KTM 890 Adventure vs. Husqvarna Norden 901 Test & Vergleich 2022

Gleiches Motorrad, anderes Design? Oder doch grundverschieden?

Die KTM 890 Adventure und die Husqvarna Norden 901 tragen nicht nur den gleichen Motor im Herzen, sie beide bedienen sich auch am gleichen Baukasten des KTM Konzerns. Gibt es also spürbare Unterschiede zwischen den beiden? Oder nennt die Krähe hier den Raben schwarz?

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Während es bei uns in Österreich noch stürmt und teilweise schneit, ist andernorts schon die warme Jahreszeit im Anmarsch. Auf der Flucht vor den kalten Temperaturen haben wir uns eine 1000PS-Exklave im Raum Barcelona eingerichtet und testen auf den grandiosen katalanischen Straßen die Motorrad Neuheiten des Jahres. Die Husqvarna Norden 901 musste sich als heiß erwartete Neuerscheinungen gleich in mehreren Tests und Vergleichen stellen, wie einem Einzeltest der Husqvarna Norden 901 oder einem Mittelklasse Reiseenduro Vergleich mit der Triumph Tiger 900 Rally Pro und Ducati Multistrada V2 S. Da lag ein Duell mit der erfolgreichen, hauseigenen Konkurrenz nur allzu nahe und so steigt nun Schwester gegen Schwester in den Ring. Doch was ist denn nun eigentlich gleich, und was ident?

Vergleich der technischen Daten von KTM 890 Adventure und Husqvarna Norden 901

Husqvarna Norden 901KTM 890 Adventure
Zylinderzahl22
Taktung4-Takt4-Takt
VentilsteuerungDOHCDOHC
Kühlungflüssigflüssig
Hubraum889 ccm889 ccm
Bohrung90,7 mm90,7 mm
Hub68,8 mm68,8 mm
Leistung105 PS105 PS
U/min bei Leistung8000 U/min8000 U/min
Drehmoment100 Nm100 Nm
U/min bei Drehmoment6500 U/min6500 U/min
Verdichtung13,513,5
GemischaufbereitungEinspritzungEinspritzung
StarterElektroElektro
KupplungAntihoppingMehrscheiben im Ölbad
AntriebKetteKette
GetriebeGangschaltungGangschaltung
Ganganzahl66
MotorbauartReiheReihe
Ventile pro Zylinder44
SchmierungDruckumlaufDruckumlauf
RahmenChrom-MolybdänChrom-Molybdän
RahmenbauartGitterrohrGitterrohr
Lenkkopfwinkel64,2 Grad63,7 Grad
Nachlauf106,9 mm107,8 mm
Fahrwerk vorne
AufhängungTelegabel Upside-DownTelegabel Upside-Down
MarkeWPWP
Durchmesser43 mm48 mm
Federweg220 mm200 mm
EinstellmöglichkeitDruckstufe, Federvorspannung, Zugstufe
Fahrwerk hinten
FederbeinMonofederbeinMonofederbein
Aufnahmedirektdirekt
MarkeWPWP
Federweg215 mm200 mm
EinstellmöglichkeitFedervorspannung, ZugstufeFedervorspannung, Zugstufe
Bremsen vorne
BauartDoppelscheibeDoppelscheibe
Durchmesser320 mm320 mm
KolbenVierkolbenVierkolben
Technologieradialradial
Bremsen hinten
BauartScheibeScheibe
Durchmesser260 mm260 mm
KolbenZweikolbenZweikolben
Reifenbreite vorne90 mm90 mm
Reifenhöhe vorne90 %90 %
Reifendurchmesser vorne21 Zoll21 Zoll
Reifenbreite hinten150 mm150 mm
Reifenhöhe hinten70 %70 %
Reifendurchmesser hinten18 Zoll18 Zoll
Radstand1513 mm1528 mm
Sitzhöhe von854 mm830 mm
Sitzhöhe bis874 mm850 mm
Gewicht vollgetankt219 kg217 kg
Tankinhalt19 l20 l
Standgeräusch90 db88 db

Unterschiedliche Gefühle im Sattel - Ergonomie-Vergleich von KTM 890 Adventure & Husqvarna Norden 901

Wie in der obigen Tabelle zu sehen ist, nutzen beide den selben Antrieb, darum herum gibt es aber sehr wohl Unterschiede. Die mögen am Papier gar nicht so dramatisch wirken, im Sattel unterscheidet sich das Gefühl zwischen der KTM und der Husky aber doch stark.

