Moto Guzzi V85 TT Modelljahr 2024 im Test

Sinnvolle Updates für noch komfortableres Reisen

Moto Guzzi hat seiner V85 TT fürs Modelljahr 2024 ein umfangreiches Update verpasst, mit einem Mehr an Leistung, Elektronik und Ausstattung bzw. den drei unterschiedlichen Modell-Varianten Strada, TT und TT Travel. Wir konnten alle drei bereits in Spanien fahren und verraten euch, wie sich diese sinnvollen Änderungen auf die Mittelklasse-Kardan-Reiseenduro auswirken.

Der luftgekühlte V-Twin bekam eine variable Ventilsteuerung und Klopfsensoren

Obwohl erst seit 2019 am Markt, ist die V85 TT schon so etwas wie ein Klassiker, was in erster Linie an ihrer klassisch schönen Formgebung mit dem markanten Doppelscheinwerfer-Gesicht und dem ins Auge stechenden, luftgekühlten V-Twin liegt, die kaum jemanden kalt gelassen hat und Guzzi-Fans sowieso von Beginn an abholte. Dieser 853-Kubik-Motor wurde jetzt einer umfangreichen Überarbeitung unterzogen, hat nun eine variable Ventilsteuerung und leistet wieder, so wie bei der Markteinführung, 80 PS - zuletzt waren es aufgrund von Abgasnormen ja nur noch 76. Diese stehen bei 7.750 U/min zur Verfügung, das maximale Drehmoment von 83 Newtonmeter (bisher 82) liegt schon bei 5.100 Touren an. Dazu wurden dem Motor, der die neue Euro5-Plus-Norm erfüllt und dessen neues "Gesicht" auch an anderen Zylinderkopfdeckeln zu erkennen ist, zwei Klopfsensoren (für jeden Zylinder einer) spendiert. Dies kommt Performance und Laufruhe zu Gute und gewährt eine höhere Toleranz für schlechten Sprit - was diejenigen schätzen werden, die ihre V85 in die entlegensten Gegenden dieser Welt pilotieren.

Erstmals mit schräglagenabhängiger Traktionskontrolle und Kurven-ABS

Die Veränderungen beschränken sich freilich nicht nur auf den Motor. Erstmals bekam die V85 eine IMU verpasst, eine Sechs-Achsen-Sensorbox, womit nun auch Kurven-ABS zur Verfügung steht bzw. die Traktionskontrolle schräglagenabhängig arbeitet. Die bislang charakteristischen Gitterrohrelemente als Sozius-Haltegriffe und Lampenhalter wurden durch Alu-Gussteile ersetzt, bei der neuen Formgebung des Tanks mehr auf die Aerodynamik geachtet. Wodurch man nun weniger Verwirbelungen im Oberkörper-Bereich hat, man in Verbindung mit dem neuen Windschild - der nun in einem Bereich von 70 Millimeter bzw. in fünf Positionen einfach auch während der Fahrt per Hand zu verstellen ist - noch komfortabler touren kann. Beim Vorgänger benötigte man Werkzeug, um die Scheibe zu verstellen, was allerdings nur für den Winkel derselben und nicht ihre Höhe möglich gewesen ist.

Die V85 kommt nun in den Modellvarianten Strada, TT und TT Travel

Die TT Travel hat übrigens eine höhere Tourenscheibe sowie zusätzliche Windabweiser an den Seiten und ist in der obersten Position auch für Autobahnetappen auf höchstem Reiseenduro-Niveau bereit. Womit wir auch schon bei den drei Modellvarianten wären. Die Strada rollt als allererste V85 auf Alu-Gussrädern daher, die mitverantwortlich für eine Gewichtsersparnis von vier Kilo sind. Sie verfügt neben dem charakteristisch hohen Kotflügel auch noch über einen kleinen Kotflügel direkt über dem Vorderrad. Handschützer und Unterbodenschutz sind genausowenig serienmäßig, wie der Offroad-Modus oder die hier aufpreispflichtigen schräglagenhabhängigen Assistenzsysteme. Bei der TT mit ihrem klassischen roten Rahmen sowie Federbein als Blickfang und Drahtspeichenfelgen sind Kurven-ABS und Schräglagen-Traktionskontrolle ebenso Serie wie der Alu-Ölwannenschutz und Handguards, die Vorspannung am Federbein kann mittels praktischem Handrad verstellt werden. Die voll ausgestattete TT Travel hat zusätzlich zu allen Features der TT neben dem hohen Windschild noch Sitz- und Griff-Heizung serienmäßig sowie ein Kunststoff-Kofferset mit 27,5 (links) bzw. 37 (rechts) Liter Stauraum. Außerdem ist bei ihr auch die Smartphone-Connectivity freigeschaltet, die bei den beiden anderen Versionen aufpreispflichtig ist. Bei allen drei Modellvarianten serienmäßig ist dagegen ein Tempomat.

