Einmal ans Meer - Motorrad-Reise in Belgien

Mit Ducati Scramblers auf den Trampelpfaden Belgiens

Wer in Belgien ans Meer will, nimmt den kürzesten Weg. Wer mehr als nur Wellen sehen möchte, lässt sich auf eine Tour abseits der großen Touristenrouten ein und erlebt das Land von einer ungewohnten Seite.

Text: Thilo Kozik, Fotos: RKM

Belgien, das unscheinbare Land im Westen Europas, mit dem kleinen Küstenstreifen an der Nordsee, ist so dicht besiedelt und unattraktiv, dass man am besten schnell hindurch braust. Falsch! Wer sich einmal in die Landkarte vertieft, entdeckt abseits der Durchgangsstraßen viel freie Fläche und kleine Strecken, die eine Fahrt ans Meer zu einer richtigen Entdeckungstour werden lassen. Die Voraussetzungen dafür sind denkbar simpel: Ein Motorrad mit halbwegs grobstolliger Bereifung, ein Paar Packtaschen und einen Rucksack fertig ist die Komplettausrüstung fürs lange Wochenendvergnügen. Passenderweise rücken wir auf Ducatis Desert Sled aus, der italienische Zweizylinder ist nicht überkandidelt hinsichtlich Leistung und Elektronik und moderat geländetauglich, das passt zu unserem unkomplizierten Vorhaben wie die Faust aufs Auge.

Allgemeines zu Belgien

Das Königreich Belgien grenzt an Deutschland, Luxemburg, Frankreich und die Niederlande, im Westen wird es von der Nordsee begrenzt. Das Land hat etwa zehn Millionen Einwohner, davon etwas weniger als 60 Prozent Flamen und ein Drittel Wallonen, zehn Prozent Brüsseler und eine deutsch-sprachige Gemeinde von unter einem Prozent im Osten das erklärt zum Teil das komplizierte Staatsgebilde. Aber auch die extrem wechselvolle Geschichte mit vielen Herrschern ist ein Grund.

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Zwischen mahnenden Gedenkstätten und idyllischen Dörfern

Von Westen kommend streifen wir zuerst durch die Ardennen und stellen fest, wie kurvig und waldreich die Gegend zwischen Aachen und Lüttich sein kann wenn man eben nicht über die Europastraßen E42 oder E40 schnurstracks nach Westen düst. Zahlreiche Gedenkstätten, die unvermittelt rechts und links am Wegesrand auftauchen, erinnern an die leidvolle Zeit der Region als Kriegsschauplatz der beiden großen Weltkriege, mal als Stolz geschwellt zur schau gestellter Panzer, mal als trauriges Mahnmal in Form riesiger Kriegsgräber. Die unzähligen weißen Kreuze als Sinnbild eines sinnlosen Abschlachtens, egal von welcher Seite.

Motorrad-Tour durch die Ardennen
Weltkriegserinnerungen in den Ardennen

Bevor uns die Melancholie der Orte zu sehr in ihren Bann zieht, richten wir die Vorderräder weiter nach Westen, und jede Radumdrehung befördert uns weg von den schrecklichen Erinnerungen. Unsere erste Rast machen wir im Dorf Clermont-sur-Berwinne in der wallonischen Provinz Lüttich, weil es in der Liste der schönsten Dörfer Walloniens weit vorn platziert ist. Nicht zu unrecht, wie wir beim Besuch feststellen dürfen: Clermont liegt zwischen den Ausläufern der blauen Ardennen in einer kleinen Senke, direkt an der Berwinne, einem kleinen Nebenfluss der Maas. Zweigeschossige Häuser dominieren die Ansiedlung, manche von ihnen aus den braunen großen Steinquadern erbaut, die für die Gegend so typisch sind. Aus den weißen Sprossenfenstern beobachtet uns das ein oder andere neugierige Paar Augen, doch viel ist nicht los, als wir über das Kopfsteinpflaster durch das hübsche Dörfchen tuckern.

