Hondas neue Mittelklasse. Auf Wunsch mit Doppelkupplung und
Automatikgetriebe.
Honda stellt mit dem neuen 700er Zweizylinder eine komplette Modellreihe auf die
Beine. Die NC 700 X sieht ein wenig aus wie ein kleiner Crossrunner, punktet vor
allem in der Stadt fährt aber auch tüchtig hinaus ins Wochenende. Erster Test!
Honda NC 700 X Test
Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Wir biegen zur Tankstelle ab und blicken
gespannt auf die Letter der Zapfsäule. Honda hat ja viel Wind gemacht, um den
angeblich niedrigen Verbrauch. 6.49 Liter mussten bei mir nachgetankt werden -
für eine Strecke von 149 Kilometern. Das macht echte 4.36 l/100 km. Im Prospekt
verspricht Honda sogar 3.7, was bei normaler Fahrweise auch durchaus realistisch
klingt. Doch seit wann beginnt ein Motorradtest mit dem Thema Verbrauch? Bei
diesem Test ist doch einiges anders als früher. Honda hat auf die Veränderungen
im Motorradmarkt realisiert und eine komplett neue Modellreihe auf den Markt
gebraucht. Man nennt sie "NM" wie "New Mid". Die NC700X (das X steht für Cross)
ist nach dem
Integra die zweite Variante, welche von 1000PS einem Test unterzogen
wurde. Die neue Modellreihe wurde ein gutes Stück entemotionalisiert und mit
ganz rationalen Argumenten präsentiert.
NastyNils hatte natürlich die 1000PS Kamera
mit dabei und bringt fürs 1000PS TV Onboardaufnahmen und Details vom Motorrad in
bewegten Bildern.
Die Motorrad-Alternative zum Roller
Der wirklich niedrige Verbrauch ist eine Sache. Doch auch beim Fahrverhalten
ist die Honda so, wie sie das Prospekt verspricht. Anders als bei vielen
Motorrädern wird nicht mit PS, Kilo oder Elektronik Gadgets geprahlt. Sondern
mit Argumenten welche die neue Zielgruppe begeistern soll: "Einfache
Fahrbarkeit", "auf Wunsch Automatikgetriebe", "Alltagstauglichkeit", "Stauraum",
"Honda Qualität". Damit möchte man bei Umsteigern von Rollern auf "echte"
Motorräder punkten, oder bei neu aktivierten Späteinsteigern oder jungen
Sparfüchsen. Allen ist gemein, dass sie ein günstiges Fahrzeug für den täglichen
Gebrauch benötigen und dabei auch noch Fahrspaß erleben möchten.
Fahrspaß hat
man vor allem im niedrigen Geschwindigkeitsbereich. Beim Sprint von der Ampel,
geht einem nix ab. Bis Tempo 100 wird recht zügig beschleunigt. Der Motor ist im
Vergleich zu anderen Motorradmotoren sehr langhubig und bietet viel Drehmoment
im Drehzahlkeller. Das nutzbare Drehzahlband ist jedoch recht schmal und das
Motorrad ist lang übersetzt. Vom Stand weg passt das Motorkonzept also perfekt.
In der Stadt und auch bei kurzen Touren wird man damit glücklich sein. Ab Tempo
100 ziehen dann aber klassische Motorräder wie eine CBF 600 F deutlich an der NC
700 X vorbei. Obwohl nicht ganz die Domäne des neuen Modells, haben wir sie auch
einem Topspeedtest unterzogen. Ich konnte ihr sogar eine 196 km/h am Tacho
entlocken. Klar ging es da etwas bergab und der Ehrgeiz die anderen Journalisten
herzubrennen war groß, doch auch auf der Geraden waren 180 km/h drinnen.
Stauraum im Motorrad!
Überraschend ist, dass das Motorrad dann auch im höheren
Geschwindigkeitsbereich einen sicheren Eindruck macht. Nur bei der Kombination
"üble Bodenwellen" und "flotte Kurve" wird man im Sattel der Honda auf den Boden
der Realität zurückgeholt. Das ist kein Motorrad um Rekorde auf der Hausstrecke
aufzustellen! Ein Rekord ist der neuen Honda jedoch sicher. Ganz ohne Topcase,
Koffer oder irgendwelche voluminösen Zusatzaufbauten, schluckt sie ganz normalen
einen echten Vollvisierhelm. Dort wo bei anderen Motorrädern der Tank ist,
versteckt sich bei der neuen Honda ein gar nicht so kleiner Stauraum. Der
aufgrund des niedrigen Verbrauches klein dimensionierte Tank befindet sich im
Heck unter der Soziussitzbank.
