BMW R 1200 R 2015 Test

Die neue BMW R 1200 R - der Boxer-Roadster im ersten Test

Dass die Boxerbaureihe bei BMW über die Hälfte aller verkauften Motorräder ausmacht, ist nur die halbe Wahrheit, immerhin stellen alleine die R 1200 GS und ihre Abenteuer-Schwester rund 40 Prozent. Die R 1200 R ist trotzdem ein wichtiges Modell, denn bereits die Vorgängerin deckte ein breites Spektrum ab: Sie war für ihren dezenten Look erstaunlich sportlich zu fahren und ebenso in der Lage, mit optionalem Zubehör auch den Reisetrieb des Besitzers zu befriedigen. Die neue R 1200 R kann das auch – und noch viel mehr.

Es schien fast so, als wollte sich der Sprecher des BMW-Entwicklungsteams bei der Präsentation der neuen R 1200 R ein wenig bei uns ausweinen. Er wurde es jedenfalls nicht leid, zu betonen, dass die R 1200 R eigentlich die schwierigste Neuentwicklung im Portfolio der wassergekühlten Boxer war. Die R 1200 GS darf ja weiterhin kantig und etwas klobig daher kommen und die R 1200 RT hat unter ihrem Reisebomber-Kleid ohnehin genügend Platz für alle Aggregate und Anbauteile. Aber die R 1200 R sollte in ihrer neuesten Generation minimalistischer, schlanker und puristischer werden ohne dabei die Touring-Qualitäten der Vorgängerin aus den Augen zu verlieren.

Nun, das Touren sollte dank der Möglichkeit, weiterhin schlaue BMW-Koffersysteme zu montieren, kein Problem darstellen. Die Reduzierung auf das Wesentliche gelang, wie man am herrlichen Design erkennen kann, sogar bravourös. Die neue R 1200 R sieht dem Showbike Concept Roadster zum Verwechseln ähnlich, der Scheinwerfer hat so wie die Studie den coolen "LED-Knochen im Maul, das Heck läuft bei aller Funktionalität ähnlich spitz zu und beherbergt nun ein Rücklicht, das eigenständig und absolut fesch ist.

Die neue R 1200 R spricht nun auch Nicht-Fans an

Dass diese sportliche Linie eigentlich durch die beiden ausladenden Boxer-Zylinder gestört wird, ist ziemlich kontrovers, denn die R 1200 R wird gerade dadurch so unverwechselbar und ihre Fans mögen sie dafür. Ab sofort dürften sie aber auch Nicht-Fans mögen, das teils flüssiggekühlte Boxer-Triebwerk mit 1170 Kubik Hubraum ist auf einem Niveau angelangt, das eine bis dato ungeahnte Fahrdynamik bietet. Bereits in der Großenduro R 1200 GS zeigte das Triebwerk seine Stärke, im leichteren Roadster geht die Post nun noch ärger ab. Dabei sind 125 PS bei 7750 Umdrehungen kein Wert, der mich vom Hocker hauen würde, im Fahrbetrieb entpuppt sich der Motor aber als wahres Kraftwerk. 125 Newtonmeter Drehmoment bei 6500 Touren zeigen bereits, dass da in der Drehzahlmitte enorm viel Kraft vorhanden ist. Dass der Boxer aber auch von weit unten souverän zuschlägt und kein Problem damit hat, bis rund 9000 Touren ausgewunden zu werden, führt dazu, dass sich die R 1200 R durchaus mit viel stärkeren Gegnern anlegen kann.

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Leistungsmanko oder Understatement?

Ich gehe davon aus, dass etwa die Ducati Monster 1200 mit 135 PS und sogar deren S-Version mit 145 PS als ebenbürtige Gegner in Frage kommen und dank des phänomenalen Antritts sogar viel stärkere Power-Naked Bikes vom Schlage der KTM 1290 Super Duke R oder der S 1000 R aus eigenem Hause geärgert werden können. Da gibt es eigentlich kaum noch Argumente, die gegen das angeblich so unzeitgemäße Boxer-Prinzip sprechen. Einen großen Anteil an der enorm effizienten Fahrbarkeit der R 1200 R hatte bei meinen Testfahrten allerdings ein Feature, das wie erwartet nur gegen Aufpreis in dem rassigen Roadster eingebaut wird, der Schaltassistent Pro. Dass dabei die Gänge beim Hinaufschalten herrlich flutschen, ohne die Kupplung betätigen zu müssen, ist ja fast schon ein alter Hut. Nun bleiben die Finger der linken Hand aber auch beim Herunterschalten am Griff die Elektronik richtet´s. Und das so herrlich und präzise, dass ich die Techniker auf den kurvigen Straßen im südlichen Spanien dafür am liebsten umarmt hätte.

