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Ist die Maschine schon fertig?
Wenn italienische Motorräder in
Italien vorgestellt werden, dann kann es schon mal spannend werden für
testende Journalisten. Kommt jemand zum Flughafen um Dich abzuholen?
Sind genug Motorräder vorhanden und wird es möglich sein den Fotographen
zu finden? Und passt beim Motorrad schon alles perfekt oder muss "bis
zur Serienproduktion noch an der Abstimmung gearbeitet werden"?
Der Dorsoduro Trip begann gut.
Mein Flieger kam pünktlich in Rom an und sogar mein Gepäck war mit
dabei. Am Ausgang wartete auch schon ein freundlicher Aprilia Mann und
brachte mich geradewegs zum Dorsoduro Start.
Keine Diva aber trotzdem nicht
08/15
Ich ging geradewegs zu der einen
Aprilia Dorsoduro mit den goldenen Felgen, dem goldenen Federbein und
dem roten Design. Außerdem entdeckte ich viele edle Teile die an der
Maschine auf keinen Fall serienmäßig sein konnten - stimmt genau, schon
winkt die strenge Eventlady und scheucht mich von der mit Zubehör
aufgemöbelten Dorsoduro hinüber zur Standardversion. Doch auch hier
machte sich keine Enttäuschung breit. Denn die Aprilia Dorsoduro möchte
zwar ein leistbares Motorrad für alle Tage sein, ist aber trotzdem kein
ordinäres 08/15 Motorrad. Auch ohne Zubehör.
Rahmen, Schwinge und Felgen
wirken hochwertig, alle Ecken und Kanten wirken liebevoll verarbeitet.
Schön wenn auch bei vernünftigen Motorrädern zum vernünftigen Preis viel
Liebe mit im Spiel ist. Den 750 ccm Motor kenne ich schon aus der Shiver.
Dort hat er im Premieren-Modelljahr noch für ein paar Probleme gesorgt.
Die ersten Modelle überzeugten in Sachen Ansprechverhalten noch nicht
wirklich. Doch bei der Dorsoduro merkt man schon bei den ersten
Gasstößen, dass hier Routine mit im Spiel ist. Der Motor arbeitet mit
elektronisch gesteuerten Drosselklappen und hängt somit am Tropf der
CPU. Hier ist Know-How und Erfahrung gemacht damit man die theoretischen
Möglichkeiten auch wirklich in eine feine Abstimmung umsetzen kann.
Steriler Motor ohne Macken
Bisher waren viele Techniker
schon zufrieden, wenn sie das Niveau eines stinknormalen Vergasers
erreichen konnten. Der Motor der Dorsoduro wirkt sofort so, als hätte
die CPU die Sache fest im Griff. Diesen Eindruck gewinne ich beim
Starten, auf den ersten Metern und dann auch beim Anbremsen der ersten
Kurve. Hier kommt die Elektronik vor allem jenen Fahrern entgegen, die
mit guten alten Zweizylinder nix am Hut hatten. Sanft und ohne Ruckeln
rollt man zur ersten Kurve. Die geschmeidig schließenden Drosselklappen
besänftigen die Motorbremswirkung spürbar. Insgesamt fühlt sich die
Abstimmung des Motors fast schon steril an. Also Zweizylinder-Fans
könnten ein wenig enttäuscht sein, wie sanft und geschmeidig der Motor
seine Arbeit verrichtet. Alle anderen erfreuen sich am Fortschritt der
Technik.
Sport, Touring oder Regen?
Apropos technischer Fortschritt.
