Retro-Motorräder - Kurzlebiger Trend oder unsterbliches Phänomen?

Eine Analyse des Retro-Trends am Motorradmarkt

Die Anzahl an Motorrad-Modellen mit Retro-Elementen in unterschiedlichster Form ist inzwischen gigantisch. Doch was zählt überhaupt als Retro? Ist der Trend wirklich so groß und wird das so bleiben? Experten, Statistiken und Daten sollen uns die Antworten liefern.

Royal Enfield Classic 350, Kawasaki Z650RS & CFMOTO 700CL-X - Drei Motorräder, drei unterschiedliche Zugänge zum Retro-Thema. Von puristisch zu modern interpretiert - ähnlich zu diesen drei Motorrädern ist auch der Retro-Trend an sich sehr vielseitig und schwer zu definieren. Zum Beispiel gibt es keinen genauen Startzeitpunkt für die Bewegung, sondern eher die Folgen einer Reihe von Entwicklungen. Ein sehr großer Einfluss waren sicherlich die Café Racer, die heutzutage sozusagen das Gesicht der klassischen Szene bilden und die Art von Bike sind, an die viele beim Wort Retro als erstes denken.

Urväter des heutigen Retro-Trends? - Die Geschichte der Cafe Racer

Die ursprünglichen Café Racer entstanden durch die Rock'n'Roll liebende, wilde Jugend der 50er und 60er Jahre. In Lederjacken gekleidet versammelten sich die jungen Rowdies mit ihren selbst modifizierten Motorrädern bei Kaffees und lieferten sich damit heiße Duelle um die Häuserblocks. Deshalb der Name Café Racer. Doch warum wurden gerade Kaffees als Treffpunkt ausgewählt? Da der damals als skandalös betrachtete Rock'n'Roll nicht im Radio gespielt wurde und Walkmans und iPods noch Zukunftsmusik waren, griff die Jugend auf Kaffees zurück, die oft Jukeboxes mit den wilden Tracks aufgestellt hatten. Mit dem Aufstieg des Autos als privates Transportmittel verschwanden die Café Racer von den immer dichter befahrenen Straßen, nicht jedoch aus den Gedanken der Motorradfahrer. Café Racer hatten zwar auch einen nicht unbeachtlichen Einfluss auf die technologische Entwicklung früher Sportmotorräder, doch vor allem blieben sie als Stilikonen in Erinnerung. Schließlich waren schon die Originale vor allem für eines da: Zum Angeben.

Retro-Bikes - Eine Hommage an alte Ikonen

Zeitsprung zum Ende des 20. Jahrhunderts: Immer mehr Leute haben sich am damals modernen, eckigen Design satt gesehen und beginnen Café Racer nachzubauen, oder neue Motorräder zu Retrofizieren. Die Customizing Szene wächst und wächst, ist aber durch den notwendigen Aufwand und das für solche Umbauten erforderliche technologische Wissen begrenzt. Doch das Interesse am klassischen Design ist auch in der breiten Masse vorhanden, also fängt es auch die Big Player an in den Fingern zu jucken. Café Racer von der Stange tauchen auf, wie zum Beispiel 2001 die Ducati MH900e oder 2004 die Triumph Thruxton 900. Zum Café Racer gesellen sich bald weitere neue Retro-Bikes und der Ball kommt so richtig ins rollen. Doch was gilt als Retro? Braucht es ein gewisses Alter, oder wie wird bestimmt, welches Modell wieder aufgewärmt wird? Extra Einblick in das Retro-Thema liefert uns Steve Sargent, seit 2016 Chef der Modern Classics Sparte bei Triumph.

Steve Sargent: "Sehen wir uns die Motorräder ansehen, die als Classics, Modern Classics oder Retro bezeichnet werden, an. Manche dieser Bikes nehmen ihre Inspiration aus den 1960ern, manche aus den 1970ern und manche, wie Kawasaki zum Beispiel, verweisen auf die 1980er. Es ist also sehr schwer zu sagen, dass wenn Bikes auf eine bestimmte Ära zurückgehen, sie zu Retro zählen."

Statt dem Alter eines Bikes ist also vielmehr die Assoziation dahinter, der Kultstatus wenn man so will, wichtig.

