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Als die steilen Serpentinen im Blickfeld auftauchten war
klar, dass der ehrgeizige Spanier vor mir als Loser das Ziel erreichen
wird. Zu
Beginn wollte sie niemand haben die große 1200er GS. Die Kollegen sahen
nur die engen Gassen, welche vom Hotel weg durch das Städtchen Taormina
führten und griffen zu Transalp und zur kleinen GS 650. Nun waren die
engen Gassen vorüber und bei der Rast wollte der nette Spanier mit mir
Motorrad tauschen. Er hatte die Transalp, ich hatte die GS. Meine
Antwort: "You are to slow for my bike", ließ die weitere Ausfahrt
interessant werden.
Achja, wir sind beim
Reifentest
Der eigentliche Zweck der Reise, ein Reifentest, war zu diesem
Zeitpunkt längst in den Hintergrund gerückt. All unsere Motorräder waren
mit dem neuen Scorpion Trail ausgestattet. Dem neuen Reifen für
Reiseenduros aus dem Hause Pirelli. Bei sportlichen Reifen nimmt Pirelli
mit der Diablo Linie eine führende Stellung ein, während bei den
Tourenreifen eher die Konzerntochter Metzeler die Nase vorne hat. Mit
dem neuen Produkt wollen die Italiener auch dem Reiseenduro Bereich
ihren Stempel aufdrücken. Das gewaltige Kurvengeschlängel zwischen Francavilla Di Sicilia und
Rodi Milici hatte es in sich. Die beiden Guides an der Front ebenso.
Gewartet wurde nur an den Kreuzungen und die waren hier in den Bergen
äußerst selten. Die Guides kennen diese Ecke von Sizilien wie ihre
Westentasche und ich folge ihren Bremslichtern mit großem Ehrgeiz. Ohne
ihre Bremslichter wäre ich aufgeschmissen und der Spanier vor mir kann
ihr Tempo nicht mehr ganz halten.
Enge Gassen, Schotter und nun
harte Kurven
Die Reifen haben zu diesem Zeitpunkt schon einiges über sich ergehen
lassen müssen. Gleich zum Start waren wir auf unterschiedlichen
Motorrädern in den engen Gassen von Taormina unterwegs. Danach folgte
eine kleine aber coole Einlage auf losem Untergrund und nun blasen wir
auf makellosen Asphalt zum Angriff. Am Vorabend berichteten die Pirelli
Techniker samt Marketinggurus und Testpiloten vom neuen Reifen. Die
große Herausforderung war zum Einen der unterschiedliche Einsatzzweck
des neuen Reifens - von der Autobahn bis zur Schotterstraße und zum
Anderen die komplett unterschiedlichen Motorräder die es mittlerweile in
der Gattung der Reiseenduros gibt.
Ein Reifen, unterschiedlichste
Motorräder
Die Pirelli Techniker entwickelten und die Pirelli Testcrew
überprüften den Reifen auf den Klassikern BMW R 1200 GS, Honda Varadero
und Suzuki V-Strom. Schon bei diesen scheinbar ähnlichen Motorrädern
mussten die Techniker auf komplett unterschiedliche Anforderungen
Rücksicht nehmen. BMW arbeitet bekannterweise mit einem Telelever an der
Front und belastet damit den Reifen anders als die anderen Motorräder.
Dann haben wir da noch die beinahe schon den Naked Bikes angehörigen
Motorräder wie eine Benelli Tre K oder eine Ducati Multistrada. Zu guter
Letzt kommen dann noch jene Reiseenduros dazu, welche das Wort "Enduro"
auch wirklich verdienen. Also eine KTM Adventure oder eine BMW F 800 GS.
Nicht vergessen wurde diesmal auch auf ältere Motorräder wie zum
Beispiel die Africa Twin. Auch hier wurde getestet und optimiert.
