Neue Kawasaki Z900 2020 im Test

Neue Kawasaki Z900 2020 im Test

Der Verkaufsschlager mit neuen Features

Die 2017 erstmals vorgestellte Kawasaki Z900 war und ist ein absoluter Top-Seller unter den Nakedbikes. Ihr Rezept ist dabei denkbar simpel: Ein kraftvoller Reihenvierer, einfachstes Handling sowie ein durchaus verlockender Preis. Daran gab es, bis auf ein paar wenige Ausnahmen, auch kaum etwas auszusetzen. Genau um diese Ausnahmen haben die Grünen sich mit dem 2020er Update nun gekümmert. Ob es sich bei der aktualisierten Variante um eine effektive Verbesserung, oder eher doch bloß um eine bescheidene Frischzellenkur handelt, hat Kamerakind Schaaf für euch im Rahmen der Fahrpräsentation herausgefunden.

Die Vorfreude auf eine Testfahrerei ist selten so groß gewesen. Nicht nur, weil ich schon mit dem Vorgängermodell ausgesprochen viel Fahrspaß erleben durfte, sondern auch, weil pünktlich zu meiner Abreise der kalte Winter unsere Heimat Österreich erreichte. Die Flucht vor dem widerlichen Wetter mit Aussicht auf ein grandioses Nakedbike in der spanischen Sonne ließ mein Herz höher und vor allem auch schneller schlagen. Unglücklicherweise währte die Freude nicht all zu lange. Die spanische Sonne zeigte sich zwar sehr wohl über der Testdestination, der Costa Brava in der Nähe von Girona, das Thermometer jedoch kletterte nicht besonders weit nach oben. Doch schnell stellte sich heraus, dass ausgerechnet die kalten und feuchten Straßen eine ideale Testumgebung bieten sollten. Doch dazu später mehr.

LED-Beleuchtung an der Z900

Kawasaki möchte mit der aktualisierten Z900 keine Revolution, sondern bloß eine Evolution vollführen. Der Charakter des Motorrads soll unverändert bleiben, die Sugomi-Naked möchte weiterhin als „Hardcore-Eisen“ erkannt werden. Der Motor wurde kaum angegriffen, die Spitzenleistung von 125PS (9.500 U/min) und 98,6Nm (7.700 U/min) bleibt gleich. Auch die Optik wurde nur dezent überarbeitet, eine andere Scheinwerfer-Maske, neue Blinker und Plastikverkleidungen, mehr nicht. Aus der Sicht des Piloten fällt eigentlich nur das TFT-Display auf, welches den alten und eher unhübschen „Rollertacho“ ersetzt. Ohne die nun vollständig vorhandene LED-Beleuchtung inklusive stylishen Positionslampen an der Front, wäre die neue Z optisch allerdings kaum von der alten zu unterscheiden. Und dennoch darf das aufgefrischte Sugomi-Kleid als gelungen bezeichnet werden, das Bike sieht schärfer aus, bereit, die Krone der Mittelklasse-Nakeds ins Visier zu nehmen.

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Der Z900 Quickshifter fehlt

Ganz allgemein könnte man sagen, dass Kawasaki mit dem Update hauptsächlich das Ziel verfolgt, die Z900 in die Gegenwart ebenjener Mittelklasse zu befördern. Denn da sind TFTs und LEDs eigentlich Standard. Ebenso wie elektronische Fahrhilfen. Auch Smartphone-Konnektivität. All das wird nun von Haus aus geliefert. Bloß der Quickshifter fehlt, leider auch im Zubehör. Dafür wurde der Gitterrohrrahmen im Bereich des Schwingendrehpunkts versteift, das Fahrwerk zwar nicht mit neuer Hardware, dafür aber mit angepasstem Setup versehen. So hat Kawasaki zu meiner großen Freude nicht nur optisch und elektronisch nachgeliefert, sondern auch in Sachen Fahrbetrieb nachgeschärft.

