„Die R1 ist tot? Ganz sicher nicht!“ - Das ist Yamahas Zukunft
Yamaha-Europa-Chef Olivier Prévost im Interview
Yamaha Motor Europe Präsident Olivier Prévost spricht mit Poky von 1000PS über die Zukunft der R1, neue Technologien und Yamahas Balance zwischen Ingenieursstolz und Kundenwunsch.
Ein einhalb Jahre nach seinem Amtsantritt spricht Olivier Prévost, Präsident von Yamaha Motor Europe, über die Herausforderungen eines gesättigten Marktes, den Innovationsdruck und Yamahas Antworten auf die Erwartungen moderner Fahrer. Im Gespräch mit Poky (1000PS) erklärt Prévost, warum die legendäre R1 nicht verschwunden ist, wie Y-AMT den Zugang zum Motorradfahren verändern könnte und weshalb für Yamaha nicht die Ingenieurs-Eitelkeit, sondern der Kunde das Maß aller Dinge ist.
Poky, 1000PS: Sie sind 2024 Präsident von Yamaha Motor Europe geworden. Was sind Ihre wichtigsten Prioritäten, um Yamahas Position auf dem europäischen Markt zu stärken?
Olivier Prévost, Yamaha Europe: Tatsächlich habe ich im Januar 2024 begonnen. Der europäische Motorradmarkt ist aktuell ein Markt ohne Wachstum die Größe des Kuchens bleibt gleich. Gleichzeitig drängen viele neue Marken auf den Markt und wollen ein Stück davon abhaben. Mein Ziel ist es, Yamahas Präsenz zu schützen, und das basiert auf vier Säulen: Erstens die Modellpalette, also was wir anbieten und wie stark sie ist. Zweitens unser Marktanteil. Drittens das Händlernetz, denn Yamaha verkauft seine Produkte über unabhängige Partner. Diese Partnerschaft will ich pflegen und stärken. Und viertens die Marke Yamaha selbst.
Dieses Jahr feiern wir das 70-jährige Jubiläum nicht nur, um zurückzublicken, sondern um alle daran zu erinnern, dass Yamaha seit sieben Jahrzehnten Erfahrung und Know-how sammelt. Dieses Erbe wollen wir nutzen, um unsere europäischen Kunden zufriedenzustellen.
Poky: Es ist also wichtig, ein Flaggschiff-Modell zu haben, mit dem sich Menschen identifizieren können. Bedeutet das höchste Leistung, neueste Technologie oder maximale Emotion?
Prévost: Ein Flaggschiff kann viele Gesichter haben ein Supersportler für Leistung und Adrenalin, ein großer Tourer für Komfort und Technologie oder ein Adventure-Bike für Offroad-Abenteuer. Wichtig ist, dass diese Modelle Yamahas Innovation und Technologie zeigen und die Position der Marke im Markt widerspiegeln. Viele neue Hersteller sind in der Mittelklasse zwischen 600 und 700 ccm aktiv, aber sie kommen nicht darüber hinaus, weil ihnen schlicht die Technologie fehlt. Yamaha hat diese Technologie und wir müssen sie durch unsere Flaggschiff-Modelle demonstrieren.
Poky: Aktuell vermissen wir eine straßenzugelassene R1 im europäischen Line-up für 2026. Wird es wieder eine geben?
Prévost: Das ist eine wichtige Frage, aber ich kann sie nicht direkt beantworten. Auf Basis der Logik, die ich gerade erklärt habe, kann ich nur sagen: Wir geben nicht auf. Wir geben diesen Bereich nicht auf. Ich kann nicht sagen, wie oder wann aber wir werden diese DNA nicht aufgeben.
Poky: Ein weiteres, seit längerer Zeit heiß diskutiertes Thema ist eine größere Ténéré etwa auf Basis des CP3-Motor, also eine Ténéré 900. Ist so etwas denkbar?
Prévost: Wir hören sehr genau auf unsere Kunden. Und ja, wir wissen, dass wir viele treue Ténéré-700-Fahrer haben. Nach einem, zwei oder drei Modellen wünschen sich einige von ihnen den nächsten Schritt. Heute bietet Yamaha diese "Step-up"-Option noch nicht an. Wir leiten diese Rückmeldungen aber an Japan weiter. Ich kann nichts bestätigen, aber wir können diesen Wunsch nicht ignorieren. Wir sind kein Unternehmen, das die Träume seiner Ingenieure erfüllt auch wenn ich selbst Ingenieur bin. Unsere Aufgabe ist es, die Wünsche unserer Kunden zu erfüllen. Und ja, wir wissen, dass es diesen Bedarf nach einer größeren Ténéré gibt das Thema ist in Überlegung.
Poky: Die neue Tracer 7 GT mit Y-AMT zeigt Yamahas halbautomatisches Getriebe. Wird diese Technologie noch weiter ausgerollt? Auch in Baureihen unterhalb des CP2-Motors?
Prévost: Ja, absolut denkbar. Unsere Vision ist, Y-AMT zu einer Technologie für den Massenmarkt zu machen. Es gibt Fahrer, die niemals auf ihre Kupplung verzichten wollen das respektiere ich. Aber es gibt auch viele Menschen, die zögern, überhaupt Motorrad zu fahren, weil sie es für zu kompliziert halten. Y-AMT kann diese Hürde abbauen und Motorradfahren einfacher und zugänglicher machen. Deshalb wollen wir diese Technologie über alle Kategorien und Hubräume hinweg verfügbar machen ohne Einschränkungen.
Poky: Yamaha zeigt den Prototypen zu neuen Antriebsformen, wie denPROTO BEV und den H₂ Buddy Porter. Welcher Weg passt besser zu Europa?
Prévost: Noch ist viel offen. Der Markt verlangt weiter Verbrenner. Elektrisch macht in der Stadt Sinn, aber nicht für alle. Wir arbeiten parallel an Elektro, Wasserstoff und Hybridlösungen auch für Marine-Motoren. Ich glaube nicht an eine einzige Lösung. Freizeitbikes werden wahrscheinlich mit alternativen Kraftstoffen fahren, Urban Mobility mit Strom.
Poky: Wie lange sollte ein Modellzyklus heute dauern?
Prévost: Das hängt vom Segment ab. Supersportbikes oder TMAX kommen bei uns alle zwei Jahre neu. Für Volumenmodelle sind vier Jahre realistischer. Das passt auch zum Tempo der Emissionsnormen Euro 6 erwartet uns wahrscheinlich um 2029.
Poky: Yamaha bringt 2026 einen neuen V4-Motor in der MotoGP. Welche Bedeutung hat das für die Emtwicklung von Straßenmodellen?
Prévost: Der Rennsport hat für uns mehrere Missionen zu erfüllen: Gewinnen, Image stärken und Technologie entwickeln. Zuerst müssen wir zeigen, dass der V4 leistet, was wir erwarten. Dann können wir über eine Übertragung auf Serienmodelle nachdenken. So funktioniert Technologietransfer bei Yamaha.
Poky: Wenn wir uns 2026 auf der EICMA wieder sehen welche Modelle werden Yamahas Erfolg definiert haben?
Prévost: In den kommenden drei Jahren werden wir über zehn neue Modelle bringen nicht Facelifts oder Updates, sondern komplett neue Bikes. Wenn wir uns nächstes Jahr sehen, stehen einige davon schon auf der Messe.
Poky, 1000PS: Vielen Dank für das Gespräch.
Olivier Prévost: Danke Ihnen.
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Bericht vom 27.12.2025 | 7.820 Aufrufe