Solo-Motorradtour in Kalifornien, dem Highway 1 entlang

Solo-Motorradtour in Kalifornien, dem Highway 1 entlang

Bike, Zelt und Beef Jerky

Wunderschöne Landschaften, kurvige Straßen und ganz viel Spaß unter der Sonne Kaliforniens – das verspricht der Pacific Coast Highway, auch Highway Nr. 1 genannt. Diesen einmal abzufahren, davon träumen viele Biker.

Doch, ist dieser wirklich so schön, wie so oft beschrieben wird? Wieviel Budget ist dafür notwendig? Und wie wird es mir ergehen, als Motorradfahrerin, alleine mit Übernachtungen im Zelt?

Das wollte ich herausfinden, als ich aus beruflichen Gründen sieben Monate in Newport Beach – zwischen San Diego und Los Angeles - verbrachte. Ein begrenztes Praktikanten-Budget und nur vier zur Verfügung stehende Tage waren für mich kein Grund auf dieses Erlebnis zu verzichten. Ich machte es mir zur Aufgabe, in der kurzen Zeit so viel wie möglich zu sehen und zu erleben und trotz den unvermeidbar hohen Motorrad-Mietpreisen möglichst kostengünstig davon zu kommen.

Kurz vor Weihnachten 2016 fuhr ich los - von Costa Mesa über Los Angeles nach San Francisco und noch ein Stück weiter.

„War das wirklich eine gute Idee? Soll ich wirklich durch den stockfinsteren Wald zur nächsten Ortschaft fahren? Und was dann? Der Campingplatz dort ist womöglich schon ausgebucht. Ich muss wohl mein Zelt mitten im Wald aufschlagen.“ Und dafür entschied ich mich dann auch – aber kurz darauf merkte ich, dass ich nicht alleine war…

Planung und Vorbereitung

Auf Google fand ich viele Informationen über Campingplätze: Wo darf man zelten? Wo ist Feuer erlaubt? Wo gibt es sanitäre Einrichtungen?

Bei einem Motorradhändler in Orange County wurde kurz vor meinem Trip zufälligerweise eine Motorrad-Camping-Präsentation angeboten, bei der ich viele nützliche Tipps aufschnappen konnte. Ein erfahrener Motorrad-Camper und Rider-Coach hat dort gezeigt, was er auf seine Touren mitnimmt, wie er platzsparend packt, was er anzieht und vieles mehr. Auch die Sicherheit betreffend waren viele Informationen dabei, die für mich als alleine-reisende Motorrad-Camperin besonders interessant waren. Bären sieht man an der Strecke wohl eher selten, aber es gibt sie.

Durch eher wenig Zivilisation entlang der Route und der Entfernung zur großen Autobahn und Verbindungsstrecke ist wohl auch die Kriminalität kein großes Problem. Aber Gelegenheit macht bekanntlich Diebe, also wurde meine Packliste neben Camping-Messer und Pfefferspray auch um ein elektrisches Alarmhorn (gefunden auf Amazon, kleiner Schlüsselanhänger mit 130 dB) erweitert, das durch die laute Sirene abschrecken soll – Mensch und Tier.

Mir wurde ebenfalls empfohlen, ein Seil mitzunehmen, um Essen in einem wasserdichten Beutel am Baum aufzuhängen. Man möchte ja nachts keinen tierischen Besuch im Zelt empfangen. Da ich allerdings nicht vorhatte, außer Wasser, eingeschweißtem Beef Jerky (Trockenfleisch) und ein paar Riegeln, Verpflegung mitzunehmen, habe ich davon abgesehen.

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Wahl des Motorrads

Die Wahl des Motorrads fiel auf eine Yamaha XT1200Z Super Ténéré. Für mich eine „Allzweck-Waffe“ mit sehr bequemer Sitzposition, großem Tankvolumen, tollem Fahrverhalten und soliden Koffern, die viel Stauraum für Gepäck und Ausstattung bieten. Motorräder kann man z.B. bei www.motoquest.com oder www.ocmotorcyclerental.com leihen. Es ist jedoch nicht sehr günstig (ca. $150/Tag). Wer klassischerweise eine Harley mieten will, hat die Qual der Wahl – hier gibt es ein schier endloses Angebot. Bei anderen Marken gestaltet sich das doch ein bisschen übersichtlicher.

