BMW F 450 GS im Test: Siziliens nasse Straßen entlarven alles

Zweizylinder-Power trifft auf Supermoto-Agilität

Die neue BMW F 450 GS verspricht A2-taugliche Abenteuer. Unser Test in Sizilien bei Starkregen und rutschigen Straßen zeigt: Der 420-ccm-Zweizylinder überrascht mit unerwarteter Agilität.

Wenn das Vorderrad fast mühelos abhebt und sich das 178 Kilogramm schwere Motorrad anfühlt wie eine leichte Enduro oder Supermoto, dann ist BMW etwas Besonderes gelungen. Die neue F 450 GS offenbart ihre wahre Natur, auf sizilianischen Straßen und im Offroad Einsatz im tiefen Bachbett.


Bayerische Antwort aufs A2-Segment

BMW wagt mit der F 450 GS den Spagat zwischen Hardcore-Enduro und alltagstauglichem Reisemotorrad. Anders als KTM mit der 390 Adventure setzt München nicht auf Einzylinder-Brutalität, sondern auf kultivierte Zweizylinder-Eleganz. 420 Kubikzentimeter Hubraum, verteilt auf zwei Brennräume im 135-Grad-Winkel - das klingt nach Kompromiss, entpuppt sich aber als clevere Lösung. Wo die österreichische Konkurrenz mit rauen Vibrationen nervt und der chinesische Mitbewerber mit unkultivierter Kraftentfaltung überrascht, brilliert die Bayerin mit seidiger Laufruhe. Die Silhouette orientiert sich unübersehbar an der großen 1300 GS, schafft sofortigen Wiedererkennungswert. Doch täuscht das kompakte Format: Mit 845 Millimeter Sitzhöhe bleibt sie auch für kleinere Piloten beherrschbar, während das 19-Zoll-Vorderrad sportliche Ambitionen verrät auf der Landstraße und trotzdem ernsthafte Offroad Möglichkeiten besitzt.


Herz aus Bayern schlägt entspannt

48 PS bei 8.750 Umdrehungen, 43 Newtonmeter bei 6.750 Touren - die Zahlen klingen unspektakulär, die Realität überrascht. Der flüssigkeitsgekühlte Reihenmotor entwickelt seine Kraft linear wobei 80% davon schon ab 3.000 Umdrehungen anliegen, selbst wenn sizilianische Regenmassen die Straßen überfluten. Wo Einzylinder-Konkurrenten mit abrupter Kraftentfaltung den Fahrer ins Schwitzen bringen, bleibt die F 450 GS berechenbar. Das Verdichtungsverhältnis von 13:1 sorgt für effizienten Verbrennungsvorgang, die elektronische Einspritzung mit 38-Millimeter-Drosselklappe für saubere Gemischbildung. Besonders beeindruckend: die Easy-Ride-Kupplung. Sie macht das Anfahren kinderleicht und nimmt dem A2-Einsteiger die Angst vor dem Abwürgen. Selbst bei nassen Verhältnissen und steilen sizilianischen Anstiegen bleibt das Motormanagement entspannt. Die sechs Gänge sind sauber abgestuft, der Durchzug im mittleren Drehzahlbereich überzeugt.


Das Herz der BMW F 450 GS.
Das Herz der BMW F 450 GS.

Fahrwerk mit Supermoto-Gen

Die 43-Millimeter-Kayaba-Upside-Down-Gabel vorne überrascht mit ihrer Vielseitigkeit. Acht Klicks härter gedreht verwandelt sie das komfortable Reisemotorrad in eine agile Maschine mit toller Rückmeldung. 180 Millimeter Federweg vorne wie hinten klingen nach purem Enduro-Komfort, die Abstimmung tendiert aber deutlich Richtung Komfort. Das 19-Zoll-Vorderrad - ein Kompromiss zwischen dem 21-Zoll-Hardcore-Gelände-Setup und dem 17-Zoll hinten - verleiht der F 450 GS eine Agilität. Kurswechsel gelingen blitzschnell, das Einlenkverhalten erinnert mehr an Supermoto denn an gemütliche Reiseenduro. Auch das neue Hinterrad-Federsystem von Kayaba überzeugt: Selbst bei harten Landungen nach kleinen Sprüngen bleibt das Durchschlagen aus. Der Aluminiumschwinge mit direkter Aufnahme gelingt der Spagat zwischen Komfort auf langen Etappen und Präzision im sportlichen Einsatz. Bei 1,76 Meter Körpergröße passt die Ergonomie perfekt, aber auch 1,90-Meter-Piloten finden ausreichend Platz.


