Harley-Davidson Sport Glide Test 2018

Harley-Davidson Sport Glide Test 2018

Mindestens zwei Motorräder in einem!

Wer glaubte, das umfangreiche Harley-Davidson Softail-Sortiment wäre für 2018 komplett, hat die Rechnung ohne den jüngsten Zuwachs gemacht: Die brandneue Sport Glide sieht herrlich aus, fährt sich ausgesprochen agil, bietet ausgewogenen Komfort und ist wandelbar wie keine zweite. Irgendwie kann sie von allem am meisten - das Beste kommt bekanntlich zum Schluss!

Und weil wir schon bei den schlauen Sprüchen sind: Aller guten Dinge sind 8, beziehungsweise 9. Oder doch gleich 12, beziehungsweise 13. Keinen Plan, wovon ich hier schreibe? Kein Problem, ich kann es ganz leicht aufklären: Harley-Davidson startete bereits bei der Vorstellung im Herbst letzten Jahres die Softail-Offensive für 2018, gleich 8 neue Modelle der allseits beliebten Baureihe wurden präsentiert, vier davon sogar mit zwei verschiedenen Motoren (107 Cubic Inch, also 1745 Kubik Hubraum und 114 Cubic Inch, also 1868 Kubik Hubraum). Macht insgesamt also 12 neue Softail-Modelle. Und nun reicht Harley sogar noch ein 9., respektive 13. Modell nach, wobei diese, gewiss zu Unrecht so verrufene Zahl für die Amerikaner wohl eher eine Glückszahl darstellen dürfte.

Harley-Davidson gibt fest Gas: 13 neue Softails für 2018!

Das 13. Modell der Softails ist nämlich auch eines der harmonischsten aus dieser Baureihe, wenn nicht sogar das beste und ausgewogenste. Sport Glide nennt sich dieses Universaltalent, das es bei den Testfahrten auf der kanarischen Insel Teneriffa durch die Bank allen Testern recht machen konnte. Die anderen Modelle, derer ich eben schon im Herbst vergangenen Jahres vier testen durfte, sind allesamt auch sehr gut und fein gelungen, machen es aber doch nicht jedem zu hundert Prozent recht. Softail Breakout? Herrliche Optik und trotz 240er-Schlapfen im Heck gut fahrbar, insgesamt aber doch eher für die Fans von ultrafetten Hinterradwalzen bestimmt. Softail Fat Bob? Ein richtig gelungenes Muscle Bike, das Design polarisiert aber, gefällt nicht jedem. Softail Fat Boy? MIt 240er-Hinterreifen und 160er(!)-Vorderreifen schon vor der ersten Ausfahrt für viele zu mächtig. Die Softail Heritage Classic war bislang noch am ehesten "Everybody´s Darling", vor allem in Sachen Komfort, Handling und allgemeine Fahrbarkeit.

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Die neue Harley-Davidson Sport Glide bereichert die Softail-Baureihe

Aber nun scheint ein neuer Stern am Softail-Himmel, die Sport Glide macht insgesamt alles am besten und kann irgendwie auch am meisten. Und das, obwohl es sie lediglich mit der "schwächeren" Version des Milwaukee-Eight-Triebwerks gibt. Trotz Sport im Namen verzichtet man bei Harley auf den aufgeblasenen 114er-Motor, der 107er muss reichen und leistet in der Sport Glide 84 PS bei 5450 Umdrehungen - ohnehin nur 3 PS weniger als in den anderen 107er-Softails und bei einer Harley eigentlich auch gar nicht so wichtig. Bei diesen "Eisenhaufen", wie ich sie liebevoll und gar nicht abwertend bezeichne, geht es vielmehr um Drehmoment und da wirft sie mit gewaltigen 145 Newtonmeter bei nur 3000 Touren ohnehin genug Schmalz auf das Hinterrad.

Viel Drehmoment auf der neuen Harley-Davidson Sport Glide, trotzdem gut kontrollierbar

Ein stolzer Wert, der im echten Leben zwar einen mächtigen Bums beim Gasaufreißen liefert, aber keineswegs unkontrollierbar wird. Und ich muss es wissen, immerhin hat es auf der sonst so sonnig-freundlichen Insel geregnet - was es bekanntlich überall tut, wenn ich komme - und bei der Anfahrt auf den Vulkan sogar ein wenig geschneit! Glücklicherweise zu wenig, um auf der Fahrbahn liegen zu bleiben, aber genug, um die harmonische Fahrbarkeit der Sport Glide zu schätzen. Bei diesen Zuständen war vor allem die Bremse eine Wohltat: Gut dosierbar, weit entfernt von giftig und herrlich stabil die Fuhre verzögernd.

