Nordirland mit dem Motorrad

Nordirland mit dem Motorrad

Der raue Norden

Die 1000PS Crew auf Betriebsausflug im Norden Irlands und in Nordirland. Mit dabei: BMW R1200GS Adventure, S1000XR, KTM Adventure 1290 und 1050.

Warum Nordirland? Wir brauchten eine richtig harte Destination! Es ging in erster Linie darum, die Protagonisten aus der Liga der Reiseenduros in einem besonders fordernden Terrain und in spektakulärer Landschaft zu probieren. Wir wollten keinen makellosen Asphalt, keinen strahlenden Sonnenschein und wird wollten viel Unvorhersehbares erleben. Ganz Nordirland war für uns ein unvorhersehbares und undurchschaubares Reiseziel. Wir planten nur grob mit wenigen Fixpunkten und steuerten diese mit der Funktion “kurvenreiche Strecke” vom Tom Tom Rider 400 an. Am Ende wurden wir nicht enttäuscht. Nordirland war nicht bloss ein kleines Land sondern fast ein halber Kontinent. Feine Sandstrände, raue Felsklippen und endlose Hügellandschaft säumten unsere Tour.

Mit dem Flugzeug nach Dublin

Erstmal ging es mit dem Flugzeug nach Dublin in Irland. Die Flüge sind aus Europa relativ billig und die Auswahl ist in Ordnung. Danach ging es mit dem Taxi zum lokalen BMW Händler “Joe Duffy” wie die R1200GS Adventure und eine S1000XR ausgefasst wurden. Danach fuhren wir wie 4 frisch verliebte Jünglinge auf den beiden BMWs eng umschlungen zum KTM Händler im Süden von Dublin. Bei Redco Auto Holdings Ltd übernahmen wir eine 1290er Super Adventure und eine 1050 Adventure von KTM. Die Reiseenduros machten einen gefassten Eindruck. Wir stopfen sie mit unserem Gepäck sowie mit der Kameraausrüstung voll, doch sie zeigten sich unbeeindruckt. Immer noch fuhren sie einfach, flink und stabil.

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Anreise mit dem Motorrad nach Nordirland

Man könnte Nordirland natürlich auch mit dem eigenen Motorrad bereisen. Vermutlich macht das aber nur in Kombination mit einer längeren Grossbritannien- oder Schottland-Tour Sinn. Wer eine längere Reise plant und kein Problem mit einer etwas umfangreicheren Anreise hat kann auf folgende Routentipps aufsetzen:

Amsterdam – Newcastle mit DFDS von dort dann weiter nach Cairnryan und von dort entweder mit Stena Line nach Belfast oder mit P&O Irish Sea nach Larne.

Rotterdam oder Zeebrügge nach Hull. Von dort kann man zwar auch nach Cairnryan fahren (etwas länger, aber landschaftlich reizvoll), die Paradestrecke wäre aber quer rüber nach Holyhead (370km fast alles Autobahn bzw. 4spurig, ab Chester aber immerhin mit Meerblick). Von dort nach Dublin (Stena oder Irish Ferries) und dann gleich rechts 100km bis zur Grenze.

Direkt von Nordfrankreich aus nach Irland: Irish Ferries bietet Cherbourg – Rosslare, ebenso Cherbourg Dublin, und Roscoff Rosslare, und es gibt einen Roscoff – Cork Service mit Britanny Ferries. Paris sollte man grossräumig ohne Nutzung der Peripherique umfahren. Die Fahrt Route Cherbourg - Rosslare mit dem Schiff "Oscar Wilde" ist zwar ganz nett aber auch 18 Stunden lang!

Kein Geschwindigkeitsinferno

Für unsere konkrete Tourplanung waren die Flugverbindungen nach Dublin besser als nach Belfast. Klarerweise hätte man auch dort Leihmotorräder bekommen. Für die Anreise hinauf in den Norden machten wir erstmal Kilometer auf der Autobahn von Dublin in Richtung Belfast und bogen dann bei Newry ins Landesinnere ab. Hier offenbarte sich dann erstmals die Schönheit der Natur und eine vollkommen andere Welt. Alles war etwas ruhiger, gelassener und langsamer. Wir fuhren am Lough Neagh vorbei und genossen die Aussicht auf den grössten See der britischen Inseln. Wir ertappten uns dabei das wir erstmals die 1000PS Ausfahrt nicht in ein Geschwindigkeitsinferno verwandelten sondern in eine Genusstour. Wurden wir alt? Nein es war das magische Grün Nordirlands welches unsere Seele besänftigte.