"Man verweist auf etwas, das in früheren Zeiten als einzigartig galt und historische Relevanz besitzt. Da ist es eigentlich egal, ob das Motorrad dabei aus den 60ern, 70ern, oder 80ern stammt, wenn es dafür damals als Ikone galt."

Warum finden wir etwas schön? Was ist der Reiz der Retro-Bikes?

Doch eine ikonische Vorlage allein wird kaum ausreichen, um die Kundschaft zufriedenzustellen. Der Kult muss auch optisch eingefangen werden. Wie wir Menschen Schönheit empfinden ist an sich schon ein interessantes, doch höchst komplexes Thema und wird obendrein extrem subjektiv beurteilt. Wer in die faszinierende Welt der Ästhetik von Motorrädern tiefer eintauchen möchte, dem kann ich nur das Video What is the most beautiful Motorcycle des kanadischen Motorrad-Kanals Fortnine empfehlen. In diesem Bericht lassen wir die tiefer greifende Psychologie beiseite, aber so viel glaube ich kann man sagen: Die Ästhetik der Retro-Motorräder spricht sehr viele Leute an. Warum ist das so?

"Sie schätzen die Eleganz glaube ich. Für mich ist das vermutlich das Stichwort, um das sich all diese Bikes drehen. Sie haben eine gewissen Styling-Eleganz und viel Liebe zum Detail. Die Menschen schätzen den Aufwand der in diesen Bikes steckt, die schöne Verarbeitung, die hochwertigen Embleme. Die ganze Ästhetik dreht sich um die Eleganz und die Details."

Die edel anmutenden Kühlrippen, glänzenden Chrom-Teile, natürlichen Formen und kleinen Anspielungen auf ikonische Baureihen - selbst Fans moderner Motorräder werden den Sex-Appeal des Retro-Charmes wahrscheinlich zumindest nachvollziehen können. Aber auch in Anbetracht des restlichen Motorradmarkts macht der Aufstieg der Retro-Bikes Sinn. Motorradfahren ist nicht mehr wie in den 50ern ein Hobby für junge Rowdies, sondern gerade bei uns in Mitteleuropa doch ein Zeitvertreib mit gehobenem Altersdurchschnitt geworden. Die geburtenstarken und kaufkräftigen Jahrgänge der Baby Boomer Generation dominieren unsere Zweiradwelt und da scheint es eine logische Folge, dass sich viele der gealterten Biker ihrer jungen Jahre besinnen wollen. Wer möchte nicht den guten alten Zeiten nachhängen und deren Freuden noch einmal hochleben lassen? Retro-Motorräder verkörpern diese Nostalgie nahezu perfekt. Aber die Beweggründe hinter einem Motorradkauf sind komplexer als das. Es handelt sich immer um eine Mischung an unterschiedlichen Bedürfnissen.

"Wenn wir mit Kunden sprechen, gibt es immer eine Hierarchie von Bedürfnissen. Generell steht bei Menschen, die Bonneville Motorräder kaufen, die Ästhetik, der Look und der Style an erster Stelle der Prioritäten. Danach kommt die Verarbeitung und die Liebe zum Detail meist auf Platz 2. Und was danach kommt, hängt stark vom Kunden ab. Wenn man an einer T120 oder T100 interessiert ist, geht es da vermutlich um Dinge, wie eine gemütlich Sitzposition. Wenn man mit Speed Twin Kunden spricht, kann es Chassis Performance, Bremsverhalten oder das Drehmoment des Motors sein. Ich glaube, für so ziemlich alle unserer Modern Classics Kunden steht das Design und der Style an der Spitze der Bedürfnisse, gefolgt von der Verarbeitung und der Qualität der Details am Motorrad und dann hängt es davon ab, an welchem Teil der Bonneville Modelle die Kunden interessiert sind."

Denn Retro ist nicht gleich Retro. Die Optik und Hommage an die alten Zeiten mögen viele von uns ansprechen, darüber hinaus sind aber auch die Retro-Liebhaber genauso vielschichtig wie der gesamte Motorradmarkt.