Die Einzel-Bremsscheibe an der Front ist nur die Hälfte dessen, was heutzutage möglich und üblich ist

Da ich die Harley-Davidson Sport Glide am Beginn und am Ende der Tour gottlob im Trockenen fahren durfte, kann ich aber auch ein wenig Kritik an der Bremse üben. Bei 317 Kilo Lebendgewicht - so erstaunlich einfach sich diese Wuchtbrumme auch fahren lässt - ist eine Einzelscheibe an der Front doch nur die Hälfte dessen, was heutzutage möglich und üblich ist. Daher freut sich die 300er-Scheibe mit Vierkolbenzange stets über die Unterstützung durch die 292er-Scheibe am Hinterrad. Schließlich macht auch das ABS an der Front mit weiten Regelintervallen klar, dass man es zwar sportlich mit der Sport Glide angehen darf, aber nicht vergessen sollte, dass es sich nicht um ein Naked Bike sondern um einen Cruiser handelt.

Sensibles Fahrwerk für harmonisches Handling auf der Harley-Davidson Sport Glide

Das Fahrwerk hingegen, das im Regen für angenehme Ruhe und Stabilität sorgte, konnte auch im Trockenen voll und ganz überzeugen. Ausgeprägter Komfort steht nicht immer im Gegensatz zu präzisem Ansprechverhalten, vor allem die Upside-Down-Gabel mit 43 Millimeter Durchmesser an der Front spricht sensibel an und wirkt keineswegs schwammig oder überfordert. An der Hinterhand ist, so wie bei allen neuen Softails nun ein Mono-Federbein unter dem Sattel versteckt, das per gut erreichbarem Handrad in der Federvorspannung verstellt werden kann.

Anders als bei den alten Softails kann man mit der Sport Glide flott um Ecken fahren

In diesem Zusammenhang wird bei Harleys immer gerne die Schräglagenfreiheit erfragt - die Sport Glide bietet im Rahmen der Softail-Baureihe einen erstaunlich weiten Bereich, im Vergleich mit anderen Motorrad-Kategorien wie Naked Bikes ist man natürlich viel schneller auf den Fußrasten. Das ist aber bekanntlich der Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen und stellt die Sport Glide zu Unrecht in die unsportliche Ecke. Denn anders als bei den Softails der vorherigen Generation kann man sehr wohl flott um die Ecken fahren - wieseln oder pfeilen wäre dann doch zu viel des Guten. Aber auch das Getriebe darf als gewaltige Weiterentwicklung betrachtet werden. Natürlich schalten Maschinen anderer Kategorien viel weicher und sanfter, für eine Harley kann man die sechs Gänge auf der Sport Glide aber fast schon butterweich sortieren.

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Ausgewogenes Fahrverhalten dank guter Reifenwahl auf der Harley-Davidson Sport Glide

Nicht ganz unbeteiligt an dem einerseits sehr stabilen Handling, andererseits vergleichsweise agilen Einlenkverhalten sind neben dem neuen, steiferen Softail-Chassis auch die Reifendimensionen: Vorne 130/70-18 und hinten 180/70-16 sorgten und sorgen auch auf anderen Modellen für ein sehr ausgewogenes Fahrverhalten. Im Übrigen habe ich die USD-Gabel bereits an der Harley Softail Fat Bob sehr gelobt, die in dieser Konfiguration mit einer Doppel-Scheibenbremse vorfährt - möglich wären zwei Scheiben also auch bei der Sport Glide gewesen. Vielleicht hatten die Amis Angst, dass bei zwei Scheiben die tollen Mantis-Gussfelgen im extravaganten Design nicht ausreichend zur Geltung kommen könnten.

Die Harley-Davidson Sport Glide ist zwei Motorräder in einem!

Diese kleine Kritik verliert aber ohnehin sofort ihre Relevanz, sobald ich über das absolute Highlight an der neuen Harley-Davidson Sport Glide berichte: Sie ist nämlich zwei Motorräder in einem! Ab Werk mit einer wirklich feschen, etwas kleineren Batwing-Verkleidung rund um den LED-Scheinwerfer (nennen wir sie Baby-Batwing) und einem praktischen Hartschalen-Kofferset ausgestattet, lässt sie sich in weniger als einer(!) Minute in einen nackten Cruiser verwandeln. Und das beschwöre ich, für das Abmontieren des Windschilds müssen lediglich zwei Haken an der Gabel gelöst werden - dauert 15 Sekunden - und für den Koffer reicht es, im Innneren einen Hebel zu drehen, abziehen, fertig - pro Koffer höchstens 20 Sekunden. Sogar der umgekehrte Weg ist keineswegs fummelig oder kompliziert: Koffer auf die drei Haltepunkte aufschieben, Hebel an der Seite arretieren, passt. Windschild an der Gabel entlang von oben nach unten schieben, die Hebel wieder zudrücken, passt ebenfalls.

