Der Eisenarsch, der einen Umweg fuhr und damit glücklich wurde

Edelweiss Bike Travel Motorradverleih rund um die Alpen

Der amerikanische Iron-Butt & Langstreckenfahrer Charly Wilson erzählt von seinem Versuch, die Alpen in 5 Tagen zu umrunden, ohne je zuvor einen echten Alpenpass gefahren zu sein.

Erzählt von Charly Wilson, aufgeschrieben von Tom Ritt. Fotos © Edelweiss Bike Travel

Man kann ja von der Iron Butt Association halten, was man will. Sinnlose Zeit- und Benzinverschwendung, sagen die einen. Bewusstseinserweiternde Grenzerfahrung, meinen die anderen. Zu denen gehöre auch ich.

Die letzte Iron-Butt-Challenge - Ab in die Alpen

Wenn man im Mittleren Westen der USA lebt, hat man gar keine andere Wahl, als ein Iron Butt zu werden. Will man irgendwo hin, wo es interessant ist, muss man automatisch tagelang fahren, denn im Umkreis von tausend Meilen gibt es keinen Berg, keine Küste und keine Kurve. Ich bin mehrmals Coast-to-Coast gefahren, habe den Four-Corners-Run gemacht und auch die Plakette für Key West to Prudhoe Bay-Plakette habe ich mir geholt. Ich habe Australien umrundet, bin den südamerikanischen Teil der Panamericana gefahren und Gibraltar to North Cape ist abgehakt. Ich liebe die endlosen Strecken und die vielen Stunden im Sattel. Autogenes Training hilft mir, mit wenig Schlaf auszukommen und auch mal 18 Stunden am Stück fit zu bleiben.

Vor einigen Jahren habe ich am Nordkap eine Edelweiss-Tourgruppe getroffen und mich mit einigen der Teilnehmer gut unterhalten, auch mit dem Tourguide, einem sehr erfahrenen Grauen Wolf, wie man so sagt. Er konnte nicht glauben, dass ich über zwei Millionen Motorradkilometer hinter mir hatte, aber noch nie einen richtigen Alpenpass gefahren war. Eigentlich überhaupt noch keinen richtigen Pass im europäischen Stil, mit engen Spitzkehren und so. Die Idee, mit nur 250 Kilometern einen kompletten Fahrtag auszufüllen, war mir völlig fremd, aber dennoch war ich angefixt. Ich wollte in die Alpen, richtige Kurven fahren.

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600 km pro Tag in den Alpen - Motorrad-Verleih ohne Tages-Kilometer-Grenze

Die Suche nach einem Motorradvermieter, der die tägliche Kilometerleistung nicht beschränkt, führt mich zu Edelweiss Bike Travel in Mieming, Tirol, Österreich. Ich möchte eine BMW R1250GS Adventure leihen, für fünf Tage, was mit wenigen Klicks erledigt ist. Dazu noch eine Vollkasko ohne Selbstbehalt, man weiß ja nie. Meine Maßgefertigte Sitzbank, GPS, Smartphone-Halterung, Datenlogger und vieles mehr werde ich selber mitbringen und an die GS montieren.

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Für echte Iron-Butt-Fahrten braucht es Leihmotorräder ohne Kilometerlimit und stahlharte Sitzknochen

Einige Wochen später betrete ich in Mieming die Edelweiss-Garage und kann es kaum glauben, als ich den Grauen Wolf erkenne. Er ist noch etwas grauer geworden, doch sein Gedächtnis funktioniert, denn er erinnert sich gleich an mich, sobald ich nur die Worte Nordkap und Iron Butt sage. Ich erzähle ihm von meinem Plan, in nur fünf Tagen von Mieming nach Nizza, weiter nach Wien und von dort zurück nach Mieming zu fahren, und zwar nur auf kleinen Bergstraßen, und provoziere ein Stirnrunzeln. 600 km pro Tag hält er für sehr ambitioniert und rät mir ab, doch ich weiß es natürlich besser. Noch eine kleine Unterschrift, dann nehme ich das Motorrad mit und verbringe den Rest des Tages damit, meine Ausrüstung anzubauen sowie Wasser und Müsliriegel zu bunkern. Davon werde ich mich jetzt fünf Tage lang ernähren.

Ist der Zeitplan schaffbar? Ein echter Iron Butt gibt nicht auf!