Ein echtes Kunststück gelang dem Designer. Das
Motorrad wird in Österreich beim Händler vermutlich unter 7.000 Euro zu erwerben
sein, in Deutschland wegen der fehlenden NOVA noch günstiger. Trotzdem sieht sie
nicht aus wie ein Schnorrerbike. Steht sie neben der deutlich teureren
Crossrunner, wird der Laie auf den ersten Blick keine allzu großen Unterschiede
ausmachen. Die Verkleidung wirkt ebenso hochwertig, der Gesamtauftritt ist
ordentlich.
Doch klarerweise sind die Unterschiede im Detail dann
beträchtlich. Der Crossrunner hat bessere Bremsen, ein deutlich besseres
Fahrwerk und einen kräftigeren Motor. Das ist auch OK so. Suchst Du ein Motorrad
für ausgedehnte Touren und flotte Ausfahrten, dann greifst Du zum Crossrunner.
Suchst Du ein günstiges aber trotzdem spaßiges Fortbewegungsmittel ist die NC
700 X die richtige Wahl - bei ähnlichem Auftritt am Parkplatz vor der Uni!
Designskizze von der NC 700 X. Trotz niedrigem Preis ein tadelloser Auftritt
Günstiger Aufstieg von den 125ern oder Rollern in die Motorradliga: NC 700 X.
Klare Worte an Neulinge und Kenner
Meine journalistische Sorgfaltspflicht ist jedoch größer, als
mir treue Stammleser beim
Zählen der Beistrichfehler zutrauen würden. Daher möchte ich bei dem neuen Teil
von Honda ein wenig ins Detail gehen. Honda hat bei Praxistests in Europa
herausgefunden, dass Motorradfahrer 90% ihrer Zeit unter 140 km/h fahren und 80%
der Zeit unter 6.000 Touren. Nein, es waren nicht ausschließlich deutsche
Ingenieure mit dabei als man in einem Anfall von Pragmatismus dann einfach ein
Motorrad entwickelt hat, welches sich die Limits mit diesen %-Werten setzt. Freiheitsliebende Motorradfahrer werden nun aufschreien, dass
man ja nicht immer 200 fahren muss aber eben doch gerne das Gefühl hat, es wäre
problemlos möglich. Doch Neulinge und Einsteiger werden das möglicherweise
genauso pragmatisch sehen, wie es sich Honda vorstellt. Mit klaren Worten versuche ich
daher das neue Modell für beide
Zielgruppen zu beschreiben:
Gruppe 1: Klassische Motorradfahrer welche regelmäßig 1000PS
lesen und
im richtigen Leben eine Reiseenduro oder ein Nakedbike fahren
Gruppe 2: Rollerfahrer oder Autofahrer welche via Suchmaschine mit
Suchbegriffen wie "Motorrad mit Automatikgetriebe" oder "Einsteiger
Motorrad" irgendwie bei dieser Story landen und nach Aufklärung suchen.
Gruppe 1
Gruppe 2
Motor
Immer dann wenn Du meinst jetzt geht die Post
ab, dann kommt der Begrenzer. Doch mit etwas Eingewöhnung lernt man den
Motor bis Tempo 100 zu schätzen. Darüber sorgt man in einer gut
ausgestatteten Bikerrunde für Spott und Hohn.
Toller Motor welcher einfach zu dosieren ist und
genug Drehmoment für anständige Beschleunigung bietet. Vorsicht bei
rutschigem Belag. Gibst Du in der Kurve Vollgas, fliegst Du auf die
Fresse.
Bremsen
Im Alltagsgebrauch überraschend gut. Auf dem Niveau
von Reiseenduros. Kann aber bei einer harten Kurvenhatz mit den
sportlichen Bremsen von Nakedbikes nicht mithalten. Einfach zu dosieren!
Gute Bremsleistung, einfache Dosierung und ein
modernes ABS. Genau das richtige für Dich. Dank der großen Räder im
Vergleich zu einem Roller bleibt das Fahrzeug bei Bremsmanövern sehr
stabil.
Fahrwerk
Du dachtest eine CBF 600 hätte ein zu schlappes
Fahrwerk? Dann probier mal die NC 700 X!
Die langen Federwege bieten Reserven für
schlechten Bodenbelag. Das Motorrad hat einen sehr breiten
Einsatzbereich und vermittelt sofort viel Vertrauen.
Getriebe
Die Schaltvariante ist solider Maschinenbau, doch
gib dem Doppelkupplungsgetriebe mit einer Probefahrt eine Chance. Das
hat Charme! Vor dem Bikerlokal solltest Du halt nur Deinen Helm über das
linke Lenkerende hängen, damit niemand die fehlende Kupplung bemerkt.