Testchef Salvo Pennisi: "Wir möchten mit dem neuen Pirelli Scoprion
Trail auch Besitzer älterer Motorräder die Möglichkeit geben ihr
Motorrad durch eine vergleichsweise geringe Investition in neue Reifen
entscheidend zu verbessern!"
Da kann nix schiefgehen:
Viel Grip UND Traktionskontrolle
Bisher konnte ich die Euphorie der Pirelli-Crew voll und ganz teilen.
Auf den engen und unübersichtlichen Kurven rund um die Stadt begeisterte
der Reifen auf der GS mit einfachem und vorhersehbarem Handling. Die
Motorräder (ich testete auch eine 650er GS, eine Benelli und eine
Transalp) lenkten flott aber immer linear und sehr kontrollierbar ein.
Bei meinem Duell mit dem spanischen Kollegen waren jedoch auch andere
Vorzüge des neuen Reifens nötig. Das Thermometer an der GS zeigt 35 Grad
an. Der Asphalt ist sehr griffig und beim vorigen Stopp waren die Reifen
so heiß, man konnte sie kaum angreifen. Trotzdem boten sie beim Rausbeschleunigen richtig viel Grip.
An der 1200er GS konnte ich
erstmals auch die Traktionshilfe ASC ausprobieren. Als Liebhaber und
Bekenner zu neuer Technik vertraute ich blind und drehe den Gasgriff
sehr früh um. Ich erkenne was eigentlich möglich ist, denn auf sauberem
Asphalt erreichte ich den Regelbereich nur ganz selten. Trotz der
sengenden Hitze, des Gewichtes und des hohen Drehmomentes ließ mich der
Hinterreifen nicht im Stich.
Beim Anbremsen die neue
Referenz
Beim Anbremsen dachte ich wieder an die euphorischen Pirelli
Techniker. Der 0 Grad Stahlgürtel welcher die Karkasse des Reifens
bildet, besteht aus einem in Laufrichtung gewickelten Stahldraht. Dieser
Gürtel umspannt den gesamten Reifen und dient in Zusammenspiel mit dem
Gummi als dämpfendes Element. Klingt einfach und logisch, wird durch den
komplexen Aufbau aber doch recht schwierig für die Techniker. Denn die
Abstände zwischen den Drahtwindungen sind nicht über die gesamte
Lauffläche konstant. Gemeinsam mit dem knifflig aufgebauten Profil
ergeben sich somit für die Techniker unendlich viele Möglichkeiten die
Eigenschaften des Reifens zu beeinflussen.
Das Testteam hat viel zu
melden
Ich konnte die GS hart anbremsen und trotzdem äußerst präzise und
flink umlegen. Die Spur war trotz energischer Gangart immer leicht zu
halten. Manche enge Kehren mussten sogar über eine kurze Wechselkurve
angebremst werden und auch hier musste ich nicht auf der Geraden davor
sondern erst in wechselnder Schräglage bremsen. Solch gute Eigenschaften
beim Anbremsen verdankt man laut Pirelli Crew in erster Linie der 0 Grad
Stahlgürtel Konstruktion. Durch den variablen Aufbau wird die Verformung
des Reifens genau gesteuert. Dass sich der Reifen in der Praxis so
anfühlt wie die Techniker das gerne hätten, liegt vermutlich auch an der
starken Rolle vom Testdepartment im Konzern. Normalerweise schwingen bei
Pressevorstellungen nur die Leute vom Marketing und dann
zum Abschluß noch ein Techniker große Reden. Hier aber hatte der
Pirelli Testchef Salvo überraschend lange das Wort. Die Techniker
blickten auf zu ihm, lauschten seinen Worten und jeder im Raum spürte
den Respekt und die Anerkennung welche dem sympathischen Sizilianer
entgegenströmt.