Die beste Ausbaustufe der Sport Glide? Frei wählbar, aber immer hübsch!

Wer will, kann natürlich auch nur Baby-Batwing weglassen, oder nur die Koffer abmontieren - erstaunlicherweise sieht die Sport Glide in jeder Ausbaustufe gut aus. Mein persönlicher Favorit ist die Sport Glide in schwarzer Lackierung mit voller Montur - da die Koffer immer ganz schwarz sind, also auch, wenn die Sport Glide in Weinrot Metallic oder Silber lackiert ist, wirkt sie auf mich in Schwarz am stimmigsten. Dabei mag ich rein schwarze Motorräder gar nicht so gerne, vermutlich ist es dieser gezielte Einsatz von Chrom an vielen, aber dann doch nicht allen Stellen, der den nötigen Kontrast liefert - wie etwa der Auspuff oder die Felgen eindrucksvoll unter Beweis stellen. Danach rangiert aber schon die Sport Glide in wunderschönem "Twisted Cherry", bei der vor allem die Front-Verkleidung faszinierend edel wirkt. Und falls mir jemand eine Sport Glide in "Silver Fortune" in die Hand drückt, würde ich sie ebenfalls mit Freude und Stolz nehmen.

Kluge und umfangreiche Ausstattung an der Harley-Davidson Sport Glide

Und das unter anderem auch deshalb, weil die Sport Glide in ihrer "bekofferten" Ausführung eine äußerst ernsthafte Touring-Ausstattung aufweist: Abnehmbares Kofferset mit insgesamt 50 Liter Fassungsvermögen, watscheneinfache Cruise-Control am linken Lenker, Keyless Ignition (Starten ohne Schlüssel), per Handrad verstellbare Federvorspannung am Hinterrad, bequemer Sattel mit nur 680 Millimeter Sitzhöhe, USB-Anschluss und die halbwegs effiziente Batwing-Verkleidung kann optional mit einer höheren Scheibe ausgestattet werden - womit die Sport Glide auch als Reisedampfer eine ausgesprochen gute Figur machen kann.

Preislich rangiert die Harley-Davidson Sport Glide im untersten Drittel!

Dass gerade auf der Sport Glide der eher unsportliche analoge Tacho montiert ist und nicht die stylishe Miniatur-Lösung an der Lenkerklemmung wie auf Softail Breakout und Street Bob ist seltsamerweise überhaupt nicht schlimm - der große Tacho mit kleinem integrierten Display am Tank fügt sich ausgezeichnet in die herrliche Linie. Das beste an der neuen Sport Glide ist - ganz untypisch für eine Harley-Davidson - ihr Preisschild: Ab 21.595 Euro in Österreich, 17.995 Euro in Deutschland und 19.800 Franken in der Schweiz rangiert sie im untersten Drittel der 13 Modelle umfassenden Softail-Baureihe - ein eindeutig faires Angebot für einen derart universell einsetz- und wandelbaren Cruiser!

Fazit: Harley-Davidson Softail Sport Glide FLSB

Acht neue Softail-Modelle, mit den stärkeren Motoren sogar 12 neue Modelle reichen wohl nicht, mit der Sport Glide schickt Harley-Davidson einen weiteren Cruiser, der optisch den Starrrahmen imitiert, ins Rennen. Der entpuppt sich als Volltreffer, denn der 107er-Motor mit 1745 Kubik, 84 PS und 145 Newtonmeter Drehmoment reicht voll und ganz, das Fahrverhalten ist ausgesprochen harmonisch und dennoch kommt die Agilität nicht zu kurz. Hammerargument für die Sport Glide ist ihre Wandlungsfähigkeit: Baby-Batwing-Verkleidung und Kofferset lassen sich in Windeseile ab- und wieder anmontieren. Lediglich die Bremse dürfte etwas kräftiger sein - Cruiser müssen nicht zwangsläufig Einzelscheiben an der Front haben...

1
Vorteile
  • kräftiger Motor mit viel Drehmoment
  • gelungene Optik
  • Windschild und Kofferset blitzschnell ab- und anbaubar
  • ausreichend Schräglagenfreiheit
  • vergleichsweise agiles Handling
  • komfortable Sitzposition
  • Cruise-Control
1
Nachteile
  • Einzel-Bremsscheibe an der Front

Bericht vom 31.01.2018 | 34.802 Aufrufe

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