Harley-Davidson Street Glide Test 2024 - mächtige Zukunft!

Der frische Look passt gut zur neuen Moderne der Amis

Günstige Schnäppchen waren Harleys bekanntlich noch nie, diese Tradition setzen die Amerikaner auch bei der brandneuen Street Glide fort. Dafür punktet die Grand American Touren-Königin mit vielen modernen Annehmlichkeiten fast auf CVO-Niveau - wir testen die mächtige Street Glide 2024!

Nach der, vom weißen Blatt Papier weg tatsächlich von Grund auf neu konstruierten Pan America 1250 wissen wir ja bereits, dass auch Harley-Davidson durchaus in der Lage ist, völlig neuartige Konzepte in die Tat umzusetzen. Ganz so radikal ist nun also der nächste Schritt in die Zukunft der Grand American Touring-Baureihe in Form der neuen Street Glide zwar nicht, allerdings ist es dennoch ein vergleichsweise beachtliches Statement, von dem die Endkundin/der Endkunde ordentlich profitiert. Denn genau genommen sind die neue Street Glide und ihre Zwillingsschwester Road Glide (hier geht`s zum Test der neuen Harley Road Glide) geringfügig abgespeckte CVO-Modelle der letzten Generation - und die sind ja bekanntlich stets die oberste Evolutionsstufe des derzeit Machbaren im Harley-Programm.

Der 117er-Motor der Harley Street Glide mit homogenem Tritt in den Allerwertesten

Für diese Theorie sprechen mehrere Gründe, zum einen schon mal das Herz der neuen Street Glide, der Milwaukee-Eight-V-Twin in der 117er-Ausführung - wie er eben bisher den CVOs vorbehalten war und derzeit sogar exklusiv in den beiden Glides eingesetzt wird. Wobei der Output des mächtigen, 1923 Kubik großen 45°-Zweizylinders mit 109 PS bei 5020 Umdrehungen und beeindruckenden 175 Newtonmeter Drehmoment bei lediglich 3500 Touren gar nicht mal alleine die neue Evolution ausmacht. Es ist auch die tolle Abstimmung der Elektronik, die den Motor durchaus kraftvoll ans Werk gehen lässt, mit dem bekannten Tritt in den Allerwertesten, den ich so schätze. Das Ganze aber auch höchst angenehm und fast schon spielerisch kontrollierbar. Beeindruckend, wie homogen die beiden Töpfe mit jeweils fast einem Liter Hubraum zu Werke gehen. Unangenehmes Abbeuteln bei niedrigen Drehzahlen sind Schnee von gestern, selbst im 6. Gang ruckelt es ab 1500 Touren nicht mehr, ab da zieht der Motor stoisch hoch. Neu ist nun bei der Street Glide auch die Teil-Wasserkühlung, der Motor selbst bleibt ohnehin luftgekühlt, aber der Kühler hinter dem Vorderrad ist nun kein Ölkühler mehr, sondern tatsächlich Teil der Flüssigkeitskühlung, die an den Zylinderköpfen gute Arbeit leistet und die Thermik massiv verbessert - auch für den Fahrer, wenn er an heißen Tagen im Stau stehend am liebsten die Maschine verlassen möchte, weil es ihm, Verzeihung, die Eier kocht.

Umfangreiche Elektronik auf CVO-Niveau auf der neuen Harley-Davidson Street Glide 2024