"Innerhalb dieser Gruppe, welche die Retro-Ästhetik schätzt, gibt es immer noch Fahrer, die ein gewisses Level an Performance möchten. Deswegen haben wir die Speed Twin entwickelt, weil wir erkannt haben, dass es viele Typen gibt, die zwar das alte Design mögen, aber trotzdem ein aufregendes Motorrad mit modernem Fahrverhalten fahren möchten. Die Speed Twin und die Scrambler 1200 wurden also entwickelt für die Fahrer, die keinen Kompromiss bei der Ästhetik und keinen Kompromiss bei der Performance eingehen wollen."

Der Entwicklungsprozess bei Retro-Motorrädern

Design und Technik gehen also nicht zwingend in die gleiche Richtung. Sie sollten aber Hand in Hand gehen, um den Retro-Gedanken glaubhaft rüberzubringen. Da stellt sich nach dem Henne-Ei-Prinzip die Frage, was kam in der Entwicklung zuerst? Das Design, oder die technologische Basis?

"Man kann die Technologie nicht ohne Berücksichtigung der Ästhetik entwickeln und umgekehrt. Wir beginnen normalerweise damit, dass wir versuchen zu verstehen, was der Kunde möchte. Wenn wir zum Beispiel zum T120 Kunden gehen und fragen: 'Möchtest du mehr Leistung?', lautet die Antwort vermutlich: 'Nein, aber etwas mehr Technologie würde mir passen.' Es kommt also wieder darauf zurück, was der Kunde will und wie man diese Bedürfnisse erfüllen kann. Bezüglich der Ästhetik, wenn wir versuchen eine Referenz zu etwas Historischem zu machen, gibt es auch eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten."

Begrenzte Auswahl beim Design, unterschiedlichste Ansprüche bei der Technik. Klingt als wäre die Entwicklung von Retro-Bikes extra anspruchsvoll. Aber…

"Wir haben keinen besonderen Entwicklungsprozess bei Modern Classics im Vergleich zu anderen Bikes. Es gibt zwar eine gewisse Ergonomie, die mit der klassischen Form einhergeht, was wiederum Einfluss auf die Gewichtsverteilung und Fahrgeometrie hat, aber ich würde nicht sagen, dass das nachteilig für die Entwicklung ist."

Echtes Retro hat luftgekühlte Motoren! Oder?

Unterm Strich bleiben Retro-Bikes für den Hersteller also ganz normale Motorräder, die abhängig von den Wünschen der Kundschaft und potenziellen Käufern entwickelt werden, wodurch sie auch in unterschiedlichste Richtungen gehen können. Also auch von technologischer Seite ist es kaum möglich zu sagen: DAS und DAS macht Retro-Bikes aus!

"Für Triumph muss ein Modern Classic eine Abstammung, eine Verbindung zur Vergangenheit haben. Es braucht also gewisse stilistische Fingerzeige, anhand denen die Leute sofort den Ursprung erkennen. Das Bike stammt also aus der Geschichte. Da ist für mich bei der Technologie nicht wichtig, ob es nun flüssigkeitsgekühlt oder luftgekühlt ist, ob es Traktionskontrolle oder Kurven-ABS besitzt. Weil Motorräder müssen sich weiterentwickeln, um die Bedürfnisse der Kunden und Abgasvorschriften zu erfüllen. Wir können nicht ignorieren, dass wir Emissionsziele einhalten müssen."

Der größte Unterschied zwischen Retro-Bikes und den restlichen Motorrädern

Ein größerer Unterschied vom Retro-Segment zum Großteil der restlichen Zweiräder ist aber der Status von Customizing.

"Die große Mehrheit der Fahrer, die solche Bikes kaufen, modifizieren sie in irgendeiner Weise. Wir betreiben viel Aufwand, um den Kunden die Möglichkeiten zur Individualisierung ihrer Maschinen zu geben, mit unserem selbst entwickelten Zubehör zum Beispiel. Für viele Leute ist es wichtig, dass ihr Motorrad personalisiert ist. Sie wollen nicht bei einem Bikertreff aufkreuzen und das exakt gleiche Motorrad am Parkplatz sehen. Es ist sehr wichtig für diese Kunden, dem Motorrad eine persönliche Note geben zu können."