Das Camping-Equipment habe ich entweder bei Amazon bestellt oder in der Camping- und Outdoor-Filiale „REI“ ergattert. Auch bei den großen Supermärkten wie „Target“ und „Walmart“ gibt es eine gute und preiswerte Auswahl an leichten und kleinen Schlafsäcken, Zelten, Luftmatratzen, und ähnlichem. Gebrauchtes Zubehör findet sich bei www.craigslist.com - das ist das amerikanische Pendant zu Ebay-Kleinanzeigen.

Was ich vorher nicht wusste: Mein 1200g leichter Carbon-Helm von X-Lite, den ich aus Deutschland mitgebracht hatte, bietet zwar optimalen Schutz, ist jedoch auf Grund des geringen Gewichtes nicht dem US-Helmstandard entsprechend und hat somit keine DOT-Zertifizierung (bei vielen Regelungen dort kann man nur den Kopf schütteln). Ohne diesen DOT-Aufkleber ist er also in den USA nicht erlaubt und im Falle eines Unfalles könnte dies von der Versicherung als „Fahren ohne Helm“ angesehen werden. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich das erst nach meiner Tour herausgefunden habe.

Tag 1 - 261 Meilen bzw. 420 km: Costa Mesa - Morro Bay

Wer schon mal den (absolut geisteskranken) Berufsverkehr in Kalifornien erlebt hat, weiß dass man den auf jeden Fall meiden möchte. Daher wartete ich bis 9.30 Uhr, als sich der erste Schwung Berufsverkehr ein wenig gelegt hatte und fuhr von meiner Wohnung in Costa Mesa los. Nach ca. 10 Minuten nahm ich ab Huntington Beach den Highway 1.

An Long Beach und Manhattan Beach vorbei, machte ich einen kurzen Stopp bei Venice Beach in Los Angeles. Dort kann man mit dem Motorrad gut parken. Obwohl ich dort schon einige Male war, ist es jedes Mal aufs Neue faszinierend und unterhaltsam, einen Spaziergang entlang der sehr belebten Promenade zu machen.

Hier gibt es den sogenannten „Muscle Beach“, ein Outdoor-Fitnessstudio, bei dem – wie im Zoo den Tieren im Gehege – ziemlich aufmerksamkeitsbedürftigen und muskelbepackten Menschen beim Trainieren an uralten Sportgeräten zugeschaut werden kann. Sehr unterhaltsam!

Es gibt außerdem viele Geschäfte, Restaurants und Live-Performer und -shows. Interessant sind auch die vielen „Green Doctors“. Vor deren „Praxen“ (in der Regel ein Hinterhofnebenraum) befinden sich Plakate und werden Handzettel verteilt mit aufgelisteten Gründen für die Verschreibung von Cannabis-Produkten – darunter Kopfschmerzen, Magersucht, Nervosität und Schlafstörungen. Ob die das auch wirklich nachprüfen? Ganz bestimmt!

Nach meinem kurzen Halt ging es weiter entlang am Strand von Malibu. Dort lässt sich an dem großen Aufkommen luxuriöser Autos erkennen, dass es ein Hotspot für reiche Menschen ist. Eine Kugel Eis kostet da schon mal 5 bis 8 Dollar.

Danach bot sich mir auf der rechten Seite der Ausblick auf hohe und steile Felshänge und auf der linken Seite der endlose, glitzernde Pazifik. Und ja, ich kann es bestätigen, es sieht wirklich aus wie im Katalog. Sogar noch besser.

Hinter Santa Barbara machte ich einen kleinen Umweg am Lake Cachuma vorbei nach Solvang, was mir vorher von einigen lokalen Freunden empfohlen wurde. Es ist ein süßes, dänisches Städtchen, und im „Pancake House“ dort gibt es tolle Pfannkuchenvariationen.

Man hat die Auswahl zwischen süß und pappig, oder fett und salzig, oder - so richtig typisch Amerikanisch – eine Mischung aus beidem. Dort ist es völlig normal, süße Pfannkuchen oder Waffeln mit Rührei, Speck, Obst und das Ganze in Sirup getränkt zu essen. Zumindest einmal sollte man das während des Aufenthaltes schon ausprobieren, das gehört zur absoluten „USA-Experience“ einfach dazu. Allerdings könnte man danach in das bekannte Fress-Koma fallen. Daher entschied ich mich diesmal für eine der leichteren Varianten mit Schinken, Spinat und Champignons. Zufrieden und gestärkt ging es danach weiter, denn ich hatte keine Zeit zu verlieren.