Und damit sind wir auch schon bei der Test-Fahrerei, die wir in Frankreich in der kurvigen Gegend zwischen Marseille und Montpellier absolvieren durften. Meiner Meinung nach eine mutige Entscheidung von Harley-Davidson, die neue Street Glide gerade hier zu präsentieren, da die engen Straßen ja eigentlich nicht unbedingt die vorrangige Spielwiese dieses Grand American Tourers ist. Allerdings zeigt sich hier ein weiterer Beweis dafür, dass die neuen Glides durchaus den CVOs nacheifern, wenn nicht sogar gleichgezogen haben: Die umfangreiche Ausstattung mit Assistenzsystemen. Nun ist neben Kurven-ABS und Traktionskontrolle sogar das Motorschleppmoment schräglagenabhängig ausgeführt, da gibt es also definitiv nichts zu bemängeln. Und tatsächlich gab es bei den anspruchsvollen Sträßchen, die noch dazu teilweise von Regen bewässert wurden, keinerlei Rutscher oder Hoppalas, womit auch den Dunlop-Pneus in 130/60-19 vorne und 180/55-18 hinten trotz der oft angekreideten, nur auf Laufleistung ausgelegten Gummimischung Respekt gezollt werden muss. Wer möchte, hat nun auch die Möglichkeit, aus vier verschiedenen Leistungsmodi zu wählen, wobei mir der Rain-Mode sogar im Regen nicht notwendig erschien, Road als Mittelweg war durchaus angebracht. Sport war mir lediglich im Nassen ein wenig zu harsch bei der Gasannahme, im Trockenen wird hingegen der satte Antritt des 117ers damit ausgezeichnet umgesetzt. Und wer sich die wählbaren Parameter selbst zusammenstellen möchte, hat die Möglichkeit, dies im frei konfigurierbaren Custom-Mode zu tun.

Das Fahrwerk der Harley Street Glide stößt an seine Grenzen - wenn man es wissen will

Eitel Wonne Sonnenschein also? Nun ja, nicht ganz, es gibt beim Fahrwerk sehr wohl Unstimmigkeiten, die Harley besser hätte machen können. Die vordere fette 49er-Gabel ist nicht einstellbar, die beiden hinteren Federbeine kann man nur in der Vorspannung justieren. Grundsätzlich schon ok, aber gerade auf den französischen Rüttelpisten stößt die Dämpfung an ihre Grenzen, sich verengende Kurven lassen die Fuhre verständlicherweise nach außen schieben und in weiterer Folge spürbar aufschaukeln. Wie bereits erwähnt, nehmen die Assistenzsysteme solchen Situationen ohnehin den Schrecken und wenn man die Kirche im Dorf lässt, fährt man auf solchen Sträßchen eben nicht wie ein Henker um die Ecken, wie es unser Guide getan hat, um die Performance der neuen Street Glide zu präsentieren. Immerhin ist die Street Glide stolze 369 Kilo schwer, dafür ist sie ohnehin erstaunlich handlich.

Viel Komfort und guter Wetterschutz auf der Street Glide - bedingt auch mit Jethelm

Die Sitzposition ist dabei als sehr gemütlich zu bewerten, der neue Sattel ist tatsächlich ausgezeichnet gepolstert und die aufrechte Sitzposition ist komfortabel und dennoch ausreichend fahraktiv. Dass ihr gerade die eigene Schwester Road Glide bei der Dynamik den Schneid abkauft, erkläre ich gerne noch im letzten Absatz. Die Street Glide bietet jedenfalls mit ihrer Lenkermontierten Batwing-Verkleidung einen sehr guten Windschutz für die Hände, die Beine sind auch ausreichend geschützt. Dass bei ambitionierter Geschwindigkeit in Kombination mit niedrigen Temperaturen ein Jethelm auf diesem Bagger mit niedriger Scheibe nicht die beste Wahl ist, sei auch noch erwähnt. Wer cool sein will, muss eben leiden.

Harley-Davidson als Vorreiter bei der Elektronik - willkommen in der Zukunft!

Einen richtig großen Schritt in die Zukunft macht Harley bei den Bedienelementen und vor allem bei den Anzeigen. Mit einem 12,3 Zoll großen Farb-TFT-Touchscreen haben die Amis nun wohl den größten serienmäßig verbauten Screen am Markt - und der wird auch richtig gut genutzt. Drei verschiedene Anzeigenmodi können sehr intuitiv gewählt werden, Classic entspricht am ehesten den Anzeigen, die man bisher gewohnt war, Sport reduziert die Infos sehr elegant auf das Nötigste und Tour bietet vor allem dem Navi viel Platz, das serienmäßig per Apple Carplay auf das Display gespielt werden kann. Die getrennten Blinker will ich schon gar nicht mehr groß bemängeln, Harley meint eben, dass das so gehört. Ich finde, dass man mit der Gashand möglichst wenige Zusatzarbeiten erledigen sollte. Reicht schon, dass die gesamte Bedienung der Musikanlage auf der rechten Seite liegt. Der Frust darüber ist aber schnell verflogen, wenn die 200 Watt starke Anlage die Wunschtitel herrlich klangvoll an den Piloten leitet.