Die beste Reisezeit für Belgien

Das Klima ist mild und mäßig. Als beste Reisezeit ist daher der frühe bis späte Sommer zu empfehlen, es wird selten zu heiß, und selbst in der Hochsaison ist Belgien mit Ausnahme des kleinen Küstenstrichs nie überfüllt. Den Touristenstrom an der Nordseeküste entgeht man besser. Außerdem sollte man für alle Fälle immer ein paar wasserdichte Klamotten und einen Pullover ins Reisegepäck stecken.

Die wilden Seiten Belgiens - Mit dem Motorrad auf den belgischen Schotterwegen

Mit gefühlt minimalem Abstand reiht sich hier ein kleines Dörfchen ans andere, beherrscht von einer aufragenden Kirche und verbunden durch einspurige Straßen. Diese erinnern mit ihrem Saum aus hohen Hecken ein wenig an englische Landschaften. Ähnlich wellig ist das Land, geprägt von Feldern, Äckern und Wiesen, durch die die Ducatis unbeschwert rollen. Verkehr? Fehlanzeige. Gerade Linien? Nö, hier folgen die Straßen den natürlichen Gegebenheiten, manchmal vermutlich auch den Besitzverhältnissen der Ländereien. Begegnungen beschränken sich weitgehend auf ein paar Bauern mit ihren Traktoren, ansonsten scheint der Rest der Welt auf den entfernten Autobahnen unterwegs zu sein.

Mit dem Motorrad auf belgischen Schotterstraßen
Auf zum Horizont

Mit gefühlt minimalem Abstand reiht sich hier ein kleines Dörfchen ans andere, beherrscht von einer aufragenden Kirche und verbunden durch einspurige Straßen. Diese erinnern mit ihrem Saum aus hohen Hecken ein wenig an englische Landschaften. Ähnlich wellig ist das Land, geprägt von Feldern, Äckern und Wiesen, durch die die Ducatis unbeschwert rollen. Verkehr? Fehlanzeige. Gerade Linien? Nö, hier folgen die Straßen den natürlichen Gegebenheiten, manchmal vermutlich auch den Besitzverhältnissen der Ländereien. Begegnungen beschränken sich weitgehend auf ein paar Bauern mit ihren Traktoren, ansonsten scheint der Rest der Welt auf den entfernten Autobahnen unterwegs zu sein.

Motorradfahren in Belgien

Motorradfahrer müssen sich ihr Vergnügen auf den kleinen Sträßchen suchen, dort findet es sich jedoch in rauen Mengen. Die Städte sind allesamt eine Sightseeing-Tour wert, vor allem die alten Handelsstädte wie Brügge oder Gent sind einen Besuch wert. Und natürlich die Ardennen in Belgiens Süden, hier finden sich viele faszinierende und abwechslungsreiche Motorradrouten nebeneinander.

Das belgische Gold

Unserem Navi haben wir den Befehl kleine und kleinste Sträßchen verordnet, doch manchmal führt uns das Gerät auch über Feld- und Nebenwege, Chemin genannt, mit unasphaltierten Untergründen. Anfang hatten wir wohl vergessen, die Einstellung unbefestigte Straßen vermeiden anzuklicken. Doch inzwischen ist das keine Option mehr für uns, zum einen, da die Desert Sleds mit dem nicht sonderlich kniffligen Geläuf fast spielerisch zurecht kommen, zum anderen, weil es einfach Spaß macht und extrem kurzweilig und abwechslungsreich ist.

Belgische Fritten
Belgisches Gold

Unsere zweite Rast steht ganz im Zeichen des belgischen Nationalgerichts, das hier ein ganz anderes kulinarisches Leben fristet als bei uns daheim: Pommes, Fritten, Patatjes oder Pommes Frites, kurzum das Gold Belgiens, das aus frischen Kartoffel, vorzugsweise der Sorte Bintje, zweistufig frittiert serviert wird. Die gibt es in fast jedem Ort, am besten schmecken sie uns aus der Tüte und geben Energie für viele weitere abwechslungsreiche Kilometer vorbei an Äckern, Grünland und weiten Weiden.

Unterkünfte in Belgien

Belgien ist das Land der Campingplätze und kleinen Privatunterkünfte. Viele Orte haben ihren eigenen Platz, der die bescheidene Infrastruktur durch persönliche Begegnungen und ausgeprägte Ruhe wieder wettgemacht. Gerade auf dem Land bietet sich die Übernachtung in einem Privatzimmer mit Einheimischen-Anschluss an.

