versuchen die Matrix zu lesen. Ich übertreibe, aber als intuitiv würde ich die Bedienung der Elektronik auf der Tracer nicht bezeichnen.

Ein Tag im Sattel geht zu Ende - Reichweite und Verbrauch der Tracer 9 GT

Die Sonne verschwindet langsam hinter den hohen Gipfeln und auch am Tacho zeigt die Tracer, dass sie Nachschub in ihren 18 Liter Tank braucht. Laut Yamaha verbraucht sie 5 l/100km, jedoch bereitet mir der grandiose Motor so eine Freude, dass ich es nicht lassen kann ihn immer wieder auszuwinden und mit Karacho um die Ecken zu düsen. Mein Verbrauch liegt schlussendlich bei knapp über 6 l/100km. Bei normaler Fahrweise sollte also eine Reichweite von 300 Kilometern drin sein.

Unten im Tal fülle ich den Sprudel nach und schwinge mich auf die Autobahn, um das Hochgebirge wieder zu verlassen. Während ich an den zurückliegenden Tag denke, muss ich lächeln. Yamaha hat mit der Tracer 9 GT den Nagel auf den Kopf getroffen. Die essentiellen Komponenten, wie Motor, Fahrwerk, Bremsen und Ergonomie, verrichten ihren Dienst nicht nur anstandslos, sondern geradezu herausragend gut. Nur selten habe ich unter dem Helm nicht dümmlich gegrinst, die kleinen Schwächen der Tracer sind im Verhältnis zu ihren Vorzügen bedeutungslos. Sie ist ein grandioses Tourenbike für die befestigten Straßen, egal ob in den Alpen, oder anderswo.

Gebrauchte und neue Yamaha Motorräder

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McGregors Ausrüstung

  • Shoei GT-Air II
  • iXS Tour LT Jacke Montevideo-Air 2
  • iXS Tour LT Hose Montevideo-Air 2
  • iXS Sport Handschuh Carbon-Mesh 4.0
  • Garmin Tread Navigationsgerät

Fazit: Yamaha Tracer 9 GT

Die Tracer 9 GT schafft extrem gut die Balance zwischen Tourentauglichkeit und Sportlichkeit zu halten. Mit ihrer üppigen Ausstattung ist sie mehr als bereit für die Tour und auch die Sitzposition und der Wetterschutz sind passend für ein Reisemotorrad. Das semi-aktive Fahrwerk ist jedoch straff genug, um es auch mal etwas krachen zu lassen, doch trotzdem nicht unbequem hart. Obendrauf sorgt noch der geniale CP3-Dreizylinder für Fahrspaß in jeder Situation. Ihre kleinen Mankos, insbesondere die Bedienung der Elektronik, verblassen im Angesicht ihrer Qualitäten.


  • Sehr leiwander Dreizylinder-Motor mit Druck von unten
  • Sehr gut abgestimmtes Fahrwerk
  • Agiles Handling
  • Angenehme Sitzposition
  • Umfassende Ausstattung und Elektronikpaket
  • Display schwer ablesbar
  • Bedienung der Elektronik nicht sehr intuitiv
  • 96 dB Standgeräusch

Bericht vom 04.07.2021 | 20.056 Aufrufe

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