Die Preise der neuen Harley-Davidson Street Glide 2024

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wird die Harley Street Glide hochmodern, bleibt sich aber immer noch treu - und das auch bei der nicht unbedingt zimperlichen Preisgestaltung. In Deutschland beginnt der Einstieg in die Welt der Street Glide bei knapp 32.000 Euro, in Österreich sind es dank deftiger NoVA über 38.000 Euro und in der Schweiz rund 31.000 Franken. Wählt man eine andere Farbe als die Basis Gunmetal Gray und will statt der verchromten Teile ein schwarzes Finish, stehen bereits knapp 2000 Euro mehr am Preisschild, womit man in Österreich dann auch schnell die 40.000 Euro-Marke überschreitet. Aber wie es bei Harley doch so schön heißt: Man kauft sich mit einer Harley eine Lebensphilosophie, das Motorrad bekommt man gratis dazu!

Die Harley-Davidson Street Glide 2024 im direkten Vergleich mit der Road Glide:

Die beiden Modelle Street Glide und Road Glide sind zwar Zwillingsschwestern mit völlig identem Motor, Chassis, Fahrwerk, Bereifung und Elektronik - und fahren sich dennoch erstaunlich unterschiedlich und individuell. Das liegt vor allem an den unterschiedlich hoch positionierten Lenkern, während die Street Glide den Lenker, wie bereits erwähnt gut geschützt hinter der Batwing-Verkleidung untergebracht hat, ragt er bei der Road Glide viel weiter nach oben. Das bringt sogar Nachteile beim Windschutz auf der Road Glide, fahrtechnisch allerdings nur Vorteile. Durch die höhere Position hat man auf ihr mehr Gefühl für das Vorderrad und die Kontrollierbarkeit ist besser. Interessant ist dabei, dass sich die knapp 12 Kilo mehr Gewicht der Road Glide, die vorrangig wegen der massigeren Verkleidung auf der Front lasten, nicht negativ auswirken. Vorteil ist dabei natürlich auch, dass die Road Glide-Verkleidung am Chassis angebaut ist, während bei der Street Glide das Gewicht der Batwing-Verkleidung auf der Gabel lastet. Damit macht die Road Glide also den etwas souveräneren Eindruck beim Fahrverhalten, wobei sich die beiden ja in allen anderen Belangen nicht unterscheiden. Wer also eines der beiden Modelle wählen möchte, um damit tatsächlich Grand American Touring ohne ausgeprägte Kurvenhatz zu betreiben, darf seine Wunsch-Glide getrost nach der Optik wählen.

Fazit: Harley-Davidson Street Glide FLHX 2024

Die neue Harley-Davidson Street Glide ist verdammt nahe an den CVO-Modellen, die ja bekanntlich stets die höchste Evolutionsstufe des aktuell Machbaren markieren. Der stämmige 117er-Motor stammt also tatsächlich von den Vorjahres-CVOs und ist trotz enormem Drehmoment bestens kontrollierbar. In Sachen Fahrassistenzsystemen und Elektronik-Features übernehmen die Amerikaner etwa mit dem riesigen Touch-Display sogar eine Vorreiterrolle. Lediglich beim Fahrwerk hätte man der Street Glide etwas mehr Feinschliff verpassen können, grundsätzlich geht das Handling trotz dem hohen Gewicht voll in Ordnung. Und der Komfort, der ja auf einem Grand American Tourer weit mehr zählt, kommt definitiv nicht zu kurz.


  • kräftiger, souverän abgestimmter V2
  • viel Komfort
  • umfangreiche Fahrassistenzsysteme
  • traditionelle und doch moderne Optik
  • riesiges Farb-TFT-Display
  • Tempomat Serie
  • guter Sound, angenehme Vibrationen
  • Soundanlage Serie
  • Fahrwerk schluckt nicht alle Unebenheiten
  • Bremse braucht Handkraft

Bericht vom 14.02.2024 | 8.666 Aufrufe

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