TFT-Display mit fragwürdiger Bedienbarkeit

Exakt diese Nachschärfung ist eine wahrliche Wohltat. Die Z fährt sich unverändert gut. Einfachstes Handling, das keinen Kraftaufwand benötigt. Hohe Stabilität in schnellen Passagen, die sich aus der um nun 20mm höheren Sitzposition perfekt erleben lässt. Auf bzw. viel mehr IN der Kawa fühlt Mann und Frau sich einfach wohl. Und zwar so wohl, dass man ab und zu besser auch einen Blick auf den Tacho werfen sollte. Denn der 948 Kubik Reihenvierzylindermotor katapultiert einen bereits aus der Drehzahlmitte gewaltig nach vorne. Schade ist dabei nur, dass der Blick auf die Instrumenteneinheit für größere Piloten wie mich ein wenig Arbeit bedeutet. Das gut ablesbare TFT-Display ist nämlich eine Spur zu tief positioniert, es bleibt leider nicht permanent im Augenwinkel sichtbar, der Kopf muss zwecks Informationsgewinnung ein wenig gesenkt werden. In Sachen Bedienbarkeit lassen sich die einzelnen Fahrmodi einfach während der Fahrt verstellen. Möchte man aber über das Display-Menü Optionen wie den Schaltblitz und dergleichen verstellen, so ist dies zwar möglich, die Durchführung aber ein eher verwirrender Graus. Intuitiv möchte man auch das Display-Menü mit den Select-Schaltern am linken Lenkerende bedienen, dies erfolgt allerdings mit den beiden Tasten direkt unter dem Display, und zwar auf eine weniger selbstverständliche Art und Weise. Das Vertrauen in die Vernunft und den Hausverstand des verantwortlichen Designers kann so nicht zwingend gewonnen werden.

Das Fahrverhalten der Kawasaki Z900

Dafür ist das gefühlte Vertrauen in die Maschine noch größer geworden. Nicht nur, weil der versteifte Rahmen das Feedback und die Stabilität weiter erhöht. So ist es wirklich ein erhebendes Gefühl, eindeutig erspüren zu können, was das Motorrad unter einem gerade macht. Auch die nun ab Werk montierten Dunlop Sportmax Roadsport 2 Reifen tragen zu größerer Sicherheit bei. Doch vor allem das ab sofort verfügbare elektronische Auffangnetz in Form der Kawasaki Traction Control lässt einen den Gashahn mit wesentlich mehr Selbstvertrauen aufreissen. Eigentlich hat die Z gar keine Sicherheitseingriffe dieser Art nötig, könnte man meinen. Denn der Motor entwickelt seine Kraft zwar schnell, doch gleichzeitig ausgesprochen linear und berechenbar, das Gummiband lässt grüßen. Auch die Gasannahme ist für ein Modell mit klassischem Gaszug grandios dosierbar und sanft, per modifizierter Einspritzung wurde auch hier nachgebessert. Aber trotzdem möchte ich die elektronischen Helferlein nicht mehr missen. Mir gefällt der Gedanke einfach, unser liebstes Hobby eine Spur sicherer zu gestalten.

Z900 mit Fahrmodi

Die KTRC lässt sich per Fahrmodus in drei verschiedenen Stufen einstellen. Im vierten Fahrmodus RIDER kann sie auch komplett abgeschaltet werden. Zusätzlich gibt es einen reduzierten Leistungsmodus, welcher den Poweroutput auf 55% seiner Ursprungsleistung reduziert. Probiert habe ich vor allem den ROAD Modus, der die volle Leistung und die Traktionskontrolle auf Stufe 2 verwendet. Ebenso war ich viel im SPORT-Modus unterwegs, bei voller Leistung und KTRC auf Stufe 1. Bloß den Rain-Modus habe ich persönlich nicht gebraucht, bei 55% Leistung und Traktionskontrolle auf der sichersten Stufe Nummer 3, da ging mir zu wenig vorwärts. Für Einsteiger und Wiedereinsteiger aber sicherlich eine nützliche Einrichtung, vor allem bei widrigen Fahrbahnverhältnissen.