Gute Aussichten nach dem Tod

Ernsthafte Sorgen machten wir uns dann als wir uns bei der Besichtigung eines Friedhofs ertappten. In Ardboe zierte ein Hochkreuz den Friedhofseingang. Wir liessen uns nieder und genossen die Aussicht. Unsere Gedanken waren makaber. Wer hier begraben liegt muss wohl weniger Angst vorm Sterben haben. Die Aussicht war grandios, die Stimmung unglaublich harmonisch und ausgeglichen. Doch seht selbst - in der Bildergalerie finden sich auch Fotos vom Friedhof Ardboe. Die beruhigende Wirkung von Landschaft und Friedhof hielt noch den ganzen Tag an und wir erreichten ohne die üblichen Gemetzel unser Basislager “Walsh´s Hotel” in Maghera. Bei der Wahl der Basis gingen wir pragmatisch vor. Wir wählten einfach einen Ort mitten drinnen und starteten von hier unsere Tagestouren.

Die Unterschiede von Irland und Nordirland für Motorradfahrer

Der zweite Tag führte uns an die Westküste. Damit werden wir nicht nur nordirische sondern auch Strassen in Irlands Norden unsicher machen. Nachdem es keine Grenzkontrollen mehr gibt, nimmt man den Unterschied als Tourist erstmal nicht wahr. Doch Nordirland ist Teil des “United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland” im Volksmund auch “UK” genannt. Irland wiederum ist seit 1949 eine unabhängige Republik und seit 1973 auch EU Mitglied. In Nordirland bezahlt man mit Pfund, in Irland mit Euro. In Nordirland werden die Geschwindigkeitslimits und Distanzen in Meilen angegeben in Irland jedoch setzt man auf unser bekanntes metrisches System. Gemein ist jedoch der Linksverkehr und im wesentlichen die Sprache. Auch wenn die Dialekte für uns nur noch schemenhaft als “Englisch” wahrnehmbar waren.

Traumhafte Strände in Irlands Norden

Eine traumhafte Kulisse bot sich uns an der Küste bei Balyliffin und Malin Head. Überall das gleiche Bild. Unglaublich weite Strände umrandet von nichts als Natur. Ein paar Spaziergänger verloren sich in den Weiten der Dünen und man fühlte sich alleine aber gleichzeitig auch sehr geborgen. Der Duft des Meeres war klar und frisch und wurde von keinerlei Industriegerüchen getrübt. Das Rauschen des Meeres wurde ebenfalls unzensuriert geboten. Touristische Strandbars gab es hier keine und somit auch keinen Lärm. Wir taten uns schwer unser angepeiltes Tagessoll zu erreichen. Immer wieder mussten wir von der Strasse abfahren und den braunen Hinweisschildern zum nächsten Aussichtspunkt oder zum nächsten Strand folgen. Ein Stück des Weges kürzten wir mit der Fähre von Magilligan Point nach Greencastle ab.

Intensive Sinneseindrücke

Nach einer unpackbar langen, intensiven aber wunderschönen Tour erreichten wir gegen 19:30 Uhr unser Quartier. Wir fuhren nicht dramatisch viele Kilometer, waren aber auch immer wieder mal auf Schotterpisten hinunter zum Strand unterwegs. Für Fotos wurde ebenso angehalten wie für Videos und einmal versenkte NastyNils die GS im nordirischen Morast. Doch der Tag hat sich gelohnt und es war klar, dass Nordirland ein gänzlich anderes Motorradrevier ist. Erstmal gibt es hier fast keine Berge. Das was man hier Berge nennt sind für uns eigentlich nur Hügel. Auf der anderen Seite gibt es aber auch fast kein Flachland. Auch in den Tälern führen die Geraden immer wieder sanft bergauf und bergab. Die Landschaft ändert sich ebenso schnell wie das Wetter. So ist die Tour in Sachen Sinneseindrücke unglaublich intensiv und erfordert viel Konzentration. Am Abend ist man dann erschlagen von all den Eindrücken und muss bei einem Glas Guinness erstmal zu Ruhe kommen.