Schaltautomat Deluxe

Vor allem erstaunt es, dass das System gerade auf dem, im Vergleich zum Vierzylinder-Triebwerk doch eher ruppigen Boxer-Zweizylinder so gut funktioniert. Dritter Gang, Gas zu, Schalthebel nach unten drücken, die Elektronik gibt ganz leicht Zwischengas, zweiter Gang drinnen. Sogar vom zweiten in den ersten Gang funktioniert das einfach herrlich, da kommt keinerlei Unruhe ins Fahrwerk, die Stabilität ist ein Traum. Apropos Stabilität, das Fahrwerk ist natürlich auch auf einem sehr hohen Niveau und erstmals kommt auf der R 1200 R eine herkömmliche Upside-Down-Gabel mit 45 MIlimeter Standrohr-Durchmesser anstelle des BMW-typischen Telelever zum Einsatz ein weiterer Grund, warum ab sofort nicht mehr nur eingefleischte Fans die R 1200 R mögen und vielleicht sogar lieben werden.

Schluss mit lästiger Tradition

Denn auch die Bremsanlage leistet sich keine Fehler sondern reagiert prompt aber nicht zu giftig auf Befehle. Die beiden 320er-Scheiben in Kombination mit den radial montierten Vierkolbensätteln sind zu Beginn noch sanft und bestens dosierbar, erst bei heftigerem Zug wird brachial zugebissen. Ein wenig in der Tradition schwelgen lediglich die Armaturen, die neben dem modernen, großen Display immer noch einen vergleichsweise schlecht ablesbaren analogen Tacho beherbergen. Die Tatsache, dass BMW die unsinnige Blinkerbetätigung mit drei verschiedenen Knöpfen an beiden Lenkerenden und die typische Telelever-Frontaufhängung aufgegeben hat, lässt aber hoffen, dass auch die Tradition des schlecht ablesbaren Analog-Tachos schon bald fällt. An dessen Stelle dürfte dann gerne ein analoger Drehzahlmesser anstelle des digitalen wandern.

Das Glück liegt im Zubehör

Restlos glücklich wird man auf einer BMW allerdings ohnehin nur, wenn man sich das eine oder andere oder überhaupt alle Features von der Sonderausstattungs-Liste auf seine R 1200 R ordert. Denn sogar bei der neuen Upside-Down-Gabel schlagen die schlauen BMW-Marketing-Füchse zu: Bekommt die Basis-Version die Gabel noch in unauffälligem, ja fast schon langweiligem Silber, erstrahlt sie erst durch die Bestellung des elektronisch verstellbaren Fahrwerks "Dynamic ESA" in edlem Gold. Das geht weiter mit dem bereits hochgelobten Schaltassistenten, schlüssellosem Keyless Ride-System, Fahrmodi Pro (zusätzlich zu den serienmäßigen Modi "Road" und "Rain" auch noch "Dynamic" und "User" samt Schräglagensensor), Bordcomputer Pro und verschiedenen Sitzbänken mit Höhen von 760 bis 840 Millimeter bis hin zu verschiedenen Verkleidungsscheiben an der Front, die das etwas aufgesetzt wirkende Cockpit verdecken und verschönern alles Programm. Und sehr schlau ist diese umfangreiche Zubehörliste obendrein, denn keine einzige Option für die R 1200 R kann als unnötige Spielerei abgetan werden, da hat alles seinen Sinn und seine Berechtigung. Allerdings treibt es natürlich auch die Kosten ordentlich in die Höhe. Hört sich der Basispreis von unter 13.000 Euro in Deutschland und 14,500 Euro in Österreich noch absolut konkurrenzfähig an, kommen schnell ein paar Tausender durch Zubehör dazu wohlgemerkt alles durchaus sinnvolle Gimmicks. Ein herrliches Luxus-Problem...

Fazit: BMW R 1200 R

Bereits die Vorgängerin konnte sowohl sportlich bewegt werden als auch auf Touren überzeugen, die neue R 1200 R kann noch mehr - dank (natürlich aufpreispflichtigem) Koffersystem sind Reisen nach wie vor kein Problem, den Sport beherrscht sie aber sogar noch besser. Dank dem nun teilweise wassergekühlten Boxer-Zweizylinder-Motor ist sie herrlich agil - 125 PS wirken am Papier zwar nicht sonderlich viel, der Motor schiebt aber unglaublich an und benimmt sich obendrein auch noch kultiviert. Auch Fahrwerk und Bremsen können voll punkten und die Sitzposition ist sportlich aufrecht, wodurch ein weites Spektrum von herrlichem Spaß bis weites Touren abgedeckt wird. Leider versteht BMW auch den Trick mit der Aufpreisliste perfekt. Das Basismodell ist nämlich mit abschaltbarem ABS, ebenso deaktivierbarer Antischlupfregelung und zwei Fahrmodi durchaus gut ausgestattet, viele interessante Gimmicks sind aber fast schon Pflicht - und treiben den Preis natürlich weit in die Höhe.


  • Sportliche Optik
  • antrittsstarker Motor
  • guter Klang
  • bequeme Sitzposition
  • ABS und Traktionskontrolle Serie
  • zwei Fahrmodi
  • Viele coole Features nur gegen Aufpreis erhältlich
  • schlecht ablesbarer Tacho und Drehzahlmesser

Bericht vom 04.12.2014 | 67.468 Aufrufe

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