Motorrad-Reise durch die Cevennen in Frankreich

Französische Versprechen

Menschenleere Gebiete, Kurven ohne Ende und Savoir vivre – die französischen Cevennen locken Motorradfahrer mit einem außergewöhnlichen Erlebnis. Aber ist die Region im Südwesten Frankreichs die lange Anreise wirklich wert?

Text+Fotos: Thilo Kozik/RKM

Allgemeine Informationen zu den Cervennen in Frankreich

Die Cevennen sind der südöstlichste Teil des französischen Zentralmassivs und umfassen Bereiche der Départements Ardèche, Lozère, Gard und zu einem sehr geringen Teil in Haute-Loire. Sie liegen rund 100 Kilometer nordwestlich von Avignon und bestehen im Norden aus den Hoch-Cevennen (Hautes Cévennes) mit den Granitstein-Gebirgsmassiven Mont Lozère (höchster Gipfel, 1699 Meter) im Nordosten sowie Mont Aigoual (1567 Meter) im Südwesten. Im Süden dominieren die extrem trockenen Kalkstein-Hochebenen der Causses zwischen 750 bis 1250 Meter Höhe, die von den tiefen Schluchten (= Gorges) der Flüsse Tarn, Lot und Jonte durchzogen werden. Trotz der Nähe zum Mittelmeer ist das Klima recht rau mit kalten Wintern und regelmäßigem Schneefall. 1970 wurde der zentrale Teil der Cevennen mit 3.213 km² zu Frankreichs größtem Nationalpark erklärt, seit 1985 ist er auch ein UNESCO-Biosphären-Reservat. Aufgrund der schwierigen Zugänglichkeit früher waren die Flüsse die einzigen Verkehrswege durch das Gebiet liegen die nennenswerten Orte alle am Rand der Cevennen: Mende (12.000 Einwohner), Millau (22.013) und Alès (41.031).

Anreise in die Cervennen in Frankreich per Motorrad

Die schnellste Route aus dem Norden führt über Luxemburg, aus der Mitte und dem Süden über Mulhouse in Richtung Lyon. Je nach Reiseziel und der zur Verfügung stehenden Zeit biegt man von der Rhônetal-Autobahn A6 nach Westen ab.

Frankreich ist groß, das sieht man schon auf jeder Karte. Wie weitläufig unser westliches Nachbarland indes wirklich ist, merkt man erst bei der Anreise in ein Zielgebiet insbesondere, wenn die avisierte Region wie die angesteuerten Cevennen nicht an einer der großen Durchgangsadern liegt. Von mir daheim sind es fast 900 zermürbende Autobahn-Kilometer, die selbst auf so einem ausgewachsenen Tourenmotorrad zu viel des Guten für den Allerwertesten sind. Doch irgendwann hat jede (Tor-)Tour ein Ende, und kurz nachdem ich der Rhônetal-Autobahn den Rücken gekehrt habe, feiern wir den eigentlichen Beginn des Trips mit einem ausgiebigen regionalen Abendessen und lokalen Tropfen im Weingut Domaine Notre Dame de Cousignac.

Ein guter Start der Cervennen-Motorradreise

Frisch gestärkt geht es am nächsten Morgen über die gut präparierte, verwinkelte D290 im tief eingeschnittenen Tal der Ardèche in Richtung Cevennen. Ein Muss ist die Stippvisite beim jüngsten Tourismus-Magneten der gesamten Region, der Chauvet-Höhle bei Vallon-Pont-d'Arc. Oder besser gesagt im 55 Millionen Euro teuren Besucherzentrum, das auf 3.000 m² die Ur-Höhle originalgetreu nachbildet. In dem gigantischen künstlichen Höhlenraum haben Künstler die bis zu 32.000 Jahre alten Wandmalereien mit alten Techniken reproduziert, was selbst archäologisch weniger Interessierte nachhaltig beeindrucken dürfte.

