Aprilia Tuareg 660 2022 Erster Test

Italienische Furore in Adventure-Bike-Form gegossen

2022 wird das Jahr der Mittelklasse-Reiseenduros. Auch Aprilia bringt mit der Tuareg 660 ein leichtes, geländegängiges Adventure-Bike, dabei soll jedoch nicht der typische Aprilia-Charakter und die Sportlichkeit verloren gehen. Auf Sardinien konnten wir testen, wie stimmig sich italienische Furore mit Abenteuer vereinen lassen.

Jahrelang dominierten die Big-Adventure-Bikes den Markt, darunter tat sich bis zur A2-Klasse eigentlich nichts. Dieses Loch im Reiseenduro-Angebot zwischen über 48 und 100 PS begann 2019 die Yamaha Tenere 700 etwas zu füllen. Kommendes Jahr ziehen nun einige Hersteller nach, darunter auch Aprilia.

Aprilia Tuareg 660 - Nicht die erste Tuareg

Tuareg ist keine neue Modellbezeichnung bei Aprilia, schon in den 80er-Jahren gab es Aprilia Tuaregs, damals aber noch mit Einzylinder-Motoren und mit mäßigem Erfolg. Später versuchten die Italiener aus Noale noch einmal den Einstieg ins ADV-Segment mit der Caponord und mächtigem 1200er-V-Motor, doch auch hier blieb der Durchbruch aus. Diesmal sollen aber eine solide technische Basis, typisches Aprilia-Charisma und die richtige Platzierung am Markt für Erfolg sorgen. Ersteres ist am leichtesten messbar, denn die Tuareg teilt sich einige Bauteile mit ihren 660er-Modellschwestern.

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Ansprechverhalten des Motors der Aprilia Tuareg 660 2022

Man braucht nicht glauben, dass, nur weil die Aprilia RS660 und die Tuono 660 zuerst erschienen sind, für die Tuareg einfach ein sportlicher Motor hergenommen, etwas anders abgestimmt und dann eine Adventure-Verkleidung draufgeklatscht wurde. Laut den Entwicklern hatten sie schon 2017 in den Anfangsstadien des 660er-Aggregats die Tuareg in Planung. Der 659cm³-Reihenzweizylinder wurde allerdings neu abgestimmt und drückt jetzt deutlich bauchiger aus den niedrigen und mittleren Drehzahlen seine Leistung raus. Statt annähernd 100 PS, wie in der RS und Tuono, sind es in der Tuareg 80 PS bei 9250 U/min und 70 Nm bei 6500 U/min. Das maximale Drehmoment ist zwar am Papier nur um 3 Nm größer, doch liegt es dafür schon um 1000 Umdrehungen früher an. Außerdem drücken 75 % der 70 Nm schon bei 3000 Umdrehungen an. Und das spürt man!

Agil um die Ecke - Straßen-Performance der Aprilia Tuareg 660

Schon ab knapp unter 2000 Umdrehungen dreht der Reihen-Zweizylinder sauber hoch. Flott marschiert die Tuareg vorwärts und hebt sogar mit etwas Nachhilfe das Vorderrad zum Gruß. Sie hängt so schön präzise am Gas, dass extrem gefühlvoll aus der Kurve herausbeschleunigt werden kann. Das Ride-by-Wire der Aprilia schafft es ein sehr authentisches und irgendwie befriedigendes Gefühl am Gashahn zu bieten. Knackig wird der (leider nicht serienmäßige) Quickshifter durchgepeitscht, die Gangwechsel gehen schnell und flüssig vonstatten. Nur unter 3000 Touren will er manchmal nicht. Im Rausch des Winkelwerks gefangen drehe ich aber sowieso viel höher, winde die Gänge aus, mache mir alle 80 Pferdchen zu Nutze und wenn man dann die 5000-6000 Umdrehungs-Schwelle überschreitet, beginnt der Auspuff auch noch zu brüllen wie ein Löwe. Beachtlicher Sound für einen Serienendtopf!