Die 890 Adventure war schon seit ihrer Einführung eine der wenigen Reiseenduros, auf denen sich auch kürzer gewachsene Piloten wohlfühlen konnten. Eine zugängliche Sitzhöhe von 830 mm und eine schmale Taille machen den Boden auch für kurze Beine erreichbar. Die Norden ist in der niedrigen Sitzbankstellung schon 24 mm höher und obendrauf noch wesentlich breiter. Der längere Schrittbogen macht sie zu einer hochgewachsenen Gesellin. Die Sitzbank ist typisch für den KTM-Konzern auf der härteren Seite, allerdings nicht so spartanisch wie auf der Adventure. An der Sitzposition merkt man auch die unterschiedliche Ausrichtung der beiden Adventure-Bikes. Die 890 Adventure ist das straßenorientierte Motorrad, auch die Haltung im Sattel fällt etwas aggressiver und Front-orientierter aus. Auf der Husqvarna thront man hingegen noch weiter oben und streckt die Arme weiter zum breiten Lenker. Der Kniewinkel ist bei beiden entspannt, mit etwas mehr Spielraum auf der Norden. Wirklich interessant wird es aber erst, wenn die ersten Kurven in Angriff genommen werden.

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KTM 890 Adventure vs. Husqvarna Norden 901 bei sportlicher Fahrt

Ein knappe Stunde nordöstlich von Barcelona liegt eine der besten Straßen, die wir bei 1000PS je unter die Räder bekommen haben: Die Costa Brava. Dieses ca. 15-20 km lange Stück Straße bietet das volle Programm: Bester Asphalt, wunderschöne Ausblicke aufs tiefblaue Mittelmeer, rot schimmernde Klippen, goldgelbe Sandstrände, grüne Pinienwälder und Kurven, die sich fortwährend an Kurven reihen. Im Sommer stauen sich hier sicher die Touristen und Wohnmobile, doch im Februar haben wir dieses himmlische Fleckchen Erde ganz für uns. Auf Calimoto haben wir ein kurzes Stück der Strecke mitgetrackt, so könnt ihr die Costa Brava auch finden und erfahren.

Der bombige, extrem raue Asphalt lädt förmlich zum Heizen ein. Dementsprechend geben wir der Norden und der Adventure die Sporen. Der Motor verhält sich logischerweise gleich, macht mit seinem Drehmoment aus niedrigen Drehzahlen und seiner linearen Leistungsentfaltung ordentlich Spaß. Spritzig und gleich auf beschleunigen beide aus dem Radius, vor der nächsten Kurve ist aber ein Unterschied spürbar. Die Bremse der KTM, obwohl am Papier ident zur Husqvarna, beisst schärfer zu und verzögert potenter. Zusammen mit der leicht aggressiveren Sitzposition bewegt sich die 890 Adventure etwas sportlicher durchs Winkelwerk. Einen größeren Unterschied machen auch die Serienreifen. Auf der KTM sind die Touring-Reifen Avon Trailrider angebracht, die Husqvarna setzt aber auf Pirelli Scorpion Rally STR Pneus, die mit ihrem leicht stolligen Profil schon die Ausrichtung in Richtung Offroad andeuten. Gerade das Vorderrad verhindert allzu rabiates Fahrverhalten auf der Norden, wie mir ein kleiner Vorderradrutscher beim allzu ambitionierten Einlenken direkt klar macht. Bei Handling an sich schenken sich die zwei Schwester sonst kaum was, das ähnliche Gewicht liegt bei beiden dank des tief hinuntergezogenen Tanks sehr niedrig. Die längeren Federwege der Norden sorgen aber für etwas mehr Unruhe im Fahrzeug, dafür können sie abseits der Straße ihr Potenzial beweisen.

Offroad-Performance von KTM 890 Adventure & Husqvarna Norden 901 2022

Mehr Federweg, verstellbare Gabel, sanftere Bremse, Marius Stunt zwischen ADV und ADV R Offroad ist ein Heimspiel für die Husqvarna Norden 901. Die Orangene schlägt sich dabei überhaupt nicht schlecht, schon beim ersten Test der KTM 890 Adventure überzeugte sie in den wilden Bergen Zentralgriechenlands. Aber gegen die längeren Federwege, das voll einstellbare Fahrwerk und die aufrechtere Ergonomie der Norden hat sie dann doch das Nachsehen. Auch unser Stunt- und Offroad-Fahrer Marius bewegt die Husqvarna äußerst motiviert über die Erdstraßen im katalanischen Hinterland und ist begeistert. Selbst grobe Sprünge schluckt das WP-Fahrwerk problemlos. Laut Marius, der die KTM Modelle schon ausgiebig im Zuge der KTM Adventure Rally bewegt hat, positioniert sich die Norden 901 in puncto Offroadtauglichkeit zwischen der 890 Adventure und der 890 Adventure R. Noch ein tolles, wenn auch leider kaufpreispflichtiges Feature ist der Rally- bzw. Explorer Fahrmodus. Dieser optionale Modus ermöglicht es, die schräglagenabhängige Traktionskontrolle in 9 Stufen fein zu regeln. So kann man sich auf die jeweilige Situation einstellen und sogar Drifte hinlegen, ohne komplett auf die elektronische Hilfe verzichten zu müssen. Ein Spaß, gerade für nicht allzu erfahrene Piloten.

