MV Agusta Stradale 800 2015 Test

MV Agusta Stradale 800 2015 Test

Die Supermoto-Waffe in Tourer-Verkleidung

Bei frühlingshaften Temperaturen rund um den Gefrierpunkt machten sich K.OT und Vauli auf den Weg, die MV Agusta Stradale 800 zu testen. Wer nun Startschwierigkeiten, einen ruckelnden Motor und schiere Unfahrbarkeit wegen der Kälte erwartet hat, liegt völlig falsch. Auch die Italiener können solide und gute Motorräder bauen, die auch noch das gewisse Etwas haben, wie die MV Agusta Stradale 800 beweist!

Jeder beeinflußt alles und alles beeinflußt jeden. Auch wenn es viele von uns nicht wahr haben wollen: Alles, was wir heute tun, wird unsere Zukunft und vielleicht sogar die Zukunft aller nachhaltig beeinflußen. Ein gutes Beispiel (weil sich bei uns natürlich alles um Motorräder dreht) ist die Motorradgattung "Supermoto". Zu Beginn noch von allen gehypt und hochgelobt, waren sie plötzlich kaum mehr als eine Randerscheinung in den prall gefüllten Prospekten der Hersteller. Schuld waren die schlechten Verkaufszahlen und somit das (Nicht-)handeln der potentiellen Käufer, die dann plötzlich das Sterben der Sumos lautstark beklagten. Im Endeffekt führte deren Untätigkeit dazu, dass es so gut wie keine reinrassigen Supermotos mehr gibt.

Weitere Touren-Supermotos:

Zum Glück gibt es aber einen Ausweg aus dieser tristen Situation und der nennt sich "Nische".Denn nur so kann eine superkompakte, extrem vorderradorientierte Supermoto-Maschine wie die MV Agusta Stradale 800 als Tourer verkauft werden. Aber warum auch nicht? Der Unterschied zwischen Pudelwohlfühlen und Peinigung liegt bekanntlch im Augel des Betrachters. Und nur weil der eine sie unbequem findet, heißt das noch lange nicht, dass der andere nicht gerne mit ihr auf Tour gehen würde. K.OT und Vauli klären auf, was die MV Agusta Stradale 800 kann - und was nicht.

Vaulis Meinung zur MV Agusta Stradale 800:

Wer die MV Agusta Rivale 800 kennt, wird merken, dass die Stradale eigentlich eine Rivale mit Windschild und Kofferset ist - also eigentlich eine ziemliche Sportlerin mit radikaler Supermoto-Geometrie. Das ist aber nicht unbedingt ein Fehler, bei Ducati hat es mit der Hyperstrada, abgewandelt von der Hypermotard gut funktioniert, warum sollte es also bei der Stradale 800 schief laufen? Die Sache steht und fällt meiner Meinung nach mit der Sitzposition - wer sich beim Probesitzen auf der Stradale 800 wohl fühlt, wird mit ihr auch während der Fahrt glücklich werden, denn die restlichen Aspekte wie Motor, Fahrwerk und Optik sind extrem gelungen.

Vor allem das Dreizylinder-Triebwerk mit 798 Kubik Hubraum benimmt sich äußerst anständig was Gasannahme, Durchzug und Laufkultur anbelangt aber doch noch so unkultiviert und rau beim Sound, wie man es von solch einem Motorrad eben erwartet. 115 PS bei 11.000 Touren sind gewiss nicht zu wenig und das Drehmoment von 78,5 Newtonmeter bei 9000 Umdrehungen geht für einen Dreizylinder auch in Ordnung. Dass diese Werte erst relativ spät im Drehzahlband anstehen, merkt man im Übrigen dank der gut funktionierenden Elektronik nicht so sehr. RIde-by-Wire macht es nämlich möglich, dass die Stradale 800 schon von weit unten ohne Murren und Knurren hochzieht. Weitere Belega dafür, dass die Elektronik auf der MV Agusta gut funktioniert, sind das ABS und die Traktionskontrolle, die allerdings bei kalten Reifen und Temperaturen um die null Grad keine Wunder wirken kann.

Und auch das Fahrwerk bemüht sich redlich, einen gewissen Komfort an den Tag zu legen, vorne und hinten je 150 Millimeter Federweg sprechen für sich. Weich und bequem darf man sich die Federelemente dennoch nicht vorstellen, sowohl die vordere 43 Millimeter-Upside-Down-Gabel von Marzocchi als auch das hintere Sachs-Federbein sind immer noch ausreichend straff, um den Supermoto-Gedanken ausleben zu können.

Und da wären wir auch schon bei der zuvor bereits erwähnte Ergonomie, man sitzt bequem auf dem vergleichsweise gut gepolsterten Sattel und hat den Lenker sehr nahe am Körper, was wiederum eine angenehm aufrechte Sitzposition ermöglicht. Allerdings hockt man dadurch auch sehr nahe am (höhenverstellbaren) Windschild und ich würde mir eine Sitzbank ohne Mulde wünschen, die mir erlaubt, etwas weiter nach hinten zu rücken. So bin ich aber in die stark frontlastige Position gezwungen.