Auf der Straße begeistert aber nicht nur der Motor, sondern vor allem das Handling. Aprilia hat bei der Konstruktion der Tuareg die Massen eng um den Schwerpunkt des Bikes gebaut. Der Tank schmiegt sich in Treppenform an den Motor, der auch um 9° aufrechter positioniert ist, als in der RS660 und der Tuono. Die kompakte Masse von 204 kg fahrfertig braucht nur einen kleinen Lenkimpuls am breiten Lenker und schon kippt sie willig in Schräglage. Dabei haben es die Ingenieure in Noale geschafft, eine gute Balance zwischen der kippeligen Agilität von Enduros und der Stabilität von Straßenbikes zu finden. Die Tuareg fällt nicht nervös in die Kurve, braucht aber auch keine Kraft oder Druck, um sich schräg zu legen. Im Winkelwerk Sardiniens geht es rasant von Radius zu Radius und ich fühle mich wohl auf der Tuareg 660. Dafür sorgt neben dem Motor und dem Handling auch die super Sitzposition. Die ausgesprochen schmale Taille ermöglicht einen guten Knieschluss. Die lange und schmale Sitzbank bietet sehr viel Bewegungsfreiheit. Aber noch ein wichtiger Player hat auf der Tuareg seine Finger im Spiel.

Einmal mit Alles - Das Elektronik-Paket der Aprilia Tuareg 660

Das Elektronikpaket der Tuareg ist nicht nur umfangreich, sondern auch stark individualisierbar. Von den vier Fahrmodi, Urban, Explore, Offroad und Individual, können die letzteren beiden die vier Parameter der Elektronik beliebig verändern. Diese vier beeinflussbaren Systeme sind die Traktionskontrolle (4-stufig verstellbar), das ABS (2-stufig), die Motorbremskontrolle (3-stufig) und die Gasannahme/Leistungsentfaltung (3-stufig). So lässt sich das Verhalten des Motorrads an jede Anforderung anpassen. Natürlich gibt es einige Regelmäßigkeiten bei den Fahrmodi. Urban ist der gemütlichste Modus, Explore der typische Landstraßen-Modus und beim Offroad-Mode lässt die Traktionskontrolle, sofern nicht anders eingestellt, am meisten Schlupf zu und das ABS des Hinterrads wird deaktiviert. Wenn man möchte kann man aber sogar das ABS komplett ausschalten. Die Traktionskontrolle ist außerdem aber auch noch jederzeit über den Hebel des Tempomaten verstell- und abschaltbar.

Der Kompromiss zwischen Straße und Gelände - Findet die Aprilia Tuareg 660 die goldene Mitte?

Aprilia sagt selbst, dass sie mit der Tuareg die Lücke zwischen Adventure-Bikes und Dual-Sport-Motorrädern füllen wollen. Damit sie aber sowohl am Asphalt, als auch im Gemüse funktioniert, müssen an einigen Stellen Kompromisse eingegangen werden. Lange Federwege braucht es Offroad, da bieten die 43 mm Upside-Down-Gabel von Kayaba an der Front und das Kayaba Federbein am Heck mächtige 240 mm Federweg. Super für harte Schläge und Sprünge, suboptimal für eine gutes Gefühl auf der Straße. Doch Aprilia hat auch hier eine guten Job gemacht und dem Fahrwerk genug Härte verliehen, dass große Schaukeleien und ein schwammiges Gefühl am Teer vermieden werden. Natürlich lassen sich die langen Federwege nicht wegzaubern und gerade bei großen Wellen oder harten Bremsmanövern kommt schon Bewegung ins Fahrzeug, doch kleinere Schläge und Unebenheiten werden passabel ausgebügelt, auch in Schräglage.

