Triumph Speed Triple 1200 RS vs Yamaha MT-10 Vergleichs-Test 2022

Kreischender Renn-Drilling gegen brachialen CP4

Wechselnde Straßenbedingungen, große Höhen, enge Radien - die Alpen sind ein hartes Pflaster für sportliche Motorräder. Dennoch haben wir mit dem Duell Speedy gegen MT-10 zwei prächtige Powernakeds in den Dolomiten verglichen. Showdown am Pass!

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Im Rahmen der Alpenmasters 2022, dem größten Motorradtest Europas, organisiert von den Kollegen von Motorrad, bei dem wir in einer Woche insgesamt 16 verschiedene Motorräder bewegen, erhalten wir die Gelegenheit Triumphs Speed Triple 1200 RS mit der brandneuen Yamaha MT-10 zu vergleichen. Obwohl beide der Kategorie der Power Naked Bikes zuzurechnen sind, verfolgen sie doch unterschiedliche Ansätze.

Touristisches Soundmonster aus Japan gegen präzises britisches Renneisen

Die Triumph Speed Triple 1200 RS, so könnte man meinen, muss als Derivat eines Superbikes geschaffen worden sein. In bester Tradition des Hauses performed der 180 PS Triple auf der Rennstrecke durchaus überzeugend, wie unser Test letztes Jahr beweist. In den Bergen können vorderradorientierte Sitzposition, kurze Federwege und straffe Dämpfung aber zum Spielverderber werden.

Gänzlich anders präsentiert sich die MT-10 und das, obwohl ihr CP4-Antrieb tatsächlich von dem der Superbikeschwester R1 abgeleitet ist und für das herrliche Klangerlebnis im Sattel sorgt. Das Grundsetup der Federelemente ist deutlich softer, die Sitzposition entspannt, der Lenker schön breit. Ist das etwa das passendere Paket für die Alpen?

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Triumph Speed Triple 1200 RS vs. Yamaha MT-10: technische Daten im Vergleich

Dreizylinder gegen Vierzylinder, 180 gegen 166 PS, wer sich für die nackten Fakten interessiert, dem lege ich unseren Motorradvergleich von Triumph Speed Triple 1200 RS gegen Yamaha MT-10 2022 ans Herz. Nachreichen möchte ich, der Vollständigkeit halber noch die, auf der 1000PS Waage gemessenen Gewichte von 200 Kilogramm bei der Speed Triple und 215,5 kg der MT-10, jeweils vollgetankt.

Duell der Motoren: Rauher Triple mit Charakter und bombastischer CP4 mit Trinkgewohnheiten

Vorweg möchte ich schicken, dass beide Aggregate echte Sahnestücke sind und vor allem auf der Landstraße jederzeit mehr als genug Kraft bereitstellen und somit eigentlich über jeden Zweifel erhaben sind. Doch es ist eben unsere Aufgabe das sprichwörtliche Haar in der Suppe zu suchen und bei genauem Hinsehen fallen dann doch kleine Makel an den prächtigen Kubikfassaden auf.

So konnte die Anfahrschwäche bei niedrigsten Drehzahlen im ersten Gang, die man der alten MT-10 nachgesagt hat mit dem Euro 5 Update zwar etwas entschärft, aber nicht gänzlich beseitigt werden. Das fällt vor allem in sehr engen Kehren, wie wir sie auf unserer Route durch das wunderschöne Südtirol des Öfteren vorfinden, stärker auf und damit ins Gewicht, als bei flotten Landstraßenpartien. Eine weitere Schwäche der Vorgängerin, die man im 2022er Modell gebessert aber nicht ausgemerzt hat ist der hohe Verbrauch. Trotz des 1,5 Liter größeren Spritfasses erzwingt in diesem Duell zuerst die Yamaha den Stopp an der Tankstelle. Frisch befüllt und wieder im Sattel verzeiht man der MT-10 diese Unsitte aber spätestens beim nächsten beherzten Gasstoß. Der Sound des CP4 ist immer betörend, kann man bis 5.000 U/Min noch guten Gewissens durch bewohntes Gebiet schlendern, eröffnet sich darüber in infernalischem Crescendo eine motorische Arie, die ihres Gleichen sucht.

Ein von Grund auf anderes Klangbild bietet der großvolumige Triple der Triumph. Als archetypischer Vertreter seiner Gattung hat er, wenn man die Gänge weiter ausdreht, dieses räudige Dreizylinderkreischen, während er in niedrigeren Drehzahlregionen ein akustisch unspektakuläres Dasein fristet. Positiv zu erwähnen ist jedenfalls die berechenbare und absolut lineare Leistungsentfaltung - einfach Hammer, einfach schnell. Das Ansprechverhalten bei niedrigen Drehzahlen ist nicht supersauber und so kommt es schon einmal vor, dass die Speedy es einem in engen Kurven schwer macht. Auch die spürbaren Vibrationen können insbesondere, wenn man über längere Zeiträume konstante Geschwindigkeiten fährt, aufs Gemüt schlagen. Nichtsdestotrotz, auf der Speed Triple RS ist man schnell, sehr schnell sogar und daran ist zu einem guten Teil der potente Motor schuld.