3 Jahre lange Test- und
Entwicklungsphase
Drei Jahre lang wurde parallel zur Entwicklung getestet und
verbessert. Zuerst im Testlabor; dort fahren Testpiloten über spezielle
mit Milch bedeckte Glasstrecken. Einen Stock tiefer beobachten die
Techniker die Drainagewirkung des Profils. Denn bei einem
Reiseenduroreifen wie dem Scorpion Trail ist griffiger Halt auf nasser
Fahrbahn ein sehr wesentlicher Bestandteil bei der Entwicklung.
Ein
Techniker beim Smalltalk: "Die erste große Hürde für ein neues Profil ist der Test auf
nasser Fahrbahn. Bietet ein Profil gute Nasslaufeigenschaften ohne
negative Auswirkungen auf trockener Fahrbahn zu Tage zu bringen sind wir
schon sehr weit. Doch dann muss das Profil noch durch die
Marketingabteilung und es wird richtig schwierig. Beim Vorgängerreifen
dem MT90 zum Beispiel wirkte das Profil eher langweilig. Beim neuen
Scorpion möchten wir einen Tick mehr Sportlichkeit in die Welt der
Enduros bringen."
Eigentlich hätte ich schon viel früher überholen können, doch eine
Präsentation ist kein Rennen und eine harte Ausbremserei lässt mich
gleich noch unsympathischer auf den Spanier wirken. Also wartete ich auf
die Serpentinen wo die 1200er GS eine unschlagbare Waffe ist. Auf der GS
begeisterte mich der Reifen am meisten, denn gepaart mit dem richtig
guten Fahrwerk kann man die Vorteile vom Gummi noch mehr auskosten. Die
Maschine glitt mühelos durch die engen Schikanen und beschleunigte
auf der Bergaufgeraden rasant zur nächsten Kurve. Dieses geschmeidige
Schauspiel wiederholte sich auf der einen Seite des Berges zigfach und
wurde beim Bergabfahren auf der anderen Seite vollendet.
Ein Name für verschiedene
Pneus
Schwierig bei einem modernen Reifen, egal welches Herstellerlogo
darauf prangt echte Schwächen zu entdecken. Manchmal erlauben sich die
Strategen einen konzeptionellen Fehler der dann bis zum fertigen Produkt
mitgetragen wird und der Markt bestraft es dann mit Ignoranz. Doch der
Scorpion wurde meiner Ansicht nach richtig positioniert. Ein
hervorragender Strassenreifen der genau die richtige Dosis an Abenteuer
im Gelände zulässt die wir brauchen. Genau der richtige Kompromiss
zwischen Autobahn und Schotterkehre für eine Vielzahl von
unterschiedlichen Motorrädern. Bei dieser Entwicklung bekamen die
Kostenrechner einige Breitseiten spendiert. Denn der Aufbau des Reifens
ist in den unterschiedlichen Dimensionen zum Teil komplett anders. Die
19" Vorderräder haben zum Beispiel einen 0 Grad Stahlgürtel, während zum
Beispiel die 21" Versionen einen konventionellen Aufbau mit einer
diagonalen Karkasse haben. So haben alle Reifendimensionen genau jene
Eigenschaften die man auf den jeweiligen Motorrädern auch braucht.
Hartes Finale
Das muntere Treiben auf der Strasse nahm ein äußerst würdiges Ende.
Mit einer fulminanten (Nach)Mittagsrast in Rodi Milici in der Villa
Laura. Als nach verschiedenen Antipasti, Pasta und Salat alle Piloten
zufrieden in den Sesseln lehnten und auf den Cafe warteten, rückten die
Kellner mit einem halben Schweinestall auf den Tellern an. Wer
Verstellmöglichkeiten am Hosenbund hatte war glücklich, der Rest öffnete
Knopf und Zipp. Niemand hatte Lust auf eine Revanche, alle rollten
regungslos auf ihren Motorrädern hängend auf der Autobahn zurück ins
Hotel. Das einzige was wir noch vernehmen konnten war überzeugende
Laufruhe und Stabilität - und das war gut so. Wäre ja schade gewesen ums
gute Essen. |