Welche ist die richtige für lange Touren? - Langstreckentauglichkeit von KTM 890 Adventure & Husqvarna Norden 901 2022

Offroad-Spielereien und spaßige Kurvenfahrten sind ja schön und gut, wirklich wichtig ist bei Reiseenduros aber die Langstreckentauglichkeit. Und hier überrascht die Husqvarna, leider nicht im positiven Sinne. Dabei wurde sie im Vorfeld ihrer Veröffentlichung als Motorrad für die große Weltkreise beworben. Das ist im Serienzustand aber nicht der Fall. Der Hauptgrund: Wirklich schlechter Windschutz. Der breite, nicht verstellbare Windschild umschließt den runden LEDScheinwerfer und wächst ein Stück in die Höhe, jedoch bei Weitem nicht genug. Schon am unteren Brustende trifft der Wind voll auf den Fahrer. Man könnte fast meinen, man sitzt auf einem Naked Bike. Zumindest die untere Körperhälfte ist durch die breite Frontverkleidung aber gut vor Wind und Wetter geschützt. Die KTM 890 Adventure ist auch weit weg von einem grandiosen Windschutz, ihr schmaler Windschild leitet den Wind aber zumindest erst ca. auf Augenhöhe zum Fahrer. Zum Glück gibt es für beide einen Touren-Windschild im Zubehör.

Der Komfort im Sattel ist vom Wind abgesehen aber vergleichbar, mit leichtem Plus für die Norden aufgrund der breiteren Sitzbank. Und auch bei der Ausstattung kann die Husqvarna punkten. Denn sie hat den Tempomaten schon in Serie mit an Bord, bei der KTM kostet dieser extra. Kein Wunder, die Husky ist ja auch das teurere Fahrzeug, könnte man meinen. Ja, auf den ersten Blick schon, aber auch nicht ganz!

Vermeintlich teurer - Preis-Leistungs-Vergleich von KTM 890 Adventure und Husqvarna Norden 901

Preise variieren und verändern sich, weshalb ihr hier alle aktuellen Preise zur Husqvarna Norden 901 und KTM 890 Adventure finden könnt. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Testberichts kostet die Norden in Österreich 16.349 € und die 890 Adventure 15.099 €, es liegen also 1250 € dazwischen. Die Norden ist also klar teurer. Ist sie das aber auch, wenn man die Ausstattung berücksichtigt? Schließlich bringt sie ab Werk Zusatzscheinwerfer, Tempomat, Quickshifter, Motorschleppregelung und ein voll einstellbares Fahrwerk mit sich. Alles Dinge, die bei der KTM 890 Adventure extra kosten. Ich habe mir im KTM Konfigurator den Spaß gemacht, mir eine 890 Adventure auf Norden Niveau zu erstellen. Das Ergebnis: Zusatzscheinwerfer (490 €), Motorschleppregelung (147 €), Tempomat (245 €) und Quickshifter (392 €) kommen zusammen auf 1274 €, und da ist kein voll einstellbares Fahrwerk dabei. Also ist die Husqvarna Norden 901 wirklich das teurere Gerät? Zumindest im Punkt Preis-Leistung hat sie einen leichten Vorteil.

Sozius-Test auf KTM 890 Adventure und Husqvarna Norden 901

Noch ein schnelles Wort zur Fahrt in Begleitung. Ich durfte hinter Kollegen Poky die Sozia mimen und versuchte mich trotz der rabiaten Fahrweise meines ungeduldigen Redaktionsleiters auch noch auf den Komfort im hinteren Sattel zu konzentrieren. Die Norden hat den breiteren Sattel, dafür ist dieser auf der fast gleichen Höhe, wie der Sitz des Fahrers. Das könnte es kleineren Sozias erschweren über die Schulter des Vordermannes zu spähen. Auch bei harten Bremsmanövern ist der Tank selbst für meine langen Arme fast zu weit weg, um sich darauf abzustützen. Die Adventure hat zwar einen leicht schmaleren Soziussitz, dafür sitzt man etwas höher und kann sich am buckligen Tank besser abstützen. Der Kniewinkel ist bei beiden angenehm entspannt.

Fazit des Testvergleichs von KTM 890 Adventure und Husqvarna Norden 901

Unter dem Strich lässt sich sagen, dass es sich bei der Husqvarna Norden 901 und der KTM 890 Adventure zwar um ähnliche Motorräder handelt, die aber dennoch in unterschiedliche Richtung gehen. Die KTM fühlt sich auf der Straße heimisch und überzeugt durch ihre ausgeglichene Vielseitigkeit. Sie kann nichts perfekt, aber alles gut. Die Husqvarna Norden betont das Abenteuer im Begriff Adventure-Bike und legt den Fokus noch mehr auf Offroad. Auch sie ist sehr vielseitig und obendrein top ausgestattet, der mangelhafte Windschutz bleibt ihr einziges größeres Manko.

Autor

Bericht vom 08.05.2022 | 10.154 Aufrufe

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