Sieht man sich die Leistungs- und Drehmomentkurven der beiden Powernakeds an könnte man zu dem Schluss kommen, die Yamaha hat gegen die Triumph nicht den Hauch einer Chance, zumal das getestete Speed Triple Exemplar die offizielle Leistungsangabe sogar um ein PS übertrifft, während bei der MT-10 nur 160 PS statt der angegebenen 166 an der Kurbel gemessen werden konnten. In der rauen Gebirgswelt Südtirols ist der Unterschied dann aber nicht ansatzweise so groß, wie am klinisch perfekten Prüfstand. Dafür sind zwei Faktoren ausschlaggebend: Zum einen sind die Drosselklappen so gut wie nie voll geöffnet, sprich man ruft die volle Leistung der Powernakeds ohnedies nie ab. Zum anderen sind die Verbindungsgeraden im Hochgebirge derart kurz, dass man den Leistungsvorteil und den erstklassigen Quickshifter der Speedy nicht ausspielen kann. Dass die Triumph im Attackemodus am Ende doch die Nase vorne hat, muss also anderen Grund haben.

Leistungsdiagramm Yamaha MT-10 vs. Triumph Speed Triple 1200 RS 2022
Am Papier hat die Yamaha gegen die Triumph nicht den Hauch einer Chance

Bei Fahrwerk und Bremse trennt sich die Spreu vom Weizen

Auch wenn die beiden Kontrahentinnen eindeutig in der gleichen Klasse spielen, gibt es beim Thema Fahrwerk und Bremse krasse Auslegungs-Unterschiede zwischen Speed Triple und MT-10. Wiederum möchte ich erinnern, dass wir hier in der Oberliga spielen, voll einstellbare Federelemente aus gutem Hause und wohl dimensionierte Brembo-Bremsanlagen sind also da wie dort gesetzt.

Die MT-10 bietet für sich genommen ein rundes Paket, wobei die Ausrichtung durchaus auch ein touristisches Fahren zulässt. Dafür spricht zum Beispiel die im Zubehör erhältliche Touring-Sitzbank und das höhere Windschild, ja sogar Topcases sind für die MT-10 werksseitig erhältlich. Beim dynamischen Bergritt fällt dann hingegen im direkten Vergleich auf das die Bremse nicht ganz an die Stylema-Anlage der Speedy heranreicht. Im wahrsten Sinn des Wortes erschwerend kommt hinzu, dass die MT-10 immerhin 15,5 kg mehr mit sich herumzuschleppen hat als die schlanke Britin.

Ans Öhlins-Fahrwerk der Triumph Speed Triple 1200 RS wurden bei der Entwicklung des Motorrads absolut supersportliche Ansprüche gestellt. Das verleiht der Engländerin eine unfassbare Spurtreue. Hier macht sich auch der im Vergleich mit der Yamaha um 4 cm längerer Radstand bemerkbar. Die Speedy bietet dadurch in Kombination mit den bereits angesprochenen Öhlinskomponenten unfassbare Stabilität. Schläge werden im Bereich der Möglichkeiten der kurzen Federwege gut gedämpft, auch wenn die Yamaha MT-10 in Summe das komfortablere Motorrad ist. Ihr Fahrwerk lässt dafür etwas an Transparenz vermissen und ist nicht ganz so sportiv ausgelegt, wie das der Speedy.

Die zwei Herangehensweisen an das Thema Power Naked Bike werden auch bei Ergonomie und Sitzposition durchgezogen

Man muss wohl mit einem Six- (oder Eight?-)Pack wie Christiano Ronaldo gesegnet sein, um nach einem Tag auf der Triumph keine belasteten Handgelenke zu spüren. Da meine körperliche Konstitution eher der Ronaldo Nazarios gleicht, war nach der Tagesausfahrt in den Bergen eine Belastung in den Handgelenken nicht zu leugnen. Der tief angebrachte Lenker und die vorderradorientierte Sitzposition auf der Triumph erkauft man sich durch körperliche Hingabe an dieses herrliche Motorrad. Auch der Kniewinkel ist sportlich spitz und somit für größere Piloten, wie mich mit meinen 1,87 Meter, eine Herausforderung. Bei der Bedienbarkeit und der Haptik der Speedy gibt es hingegen nichts zu meckern. Auch der serienmäßige Tempomat freut auf lang(weilig)en Verbindungsetappen und beugt führerscheingefährdenden Geschwindigkeitsüberschreitungen vor.

Eine Geschwindigkeitsregelanlage bietet auch die MT-10 neuerdings, genau so wie einen Quickshifter mit Blipperfunktion und schräglagenabhängige Fahrhilfen. Elektronik auf höchstem Niveau. Selbst ein TFT-Display hat es mittlerweile ins Cockpit der Yamaha geschafft, leider ist die Darstellung der Informationen eher klein geraten. In Kombination mit dem sperrigen Bedienkonzept, sind Einstellungsadaptionen während der Fahrt ausschließlich etwas für erfahrene Yamahapiloten mit Adleraugen.

