K.OTs Wutrede #3: Die Reifen sind schuld!

Warum geben wir immer den Reifen die Schuld?

Niemand gesteht gerne Fehler ein, aber warum müssen so oft die Reifen die Schulter, äh, den Kopf hinhalten. K.OT klärt auf.

Die Reifen sind schuld! Natürlich sind immer die Reifen schuld. Wie könnte es auch anders sein? War auch bei mir so. Jedes Mal. Auf Ölspur ausgerutscht – Reifen waren schuld. Auf Rollsplit ausgerutscht – Reifen waren schuld. Bei 2 Grad und Schneeregen am Pannoniaring ausgerutscht – Reifen waren schuld. Auf irgendeiner glatten Stelle am Asphalt von Mallorca ausgerutscht, nachdem ich das ABS abgeschaltet hatte – Reifen waren schuld. Über den Berg am Circuito de Almeria zu steil eingelenkt und die Haftung verloren – Reifen waren schuld. Auf der Rennstrecke mit der Aprilia RSV4 RF viel zu spät gebremst und ins Kies geköpfelt – Reifen waren schuld. So, das sollten alle meine Stürze der letzten Jahre gewesen sein, sofern ich durch den Schock nach einem Einschlag nicht einige vergessen habe.

Fast alle Stürze Eigenfehler

Zwei Dinge sind sicher. Erstens: Bis auf einen Sturz, und zwar den Ausrutscher auf einem Ölsee, den ein riesiger Traktor (Trekker) auf der Straße hinterlassen hatte, dessen Fahrer auch für den Schaden aufkommen musste, wären alle zu vermeiden gewesen. Bei allen anderen habe ich mich übernommen, verschätzt, oder war schlicht nicht aufmerksam genug. Die letzten drei Gründe sind für den überragenden Großteil aller Motorradunfälle verantwortlich, der kleinste Anteil kann technischen Gebrechen zugeschrieben werden und auch da steckt oft menschliches Versagen dahinter.

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Sturz im Februar

Jedenfalls habe ich noch nie den Reifen die Schuld an einem meiner Unfälle gegeben. Ganz im Gegensatz zu einem Fireblade-Fahrer, den ich mal auf meiner Hausstrecke getroffen habe. Wir waren beide sehr früh in der Saison, Anfang März, unterwegs und freuten uns über den geringen Verkehr und dass wir zwei echten Racer als Erste aktiv waren. Er war allerdings schon viel früher aktiv gewesen, nämlich ein paar Wochen zuvor (im Februar!) und hatte seine Honda CBR 600 RR geschrottet.

Schuld war natürlich nicht der eiskalte Asphalt, der vom Winter noch schmutzig und schmierig war, oder die Tatsache, dass man ein brandneues Motorrad vielleicht erst kennenlernen sollte, bevor man am Knie ums Eck fährt, sondern – richtig, die Reifen! Er bedachte die Marke X mit allen erdenklichen Schimpfwörtern und was das Unglück bringende Produkt nicht für ein völliger Mist sei und schwor vor mir als Zeugen, dass er nie wieder einen Reifen dieser Marke wird fahren oder gar kaufen werde. Zum Trost und zur Sicherheit, oder weil’s eh schon wurscht war, holte er sich mit dem Geld von der Versicherung gleich eine Fireblade. Die hatte nämlich eine andere OE Bereifung.

Reifenhändler tun mir leid

Niemand in der Motorradbranche tut mir so leid wie die Reifenhändler. Dabei verstehe ich den Herren aus der Geschichte schon auch; denn so ein Erlebnis kann sich in den Kopf brennen wie ein Brandeisen in einen Rinderarsch. Und wenn auf dem Reifen die Marke X draufsteht und man sich nicht eingestehen will, einen Fehler gemacht zu haben, dann ist die Marke X nun mal schuld. Ich möchte nicht in Zweifel stellen, dass es auch heute noch bessere und schlechtere Reifen gibt, doch entscheidende Schwächen zeigen sich erst dort, wo der Reifen nicht seiner eigentlichen Bestimmung nach eingesetzt wird und dadurch erst jene Schwächen wirksam werden, die in seinem natürlichen Habitat nicht zutage treten und deshalb zu vernachlässigen sind. Beispiel: Hypersportreifen für Straße und Rennstrecke im Regen. Oder TKC80 beim Kurvenwetzen auf Asphalt.

MotoGP-Fahrer stürzen am meisten - Reifen?

Vielleicht liegt es daran, dass ich schon in meiner ersten Saison – den Führerschein habe ich ja erst 2004 bei 1000PS gemacht – viele verschiedene Motorräder und Reifen ausprobieren konnte und es deshalb schnell gelernt habe, mich auf vorhandene und fehlende Qualitäten eines Fahrzeugs einzustellen. War eine Qualität schwächer ausgebildet, dann habe ich mich möglichst schnell darauf eingestellt und nicht versucht, eine von mir erwartete Performance zu erzwingen. Denn das kann zum Sturz führen. Wer also auf ein neues Motorrad- oder Reifenmodell umsteigt, der sollte erst abtasten, was das Fahrzeug/der Pneu kann und was er nicht kann bzw. wo seine Grenzen liegen. Und jeder hat Grenzen, auch der Mensch. Und die überschreitet er meist weit bevor der Reifen seine erreicht hat.

Also, liebe Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer. Vertraut euren Reifen, aber respektiert sie auch. Und denkt daran: Niemand stürzt so oft wie MotoGP-Fahrer*. Sind daran etwa die Reifen schuld?

*auf Asphalt

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Bericht vom 08.06.2017 | 43.301 Aufrufe

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