Individualismus auf die Spitze getrieben also, das Herausstechen aus der Masse ist ein Muss. Gar nicht so leicht bei der Menge an Retro-Motorrädern auf unseren Straßen. Offizielle Zahlen gibt es dafür leider nicht, da jeder Hersteller unter Retro etwas eigenes versteht und obendrein Marken wie Moto Guzzi, die eigentlich nie etwas anderes gebaut haben, eine klare Einteilung auch noch verkomplizieren. Doch ein Blick in die Zulassungsstatistik des letzten Jahres zeigt die Kawasaki Z900RS auf Platz 16 in Deutschland mit 1.158 zugelassenen Stück, und nur drei Plätze dahinter die puristische Royal Enfield Classic 350 mit 1.000 Stück. Je mehr es werden, desto wichtiger wird die Individualisierung der einzelnen Maschine.

"Ich glaube, es geht alles wieder zurück auf die Liebe zum Detail. Wenn ich mein Motorrad vor einem Pub parke und jemand bleibt stehen um es anzusehen, dann kann ich sagen: 'Hast du das bemerkt, oder das?' Diese schönen Details, die man anderen Menschen zeigen kann, machen es besonders."

Ende in Sicht? - Wie es mit dem Retro-Trend weitergeht

Kommen wir zurück zu unserer ursprünglichen Frage: Was ist Retro. Wir wissen jetzt, dass die Faszination gleichzeitig in den ansprechenden Formen und dem Verweis auf die guten alten Zeiten gründet. Gleichzeitig wird diese nostalgische Romantik von Motorradtechnik in ihren unterschiedlichsten Formen getragen, um dann vom Endkunden im Versuch der Selbstverwirklichung verschlimmbessert zu werden. Eine klare Definition von Retro ist aber aufgrund der vielen verschiedenen Auslegungen und Fraktionen in dem Segment kaum möglich. Bleibt nur noch die Frage: Wie soll das weitergehen? Wie steht es um den Retro-Trend? Ist schon ein Ende in Sicht?

"Wir können anhand der Marktdaten sehen, dass manche Motorräder anderer Hersteller, die dem Retro-Segment zugeordnet werden können, etwas abgenommen haben, während andere Hersteller etwas gewachsen sind, es hängt also stark vom Modell und Hersteller ab. Ich würde sagen, generell ist der Trend ziemlich stabil."

Diese Aussage mit Zahlen zu bestätigen oder zu widerlegen ist fast unmöglich, weil die einzelnen Modelle so stark fluktuieren. So liegt die Kawasaki Z900RS 2020 bei 1.111 zugelassenen Modellen, 2021 bei nur 860, 2022 sind es wieder mehr. Außerdem stellt sich auch beim Durchlesen der Statistik wieder die Frage: Was ist denn Retro? Zählen die Ducati Scrambler Modelle dazu? Oder die Honda Rebel? Schwierig! Zumindest von Triumph gibt es eine Einordnung des Erfolgs ihrer Modern Classics Modelle.

"Wenn man sich unsere Bonneville Modelle über die Jahre ansieht, machen sie um die 30 % unserer verkauften Motorräder aus."

Doch selbst hier ist diese Einteilung nicht klipp und klar.

"Das ändert sich derzeit ein wenig wegen der Einführung der Trident. Die Trident 660 hat große Stückzahlen für uns an den Mann gebracht. Das hat zwar nicht die Anzahl an verkauften Bonnevilles verringert, aber es hat den Anteil dieser verkleinert. Aber es könnte eine interessante Frage sein, wie viele Menschen die Trident betrachten und sagen: Eigentlich hat sie auch klassische Ästhetik."

Die Debatten, was denn nun als Retro zählt und was nicht, werden wohl weitergehen, solange der Trend besteht. In letzter Zeit häufen sich die Modelle mit Retro-designten Verkleidungen, wie die Triumph Speed Triple 1200 RR, die Bimota KB4 RC, oder die leider nur in Asien verfügbare Honda Hawk 11. Also wird das vielleicht die nächste Stufe der neuen Motorräder im alten Kleid.

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Bericht vom 30.01.2023 | 18.673 Aufrufe

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