Als Abfallprodukt des ganzen Elektronikgrams bekommen wir auch eine
Wahlmöglichkeit für 3 verschiedene Mappingkurven spendiert. Das heißt,
man kann zwischen SPORT, TOURING und REGEN wählen. Die unterschiedlichen
Einspritzkurven kann man auch im Fahrbetrieb, bei geschlossenem Gasgriff
selektieren. Also sinnvollerweise fährt man rechts ran, lässt den Motor
laufen, drückt auf den Anlasserknopf und wählt aus. Sport fühlt sich
dann so an wie ein Zweizylinder immer war. Harter Leistungseinsatz der
ungeübte Fahrer fordert und Motorenfreaks begeistert. Touring ist
eigentlich die richtige Wahl für uns alle. Auch für Freaks - wenn sie
ehrlich zu sich selbst sind. Der Motor hat zwar die gleiche
Spitzenleistung wie im Touring-Modus aber man muss dem Motor viel
weniger Aufmerksamkeit schenken und sich mehr den Kurven widmen. Der
Motor spricht sehr sanft und kontrollierbar an. Der Regenmodus ist für
Mädchen und solche die es werden möchten. Mag sein, dass er im Regen
hilfreich ist - ansonsten ist es einach irre wie so ein paar Bits and
Bikes so ein geiles Eisen auf Knopfdruck kastrieren.
Ganze Tour mit einem Gang
Aprilia gibt bei der Dorsoduro 92
PS und 82 Nm an. Klingt beides nach vernünftigen Werten. Im Fahrbetrieb
fällt dann einfach wieder die tolle Motorabstimmung in Kombination mit
dem guten Durchzug auf. Ich fuhr im Prinzip die halbe Tour ohne zu
schalten. Mag sein, dass die hektisch im Getriebe rührenden Kollegen
manchmal 1 oder 2 PS mehr auf den Asphalt drückten, schneller waren sie
aber trotzdem nicht. Man kann ab 3.500 U/min schön beschleunigen und hat
dann eigentlich noch das ganze Drehzahlband vor sich. Ich steh auf den
Motor und auf das was die Elektroniker daraus gemacht haben.
Das Motorrad passt sogar für
die lange Tour - wenn Tankstellen in Griffweite sind.
Anders als bei der Shiver ist auf
der SMV Dorsoduro ein 12 und kein 15 Liter Tank montiert. Mag sein, dass
der schlanke Tank besser aussieht und mag auch sein, dass die Reichweite
von über 200 km im Aprilia Prospekt richtig ist, aber hier hatte bei
Aprilia ganz klar der Designer und nicht der praxisorientierte Testpilot
das letzte Wort. Denn die Dorsoduro gibt ein wunderbares Tourenmotorrad
ab, auf der man auch die Anreise in die Berge genießen kann. Bei unserer
Testfahrt haben wir jedoch offen gesagt auf eine Autobahnetappe
verzichtet. Bundesstraßen bis Tempo 160 und phasenweise 180 stellten
kein Problem dar, zu einem Reiseschiff mit super Windschutz wird aber
die ansonsten sehr flexible Dorsoduro nicht.
Keine Wahl bei der Bremse:
Kräftiger SM-Biss
Deutlicher schon die Ansage die
Bremse. Hier gibt es keine Wahlmöglichkeiten und schon gar keine
gemütliche Variante. Die Bremse hat Biss wie ein scharfer
Supermoto-Anker. Die Sitzposition jedeoch gleicht der Position der
Dorsoduro im Marktumfeld. Also irgendwo zwischen Naked-Bike und
sportlicher Supermoto. Der Lenker hat genau die richtige Breite für die
gnadenlose Kurvenhatz, die Bodenfreiheit passt und eine typische
Sonntagstour strengt überhaupt nicht an. Diese Auslegung kommt
verschiedensten Kundengruppen entgegen. Neulinge und Wiedereinsteiger
haben das Motorrad sofort im Griff und fühlen sich immer als Herr der
Lage. Sportpiloten die keine Freude mehr am gebückten Fahren haben
werden aber ebenso zufrieden sein. Fahrkomfort und Fahrspaß stehen in
keinem Gegensatz zueinander.