Dasselbe 5-Zoll-TFT-Farbdisplay wie bei der Stelvio bzw. der V100 Mandello

In den Fahrmodi Road, Rain, Sport und Offroad steht jeweils die volle Leistung von 80 PS zur Verfügung, sie unterscheiden sich jedoch im Ansprechverhalten bzw. der Leistungsentfaltung, in der Motorbremswirkung, Intensität der Traktionskontrolle bzw. im ABS. Wobei diese Unterschiede beim Fahren wirklich spürbar sind und jeweils noch individuell justiert werden können - in der Travel steht zusätzlich noch ein Custom Riding Mode zur Verfügung. Im Offroad-Modus ist das ABS automatisch am Hinterrad deaktiviert und kann zusätzlich auch vorne abgeschaltet werden - da haben die Guzzi-Ingenieure ihre Hausaufgaben gemacht. Angezeigt wird alles am 5-Zoll-TFT-Farbdisplay (bisher 4,3 Zoll), das auch bei der Stelvio bzw. der V100 Mandello zum Einsatz kommt. Die Schalter am Lenker mögen nicht mehr so stylisch wie beim Vorgänger sein, dafür erfolgt die Menüführung damit intuitiv bzw. selbsterklärend, findet man sich rasch zurecht. Fürs Wechseln zwischen den Fahrmodi gibt es einen eigenen, praktischen Hebel.

Kurvenreiche Landstraßen lassen das Herz im Sattel der Guzzi höher schlagen

Die Sitzhöhe ist mit 830 Millimeter recht moderat, der Sitz auch auf längeren Etappen angenehm. Und im Sattel der V85 wird schreit es förmlich nach längeren Etappen! Der durchaus durchzugsstarke Motor wirkt einen Tick souveräner als im Vorgänger-Modell, ohne jedoch seinen typischen Guzzi-Charakter bzw. -Sound verloren zu haben. Auf kurvenreichen Landstraßen, wie wir sie im Hinterland von Almeria vorgefunden haben, fühlt sich die V85 wie in ihrem Element, ist agiler als man es aufgrund des in Anbetracht der Leistung doch stolzen Gewichts von 230 Kilo (bzw. 226 bei der Strada) erwarten dürfte. Vermisst wurde da lediglich ein Quickshifter, den es leider auch nicht gegen Aufpreis gibt. Nichts zu meckern gibt es dafür über die aufgewerteten und jetzt etwas leichteren Bremsen von Brembo, die allerdings schon im Vorgänger über jeden Zweifel erhaben waren. Und auch schlechte, rumpelige Straßen machen der Moto Guzzi nichts aus, das ordentliche Fahrwerk mit unverändert 170 Millimeter Federweg vorne wie hinten, einstellbar jeweils in Zugstufe und Vorspannung, bügelt Unebenheiten einfach weg. Nur bei wirklich sportlicher Fahrweise gerät die Fuhre etwas ins Schwimmen, insgesamt lässt sie sich aber recht punktgenau und spielerisch durchs Kurvenwerk zirkeln. Klar, die Guzzi kann auch flott, ist aber definitiv eher fürs Cruisen als fürs Heizen gemacht.