Haptisch geht die Kommandozentrale der MT-10 in Ordnung, auch wenn man für den Preis hochwertigere Bedienelemente, als an der deutlich günstigeren MT-09, die wir beim Alpenmasters ebenfalls getestet haben, erwarten hätte dürfen. Der breite Lenker des Powernakeds liegt gut in der Hand und auch die sonstige Ergonomie gefällt, schön aufrecht thront man auf der Sitzbank. Der Kniewinkel ist entspannter als auf der Speed Triple, noch relaxter wird er, wenn man die Touring-Sitzbank aus dem Zubehör ordert.

Fazit Yamaha MT-10 vs. Triumph Speed Triple 1200 RS im Vergleich 2022

Dem geneigten Leser wird Absatz für Absatz immer klarer geworden sein, welches dieser beiden Powernakeds für welchen Typ Fahrer geeignet ist. Auf der einen Seite haben wir die radikale Speed Triple, die eine Fahrmaschine erster Güte ist, auf der anderen Seite die MT-10 die eines der aktuell charakterstärksten Motorenkonzepte in ein gutmütig fahrbares Chassis gießt. Schneller ist man definitiv auf der Triumph, gemütlicher hat man es definitiv auf der Yamaha. Am Ende entscheiden die persönlichen Vorlieben, welches Power Naked besser zu einem passt. Tolle Motorräder sind sie beide, ob in den Alpen oder im Flachland.

Südtirol: Ein Fels gewordener Traum, nicht nur am Motorrad

Ein paar Worte möchte ich auch noch über die Region Südtirol verlieren. Wir waren im Rahmen der Alpenmasters im MoHo Motorradhotel Gassenwirt untergebracht. Das wenige Kilometer von Bruneck entfernt, in Kiens gelegene Haus bietet eine ideale Ausgangsposition um die berühmte Sellarunde und viele weitere umliegende Pässe, die sich inmitten der gewaltigen Dolomiten auf über 2000 Meter hochschlängeln, in Angriff zu nehmen. Wer hier blind vor Ehrgeiz durchheizt, wozu leistungsstarke Motorräder, wie die von uns getesteten, leider verführen, verpasst einiges. Nicht umsonst wird die Region als Unesco-Welterbe geführt. Daher mein Tipp: Anhalten und die mächtigen Dolomiten auf sich wirken lassen. Am besten in der Vor- oder Nachsaison, dann hat man etwas mehr Ruhe um in diese zentraleuropäische Perle einzutauchen.

Fazit: Yamaha MT-10 2022

Die neue MT-10 ist eine richtig gelungene Evolution der Vorgängerin, bleibt sich vom Charakter her aber vollkommen treu. Das neue Elektronik-Paket mit einer 6-Achsen-IMU ist eine Wucht, alle Features sind so gut aufeinander abgestimmt und spielen dermaßen gut zusammen, dass der Fahrer in jeder Situation optimal von der Elektronik unterstützt wird, ohne großmächtig bevormundet zu werden. Die restlichen Komponenten bei Fahrwerk und Bremsen gehen voll in Ordnung und die Optik im Mad Max-Brachialo-Stil wurde zwar im direkten Vergleich zur Vorgängerin ein wenig entschärft, bleibt aber immer noch einzigartig und eindeutig als MT-10 erkennbar.


  • Herrlicher CP4-Motor
  • tolles Elektronik-Paket
  • eigenständige Optik
  • angenehme Sitzposition
  • Kurven-ABS
  • durchaus tourentauglich
  • Kupplungshebel nicht verstellbar
  • keine Stahlflex-Bremsschläuche
  • Display etwas klein
  • durstig

Fazit: Triumph Speed Triple 1200 RS 2022

Präzise, stark und schnell! Die Triumph macht auf Alpenpässen jede Menge Spaß. Das straffe Fahrwerk verzeiht man ihr jedoch nur als sportlicher Pilot. Den Motor jedoch muss man einfach lieben. Egal ob beim Bummeln oder beim Heizen - die Leistung ist immer wohl dosierbar vorhanden.


  • Unglaublich universell - fährt einfach im Stadtverkehr aber bei Bedarf auch sauschnell
  • drehfreudiger und leistungsstarker Motor
  • Top Quickshifter
  • Kann bei Bedarf leise gefahren werden
  • Leichtes und kompaktes Fahrgefühl
  • Auch in schnellen Kurven stabiles Fahrverhalten
  • Starke Bremsen
  • Präzises Fahrverhalten
  • Quickshifter gut, aber nicht perfekt
  • Sound immer noch etwas aufdringlich
  • immer noch mit Vibrationen im Lenker

Bericht vom 08.06.2022 | 5.187 Aufrufe

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