Selbstbewusste Streckenwahl
der Italiener
In Sachen Streckenwahl zeigten
sich die Aprilia-Leute sehr selbstbewusst. Mir war diese Gegend hier am
Lago di Bracciano bisher gänzlich unbekannt. Wunderschöne
Kurven, wunderschöner See aber teilweise auch wunderbare Buckeln im
Asphalt. Oft bekommen wir Journalisten Motorräder auf spiegelglattem
Asphalt präsentiert. In Fürteventura zum Beispiel oder auch in Sardinien
gibt es einige Strecken wo vermutlich jedes Fahrwerk perfekt
funktioniert, weil es ja ohnehin nichts zum ausbügeln gibt. Hier aber
ist das Dorsoduro Fahrwerk ordentlich gefordert. Beim Anbremsen stoßen
wir öfters mal auf Bodenwellen und Buckeln und bei höherem Tempo fühlt
sich die Dorsoduro vorne einen Tick zu straff an schafft es auch nicht
mehr 100% an Stabilität zu vermitteln. Mag sein, dass ich mich ein wenig
mit der voll einstellbaren Gabel hätte beschäftigen sollen. Doch ich
vertraute den bisher makellos arbeitendem Organisationsteam und blieb
bei dem gewählten Setup.
Keine Racingsupermoto mit 750
ccm
Doch uns geht es im Sattel immer
noch deutlich besser als den italienischen Local Herös hier auf ihren
Supersportlern. Einer hat sich in einer von Bodenwellen übersäten Kurve
kurz vor in den Strassengraben verabschiedet und fährt nun mit der
Rettung die Tour zu Ende. Doch trotz des welligen Bodes erkennt man
deutlich - Fahrwerksgeometrie und Federelemente gehören zu keiner
Racingsupermoto sondern zu einem Motorrad mit dem man viele Bedürfnisse
befriedigen will. In der Klasse der "grossen Supermotos" haben wir ja
zum Beispiel auch eine Hypermotard zur Auswahl. Dort ist das
Fahrwerkslayout deutlich aggressiver und kann Anfänger sehr schnell
überfordern. Die Dorsoduro schafft es ein sehr einfach zu fahrendes
Motorrad zu sein ohne trotzdem uncool zu wirken. Diese Grätsche schaffen
nicht viele Hersteller.
Zwischen Versys und 990 SM
Beim Vergleich mit anderen
Motorrädern tut man sich ein wenig schwer. Genau so etwas gibt es noch
nicht. Die Dorsoduro ist irgendwo zwischen Hypermotard, 990er SM von KTM
und Kawasaki Versys angesiedelt. Vom Antritt her nicht ganz so aggressiv
wie die erst genannten, vom Auftritt her dafür cooler und fescher als
die Versys. Auch der Preis wird sich zwischen den genannten Motorrädern
bewegen, also um die 10.600 Euro bewegen. Beim Vergleich mit den anderen
Kollegen im Aprilia Stall tendiert die Dorsoduro mehr in Richtung Shiver
als in Richtung SXV. Hart andrückende Streetracer greifen aber immer
noch besser zur Tuono. Die Tuono ist zwar nicht neu, aber immer noch
sauschnell. Die Kurven müssen schon sehr eng sein, um die
Handlingvorteile der Dorsoduro gegenüber der Tuono in einen Sieg
umsetzen zu können. Werden die Kurven schneller glänzt eine Tuono mit
dem hochwertigeren Fahrwerk und mehr Kurvenspeed.
Die beste Wahl beim Thema
Preis / Leistung
Beim Thema Preis / Leistung sieht
die Sache schon wieder anders aus. Eine SXV kostet 10.500 und eine Tuono
13.950. Da kriegt man bei einer Dorsoduro deutlich mehr fürs Geld. Für
unter 150.000 Schilling (man denke nur an die guten alten Zeiten) kriegt
man wieder ein Motorrad mit knapp 100 PS, 750 ccm, einem tollen Design
und einer optimalen Kombination von Fahrkomfort und Fahrspaß sowie
Coolness und Beherrschbarkeit.
Die schlechte Nachricht zum Schluss:
Aprilia spricht von Mai - Juni, der realistische Insider von Sommer wenn
es um das Eintreffen der ersten Modelle geht. Zu spät also um bei den
Testtagen vom österreichischen Importeur Ginzinger (Info:
http://www.ginzinger.at/ )
mit von der Partie zu sein, aber sicherlich noch rechtzeitig um bei den
Testtagen am Pannoniaring (10. Juli und 30. September) eine Rolle zu
spielen. Unsere deutschen Leser können die SMV 750 Dorsoduro bei den
Test & Ride Events von Aprilia Deutschland ausprobieren.
Jedoch auch hier erst bei jenen Terminen ab Sommer 2008. |