Am nächsten Morgen um vier Uhr starte ich den Boxer und rolle hinunter in das breite Tal des Inns, dem ich bis in die Schweiz folge. Am Flüelapass wird es ernst. Die Kehren sind eng und die Landschaft traumhaft schön und bereits jetzt kommen mir Zweifel, ob mein Zeitplan A) machbar und B) sinnvoll ist, denn ich habe kaum Zeit, die Alpenpanoramen zu genießen. Warum am Oberalppass ein ausgewachsener Leuchtturm steht, muss ich später auf Wikipedia nachlesen und das Wandeln auf James Bonds Spuren in Andermatt geht sich zeitlich auch nicht aus. Nun ja, man muss Opfer bringen.

Am Furkapass sind die Kehren noch enger, mein Schnitt sinkt. Bei der Abfahrt fällt mein Blick auf die Grimselpassstraße, die sich rechts vor mir abenteuerlich den Berg hinaufzieht, und ich überlege zum ersten Mal ernsthaft, meinen Plan aufzuweichen und ein paar Extrakurven einzubauen. Wie lange werde ich wohl widerstehen können?

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Die engen Kehren der Alpenpässe senken den Schnitt beträchtlich

Meine erste Ruhepause habe ich in der Nähe des Montblanc geplant. Ein echter Iron Butt hat natürlich keine Zeit, nach einer Unterkunft zu suchen und dann langwierig ein Zimmer zu beziehen, stattdessen rollt er seinen Schlafsack neben dem Bike aus und lässt nicht selten sogar seinen Helm auf dem Kopf und seine Schutzkleidung am Körper, wenn er schläft.

Im Chaos von Nizza

Nur wenige Stunden später sitze ich bereits wieder auf dem Motorrad. Am Col de Madeleine geht die Sonne auf und kurz darauf, am Galibier, passiert es dann: ich bleibe stehen, um ein Foto zu machen! Kein Iron-Butt-Beweisfoto, sondern einfach so, aus reiner Freude, weil es so unglaublich schön ist dort oben. Jetzt gehts los, denke ich bei mir, wenn das so weitergeht, dann werde ich bald in einem Straßencafé in der Sonne sitzen und einen Café au lait trinken…

Doch noch ist es nicht so weit, ich will weiter, noch bis Nizza und ein gutes Stück zurück. Auf dem Weg erwartet mich der höchste Punkt meiner Tour, die berühmte Aussichtsstraße um die Cime de la Bonette, immerhin 2802 Meter über dem Meer. Die Aussicht ist gigantisch, wieder verschwende ich viel Zeit mit Fotografieren und habe auch noch die größte Freude daran. Unglaublich. Aber Nizza ist ja nicht mehr weit, gleich ist es geschafft.

Leider macht mir der unfassbare Verkehr rund um die Stadt einen Strich durch die Rechnung. Zum Durchschlängeln fehlt mir mit dem riesigen Motorrad der Mut, auch wenn keinerlei Regel dagegen zu sprechen scheint. Überhaupt, Regeln? Was für Regeln? Die völlig angstbefreiten Franzosen schießen durch jede noch so kleine Lücke und ignorieren Gegenverkehr, Fußgänger, Ampeln und eigentlich alles, was ihnen auf dem Weg zur Pole Position im Weg herumsteht. Sehr beeindruckend!

Da kann selbst der Iron butt nicht widerstehen

Nach einem Blick auf die Baie des Anges, die Bucht von Nizza, fahre ich direkt zurück in die Berge und lege mich in der Nähe von Sospel aufs Ohr. Der Col de Bruis, der gleich bei Sonnenaufgang auf dem Programm steht, ist eine Schau, ebenso der Tendapass, der im oberen Bereich leider nicht ausgebaut und gesperrt ist. Diesen Umweg hätte ich gern genommen, auch wenn mich inzwischen die Zeit drängt. Nun ja, dann halt durch den Tunnel nach Italien.

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Der Iron-Butt wird schwach...