Nach soviel prähistorischen Impressionen will der Kopf staubfrei geblasen werden. Das gelingt auf dem folgenden Streckenabschnitt mit Bravour, allerdings ist dafür alles andere als eine Riesenleistung notwendig: Auf den kurvigen Landstraßen zweiter und dritter Ordnung sind schon Mittelklassemotoräder bei der Musik ganz vorne dabei, auch wenn bei dem ein oder anderen Kollegen im vollen Schräglagenmodus schon mal der Hauptständer den erstaunlich griffigen Untergrund touchiert und zu etwas mehr Zurückhaltung gemahnt. Doch der Kurvenspaß ist erste Sahne Chapeau den französischen Straßenbildnern!

Mittelalter-Flair in den Cevennen

Nach vielen Abbiegungen, die sich kein Mensch merken kann, erreichen wir kurz vor Le Vans die D901 diese Straße brennt sich unwillkürlich ins Gedächtnis ein. Mehr als 80 Kilometer feinste Spaghetti-Ware, gefühlt keine hundert Meter geradeaus und so viele schnelle Schräglagenwechsel hintereinander, dass das Gleichgewichtsorgan im Ohr nach Gnade schreit. Zeigten die guten Gummis nach der langen Geradeaus-Herfahrt noch ein leicht eckiges Profil, macht die D901 alles wieder rund.

La Garde Guérin, Cevennen, Frankreich
Ein Hauch von Mittelalter in La Garde Guérin

Um Körper und Geist etwas Ruhe zu gönnen, biegen wir kurz hinter der Grenze zum Departement Lozère am Stausee von Villefort rechts ab und erreichen oben auf einem Höhenrücken La Garde Guérin. In diesem Weiler scheint die Zeit still zu stehen: Innerhalb eines mittelalterlichen Mauerrings schmiegen sich die aus weitgehend unbehauenen Natursteinen errichteten Häuser eng aneinander, nur eine puristisch eingerichtete romanische Kirche ragt aus den roten Ziegeldächern hervor ein malerisches Ensemble, das zusätzlich von einem hohen Wehrturm dominiert wird. Über das alte Kopfsteinpflaster weht ein Hauch von Mittelalter, und beim Besteigen des Wehrturms kommt man sich vor wie ein Landedelmann, der seinen Blick schweifen lässt: Von weit oben über die Ländereien und bis zu 400 Meter tief hinab in die Schlucht des Flüsschens Chassezac.

Ein Abstecher zum Mont Lozére

Soviel Beschaulichkeit und ärmliche Anmut lockt natürlich auch andere Touristen an, und bevor eine Kleinbusladung davon das Örtchen in Beschlag nimmt, nehmen wir lieber Reißaus. Es geht wieder hinab zu den Kurvenfreuden der D901 bis nach Le Bleymard, wo wir uns im Hotelrestaurant La Remise stärken und uns Patron Claude selbst ein passionierter Motorradfahrer den Abstecher zum Massiv des Mont Lozère über den Col de Finiels wärmstens ans Herz legt. Ursprünglich wollten wir im Tal weiter nach Mende fahren, doch Claude hat mit seinen schwärmerischen Ausführungen unsere Neugier geweckt; und da die D20 über den Pass nach Le Pont-de-Montvert direkt gegenüber vom Hotel abzweigt, nehmen wir den Vorschlag gerne auf.

Mont Lozére, Cervennen, Frankreich
Der Mont Lozére überragt die gesamte Landschaft

In der Tat ist die mehr als zehn Kilometer lange Auffahrt zum höchsten echten Pass der Cevennen in 1581 Meter ein Quell der Zweiradfreude. Nach anfänglichen bewaldeten Abschnitten empfängt uns oben eine karge offene Hochebene mit weiten Ausblicken nach Süden ins Tal der Tarn. Dass hier ein Skilanglaufgebiet mit winterlicher Schneesicherheit liegt, kann man sich angesichts übrig gebliebener Schneeflecken gut vorstellen, auch der beißende, bitterkalte Wind untermauert diesen Eindruck.