Im Dezember wird es in Kalifornien bereits ab ca. 17 Uhr dunkel, was bei der Planung unbedingt berücksichtigt werden sollte. Wer sein Zelt nicht in der Dunkelheit aufstellen möchte, sollte lieber morgens früher starten.

Kurz vor Sonnenuntergang kam ich an meinem Tagesziel Morro Bay an.

Der Zelt- und Wohnwagenpark „Morro Bay State Park Campground“ hatte zum Glück noch einen Platz für mich frei. Also stellte ich mein Zelt auf und stieg wieder auf das Motorrad, um zum berühmten Morro Rock zu fahren.

Dort beobachtete ich, wie sich der Himmel rötlich färbte und die Sonne langsam hinter dem hügelförmigen Felsen verschwand. Ich genoss den traumhaften Anblick, den mir der Abend meiner ersten Etappe bot. Das hatte sich schon mal gelohnt.

In der kleinen Innenstadt aß ich beim Thailänder eine Kleinigkeit zu Abend - die Blicke vieler anderer Gäste waren deutlich zu spüren. Daran war ich gewöhnt. Es kommt vermutlich nicht alltäglich vor, dass eine einzelne Frau von ihrer „riesigen“ Maschine in Motorradklamotte in ein Restaurant spaziert und dort alleine zu Abend isst.

Ich empfinde es als angenehm, dass die meisten Amerikaner sehr offen sind. Ich wurde sofort in nette Gespräche verwickelt. Ein bärtiger, grauhaariger Mann erzählte mir von seinen wilden Zeiten in einer Motorrad-Gang und ein junger Brite von seinem Motorradunfall, seitdem er nicht mehr gefahren ist, es ihn aber wieder so jucken würde. Eine Frau mit Hund, die mich beobachtete, als ich gerade aufsteigen und losfahren wollte, war absolut begeistert. „Amazing! You‘re a real badass!“

Zurück am Zelt lernte ich meine Camping-Nachbarn kennen: eine nette Familie, die am Feuer Marshmallows röstete und mich einlud, mich dazu zu gesellen. Kurzer Smalltalk, eine Dose Bud Light und dann ab ins Bett - ich war wirklich müde.

Diese Light Beer-Kultur kann ich übrigens überhaupt nicht verstehen. Für mich als gebürtige Bayerin ist es definitiv eine Todsünde, den Mix aus Bier, Wasser und Chemikalien zu trinken.

Tag 2 – 287 Meilen bzw. 462 Kilometer: Morro Bay – San Francisco

Nachts wurde es durch die unmittelbare Nähe zum Pazifik und die Jahreszeit Winter ziemlich kalt. Ich wachte einige Male frierend auf, obwohl ich warm angezogen war. Um 6 Uhr fing ich an, meine Sachen zusammen zu packen und als es etwas heller wurde, ging’s weiter.

Jedem, der diese Tour ebenfalls machen will, empfehle ich, ausreichend Zeit einzuplanen. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, nicht bei jedem der unzähligen Vista Points anzuhalten. Die Natur mit den Klippen und dem Meer ist dort so atemberaubend schön, dass es teilweise sogar schwer ist, sich auf die Straße zu konzentrieren. Ich hätte mir das vorher nicht vorstellen können, aber bei einem Stopp den Wellen zuzusehen, wie sie an den Felswänden brechen, hat eine so zufriedenstellende und hypnotisierende Wirkung – Urlaub für die Seele.

Ich wünschte, ich hätte auf der Strecke nach San Francisco bei Big Sur noch eine Übernachtung hinzufügen können. Dieser Ort hat mich verzaubert. Beim Blick durch die Bäume auf den unendlich weiten blauen Ozean, wenn das Wasser in der Sonne glitzert, muss einem einfach das Herz aufgehen. Im Loma Vista Inn gönnte ich mir eine kurze Tank- und Kaffee-Pause.

Es wurde allmählich dunkler und bis San Francisco waren es noch fast 200 km zu fahren. In weiser Voraussicht, dass es wieder später werden würde, hatte ich mir deshalb schon vorher eine Unterkunft gebucht. Ich wollte in der Stadt zentral übernachten, um noch etwas von dort aus anschauen zu können. Daher hatte ich mich für das Hostel „Green Turtoise“ entschieden, das im Internet durch sehr gute Bewertungen ausgezeichnet war.