Das gemütliche Hotel mutierte zur Partyhölle

Eigentlich sollte danach ein ruhiges Abendessen mit einer kompakten Nachbesprechung folgen. Doch das Hotel verwandelte sich im Laufe das Abends in einen Hexenkessel und die Disziplin der Redakteure wurde auf eine harte Probe gestellt. Das vorhin eigentlich noch gemütliche Pub im Erdgeschoss des Hotels verwandelte sich in eine bebende Partyhölle. Die Rahmenbedingungen waren verheehrend. Die Männer widmeten sich der omnipräsenten Rugby WM. An diesem Abend stand das Match Wales gegen England am Programm. Die Mädels waren im Verhältnis 3:1 in der Überzahl und noch dazu stand eine "Hen Party" am Programm. Das Gegenstück zum männlichen Polterabend. Zusätzlich dazu stieg im Hotel auch noch eine Hochzeit. Auch hier schien es so als würden die Männer alle vor den Bildschirmen kleben und die Mädels gaben sich an der Biertheke mächtig die Kannte. Ein Beispiel gefällig: Bitte zieht euch das Reisevideo ein. Doch klarerweise hatten wir nur eines im Visier: Unsere Leser und unsere Reisestory! Pflichtbewusst gingen wir früh uns Bett um bereit für den nächsten Tag zu sein.

Das Highlight der Tour: Torr Head

Am Morgen des nächsten Tages konnten wir unser Glück wieder nicht fassen! Schon wieder Sonne! Heute fuhren in Richtung Ostküste. Zum Einschwingen fuhren wir wieder über kleine Strassen inmitten von saftigem Grün. Doch dann war es doch wieder die Weite des Ozeans und die Küste welche uns verzauberte. In den gepflegten Gärten der nordirischen Häuser war oftmals nicht nur "englischer" Rasen auszumachen sondern auch zahlreiche Palmen säumten die Küstenlinie. Als wir dachten die besten Seiten Nordirlands bereits inhaliert zu haben, erklommen wir mit unseren Enduros die Aufhart zum "Torr Head". Diese Strecke ist relativ steil, schmal und für Wohnmobile gesperrt. Dadurch wurde die Fahrt nicht nur zum landschaftlichen sondern auch zum fahrerischen Genuss. Überhaupt muss man erwähnen, dass der Tourismus im Nordirland noch in den Kinderschuhen steckt. In den letzten Jahrzehnten machten hier Terror und Gewalt Schlagzeilen. Erst nachdem Frieden und Ruhe eingekehrt waren, begann sich der Tourismus zu entwickeln. Im Moment sind es hauptsächlich Iren, aber auch Engländer und Schotten welche in Nordirland Urlaub verbringen. Touristen aus anderen Ländern sind ganz klar in der Minderheit. Ich fühlte mich hier deutlich exotischer Unterwegs als damals mit der Enduro im Dschungel von Costa Rica.

Sprechen die hier Englisch?

In Gaststätten, Pubs und Hotels stellte uns das manchmal vor kommunikative Schwierigkeiten. Anders als in gut erschlossenen touristischen Regionen sprach man kein sauber verständliches Englisch sondern grösstenteils lokale Dialekte. Und damit meinen wir keinesfalls das "echte" Irisch. Diese Sprache wäre für uns ja überhaupt vollkommen unverständlich. Es war schon eine Art Englisch welche man hier sprach aber eben nicht so glattgebügelt wie man es in touristischen Destinationen gewohnt ist. Insgesamt färbte der unterentwickelte Tourismus die Reise für uns sehr positiv. Denn man fühlte sich wie ein einer anderen Welt, mit anderen Landschaften, Menschen und Gepflogenheiten. Das alles aber nur knapp 2 Flugstunden von Mitteleuropa entfernt.

