MV Agusta Brutale 800 RR Test

MV Agusta Brutale 800 RR Test

Italienisches Dreigestirn mit Seltenheitswert

Was auch für uns noch selten genug ist, um es wirklich besonders zu finden. K.OT und Vauli beginnen ihre unabhängig voneinander verfassten Texte zur Brutale 800 RR mit gleichen Worten: "Ich hatte noch nicht oft das Vergnügen..." Jetzt war es wieder soweit. Da wurde sogar ignoriert, dass es eigentlich tiefster Winter ist.

K.OTs Gedanken zur MV Agusta Brutale 800 RR

Ich habe den in der Literatur bekanntlich sehr wichtigen ersten Satz meines Textes nachträglich natürlich abgeändert, denn ich will keinesfalls, dass einer von den zwei Verfassern des Plagiats bezichtigt wird. Deshalb habe ich ihn an die dritte Stelle verschoben. Ich hatte wirklich noch nicht oft die Möglichkeit, eine MV Agusta zu fahren. Das erste Mal war auf dem Masarikring in Brünn, wo mir ein Teilnehmer am Honda Speedweekend sein Privatfahrzeug für eine Testfahrt angeboten hat. Was für eine kranke Aktion! Ich fürchte, dass wir damals beide nicht wußten, worauf wir uns einließen. Zum Glück ist alles gut gegangen und seine Brutale 910 blieb heil.

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Ansprechverhalten im Drehzahlkeller

Es folgten eine Brutale 800 und eine F3 675 bei einem Reifentest von Michelin. Der Supersportler hatte leider noch das Problem einer verhunzten Motorabstimmung, was bei der Modellüberarbeitung angeblich verbessert wurde. Die nun getestete Brutale 800 RR hatte ebenfalls ein kleines Leistungsloch im Drehzahlkeller, in das man nur in engen Kurven und Spitzkehren fallen wird. Trotzdem führte das Stottern und Stocken zu leichten Irritationen beim Fahrer. Ob das dem kalten Wetter und/oder den strengen Abgasnormen geschuldet war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.

Eine MV fährt man nach Gefühl

Sobald der 798 Kubik große Dreizylinder mit 12 Ventilen aber Fahrt aufnahm, galoppierte er los wie ein wildgewordener Stier auf der Flucht vor dem Eierabzwicken. Genau so müssen sich 140 PS in einem Naked Bike anfühlen! Die Brutale hält definitiv, was sie am Papier verspricht. Die Kraft zerrt bis in die hohen Gänge brutal an der Kette, was die Front ständig empordrückt. Der einstellbare Lenkungsdämpfer ist ein wichtiges Accessoire im Sichtbereich des Fahrers, der am schwungvoll designten Display im Blauton jede Menge Infos erfassen muss. Nicht alle lassen sich sofort ablesen, aber eine MV fährt man ja ohnehin nach Gefühl. Die Brutale ist nicht hyperhandlich, aber angenehm leichtgängig. Nur das kurze Einnicken beim Einlenken in langsame Kurven hat mich etwas gestört. Das lag aber (auch) am Reifen.

Straffes Fahrwerk, massig Elektronik

Die 43 mm Marzocchi Gabel und das progressive Sachs-Federbein sind straff abgestimmt, wobei man auf der Brutale keineswegs brutal gequält wird. Man hat aber ein feines Gefühl für die Straße und das Empfinden, ein stabiles und präzises Gefährt unter sich zu haben. Von den zahlreichen elektronischen Assistenzsystemen fühlte ich mich nicht gestört: 4 Mappings, 8-stufige Traktionskontrolle, ABS, Schaltautomat...alles verstell- oder abschaltbar und vor allem sinnvoll. Das ABS verhindert Überschläge, die Traktionskontrolle den Gripverlust (nicht 100%ig) und der Schaltautomat ist sowieso mein Lieblingszubehör. Mit der Blipper-Funktion ist es auch möglich, bei Gaswegnahme runterzuschalten. Absolut geil, der Kupplungshebel hat bald ausgedient.