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Auf den Spuren Napoleons

Als sich die Sonne Stunden später so langsam dem westlichen Horizont nähert, könnte man auf den Gedanken kommen, wir hätten auf den ganzen Kringelwegen zu viel Zeit liegen lassen. Gefühlt ist jedoch das Gegenteil der Fall: Bei dem Stochern durchs belgische Hinterland gewinnen wir etwas. Und zwar Einblicke in dörfliche Gemeinschaften, die so schon vor fünfzig Jahren existieren könnten, in kleine Örtchen, die nicht von randlichen Reihenhaussiedlungen eingeengt quasi-natürlich wachsen, und in eine Agrarlandschaft, die vielseitig bestellt wird und aus Kartoffeläckern, Kohlregionen, Gemüseanbau und Weiden für Milchvieh und Pferde besteht.

Löwenhügel in Waterloo
Vor dem Löwenhügel, dem Ort von Napoleons Niederlage

Im goldenen Abendlicht erreichen wir unser Ziel mit wahrhaft historischen Dimensionen: Waterloo. Hier, wo 1815 Napoleons Armee von den vereinigten Streitkräften Englands und Preußens niedergerungen wurde, erhebt sich als Andenken ein monumentaler Kegel mit einem Löwen obendrauf. Viele Besucher flanieren über das weitläufige Areal und besuchen die Ausstellung das Memorial von Waterloo 1815 ist ein Museumskomplex auf dem ehemaligen Schlachtfeld südlich von Brüssel. Es umfasst ein 2015 eingeweihtes Museum, den erwähnten, weithin sichtbaren Löwenhügel, das Panorama der Schlacht von Waterloo und die Hougoumont Farm. Man könnte auf den Hügel klettern, aber wir sind einfach zu müde.

Belgier gibt es nicht!

Auch wenn die Preußen nicht kommen, wird es doch Nacht und für uns Zeit, eine Bleibe zu suchen. In der Umgebung ist das kein Problem, es gibt eine Vielzahl Übernachtungsmöglichkeiten in jeder Preisklasse. Den ereignisreichen Tag lassen wir bei der zweiten landestypischen Spezialität ausklingen, dem belgischen Bier: Wohl nirgendwo auf der Welt gibt es eine solche Vielfalt mit Weltruf. Vom Leffe Blond bis zum extrem starken Trappistenbier, der wohlschmeckende Gerstensaft hat hier Tradition und verlangt nach einer Kostprobe. So sinken wir ziemlich ermattet, aber reichlich froh nach bestem Fahr- und Kulinarik-Genuss in die Federn.

Friterien in Belgien
Am Wegesrand gibt's immer eine Friterie

Am nächsten Morgen geht es zeitig los, auch wenn die Temperaturen gerade zweistellig sind wir haben ein Ziel vor Augen, und das ist das Meer! Deshalb schlagen wir uns im übertragenen Sinne alsbald in die Büsche, dabei sind auch die kleinen Landsträßchen mit einem ähnlichen Verkehrsaufkommen wie gestern gesegnet. Nachdem wir die Ausläufer der Europa-Stadt Brüssel hinter uns gelassen haben, sind wir wieder auf dem platten Land an unbekannten Ortsnamen vorbei wie Bierghes, Kester Lieferinge und Gaalmarden gelangen wir nach Geraardsbergen in Ostflandern. Auf dem Weg hierhin sind wir ständig über die Grenze hin und her gefahren und haben es nicht bemerkt: Die Sprach- und Regionalbarriere zwischen dem flämischsprachigen Flandern und der französischsprachigen Wallonie ist kaum sichtbar, aber in den Köpfen der Menschen stark verankert. Eben hieß es noch Pommes Frites, jetzt prangt Patatjes mit Kreide auf die Schiefertafeln vor den Restaurants gemalt. Beim Gespräch am Ackerrand bekommt man zudem den Eindruck: So richtig grün sind sich die Belgier der einen Seite nicht mit denen von der anderen. Sehr treffend ist daher die Aussage des flandrischen Dichters René de Clerq: Es gibt einen belgischen König, viel belgisches Theater, eine belgische Flagge, ein belgisches Lied, aber Belgier, die gibt es nicht.