Kurz darauf wird es flach, ich fahre zwischen Turin und Mailand hindurch und treffe erst in der Nähe des Comer Sees wieder auf Kurven und Landschaft. Und was für eine Landschaft! Die Straße am Westufer des Lago di Como ist ein absoluter Traum, kein Wunder, dass eine ganze Reihe von Hollywoodgrößen sich hier ein Landhäuschen gegönnt hat. In einem malerischen Dorf am Ufer passiert es dann: ich steige ab, setze mich in ein Café und bestelle einen Cappuccino! Ich, der Iron Butt, lege eine Kaffeepause ein! Ich erkenne mich kaum wieder.

Langsam zu alt für den Scheiss?

Ein breites Tal führt mich danach Richtung Osten, es herrscht enormer Verkehr und ich verliere wertvolle Zeit. Mindestens bis nach Bozen möchte ich heute kommen, wenn möglich noch etwas weiter. Leider regnet es etwas und ich brauche zum Schlafen ein Dach über dem Kopf, was sich als relativ schwierig herausstellt. Schließlich schlüpfe ich unter das vorstehende Dach einer alten Scheune, doch die Nacht ist alles andere als gemütlich. Vielleicht, denke ich bei mir, werde ich doch langsam zu alt für diesen Scheiß…

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Inmitten der atemberaubenden Welt der Dolomiten

Am nächsten Tag ist es immer noch nass. Ich fahre durch die atemberaubende Bergwelt der Dolomiten. Sie ziehen mich völlig in ihren Bann und ich schwöre mir hoch und heilig, dass ich schon bald noch einmal hierher zurückkehren werde. Beim Tanken in Lienz erzählt mir ein Motorradfahrer, dass auf der Nordseite des Großglockners die Sonne vom Himmel strahlt und ich daher Glück hätte, denn ich sei in der richtigen Richtung unterwegs. Großglockner? Ich hake nach, lasse mir ein paar Fotos zeigen und werfe meine Pläne über den Haufen. Diese Straße MUSS einfach gefahren werden!

Der Großglockner - Jede Minute Zeitverzögerung wert!

Um es kurz zu machen: der Großglockner ist jede Minute Zeitverzögerung, jeden Kilometer Umweg und jeden Euro Maut wert! Die Aussicht von der Edelweiß-Spitze ist nicht von dieser Welt, es ist einfach unglaublich. Und der Himmel ist tatsächlich blau! Danke, lieber unbekannter Motorradfahrer, du hast mich auf den richtigen Weg gebracht!

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Der Großglockner ist einen Besuch mehr als wert

Beschwingt fahre ich weiter und erreiche spät am Abend das Ende des Alpenbogens, die letzten Hügel vor den Toren Wiens. Der letzte Pass ist nur noch knapp über 600 Meter hoch, kurz darauf verschluckt mich die Großstadt. Zum Schlafen fahre ich einen Campingplatz an, denn einfach so am Straßenrand zu nächtigen, das traue ich mich in einer Stadt nicht.

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Der letzte Tag - Bis zum nächsten Mal

Letzter Tag, es sieht gut aus, denn trotz des Glockner-Abenteuers habe ich meinen Zeitplan halten können. Und etwas mehr als 500 Kilometer sind heute gut zu schaffen, auch wenn ich mir sogar ein paar Sehenswürdigkeiten (!) in meine Route eingebaut habe. Zwischen den Seen des Salzkammerguts werde ich kurz das Gas rausnehmen und in Salzburg ein paar Mozartkugeln probieren, soviel Zeit muss sein. Danach noch ein kurzer Abstecher nach Deutschland und schwupps, schon bin ich wieder in Mieming. 2786 Kilometer und knapp über 54 Stunden Fahrzeit für eine Alpenumrundung, das kann sich doch sehen lassen.

Der Graue Wolf lächelt verschmitzt, als ich ihm bei der Motorradrückgabe erzähle, wie sehr mein strenges Iron-Butt-Selbstregiment unter Druck geraten war, vor allem am Comer See und später am Großglockner. Beim nächsten Mal, sagt er, lässt du dir mehr Zeit. Die Alpen haben es nicht verdient, im Schnelldurchgang abgehakt zu werden.

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"Die Alpen haben es nicht verdient, im Schnelldurchgang abgehakt zu werden."

Er hat natürlich Recht. Beim nächsten Mal werde ich länger bleiben und einen richtigen Urlaub draus machen. Insofern war diese Alpenumrundung tatsächlich bewusstseinserweiternd…

Bericht vom 01.09.2021 | 2.671 Aufrufe

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