Offroad mit der V85 TT? Wie immer auch eine Frage des Tempos

Und sie kann auch Offroad bzw. unbefestigte Wege. Wobei die Stehposition für größere Piloten nicht die Beste ist, die straßenorientierten Rasten eher wenig Halt bieten, Gewicht und Federwege den Einsatzbereich einschränken. Wobei es natürlich wie immer auch eine Frage des Tempos ist: Bei forscher Gangart schlägt das Fahrwerk bald durch, "Endurowandern" ist dagegen absolut möglich, Feldwege sowieso. Und dank Offroad-ABS kann man auch das Hinterrad blockieren und damit etwa auf unbefestigten Wegen Richtung geben bzw. ist man selbst für steil(st)e Schottter-Abfahrten gerüstet. Die Serien-Reifenwahl bei der TT ist mit dem Michelin Anakee Adventure gut gewählt, kann der 80/20-Pneu doch Offroad all das, was mit der Moto Guzzi wirklich Spaß macht, ohne deshalb große Grip-Nachteile auf der Straße nach sich zu ziehen. Man kann seine V85 aber natürlich auch mit Gröberem ausstatten - ein Pirelli Scorpion Rally STR etwa würde ihr definitiv gut zu Gesichte bzw. den Speichenfelgen stehen… Strada und TT Travel sind ab Werk übrigens mit dem Dunlop Trailmax Meridian ausgestattet: Ein ausgezeichneter 90/10-Reifen, der Grip bietet, bis die Rasten kratzen, was auf unserer Runde in Spanien doch recht regelmäßig der Fall gewesen ist.

Preise bzw. Farb-Varianten der drei V85-Modelle von Moto Guzzi

Bleibt die Frage nach Verfügbarkeit, Farben und Preisen. Zu haben sind die neuen Modelle ab Mitte März, in Österreich kostet die Strada (in Schwarz oder Grau) 12.999 Euro, die TT (im schicken Rot-Weiß-Schwarz bzw. Silber-Weiß-Schwarz) 13.999 und die TT Travel (in der Farbe Bronzo Desserts, eine Art Beige-Metallic) 14.999 Euro. Der Mehrwert Letzterer ist mit nur 1000 Euro Aufpreis in Anbetracht der üppigen Mehr-Ausstattung definitiv gegeben, wer aber etwa auf Sitzheizung verzichten kann oder eine andere Gepäcklösung bevorzugt, kann sich auch die TT entsprechend aufrüsten, die mit ihrer Farbgebung zumindest in der subjektiven Sichtweise des Autors dieser Zeilen die Schönste ist. Mit insgesamt 39 Zubehörteilen ab Werk gibt es jedenfalls einige Möglichkeiten, sich seine Guzzi zu individualisieren.

Fazit: Moto Guzzi V85 TT 2024

Müssen jetzt Besitzer einer älteren V85 TT umsteigen? Natürlich nicht, aber die umfangreichen Änderungen fürs Modelljahr 2024 waren sinnvoll, der Motor wirkt einen Tick „erwachsener“, die schräglagenabhängigen Assistenzsysteme sind der Fahrsicherheit zuträglich. Insgesamt ist die klassisch schöne Moto Guzzi V85 TT – oder auch Strada und TT Travel – nach wie vor ein wunderbares Tourenmotorrad, das sich auf der Straße am wohlsten fühlt und wie für entspanntes Cruisen gemacht ist, wenngleich sie auch richtige agil durchs Kurvenwerk kann und natürlich auch einfachere Offroad-Passagen bewältigt. Das alles in Verbindung mit ihrem kultigen Äußeren und dem in ihrer Fahrzeugklasse Alleinstellungsmerkmal eines pflegeleichten Kardan-Antriebs machen sie zu einer echten Alternative im Bereich der Mittelklasse-Reiseenduros bzw. Adventure-Tourer.


  • angenehmer, präsenter V2-Motor
  • guter Sound
  • zeitgemäße Assistenzsysteme
  • gut abgestimmte Fahrmodi
  • pflegeleichter Kardanantrieb
  • bereit für leichtere Offroad-Passagen
  • Tempomat serienmäßig
  • unverwechselbare, zeitlos schöne Optik
  • relativ hohes Gewicht im Verhältnis zur Leistung
  • kein Quickshifter erhältlich
  • nicht für härteres Offroad gemacht

Bericht vom 10.03.2024 | 14.195 Aufrufe

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