Die Traktionskontrolle der Kawasaki Z900

Genau solche, also nasse und kalte Fahrbahnen, musste ich leider ausgiebigst befahren. Allerdings konnte ich so auf der einen Seite vom transparenten Feedback des Fahrwerks profitieren. Auf der anderen Seite konnte ich dann ebenso mehrfach erleben, wie die Traktionskontrolle arbeitet. Und zwar erstaunlich gut für ein System, das ohne elektronischen Gasgriff funktionieren muss. Die Eingriffe erfolgen über Drosselklappe und Zündung. Die meiste Zeit auf Stufe 2 blinkte die Kontrollleuchte zwar immer wieder auf, gespürt habe ich davon aber nichts. Nur bei provoziert-übertriebenen Gashahn-Melkvorgängen wurde weniger sanft und ein bisschen ruckartig eingegriffen. Auf Stufe 1 erspart die KTRC sich diese feinen Eingriffe eigentlich komplett und lässt leichte Rutscher zu. Die Züchtigung der zu forschen Gashand erfolgt erst kurz vor der Total-Katastrophe. Gut so, auch sportliche Fahrer werden sich im Einser-Modus nicht weiter bevormundet fühlen!

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Z900 Bremstest

Die halbschwimmenden 300mm Doppelscheiben vorne, bestückt mit zwei 4-Kolben-Bremssätteln, müssen fahrfertige 212kg entschleunigen. Der Initialbiss ist sehr ordentlich, der verstellbare Hebel lässt eine feine Dosierung erspüren. Bloß Bremsmanöver in höchster Geschwindigkeit, mit massivem Zug am Hebel, machen deutlich, dass man sich immer noch im Sattel einer Mittelklasse-Maschine befindet. Die allerletzte Vehemenz fehlt, was ich aber nicht einmal kritisieren möchte. Für richtig flotte Straßenfahrerei ist die Bremskraft mehr als ausreichend, erst im Wahnsinns-Modus wünscht man sich ein kleines Bisschen mehr. Die Z gehört auf die Straße, ohne jeden Zweifel, und dort hat der Wahnsinn ohnehin nichts verloren. Alles gut also.

Smartphone-Connectivity per Bluetooth

Ebenso nichts verloren hat mein Smartphone auf dem Motorradtacho. Mit dieser Meinung allerdings stehe ich auf relativ verlorenem Posten. Denn viele Piloten wünschen sich heutzutage Smartphone-Konnektivität. Diese wird nun per Bluetooth und Kawasaki Rideology-App geboten. Es lassen sich dann am Handy die diversen Motorradinfos wie Kilometerstand, Spritanzeige, Service-Erinnerungen etc. anzeigen, ebenso wie Anrufe und empfangene Emails. Den Statistikfreunden wird auch eine Log-Funktion geboten, der wilde Ritt lässt sich am Handy per GPS aufzeichnen. Wäre ich hauptberuflich Motorradjournalist, so hätte ich in diesem Aspekt wohl versagt. Ich habe die Smartphone-Verbindung nämlich nicht selbst ausgetestet, wahrscheinlich aus Prinzip nicht. Allerdings habe ich mir aus verlässlicher Quelle berichten lassen, dass die Konnektivität sich noch eher im Beta-Stadium befindet und derzeit am besten mit iOS Geräten klappt. Bis zum Verkaufsstart im Frühjahr 2020 soll der Betrieb aber reibungslos funktionieren, auch mit Android-Geräten.