Reisezeit für Motorrad-Touren in die Cervennen in Frankreich

Der beste Zeitraum für eine Cevennen-Reise reicht vom Frühsommer bis in den Herbst hinein. Ab Anfang Mai sind die Pässe befahrbar, es kann aber noch empfindlich kalt und vor allem nass sein. In den Sommermonaten herrschen angenehme Temperaturen, und selbst in der Hochsaison machen die Cevennen keinen überlaufenen Eindruck.

Cervennen - Das einsamste Fleckchen Frankreichs

Der lohnenswerte Abstecher hat Zeit gekostet. Zurück im Tal des Lot lassen wir sämtliche Pferdchen galoppieren, um nicht allzu spät Mende, den Sitz der Präfektur des Lozère, zu erreichen. Das klappt, weil der Asphalt der D901 makellos und Verkehr praktisch keiner vorhanden ist das Département Lozère ist mit einer Bevölkerungsdichte von 15 Einwohnern/km² nicht nur das am dünnsten besiedelte Département ganz Frankreichs, es gilt als eine der bevölkerungsärmsten Gegenden der Europäischen Union überhaupt. Das hat mit der stark ländlichen Prägung, der unzugänglichen Lage sowie der daraus resultierenden Landflucht zu tun. Hier sind so wenige Autos, Liefer- und Lastwagen auf der Straße, dass uns nahezu jeder Chauffeur freundlich zuwinkt.

Bestens gelaunt nach einem Tag voller gigantischer Zweiradfreuden gönnen wir uns am Abend eine besondere Herberge: Das Hôtel de France in Mende bietet nicht nur großzügige und komfortabel eingerichtete Zimmer, sondern auch eine erstklassige Küche. Die dort verarbeiteten frischen, lokalen Zutaten verschaffen uns einen wohlschmeckenden Einblick in regionale Spezialitäten, bevor wir in den weichen Kissen sanft und satt entschlummern.

Die wildem Kalksteinhochebenen der Cervennen

Am nächsten Morgen treibt uns die Sonne zeitig aus den Betten, wir stärken uns mit einem für Frankreich untypisch üppigen Frühstück und beladen voller Vorfreude auf einen weiteren tollen Tag die Gepäckbehälter. Schon gehts los in Richtung des Dörfchens Sainte-Enimie, das mit der Auszeichnung Plus beaux villages de France (schönste Dörfer Frankreichs) lockt. Angefixt vom gestrigen Tag wählen wir natürlich nicht den direkten Weg, sondern schlagen uns von Balsièges im Lot-Tal an den winzigen Bruchstein-Dörfern Saint-Étienne-du-Valdonnez, Quézac und Castelbouc vorbei zu unserem Ziel, das an einer Engstelle der Tarnschlucht gelegen ist.

Gorges du Tarn
Hunderte Meter tief haben sich die Flüsse Lot, Tarn und Jonte in das Kalkgestein gegraben.

Auf dem Weg zwischen den beiden Tälern überrascht uns eine vollkommen andere Landschaft als in den engen und grünen Flusstälern aus den Schluchten geht es steil hinauf und wir erreichen eine leicht gewellte, sehr weitläufige Hochfläche, karg und fast ohne Baumbestand, nahezu menschenleer. Das sind die unfruchtbaren, wilden Kalksteinhochebenen der Causses, in die sich die Flüsse Lot, Tarn und Jonte mehrere hundert Meter tief hineingefräst haben. In dieser einsamen Gegend betreiben die wenigen Menschen die traditionelle Wanderschäferei noch wie vor Urzeiten, weshalb die UNESCO die Region zum Welterbe der Kultur erhoben hat. Doch auch ohne dieses Wissen wirkt die Landschaft unheimlich beeindruckend, ja fast bedrückend in ihrer Offenheit und Nähe zum Himmel.