Dieses Motorrad bietet mit der sogenannten "Dual
Clutch Transmission" quasi ein High-Tech-Getriebe aus dem Rennsport für
den Weg zur Arbeit. Das Getriebe harmoniert perfekt mit dem Motor und
sorgt für zügigen und total stressfreien Vortrieb. Wie bei einem Roller
- nur sportlicher.
Anmutung
Verkleidung und Bedienelemente wirken hübsch.
Der Gesamtauftritt ist ordentlich, bei den Details merkt man jedoch dass
es ein günstiges Motorrad ist: Schwinge, Gabelbrücken, Schalthebel,...
Ein echtes Motorrad welches Dir in Deinem
Freundeskreis viel Anerkennung bringen wird. Es versprüht
Abenteuercharakter und Du gehst damit im Gegensatz zu Deinen
Rollerkollegen als wilder Hund durch.
Fahrkomfort
Lenker liegt angenehm in der Hand, Bedienelemente
sind ordentlich platziert und die Verkleidung verrichtet gute Dienste.
Die Sitzbank ist gut und das Motorrad ist in Sachen Fahrkomfort sogar
einigen kleinen Reiseenduros überlegen.
Dieses Motorrad bietet deutlich mehr Fahrkomfort als
ein Roller. Die Federwege sind länger, was Fahrbahnunebenheiten besser
ausbügelt. Außerdem sind die Räder größer als beim Scooter, was
ebenfalls Vorteile bei schlechten Straßen hat. Die Sitzbank ist
hochwertiger als bei den meisten Rollern und Du kannst damit viel
weitere Strecken fahren.
Sozius
In Sachen Sitzbank und Komfort kein Problem,
aber auf längeren Touren klarerweise untermotorisiert.
Der Mitfahrer oder die Mitfahrerin sitzt hier
deutlich angenehmer als auf den meisten Rollern. Die Honda ist auch zu
Zweit ein vollwertiges Verkehrsmittel für Kurz- und Mittelstrecken.
Stauraum
Ganz ohne Topcase und Koffer kann ein Helm verstaut
werden. Eröffnet in ganz alltäglichen Situationen einen breiteren
Einsatzbereich als Du es von Deinem Motorrad gewohnt bist.
Ähnlich wie bei Rollern. Es gibt nicht viele
Motorräder die das bieten können!
Kaufempfehlung
Wenn es sich irgendwie machen lässt, reiß das
Konto ins Minus und greif Dir den Crossrunner. Wenn es unbedingt das
Automatikgetriebe sein muss, dann wirst Du wohl oder übel für den
Crosstourer sparen müssen.
Da kriegst Du zwei Roller ums gleiche Geld. Aber
keinen der Dich wie die NC 700 X in den Olymp der Mobilität befördert.
Greif zu und Du bist dabei!
Unbedingt mit Doppelkupplung-Automatik
Bei dem Test fehlt jedoch ein sehr wichtiges Puzzlestein um das Konzept
rundum schlüssig zu machen. Das automatische Doppelkupplungsgetriebe. Ich hab es
bereits beim
Honda Integra ausprobiert, und dort hat es mich begeistert. Hier
fuhren wir das Motorrad nur mit normalen Schaltgetriebe. Nicht dass die Kupplung
oder das Getriebe schlecht funktionierten - im Gegenteil. Die Kupplung ist
einfach zu bedienen und sauber zu dosieren. Das Getriebe ist, typisch japanisch,
makellos präzise und leichtgängig. Doch man glaubt gar nicht wie schnell man
sich selbst als erfahrener Motorradfahrer an so ein Automatikgetriebe gewöhnen
kann. Im hektischen Stadtverkehr oder für Anfänger, Späteinsteiger und Roller-"Aufsteiger" entfaltet es dann seine volle Berechtigung. Denn es
harmoniert natürlich perfekt mit dem Motorkonzept und die niedrige
Maximaldrehzahl fällt dann gar nicht mehr auf. Schaltvorgänge sind ohnehin kaum
zu bemerken und im Sattel verspürt man einfach nur geschmeidige Beschleunigung
in allen Situationen.
Hondahändler stehen mit dem neuen Modell aber natürlich
vor einer nicht zu unterschätzenden Herausforderung. Anders als bei CBR und Co.
werden sie nicht mit erfahrenen Kunden konfrontiert, welche nach ausführlicher
Internetrecherche bestens informiert von alleine ins Geschäft kommen. Diese
Modellreihe steht an einem Neuanfang und muss mit viel Arbeit erst in die Köpfe
der vermutlich komplett unwissenden Zielgruppe gebracht werden. Der
Motorradbranche tut es jedenfalls gut, wenn mit frischen Ansätzen neue Leute
angelockt werden. Nach oben hin hat dann Honda ja einiges zu bieten:
Crossrunner, Crosstourer
und wer weiß was da nicht noch alles mit dem V4 Motor kommt.