Besonderes bescheiden verpackt

Am Klang erkennt man eine MV sofort, am Design auch. Leider wird dieses dem Status dieses "Sondermodells" nicht ganz gerecht. Der Dreiender-Auspuff, die Einarmschwinge, die schwarz beschichteten Alufelgen, der rote Gitterrohrrahmen, das kurze Heck, die DLC-beschichtete Gabel...das alles ist ohne Frage sensationell schön anzusehen (bis auf dem Sammler!), könnte aber auch zu jeder anderen Brutale gehören. Für eine RR bleibt sie etwas zu bescheiden und hebt sich nicht genug von den Normalos ab. Egal, ein Luxusproblem, es ist uns bleibt etwas Besonderes, auch für uns, eine MV Agusta fahren zu dürfen. Sound, Design und Fahrerlebnis sind außergewöhnlich, emotional und charakterstark. Bei der Motorabstimmung muss man jetzt schon mit der Lupe suchen, um einen Fehler zu finden.

Vaulis Gedanken zur MV Agusta Brutale 800 RR

Ich hatte ehrlich gestanden noch nicht oft das Vergnügen, MV Agusta fahren zu dürfen - diese exklusiven Schönheiten stehen nun mal nicht an jeder Ecke herum. Neben der Superbike-Göttin F4 durfte ich aber auch die Brutale 800 bei ihrer Präsentation bereits vor zwei Jahren bewegen - und kann der nun getesteten Brutale 800 RR Verbesserungen in allen Details attestieren. Vor allem die Motorelektronik funktioniert um Welten besser und beschert dem Brutale 800-Topmodell ein ruhiges und ruckfreies Hochdrehen bereits von weit unten. Dass sie im niedrigen Drehzahlbereich allerdings kaum Dampf hat, ist der Auslegung auf hohe Drehzahlen geschuldet – 140 PS bei über 13.000 Umdrehungen und das höchste Drehmoment von 86 Newtonmeter erste bei über 10.000 Touren zeigen bereits am Papier, dass die Brutale 800 RR keine untertourige Bummlerin sein möchte.

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Italiener schätzen guten Klang

Umso mehr begeistert die RR im höheren Drehzahlbereich, sowohl in Sachen Kraft als auch beim Klang. An Letzterem merkt man wiederum, dass die Italiener nach wie vor größten Wert auf coolen Sound legen. Über die Funktion der Elektronik-Features gibt es, wie schon erwähnt, nichts mehr zu meckern, die achtfach verstellbare Traktionskontrolle werkt ebenso unauffällig wie effizient, das ABS macht sich nicht negativ bemerkbar und bei den einstellbaren Leistungsmodi zeigt sich wie so oft, dass die goldene Mitte der optimale Kompromiss ist.

Gemäßigte Ergonomie und leider auch Optik

Bei Ergonomie und Sitzkomfort unterscheidet sich die scharfe RR nicht wesentlich von der normalen Brutale 800, was dem Fahrer eine zwar sportliche, etwas gestreckte, aber doch angenehme Naked Bike-Sitzposition beschert. So angenehm diese weniger radikale Ergonomie ist, so störend ist für mich die weniger radikale Optik. Das Design jeder Brutale ist grundsätzlich zum Anbeten, die Lackierung finde ich für ein Spitzenmodell aber viel zu dezent. Ich würde etwa den Look der Brutale 1090 RR in dekadentem Gold begrüßen – damit man gleich ordentlich zeigen kann, dass man sich mit einer MV Agusta etwas leistet, das sich nicht jeder leisten kann.

Fazit: MV Agusta Brutale 800 RR

Wer ein besonderes Motorrad mit Charakter, Emotionen und erotischem Design möchte, der kauft sich ein italienisches. Wer ein besonderes italienisches Motorrad möchte, der kauft sich eine MV Agusta. Damit ist gemeint, wer es noch exklusiver und seltener möchte, fährt ein Motociclo aus Varese. Das Design begeistert auch weniger interessierte Passanten und der Klang hinterlässt seine Spuren tief in der Seele jedes Motorradjüngers. Starke Leistung, straffes Fahrwerk und solide Technik. Spürbar zum Zwecke des Schnellerwerdens und nicht (nur) der Sicherheit.

1
Vorteile
  • charakterstarker, kräftiger Motor
  • straffes Fahrwerk
  • gute Ausstattung
  • geiles Design
  • hilfreiche Elektronik
1
Nachteile
  • bescheidener Komfort
  • zu brave Farbkombination
  • leichte Ansprechprobleme im Drehzahlkeller
  • Sammler unschön

Bericht vom 23.02.2015 | 36.406 Aufrufe

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