Warum Harley-Davidson plötzlich Rennsport liebt
Harley bringt Cruiser- und Sportbike-Welt zusammen
Was in den USA seit Jahrzehnten ganz normal ist, sorgt in Europa nun gemeinsam mit der MotoGP für Aufsehen. Jason Kehl erklärt beim MotoGP Media Day am Red Bull Ring, warum Harley-Davidson seine Racing-DNA jetzt auch international stärker sichtbar machen möchte - und weshalb die Marke mehr verbinden als polarisieren will.
Harley-Davidson und MotoGP - noch vor wenigen Jahren hätte diese Kombination für viele Motorradfans völlig absurd geklungen. Doch genau dieses Bild verändert sich aktuell rasant. Beim MotoGP Media Day am Red Bull Ring wurde schnell klar: Der Harley-Davidson Bagger World Cup soll weit mehr werden als nur eine kuriose Nebenserie mit großen V2-Touring-Bikes.
Denn hinter dem Projekt steckt eine deutlich größere Idee: ”We wanted to break down the barriers within the motorcycling community.” Jason Kehl, Technical Director und Team Principal von Harley-Davidson Factory Racing, spricht im Gespräch mit 1000PS erstaunlich offen darüber, worum es Harley-Davidson bei diesem Projekt wirklich geht. Nicht nur um Racing. Nicht nur um Show. Sondern darum, unterschiedliche Motorradwelten wieder näher zusammenzubringen.
Harley will Cruiser- und Sportbike-Szene näher zusammenbringen
Über viele Jahre galt Harley-Davidson vor allem als Marke für Cruiser, Touring und klassischen V2-Lifestyle. Die Sportbike-Welt entwickelte sich parallel oft völlig getrennt davon. Genau diese Trennung möchte man nun zumindest teilweise aufbrechen. Harley-Davidson bringt mit dem FIM Harley-Davidson Bagger World Cup 2026 eine neue Rennserie an den Start - ausgetragen werden zwölf Rennen an sechs Rennwochenenden.
”There are people who love sport bikes and people who love cruisers - but at the end of the day we all love motorcycles” sagt Jason Kehl. Der Bagger World Cup soll deshalb bewusst neue Berührungspunkte schaffen. Fans, die normalerweise nur MotoGP Prototypen verfolgen, sollen plötzlich Interesse an großen und schweren V2-Rennmaschinen entwickeln - und umgekehrt.
Dabei spielt die Partnerschaft mit MotoGP eine zentrale Rolle. Der Harley-Davidson Bagger World Cup wird direkt im Rahmen ausgewählter MotoGP-Wochenenden ausgetragen und soll künftig noch stärker Teil des gesamten Fan-Erlebnisses werden.
Carlos Ezpeleta, Chief Sporting Officer der MotoGP Sports Entertainment Group, betont dabei auch die Bedeutung für die Zuschauer: ”Wir wollen den Fans das Beste bieten, was wir können - sowohl aus sportlicher Sicht als auch gemeinsam mit dem Team des Red Bull Ring abseits der Rennstrecke.”
200 PS, 220 Nm und keine Elektronik - purer Wahnsinn beim Bagger Racing
Wer beim Begriff ”Bagger” noch immer an gemütliche Tourenmotorräder denkt, dürfte von den technischen Daten der aktuellen Rennmaschinen überrascht sein. Die Bikes leisten inzwischen deutlich über 200 PS, produzieren rund 220 Newtonmeter Drehmoment und verzichten gleichzeitig fast vollständig auf moderne elektronische Fahrhilfen - bei rund 280 Kilogramm Gewicht und vergleichsweise stattlichen Abmessungen.
”No traction control. No wheelie control.” Für Kehl liegt genau darin ein wichtiger Teil der Faszination. Die Motorräder seien brutal, körperlich anstrengend und würden den Fahrern enorm viel abverlangen.
Auch technisch haben die aktuellen Renn-Bagger mit Serienmaschinen nur noch begrenzt Gemeinsamkeiten. Zwar basiert das Projekt weiterhin auf der Harley-Davidson Road Glide, doch viele Komponenten sind inzwischen reine Racing-Prototypen. Öhlins-Fahrwerke, High-End Brembo-Bremsen, Akrapovič-Auspuffanlagen und massive Aerodynamik-Elemente unterstreichen, wie ernst Harley-Davidson das Thema Performance inzwischen nimmt.
Harley-Davidson macht seine Racing-DNA international sichtbarer
Speziell bei uns in Europa wurde Harley-Davidson über viele Jahre vor allem mit Cruiser, Touring und klassischem V2-Lifestyle verbunden. In den USA hingegen gehört Racing seit Jahrzehnten fest zur Identität der Marke - von Flat Track bis zu modernen US-Rennserien. Genau diesen sportlichen Teil von Harley-Davidson möchte das Unternehmen nun auch international wieder stärker sichtbar machen.
”Performance has always been part of Harley-Davidson. In America people know that because they grew up with flat track racing, road racing and performance culture around the brand. Maybe in Europe Harley was seen more as touring and cruising, but racing has always been in our DNA.” Kehl verweist dabei auch auf die lange Racing-Historie der Marke. Harley-Davidson sei nie ausschließlich Touring und Cruiser gewesen, sondern habe bereits seit den frühen Jahrzehnten des Unternehmens Motorsport betrieben.
Tatsächlich wirkt der aktuelle Bagger World Cup wie der Versuch, genau diesen sportlichen Teil der Marke auch außerhalb der USA sichtbarer zu machen - allerdings ohne die eigene Identität aufzugeben. Denn Harley versucht offensichtlich nicht, Superbikes zu kopieren. Stattdessen entsteht eine völlig eigene Form von Racing-Kultur: schwer, laut, roh und emotional.
Große Bühne am Red Bull Ring: Bagger World Cup Finale 2026
Die Nähe zu den Fans spielt eine zentrale Rolle. Jeder Besucher mit MotoGP-Ticket soll Zugang zur Harley-Davidson-Garage bekommen und die Motorräder aus nächster Nähe erleben können.
”The authentic look and sound of Harley-Davidson in this environment will be sensational.” Das Saisonfinale des Harley-Davidson Bagger World Cup findet 2026 am Red Bull Ring statt. Mit der Kulisse des Red Bull Ring, den Bergen rund um Spielberg und der direkten Nähe zu den Fans möchte Harley-Davidson genau jene Atmosphäre schaffen, die das Projekt besonders machen soll: Motorsport zum Anfassen - laut, emotional und bewusst anders als klassische Rennserien.
Genau darin könnte die eigentliche Zukunft dieses Projekts liegen: Harley-Davidson nicht nur als Cruiser-Marke zu präsentieren, sondern als verbindendes Element zwischen völlig unterschiedlichen Motorradwelten.