Essen & Trinken in Belgien

Belgier essen gern, gut und ausgiebig, das haben sie mit den Franzosen gemein. Kein Wunder, dass die Küche französisch orientiert ist. Auf dem Land bekommt man jedoch meist Hausmannskost, die deftig und schmackhaft ausfällt. Als Zwischenmahlzeit kann man bedenkenlos in irgendeine Friterie oder Frituur hineinlatschen, enttäuscht wird man nie. An der Küste gibt es durch die Nähe des Meeres Fische und Schalentiere seefrisch. Das Nationalgetränk ist das Bier. Viele Sorten kommen aus Klosterbrauereien und werden noch nach alten Rezepten gebraut, eine echte Empfehlung für den Abend!

Auf der Route der legendären Flanderrundfahrt - Motorradtour in Belgien

Irgendwo zwischen Oudenaarde und Waregem schüttelt uns ein schmaler Weg mächtig durch: Wir fahren über Belgisch Block, vom jahrhundertealten Verkehr abgeschliffene Granit-Kopfsteinpflaster, die in der Auto- und Motorradindustrie für Fahrwerkstests dienen. Unseren italienischen Diven setzt der Untergrund zwar ordentlich zu, doch die kurzen steilen Anstiege stellen kein Problem für die Desmo-Twins dar. Erst viel später wird uns bewusst, dass wir hier legendäres Terrain befahren diese Route nehmen auch die Radprofis bei der knallharten Flandernrundfahrt im Frühjahr. Wenn ich daran denke, kriege ich schon Muskelkater in den Beinen...

Mit dem Motorrad in Belgien
Flandernrundfahrt mit Motor

Bei uns sind eher die Handgelenke gefordert. Durch die extrem gewundenen Wege sind wir gezwungen, stets fleißig zu schalten; doch das ist ja eigentlich ein Plaisier, kündet es doch von der abwechslungsreichen Streckenführung. Glücklicherweise regnet es nicht, wie es bei der Flandernrundfahrt üblich ist. Denn dann würde so manches Kopfsteinpflaster einen Reibwert nahe Glatteis bekommen, und die unbefestigten Feldwege würden mit unerkennbar tiefen Pfützen das Weiterkommen erheblich verlangsamen.

Weitere Informationen und Karten zu Belgien

Detailliert, aktuell und hilfreich sind die Michelin-Karten im Maßstab 1 : 200.000 wie Belgien Süd und Ardennen und die Regionalkarte Benelux 533, Belgien Nord und Mitte. Unterkünfte, Veranstaltungen, Sehenswertes und mehr findet auf man der Homepage www.belsud.com, im Portal www.belgium.be und unter www.belgieninfo.net. Dort gibts detaillierte Informationen über Belgien und die Hintergründe, die das Leben hier beeinflussen.

Endlich am belgischen Meer

Unserem Ziel kommen wir immer näher, und bei einer Luftlinie von gut vierzig Kilometer bis zur Küste sollte man meinen, dass wir unsere Füße im Handumdrehen ins kalte Nordseewasser halten können. Doch da haben wir die Rechnung ohne das Navi gemacht, das uns im Zickzack an Gräben entlang und über einspurige kleine Brücken führt. Wie gestern ist die Zeit im Fluge vergangen, und statt eines Kompasses brauchen wir nur in Richtung der untergehenden Sonne weiter zu fahren.

Mit dem Motorrad an der belgischen Küste
Abschlussfoto am Morgen

Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nehmen wir für die letzten paar Kilometer tatsächlich die Nationalstraße 8, die von Fleteren schnurgerade und stumpf an Veurne vorbei zur Küste führt. Wir habens geschafft: Im allerletzten Büchsenlicht erreichen wir die Dünen zwischen De Panne und Koksijde und erhaschen noch einen Blick auf die in der Nordsee untergehende Sonne. Das obligatorische Abschlussfoto am Strand mit Segelboot und Wellen im Hintergrund müssen wir auf Morgen früh verschieben. Doch das ist kein Problem: Wir geben uns am Abend den bekannt-guten belgischen Genüssen hin und schießen das Bild bei mildem Morgenlicht am nächsten Tag.

Bericht vom 18.07.2021 | 3.320 Aufrufe

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