Die Touren zum Nachfahren:

Kaum hatten wir uns von den optischen Eindrücken beim Torr Head erholt ging es schon weiter zum Giants Causaway. Gigantische Felsformationen säumen hier die Küste. Dieses Naturdenkmal ist eine der grössten nordirischen Attraktionen und in der Hauptsaison dürfte hier einiges los sein, abseits der Monate Juli und August lässt sich der Flair der Szenerie aber richtig geniessen.

Topspeed auf öffentlichen Strassen: 335km/h

Motorsportfans dürfen in Portrush und Portstewart "Northwest 200" Flair inhalieren. Die Strecke wirkt erstmal unspektakulär. Man muss im Kopf quasi den "Fastforward" Knopf betätigen. Damit lässt sich erahnen wie es sich anfühlen muss hier mit der doppelten bis dreifachen Geschwindigkeit über den Asphalt zu brettern. Der Topspeed Rekord aus 2012: 335 km/h. Unpackbar! Die Streetracer sind wahrlich harte Hunde. Das Rennen findet jährlich im Mai statt und verwandelt den Nordwesten der Insel in einen tobenden Hexenkessel.

Motorraddestination Nordirland

Insgesamt ist Nordirland eine aussergewöhnliche Motorraddestination. Auf der einen Seite ist es dichter besiedelt als zum Beispiel Schottland oder Irland. Auf der anderen Seite ist der Tourismus noch nicht so stark entwickelt. Die Tagesetappen sollten auch für geübte Piloten 300km nicht übersteigen. Andernfalls kann man zu wenig Pausen bei den Schlössern, Flüssen und Aussichtspunkten geniessen. Das Durchschnittstempo ist im Inland relativ gering und man schafft es oft sogar nicht einmal das Geschwindigkeitslimit auszukosten. Speedfreaks werden hier nicht auf ihre Kosten kommen. Abenteurer und Landschaftsgeniesser schon viel mehr. Anders als in anderen Ländern kann man hier an den Küsten eine flüssigere und flottere Fahrweise zelebrieren. Anders als im Landesinneren ist der Asphalt hier meistens auch besser. Die Preise sind im Alltag ungefähr auf dem Niveau welches auch in Mitteleuropa vorherrscht.

Wetter Nordirland September

Enttäuscht wurden wir jedoch vom Wetter. Wir hatten eigentlich einen knallharten Bekleidungstest geplant doch dieser fiel ins Wasser bzw. besser gesagt eben nicht. Traumhaftes Motorradwetter machte unsere Nordirlandtour im September 2015 zu einem unvergesslichen Ereignis. Wir kommen wieder!

Aus Teambuilding wird Teamdestruction

Die Reise nach Nordirland sollte auch eine grosse Teambuilding Reise sein. Doch wie in so vielen Ehen, wurde mit fortlaufender Tour über "nicht korrekt ausgedrückte Zahnpastatuben" gestritten. Erfahrene Eheleute wissen, dass der Streit um eine nicht ausgedrückte Zahnpastatube in Wahrheit nur ein vorgeschobener Streit über viel tiefer sitzende Probleme in der Beziehung ist. Bei den 1000PS Cafestopps war die Wahl des Cafes zum Beispiel ein heisses Thema. Videomann Capt. Kuk, NastyNils und K.OT wählten den schnellen Espresso, Vauli den Latte Macchiato. Während Vauli genüsslich den Milchschaum von der Latte löffelte und mit dem Zucker träumerische Bilder in den Cafe rieseln liess, quollen die Halsschlagadern von NastyNils und K.OT zu dicken Kabeln auf. Hier prallten Wellten aufeinander. Genuss vs. Hektik! Bei grossen Videoproduktionen drängt die Zeit! Capt. Kuk sollte eigentlich für David Attenborough filmen. Viel Zeit widmete er den Aufnahmen von Schafen, Kühen und sonstigen Tieren. Während der Rest der Crew in voller Motorradtracht am Strassenrand wartete. Nach 5 gemeinsamen Tagen war klar. Nie mehr wieder werden die 1000PS C-Promis gemeinsam so lange auf Tour gehen. Die nächste Tour muss kürzer werden - oder einsam und ohne Nervensägen. Können unsere Leser damit leben?

Weitere Storys und Videos aus Nordirland

Bericht vom 06.10.2015 | 11.856 Aufrufe

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