Victory Gunner 2015 Test

Victory Gunner 2015 Test

Ami-Bike im Army-Style. Großes Kaliber.

Volles Magazin und Dauerfeuer in Tarnfarben. Mit 1731 Kubik V2, 139 Nm Drehmoment und unter 300 Kilo trocken ist die Victory Gunner in dieser Klasse ein Performance-Gerät, das die Gegner zu fürchten haben. Kleine Geschichte, große Zukunft?

Erfahrung kann man sich nicht kaufen, eine 100-jährige Geschichte auch nicht. Obwohl, doch, ist vor allem bei Uhrenmarken gang und gebe und auch aus der Motorradindustrie kennt man derlei Akquisitionen, um sich Tradition und Erbe auf die Fahnen schreiben zu können. Die legendären Motorräder von Marke XY sind wieder da, die Geschichte wird fortgeschrieben, zwar mit chinesischer Handschrift und dementsprechender Qualität, aber irgendwie müssen sich die Dinger ja verkaufen. Kann man machen, gegen die Premiumhersteller wird man damit aber nicht anstinken können. Am Spielfeld der Grossmächte muss man 100% glaubwürdig und transparent auftreten, sonst wird man zwar in die Geschichte eingehen, aber eher als Beispiel für „gut gemeint, schlecht gemacht“.

Since 1998. Was ist anders?

Victory wusste genau, dass ihr grösster Fehler nur sein könnte, amerikanische Geschichte einzukaufen oder zu erfinden, sie mussten ihre eigene Story beginnen und damit ein Teil davon werden. 1998 präsentierte der Motorradhersteller aus Minnesota sein erstes Modell und hat seither seine Palette sachte, aber beständig ausgebaut. Dabei lag der Fokus von Anfang an auf Performance, oder, wie sie es selbst ausdrücken „to engineer power and performance back into American V-Twins.“ Und an angemessenen Preisen. Dass sich die Cruiser, Tourer, Bagger und Bobber leicht mit den Produkten einer anderen bekannten, amerikanischen Marke vergleichen lassen, ist keine Überraschung, die Frage ist nur: Worin unterscheiden sie sich von diesen?

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Hinten 140, vorne 130. Und relativ leicht.

Der serienmässige Military-Look der Victory Gunner ist mir so jedenfalls noch nicht bekannt, statt alles in mattes Schwarz zu tauchen, entschieden sich die Amis zusätzlich für ein klassisches Militärgrün und liessen sogar hier und da nacktes Metall durchblitzen. Der Hinterreifen mit einer Breite von nur 140 mm mag auf den ersten Blick enttäuschen, zusammen mit dem 130er Vorderreifen (beide 16 Zoll) entsteht dadurch aber der typische Bobber-Look. Der ganze Gunner ist lang, breit und schwer. Relativ. 296 kg (trocken) für ein 2372 mm langes Ungetüm mit 1731 ccm grossem V-Twin sind im Vergleich ein respektabler Wert. Ebenfalls überraschend niedrig ist der Sitz. Mit nur 635 mm ist der Singleseat der Victory supersuperlow, weshalb man, einmal Platz genommen, die Angst davor verliert, nicht aber den Respekt.

Kolbenfäuste hämmern zwischen den Beinen.

Wie wir alle wissen, lebt ein Cruiser vom Drehmoment und nicht von der Leistung, weshalb Victory die PS erst gar nicht angibt. Sie geben auch das Drehmoment nicht an, aber wir wissen trotzdem, dass es 139 Nm sind. Das bedeutet ordentlich Druck, wenn man den Gasgriff richtig umdreht und die Beschleunigung ist im tiefen Sattel eines V2-Bikes einfach ein wunderbarer Genuss. Mit dem breiten Lenker in der Hand leicht zurückgelehnt die beiden Kolbenfäuste zwischen den Beinen auf sich einhämmern lassen, herrlich! Nur die Griffe waren mit als 1.80 m Standardmodell mit normal langen Fingern schon zu dick, die würde ich sicher umrüsten.

Performance ja, Schräglage nein.

Auch bei den Bremsen, je eine 300er Scheibe vorne wie hinten mit 4- bzw. 2-Kolbenbrenszange, spürt man, dass sich Victory der Performance verschrieben hat. Man kann durchaus von einer sehr sportlichen Bremsleistung sprechen, was man von dieser Art Motorrad nicht unbedingt gewohnt ist. Man ist also schnell motiviert, es etwas engagierter anzugehen, weil sich dieser Bobber trotz eines Radstandes von 1647 mm und dem stattlichen Gewicht straff du kompakt anfühlt. In den Kurven wird man von der Schräglage leider wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Schräglagen von unter 30° sind zwar in diesem Segment keine Seltenheit, hier sind es gar nur 25.5°, aber bei der Gunner schleift nach den gummierten Fussrasten sehr bald auch die mit dem Rahmen fest verschraubte Fussrastenmontage und diese Konstruktion gibt kaum noch nach. Nach einem erstaunten „Oho“ stellt man sich sofort drauf ein, bedauert aber, dass die Gunner ihre motivierte Performance in Kurven nicht fortsetzen kann.

Sauber und clean.

So legt man dann gerne den Overdrive ein und lässt sich vom flüssigen Lauf langgezogener Landstrassen treiben. Man glaubt kaum, dass der grossflächige Tank nur 17 Liter fassen soll, denkt aber trotzdem nur selten ans Stehenbleiben. So klassisch dieses Motorrad auch aussehen mag, mit weissen Lettern auf den dicken Dunlop Reifen, es wirkt modern, qualitativ hochwertig verarbeitet und zuverlässig. Die Kabel sind sauber versorgt, der Motor sehr clean gestaltet, es klappert und scheppert nichts. Nur wenn man den 50°-V2 hochdreht, beginnen die Kolben zu hämmern und der doppelläufige Auspuff lässt erahnen, was jetzt mit einer offenen Anlage im Tal los wäre.

Nein, die Victory Gunner wirkt nicht wie eine günstigere Alternative, oder gar eine Kopie. Hier haben wir ein Original, dass nicht versucht, sich zu verstellen, sondern mit seinen 17 Jahren verdammt stolz darauf sein kann, was es bisher geleistet und erreicht hat.

Fazit: Victory Gunner

Die Victory Gunner ist ein Bobber für Leute, die kein Problem mit fehlendem Prestige und Heritage haben, aber einen performance-orientierten Cruiser mit hochwertiger Verarbeitung und sauberem Design mit militärischem Einschlag suchen. Kräftiger Motor mit enormem Druck, starke Bremsen und ein angemessen straffes Fahrwerk, damit kann die Gunner beeindrucken. Weniger erfreulich ist die stark eingeschränkte Schräglagenfreiheit von nur 25.5° und die Tatsache, das nach den Fußrasten auch bald das Fußrastengestell aufsetzt.

1
Vorteile
  • starker Antrieb
  • kompaktes, straffes Chassis
  • kultivierter Motor
  • starke Bremsen
  • saubere Verarbeitug
  • eigenständiges Design
1
Nachteile
  • serienmäßig mit Solositz
  • Schräglagenfreiheit minimal
  • Fußrastengestell setzt früh auf

Bericht vom 19.06.2015 | 33.725 Aufrufe

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