Um ca. 20 Uhr kam ich dort an und bezog mein Bett in einem Vierer-Zimmer mit zwei Hochbetten. Die Nacht kostete 35 Dollar und beinhaltete sogar ein Abendessens- und Frühstücks-Buffet. Und endlich wieder ein schönes Bad mit Dusche – das hatte schon was!

Nach dem Dinner-Buffet, schloss ich mich einer Pub-Crawl-Tour an, die das Hostel organisiert hatte. Wir zogen also in einer Gruppe von Reisenden aus England, Neuseeland, Ecuador und weiteren Nationen los und gingen zu Fuß in eine belebte Nachtszene-Straße. Der Abend wurde sehr lustig und wir zogen von einer urigen Bar zur nächsten. Der Bierkonsum war aber nicht exzessiv – bei Bierpreisen von $7 - $14 pro 0,33l-Fläschchen (kein Scherz!) überlegt man sich das Nachbestellen eher zweimal. Als ich schließlich gegen 1 Uhr in meinem Hochbett lag, war ich trotzdem sehr froh, wieder zurück zu sein.

Tag 3 - 340 Kilometer: San Francisco – Jackson State Forest: Abenteuerlicher Abschluss des Küsten-Trips

San Francisco, die Stadt der 42 Hügel – laufe da mal die wichtigsten Sehenswürdigkeiten innerhalb von drei Stunden zu Fuß ab! Das ständige steile Auf und Ab geht ganz schön in die Beine. Ich fand das allerdings super, da ich Morgensport sowieso gerne mag.

Die meisten Geschäfte hatten um 7 Uhr morgens noch geschlossen. Auch in Chinatown war in der Früh noch nicht viel los – Straßenstände mit getrocknetem Fisch oder gefälschtem iPhone-Zubehör blieben mir daher leider vorenthalten. Schade - eine Winke-Katze oder zumindest ein paar Glückskekse hätte ich auf meiner Motorradtour schon brauchen können. Ach ja, zum Thema Ironie – die meisten, die ich dort getroffen habe, verstanden sie nicht. Unzählige Male musste ich nach einer sarkastischen oder ironischen Bemerkung klarstellen, dass es nicht ganz ernst gemeint war. Also, nicht wundern.

Der Spaziergang ging dann am Ufer entlang zum Fisherman’s Warf und auf den Coit Tower hinauf. Der Aussichtsturm ist sehr zu empfehlen. Es ist ziemlich windig dort oben, aber es lohnt sich. Ich genoss einen Rundum-Blick über die farbenfrohe Stadt mit ihren Hügeln, Parks und Sehenswürdigkeiten, wie die eindrucksvollen Brücken und die berühmte Gefängnisinsel Alcatraz.

Danach mit schnellem Schritt zurück zum Hostel – Zeit „aufzusatteln“. Das „Green Turtoise“ kann ich übrigens wärmstens empfehlen – mit ca. $35/Nacht im Vier-Bett-Zimmer ist es sogar günstiger als so mancher Campingplatz und im Preis sind neben Abendessen und Frühstück auch WiFi, saubere Duschen, verschiedene Aktivitäten (Bar-Tours, Live-Musik-/Spiele-Abende, etc.) und vieles mehr angeboten. Nur findet man solche Hostel natürlich nicht entlang des Highway 1, inmitten der Natur. Daher – Camping oder teure Hotels.

Nördlich der Großstadt wurde es dann dann sehr grün und kurvig. Ich fuhr an den Muir Woods vorbei und befand mich plötzlich zwischen Kuhheiden und Feldern. Von den Straßen her wirklich ein Traum für Motorradfahrer, mit wenig Verkehr in meinem Fall – vermutlich ist im Sommer mehr los. Aber ich hatte die Straßen fast alleine für mich.

Immer weiter auf den Ozean hinabschauend und durch unzählige weidende Kuhherden hindurch, kam ich zum Point Reyes National Sea Shore. Im „Station House Cafe“ gönnte ich mir eine kurze Kaffeepause mit gutem Espresso. Ein uriger Laden mit eingestaubtem Bar-Piano und leise dudelnder Jazz-Musik.

Besonders gut gefallen hat mir der Streckenabschnitt bei Tomales Bay. Dort kann man frische Austern und Fisch oder Meeresfrüchte in den vielen Austern-Geschäften oder Restaurants kosten.