Kurvenspaß in den Cervennen

Lebendiger wird's wieder tief unten im Gorges du Tarn mit dem mittelalterlichen Sainte-Enimie. Ein kurzer Rundgang zeigt, dass die Auszeichnung nicht zu viel versprochen hat das malerische Dörfchen mit seiner aus großen Felsblöcken errichteten Brücke, den engen gepflasterten Gassen und dem charmanten Ensemble aus aneinander gelehnten Bruchsteinhäusern muss man einfach mögen. Nach einer kurzen Rast mit der stärkenden "Plat du jour" im Dorf-Restaurant geht's weiter in Richtung des nächsten Etappenziels La Malène.

Abfahrt nach La Maléne, Cervennen, Frankreich
Abfahrt nach La Maléne

Wieder wählen wir nicht die kurvige Strecke am Fluss entlang, vielmehr entscheiden wir uns für die Route über die alte Brücke hinauf auf die Causse Méjean, mit 340 km² in einer Höhe zwischen 800 und 1247 Meter das größte der südfranzösischen Kalkstein-Plateaus und mit rund 450 Einwohnern extrem dünn besiedelt. Über die D986 und D43 gelangen wir zu einem absoluten Highlight der Tour, dem Abstieg nach La Malène in die Tarnschlucht. Wie am Stilfser Joch windet sich das schmale Asphaltband in unzähligen Serpentinen den Hang hinab und gewährt stets einen tiefen Blick auf das Felssteindörfchen mit dem tiefgrünen Wasser des Tarn. Diese Straße ist so unterhaltsam, dass wir sie gleich noch einmal rauf und runter fahren und die ganze Schwermut der Causse-Stimmung mit quirligem Fahrspaß wegspülen.

Cervennen - Der Motorrad-Geheimtipp in Frankreich

Unten angekommen, haben sich Mann und Maschine eine Pause redlich verdient. Bei einem oder zwei Cafés au lait und dem Blick aufs dahinfließende Wasser und die bunten Bötchen, genauer gesagt Kanus, reift in uns ein Entschluss: Wir wollen die Schlucht einmal von unten, vom Wasser aus sehen und melden uns direkt für eine Bootstour an, Und die wird mit den Bateliers de la Malène" zwischen riesigen, unzugänglichen Kalksteinwänden allein durch die andere Perspektive vom Wasser zu einem echten Erlebnis. Neben atemberaubenden Blicken auf überhängende Felsformationen schlägt die umfassende Stille unsere Gruppe in ihren Bann, die Bootsführer begeistern mit fachkundigen Kommentaren zu Artenreichtum der Fische und Vögel, jede noch so detaillierte Frage wird beantwortet.

Gorges du Tarn, Cervennen, Frankreich
Auch abseits von zwei Rädern überzeugen die Cervennen

Tief beeindruckt schlagen wir nach der Rückkehr einen großen Bogen von La Malène über die nördlich gelegene Causse de Sauveterre und kehren nach einem weiteren erstklassigen Spitzkehren-Menü bei Les Vignes Village in die Tarnschlucht zurück. Bei Peyreleau biegen wir links ab in den Gorges de la Jonte, der die Causse Méjean von der südlichen Causse Noir trennt, und erreichen mit dem letzten Büchsenlicht Meyrueis. Beim abendlichen Drei-Gang-Menü ist sich die Reisegruppe einig: Obwohl die weitere Route noch einiges verspricht, haben sich die Strapazen der Anreise schon jetzt mehr als bezahlt gemacht. Und Morgen gibts noch einen Zuschlag in Form der kurvenreichen Auffahrt zum Mont Aigual sowie die unterhaltsame Weiterfahrt über die wunderbar kurvige D907. Damit hinterlässt dieses großartige Kurvenrevier mehr Motivation als die langweilige Heimreise aus den Hirnen zu erodieren vermag.

Bericht vom 12.12.2021 | 24.131 Aufrufe

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