Bleibt abschließend noch die Optik, die wie immer Geschmackssache ist. Abgesehen von dem, meiner Meinung nach etwas zu brav geratenen Frontscheinwerfer ist die Stradale sehr gut gelungen. Die zeruklüftete Seitenlinie, der dreiflutige Endtopf und die fesche EInarmschwinge passen ausgezeichnet zum exklusiven Anspruch, den eine MV Agusta nun mal hat. Auch das Kofferset mit den integrierten Rücklichtern finde ich ziemlich cool - mal wieder etwas Neues! Und dass die Demontage der Koffer etwas fummelig ist und in Wahrheit nicht viel mehr hineinpasst als in einen mittelgroßen Rucksack verzeiht man einer Italienerin ohnehin gerne.

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K.OTs Meinung zur MV Agusta Stradale 800:

Als die Supermotos schon dabei waren, wieder unpopulärer zu werden, begannen einige Hersteller, die radikalen Sportgeräte zahmer und verträglicher zu machen, damit die Dinger im Alltag nicht nur wheelen und drifte, sondern ihren Reiter auch nervenschonend in die Arbeit bringen können. Diese Anpassungen beschränken sich bis heute praktisch auf die Montage von Handguards, eines Windschildes und eines Koffersets. Fertig ist das Reisemotorrad! Will sagen: Die als Reiseenduros verkleideten Sportgeräte sind immer noch ziemlich radikal und werden wohl nicht jeden auf Dauer glücklich machen.

Aber es gibt sie noch, die leidensfähigen Fahrer, die nicht denken, sie könnten alles am Motorrad auf sich einstellen, sondern sich selbst auf das Motorrad einstellen. Der Fokus liegt auf der Performance, auch bei der Stradale und deshalb sitzt man praktisch am Lenkkopf, den breiten Lenker nahe an der Brust, den Tank weit unter sich auf Höhe der Sitzbank. Sofort weiß man, ob man es mit ihr aushalten will, oder nicht. Das Design ist wie der Klang außergewöhnlich, auch wenn ich ein paar Lösungen doch entbehrlich finde. Die Seitenkoffer verdecken die Rücklichter, weshalb man die Koffer bei (De)Montage selbst an- bzw. abstecken muss. Die Blinker sind am Kennzeichenhalter/Kotflügel befestigt, ziemlich tief und ziemlich eng zusammen. Vorne hat man diese Einheiten in die Handguards integriert. Das sieht alles sehr sexy aus, ist mir aber schon fast zuviel Chichi. Trotzdem kann ich den Designern nur applaudieren, denn insgesamt ist der Auftritt der Stradale eine Sensation - so wie der von eh jeder MV.

Anfangs ist der hohe Thron gewöhnungsbedürftig, doch schnell fühlte ich mich nicht nur wohl, sondern erhaben. Das Handling war weit weniger nervös als befürchtet, das Einlenkverhalten harmonisch und Bremsen und Motor ordentlich sportlich. Die lange Tour hatte ich zwar nicht im Sinn, aber die habe ich nie. Ich fahre in die Arbeit (30 km einfach), unternehme kurze Wochenendausflüge, mache Erledigungen in der Stadt und tobe mich auf der Hausstrecke aus. Dafür wäre die Stradale ideal. Und wenn man es nur ein bisschen will, kann man auch auf die große Reise gehen.

Fazit: MV Agusta Stradale 800

Die MV Agusta Stradale 800 ist genau genommen eine Supermoto, der man lediglich vorne eine Scheibe und hinten zwei Koffer angehängt hat. Das sollte man wissen, denn dadurch empfiehlt sie sich für Leute, die ein sehr direktes Handling suchen und vorrangig aus Spaß an Kurven Motorrad fahren und nicht um weite Strecken abzuspulen. Denn die Koffer taugen nur mit Mühe für ein Wochenende und die stark vorderradorinetierte Sitzposition zwingt den Fahrer förmlich zu einer sportlichen und spaßorientierten Fahrweise. Dazu passt auch der verhältnismäßig kultivierte Dreizylinder-Motor, der aber hoch gedreht werden möchte,um sein volles Potentila auszuschöpfen.

1
Vorteile
  • kultivierter Motor, der auch von weit unten ruckelfrei hochdreht
  • Elektronik-Paket mit ABS, Traktionskontrolle und 3 Mappings
  • coole Optik
  • komfortables und dennoch straffes Fahrwerk
  • stabile und gut dosierbare Bremsanlage
  • gut gepolsterter Sattel
1
Nachteile
  • radikale Sitzposition sagt nicht jedem zu
  • Koffer nehmen nur wenig Gepäck auf und sind fummelig abzumontieren
  • Dreizylinder-Sound klingt auf anderen MV Agustas besser

Bericht vom 27.02.2015 | 18.569 Aufrufe

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