Meine Faszination für die wunderschöne vielfältige Natur entlang des Highways ließ zu keiner Zeit nach. Für mich war es immer noch eine Herausforderung, nicht bei jedem Aussichtspunkt stehen zu bleiben. Um mich beim Fahren auf die Straße konzentrieren zu können, waren die Stopps aber notwendig.

Die Strecke hinter Point Reyes wurde zunehmend waldiger. Kurz nach der letzten Ortschaft war das Telefon-Netz wieder Geschichte. Das hieß für mich hoffen, dass alles gut gehen würde. Je weiter ich mich von San Francisco entfernte, desto weiter bewegte ich mich auch von der Zivilisation weg. Es kam mir nur noch selten ein Auto entgegen und vereinzelt stand mal ein Holzhäuschen zwischen den Redwoods, die langsam immer höher in den Himmel ragten.

Die Stimmung wurde richtig mystisch, als es langsam dunkler wurde und der Nebel vom Ozean sich über die Straße legte. Im Dezember geht die Sonne in Kalifornien bereits sehr früh unter (um ca. 17 Uhr) und ich hatte ursprünglich geplant bis nach Eureka, welches laut Navi noch 280 km entfernt lag, zu fahren. Doch irgendwie kam in mir zunehmend der Gedanke auf, dass ich mir für diesen Tag wirklich zu viel vorgenommen hatte. Nach den vergangenen anstrengenden und langen Tagen ließ auch meine Konzentration nach und die Müdigkeit nahm zu.

Als ich kurz anhielt, um ein Foto von dem Eingang in den dunklen Redwood Forest mit seinen Bäumen, die bis weit in den Himmel ragen, zu machen, merkte ich, dass ich nicht alleine war. Etwas lief direkt vor mir auf die Straße und blickte mir direkt in die Augen. Ich erstarrte. „Ein Wolf? Alleine? Sind die nicht in Rudeln unterwegs? Riecht der mein Beef Jerky??“ Ich bereitete mich geistig darauf vor ihm meine Essensvorräte hinzuwerfen um von mir abzulenken. Oder Vollgas geben und ihm zeigen, wer die Hosen anhat?

Bevor ich irgendetwas tun konnte, rannte er los und verschwand hinter den dunklen, riesigen Redwood-Bäumen. Vermutlich habe ich ihn durch mein furchteinflößendes Aussehen (da war sie wieder, diese Ironie) oder durch die große, massive Super Ténéré abgeschreckt. Ich packte schnell das Handy weg, lies das mit dem Foto sein und fuhr weiter. Spätestens dann war meine Konzentration nicht mehr wo sie sein sollte.

Durch nachträgliche Recherche fand ich dann heraus, dass ein Wolfvorkommen in diesem Gebiet nicht bekannt ist, also war es wohl ein (großer) Coyote.

Es folgte eine steile, enge Kurve nach der nächsten und trotz meiner Scheinwerfer wurde die Sicht immer schlechter. Die Bäume verdeckten komplett den Himmel und Straßenbeleuchtung gab es auf der ganzen Strecke nicht. Nach ca. 30 Minuten ohne Aussicht auf Besserung und mit grummelndem Magen platzierte ich mein Motorrad am Rand eines Parkplatzes und schlug dahinter mein Zelt auf. Die ganze Zeit hatte ich mich auf meine Packung Beef Jerky gefreut, aber nach dem Erlebnis mit dem als Wolf getarnten Coyoten hatte ich wenig Lust, weitere Tiere anzulocken.

Die Nacht war auf der einen Seite, rein objektiv betrachtet, zwar etwas ungemütlich – mein extra leichter Schlafsack hielt mich trotz warmer Kleidung nur bedingt warm, ich hatte Hunger und bei gefühlt jedem Geräusch von draußen war ich wieder wach – aber im Nachhinein super spannend und aufregend. Ich liebe ja solche Adrenalin-Kicks und bin generell recht optimistisch eingestellt à la „Wird schon schief gehen“.

Tag 4 – 920 Kilometer: Jackson State Forest – Costa Mesa: Schrecklich langweiliger und langer Interstate-Heimweg

Es wurde hell und es war Zeit für ein ausgewogenes Frühstück – her mit der Packung Beef Jerky! Ich war am Verhungern. Bis zur nächsten kleinen Ortschaft waren es dann doch nur noch 30 Minuten – die Straße war allerdings extrem kurvig und machte mir tagsüber definitiv um einiges mehr Spaß, als sie mir in der stockfinsteren Nacht zuvor gemacht hätte. „Also alles richtig gemacht“, dachte ich mir.