Die Bereifungsdimensionen sind typisch für eine Reiseenduro - 90/90-21 vorne und 150/70-18 hinten - und dementsprechend nicht überraschend. Auf die 21-Zoll-Felge vorne und die 18-Zoll-Fege hinten sind die bekannten (und schlauchlosen) Pirelli Scorpion Rally STR Reifen aufgezogen, die schon in vielen Modellen den Platz des Serienreifens einnehmen und sowohl auf der Straße, als auch im leichten Gelände solide Performance bieten.

Der dritte Kompromiss-Bereich und gleichzeitig auch der Ort, wo man diese Gespaltenheit zwischen den zwei Welten am meisten spürt, sind die Bremsen. Die zwei 300 mm Bremsscheiben mit 2-Kolben-Bremssätteln von Brembo haben einfach nicht den Biss, den man sich bei sportlicher Gangart auf der Straße wünschen würde. Vor allem die ersten paar Zentimeter des Bremshebels packen nur sehr sachte zu, was bewusst so für das Gelände abgestimmt wurde, erst danach beißt die Bremse härter zu. Nicht falsch verstehen, die Bremse funktioniert gut und stoppt wenn man kräftig zupackt durchaus verlässlich. Doch wenn man vor der Kurve und vielleicht auch noch bergab den Anker wirft, kommt der Wunsch nach mehr auf. Dafür freut man sich im Gelände über die pipifeine Dosierbarkeit der Bremse. Gerade bei der Hinterradbremse fühlt man präzise, wann das Rad zu blockieren beginnt. Ein Spaß auf allen losen Oberflächen!

2 Punkte führen zum Erfolg im Gelände - Die Offroad-Tauglichkeit der Aprilia Tuareg 660

Hat der Motor schon auf der Straße Spaß gemacht, so brilliert er abseits davon. Die Leistungsentfaltung ist dermaßen linear, dass selbst ich Offroad-Noob genau steuern kann, wann das Hinterrad ausbricht. Auch lässt er sich untertourig sauber fahren, was gerade bei schwereren Passagen immens das Leben erleichtert. Gekoppelt mit der geschickt eingreifenden Elektronik ist die Tuareg Offroad fast schon deppensicher zu bewegen. Und damit man sich auch noch wohl fühlt, dafür sorgt die grandiose Ergonomie. Selten kommt es vor, dass ich beim stehenden Fahren auf einem Motorrad von der Stange nichts zu beanstanden habe. Doch die Tuareg schafft es mit ihrer schmalen Taille, dem hohen Lenker und dem genau richtig geformten Tank von den ersten Metern an sich vertraut und richtig anzufühlen. Fraglich bleibt aber, wie gut wirklich große Menschen mit den Ecken und Kanten zurechtkommen. Mit meinen 1,85 m wirkt die Ergonomie wie für mich gemacht, doch bei langen Beinen könnte es schon nicht mehr passen. Am besten selbst ausprobieren! Kleine Menschen wiederum sollten mit der Tuareg zurecht kommen. Die Sitzhöhe von 860 mm ist dank der schmalen Sitzbank keine Herausforderung.

Langstreckentauglichkeit & Komfort der Aprilia Tuareg 660 2022

Dritter Bereich in dem Adventure-Bikes gut performen sollten ist die Langstreckentauglichkeit. Trotz der Hard-Enduro-Style-Sitzbank ist diese nicht übermäßig hart und durchaus bequem. Fairerweise sei aber erwähnt, dass hunderte Kilometer lange Ironbutt-Etappen beim ersten Pressetest nicht dabei waren. Aprilias Zubehörkatalog bietet aber auch eine Komfort-Sitzbank mit Gel-Füllung an. Auf jeden Fall hält man es recht lange im Sattel der Tuareg aus, auch dank des entspannten Kniewinkels. Noch wichtig für die Langstrecke ist der Verbrauch und die Reichweite. Diese konnten wir noch nicht selbst überprüfen, Aprilia gibt aber eine sparsamen Verbrauch von nur 4l/100km an. Mit dem 18-Liter-Tank verspricht das eine Reichweite von bis zu 450 km. Nicht schlecht!