Elektronik arbeitet im Hintergrund

ABS und Traktionskontrolle greifen dezent und wirkungsvoll ein, ohne den Fahrspaß zu dämpfen. Im normalen Road-Modus bleibt die Elektronik nahezu unsichtbar, nur bei sehr dynamischen Bremsmanövern auf regennasser Fahrbahn macht sich das System bemerkbar. Anders im Rain-Modus: Hier übernimmt die Elektronik spürbar die Kontrolle und begrenzt sowohl Brems- als auch Beschleunigungskraft. Clever gelöst ist die Integration in das übersichtliche Cockpit - die Menüführung bleibt auch mit nassen Handschuhen intuitiv bedienbar. Die 12-Volt-Batterie mit acht Amperestunden versorgt zuverlässig alle Systeme, die Euro-5+-Abgasnorm erfüllt das Triebwerk ohne Kraftverlust. Einziger Kritikpunkt: Ein Tempomat fehlt komplett, was bei längeren Autobahnpassagen schmerzt. Auch die Einstellmöglichkeiten für Brems- und Kupplungshebel könnten großzügiger ausfallen - zwei Millimeter näher zum Lenker würden auch Fahrern mit kleineren Händen entgegenkommen.


Konkurrenzfähig, aber eigenständig

Gegen KTM 390 Adventure und CFMOTO 450MT muss sich die Bayerin nicht verstecken. Wo die Österreicherin mit brachialer Einzylinder-Power punktet, kontert BMW mit kultivierter Laufruhe. Die chinesische Alternative mag günstiger sein, erreicht aber nicht die Verarbeitungsqualität und Materialanmutung der F 450 GS. Besonders deutlich wird der Unterschied bei den Bremsen: Der von der großen 1250 GS übernommenen Sattel packen auch bei Starkregen gut dosierbar und zuverlässig zu. Das 19-Zoll-Vorderrad verleiht der BMW eine Wendigkeit, die weder KTM noch CFMOTO erreichen. Selbst bei nassen, rutschigen Bedingungen bleibt das Handling präzise und vorhersehbar.


Auch bei Nässe erweckt die GS Vertrauen.
Auch bei Nässe erweckt die GS Vertrauen.

Alltag zwischen Stadt und Schotter

Mit 178 Kilogramm fahrfertig bleibt die F 450 GS handlich genug für den Stadtverkehr, entwickelt aber genug Präsenz für längere Überlandfahrten. Der 14-Liter-Tank verspricht bei 3,8 Liter Normverbrauch eine Reichweite von 368 Kilometern - ausreichend für entspannte Tagesetappen ohne Tankstress. Die aufrechte Sitzposition mit 845 Millimeter Sitzhöhe ermöglicht guten Überblick im Verkehr. Sozius-Eignung ist eingeschränkt gegeben - für kürzere Strecken reicht es aber allemal, längere Touren zu zweit muss man schon mögen. Die Gepäckmöglichkeiten beschränken sich auf klassische Enduro-Lösungen: Tankrucksack, Hecktasche oder BMW-Koffersystem.


Technik im Detail

Der Stahlrahmen mit 28,1 Grad Lenkkopfwinkel und 115 Millimeter Nachlauf sorgt für neutrale Fahreigenschaften. Die 72-Millimeter-Bohrung bei 51,6 Millimeter Hub ergibt einen undersquare Motor, der auf Drehmoment und Laufruhe optimiert ist. Vier Ventile pro Zylinder mit hydraulischen Tassenstößeln reduzieren den Wartungsaufwand. Die Kette überträgt die Kraft auf das 130/80-17-Hinterrad, vorne arbeiten 100/90-19-Reifen. Das zulässige Gesamtgewicht von 355 Kilogramm erlaubt 177 Kilogramm Zuladung - großzügig für ein A2-Motorrad. Die Vierkolben-Festsattelzange vorne greift eine 310-Millimeter-Scheibe, hinten arbeitet ein Zweikolben-Schwimmsattel an einer 240-Millimeter-Disc. Mit 2.161 Millimeter Länge, 869 Millimeter Breite und 1.465 Millimeter Radstand bleibt die F 450 GS handlich, ohne zu nervös zu werden. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 165 km/h A2-konform begrenzt.


Fazit: BMW F 450 GS 2026

BMW gelingt mit der F 450 GS ein überzeugender Wurf ins umkämpfte A2-Enduro-Segment. Der 420-ccm-Zweizylinder überzeugt mit kultivierter Laufruhe und linearer Kraftentfaltung, wo Einzylinder-Konkurrenten mit rauen Vibrationen nerven. Das Fahrwerk brilliert mit sportlicher Agilität und Enduro-Komfort gleichermaßen, die Elektronik arbeitet dezent im Hintergrund. Schwächen zeigt die Bayerin bei der Einstelbarkeit für kurze Finger am Brems und Kupplungshebel und dem fehlenden Tempomat. Wer eine vielseitige, hochwertig verarbeitete Enduro für A2-Schein und darüber hinaus sucht, findet in der F 450 GS ein stimmiges Gesamtpaket. Die Easy Ride Kupplung fährt sich erstaunlich gut und bietet Komfort und Sicherheit gleichermaßen. Vor allem weniger Routinierte Fahrer profitieren hier maßgeblich, was ein alleinstellungsmerkmal in dem Segment ist!


  • Easy Ride Kupplung
  • Serienausstattung mit Griffheizung, ABS Pro uvm.
  • Bedienbarkeit
  • Laufruhe
  • Hebel zu weit weg für kleine Finger
  • kein Tempomat verfügbar

Bericht vom 17.03.2026 | 14.962 Aufrufe

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