Nach Santa Rosa ging es vorbei an San Francisco auf die schmerzhaft langweilige Interstate I-5 South. Spaß hat das keinen gemacht. Über 900km fast nur gerade aus. Zum Glück hatte ich ein wirklich bequemes Motorrad mit gutem Windschutz. Meine Musik im Ohr (vorwiegend Metal) und regelmäßige Trink- und Tankstopps haben mich bei Laune gehalten.

Mit Langeweile war es allerdings spätestens im L.A. Verkehr vorbei. Dort war 100 Prozent Konzentration angesagt. Von einem blondierten Püppchen, die am Steuer ihres Chevrolet Cabrio mit Handy in der Hand laut brüllend noch ihren Termin im Nagelstudio verschieben muss oder einem dezent übergewichtigem Goldkettchen-Prolet in seinem Hummer, der ein ganzes McMenü hinter dem Lenkrad verputzt, sieht man dort alles – nur keine auf die Straße konzentrierten Verkehrsteilnehmer. „Lane Splitting“, das heißt Hindurchschlängeln zwischen anderen Fahrzeugen, ist dort übrigens erlaubt. Es muss jedoch jederzeit damit gerechnet werden, dass jemand einfach ohne Vorwarnung die Spur wechselt. Egal, ob über eine, zwei oder sogar vier durchgezogene Linien.

Mein Lieblingssatz, den ich mir dabei immer wieder vorgesagt habe, war: „Irgendwann ist der Moment JETZT, an dem ich ankomme.“ Und der war – ich konnte es kaum glauben – tatsächlich irgendwann JETZT. Um ca. 19 Uhr kam ich total platt, aber überglücklich bei meinem Appartement in Costa Mesa an.

Fazit

Egal ob in einer Gruppe oder alleine, mit viel oder wenig Budget, mit Chopper oder Supersportler – bei einer Tour entlang der Küste Kaliforniens wird meiner Meinung nach jeder Motorradfahrer voll auf seine Kosten kommen.

Zu erwarten sind atemberaubende Landschaften, interessante Menschen, schöne Küstendörfer, eine vielfältige Tierwelt und richtig geniale Kurvenstraßen. Es gibt so viel zu entdecken und der Fahrspaß kommt dabei keinesfalls zu kurz. Die Straßen sind in einem super Zustand und im Winter ist dort, trotz überwiegend schönem Wetter, nicht zu viel los. Daher empfehle ich auch die Reisezeit zwischen Oktober und März – ich habe mir sagen lassen, dass es im Sommer zum Teil zu überlaufen ist und Campingplätze oder Hotels schon weit im Voraus gebucht werden müssten. Wenn ich mich entscheiden müsste, wo es mir am besten gefallen hat, würde ich vermutlich Big Sur wählen. Dort war es fast zu schön, um wahr zu sein.

Auch als einzelne Motorradfahrerin habe ich die Tour genossen und mich sehr sicher gefühlt. Ich hatte keine Begegnungen mit bedrohlich wirkenden Gestalten und bei Tragen von Schutzkleidung und Helm sollte einem selbst ein Coyoten- oder Wolf-Angriff nicht viel ausmachen können – vermute ich.

Mein wichtigster Tipp ist jedoch, sich ausreichend Zeit zu nehmen. Mir waren die mir zur Verfügung stehenden vier Tage für die zurückgelegte Strecke eindeutig zu kurz. Wer also kann, sollte genügend Puffer für ausgiebige Foto- und Genuss-Stopps einplanen.

Persönlich würde ich empfehlen, nach Los Angeles zu fliegen, dort ein Motorrad zu leihen, die Route abzufahren und dann die Rückgabe entweder in San Francisco oder Portland durchzuführen. Diese Option gibt es bei einigen Verleihen. Anschließend kann dann durch Buchung eines Multi-City-Fluges von der Zielstadt aus wieder in das Heimatland zurückgeflogen werden.

Für mich persönlich verkörpert der Highway Nr. 1 in Kalifornien tatsächlich Freiheit und Abenteuer. Meine Erwartungen wurden stark übertroffen und ich muss feststellen, dass die bezaubernden Anblicke entlang des Pazifiks auf keinem Bild auch nur annähernd so wirken, wie in echt. Also – ich wiederhole mich – unbedingt selbst erleben!

Autor

juliane_eger

JULIANE_EGER

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Bericht vom 10.07.2017 | 5.253 Aufrufe

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