Leider kann man das nicht über den Windschutz der Tuareg 660 sagen. Die Beine und der Körper werden gut abgeschirmt, doch der niedrige und nicht höhenverstellbare Windschild leitet bei mir den Luftstrom auf Nasenhöhe an den Helm. Da rauscht es gewaltig um die Birne! Hoffentlich kann hier die Touring-Scheibe aus dem Zubehör Abhilfe schaffen. Sonst ist die Tuareg aber auch bei hohen Geschwindigkeiten souverän unterwegs. Der Motor fühlt sich selbst bei 130+ km/h nicht an, als würde er sich quälen und das Fahrzeug liegt stabil auf der Straße. Der serienmäßige Tempomat ist hier auch sehr praktisch. Menschen mit häufiger Begleitung oder schwerem Gepäck dürfen sich außerdem noch über die ausreichend dimensionierte Zuladung von 210 kg freuen.

Komfort: Check! Reichweite: Check! High-Speed-Performance: Check! Alltagstauglich ist die Tuareg 660, wenn man vom suboptimalen Windschutz absieht, allemal. Im Ortsgebiet lässt sie sich dank des zugänglichen Motors auch sehr dezent untertourig fahren.

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Für wen ist die Aprilia Tuareg 660 gemacht?

In Summe bietet die Tuareg meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Gesamtpaket. Sie schafft den Kompromiss zwischen Off- und Onroad besser als die meisten Motorräder und wird kommendes Jahr sicher einige Fans des Abenteuers begeistern können. Obwohl das Mittelklasse-Segment wohl bis zum nächsten Jahr noch wachsen wird, ist zumindest jetzt die Yamaha Tenere 700 die Hauptkonkurrenz der Tuareg. Meiner Meinung nach macht hier aber die Elektronik den entscheidenden Unterschied. Manche wollen keine E-Hilfe, sondern möchten sich nur auf das eigene Handgelenk und Gefühl verlassen. Für diese puristischen Enduristen bleibt die Yamaha DER GERÄT. Wer aber auf leichte Adventure-Bikes steht, sich jedoch von der Sicherheit und Komfort der Elektronik nicht verabschieden möchte, für den ist die Tuareg mit Sicherheit interessant. Dieser Unterschied macht vermutlich auch die Differenz im Preis aus. Um die 12.000 € kostet die Aprilia Tuareg 660, wobei die Preise natürlich je nach Land variieren. Alle aktuellen Preise für Deutschland, Österreich und die Schweiz findet ihr hier.

Fazit: Aprilia Tuareg 660

Aprilia macht mit der Tuareg 660 sehr vieles richtig. Der 660er-Motor scheint in dem leichten Adventure-Bike sein volles Potential zu entfalten und begeistert durch seine lineare, berechenbare Leistungsentfaltung auf der Straße und abseits davon. Auch sehr gut gelungen sind die Ergonomie und das Handling. Dank schlau geformten Tank und schmaler Sitzbank hat man viel Platz im Sattel und bewegt sich dadurch sitzend und stehend souverän voran. Trotz mächtiger 240 mm Federweg und 21-Zoll-Vorderrads lässt sich die Tuareg auf der Straße recht sportlich und stabil bewegen. Lediglich die Bremse könnte in solchen Momenten etwas mehr Biss bieten. Obendrauf kommt noch das umfangreiche und individualisierbare Elektronikpaket, welches zusätzlich Sicherheit und Komfort bietet.


  • Toller, drehmomentstarker Motor mit linearer Leistungsentfaltung
  • Guter Sound aus dem Serienauspuff
  • Agiles Handling
  • Super Ergonomie (sitzend & stehend)
  • Umfangreiches Elektronik-Paket mit vielen Möglichkeiten zur individuellen Anpassung
  • Windschutz könnte besser sein
  • Bremse bei motivierter Gangart auf der Straße etwas zu weich
  • Heizgriffe, Quickshifter und Hauptständer leider nicht serienmäßig

Bericht vom 05.11.2021 | 16.375 Aufrufe

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