Die Z900 ist bereit für EURO-5

Die Z900 selbst jedenfalls fährt reibungslos und wunderbar. Der Soundtrack aus dem für EURO-5 vorbereiteten Auspuff wurde auch ein wenig überarbeitet, zum herrlichen Ansauggeräusch gesellt sich jetzt ein heiser-klingender Unterton aus dem Endtopf hinzu. Noch kann legal also wirklich fantastisch klingen, damit wird in der nahen Zukunft aber wohl Schluss sein. Wer ernsthaft überlegt, sich ein motorisiertes Zweirad anzuschaffen, der möge es möglichst bald tun. Besser wird es nicht mehr. Und die Z900 stellt eine ausgezeichnete Wahl für alle Nakedbike-Fans dar, vor allem, weil in Österreich dafür tatsächlich weniger Geld notwendig ist, als für das Vorgängermodell. 10.499€ soll das Vergnügen hierzulande kosten, welches man sich in den Farben Grau/Schwarz, Grün/Schwarz, Weiß/Schwarz und Schwarz/Schwarz gönnen kann. Das deutsche Pendant wird dank fehlender NoVa entsprechend günstiger sein. Ebenso kann in Sachen Wartungskosten ein wenig gespart werden, das Service-Intervall wurde von 6000 auf 12000 Kilometer angehoben. Dies gilt ebenso für A2-Reiter, denn auch die neue Z wird es wieder als drosselbare 70kW Variante geben.

Ein Nakedbike für fast alle

Kawasaki selbst möchte mit der Z900 ein Motorrad bieten, das sowohl die entspannte Fahrt durch die Stadt, als auch die enorm-engagierte Anraucherei auf der Landstraße beherrscht. Ein enormer Spagat, den das Bike aber tatsächlich ohne jeden Zweifel hinbekommt. Zusätzlich schafft die Z in meinen Augen ein weiteres Kunststück, wenn es um die gebotene Bandbreite geht. Mir fällt kaum eine andere Maschine ein, die so bedienungsfreundlich und mühelos im Handling ist, auf der anderen Seite aber auch im schnellsten Fahrbetrieb nicht ins Schwanken gerät. Sie eignet sich somit sowohl für den gemütlichen Landstraßen-Genießer, als auch für den blutrauschigen Landstraßen-Vollstrecker. Ich selbst liege als Fahrer irgendwo zwischen diesen beiden Welten und war mit ihr jedenfalls in vollstem Maß zufrieden. Da konnte mich auch die Kleinigkeit der gebotenen Spiegel-Rücksicht, welche zu jeweils einem Drittel nur dem visuellen Studium meiner Ellbogen dienlich war, nicht aus dem Konzept bringen. Das geringe Verkehrsaufkommen auf den spanischen Straßen hat den Blick nach hinten glücklicherweise eh selten notwendig gemacht. Stattdessen gab es für mich den Tacho-freien Blick nach vorn, volle Kraft voraus, Glückshormon-Überflutung, und die eindeutige Einsicht, dass ich erneut der Magie der Kawasaki Z900 erlegen bin. Denn dieses Motorrad lässt mich komplett vergessen, dass ich in Wahrheit kein Reihenvierer-Sympathisant bin. Im Sattel der Z jedoch könnte ich zu einem werden. Und ganz bestimmt bin ich nicht der einzige, der sich nach einer Probefahrt sofort in sie verliebt. Die alte Z900 war eine ausgezeichnete Fahrmaschine. Die neue ist nun in der Gegenwart angekommen und sich gleichzeitig selbst komplett treu geblieben. Und somit eine ganz heiße Anwärterin auf die Krone der nackten Mittelklasse!

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Fazit: Kawasaki Z900

Die neue Kawasaki Z900 hat durch den Elektronikeinsatz glücklicherweise nichts von ihrem Wesen verloren. Sie ist und bleibt ein spielerisch zu bedienendes Mittelklasse-Nakedbike, welches gleichzeitig die flotte Gangart auf der Landstraße grandios beherrscht. Der Fahrspaß und die Alltagstauglichkeit sind hoch, die nun verbauten Fahrhilfen bieten ein Plus an Sicherheit. Ihre Gegner haben es ab sofort richtig schwer.

1
Vorteile
  • Leichtes und selbstverständliches Handling bei hoher Stabilität
  • Seidiger Motor mit vollem Durchzug ab der Drehzahlmitte
  • Hohe Fahrwerkstransparenz, tolles Feedback
  • Sitzposition mit Wohlfühlfaktor
  • Fairer Preis
1
Nachteile
  • TFT-Display zu niedrig montiert
  • Umständliche Bedienung des Menüs
  • Rückspiegel bieten bescheidene Sicht

Bericht vom 04.12.2019 | 25.420 Aufrufe

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