2002 BMW R 1100 S im Langstreckentest

Der alte Sport-Boxer im Test

Im heutigen BMW Modellprogramm gibt es zahlreiche Reisemotorräder mit Boxermotor. Doch wieso weit über 10.000 Euro ausgeben, wenn das auch unter 6.000 Euro geht? Mit einer über 20 Jahre alten R 1100 S reist es sich doch genau so gut - oder?

Für unsere Videoserie "Race Around Austria" war die Aufgabenstellung klar: Besorgt ein sportliches Motorrad, das mindestens 15 Jahre alt ist und weniger als 6.000 Euro kostet. Mich führte der Weg zu Gebrauchtbikes.at, wo immer eine gewaltige Auswahl an gebrauchten Motorrädern wartet. So auch eine BMW R 1100 S, die alle Vorgaben erfüllt. Der Sportboxer geht wieder auf Tour!

Emotionale Vorgeschichte der BMW

Es sollte nämlich die erste Tour nach langer Standzeit sein. Bereits bei Gebrauchtbikes.at erfuhr ich, dass die R 1100 S aus einer Verlassenschaft stamme und länger nicht gefahren wurde. Gegen Ende unserer Tour erhielt ich von einem aufmerksamen 1000PS Zuseher noch eine Nachricht auf Instagram. Er erzählte, die Maschine war das Lieblingsmotorrad seines verstorbenen Schwiegervaters. Nach seinem Tod wurde die BMW dann an Gebrauchtbikes.at weitergegen. Es war also eine Freude, diese R 1100 S wieder dafür einzusetzen, wofür sie gebaut wurde: Eine erlebnisvolle Tour.

Eine gut gealterte Dame: Die BMW R 1100 S aus 2002

Doch kommen wir zunächst einmal zu einer Bestandsaufnahme: Unser Exemplar stammt aus 2002 und ist erst knapp über 40.000 Kilometer gelaufen. Dazu kommt ein sehr gepflegter Allgemeinzustand mit beinahe vollständig kratzfreier Verkleidung. Eigentlich wären auch originale Seitenkoffer mit dabei gewesen, doch aus Solidarität meiner Kollegen gegenüber, die jeweils mit waschechten Supersportlern unterwegs waren, ließ ich die Hartschalenkoffer zuhause. Auch ein niedrige Sitzbank ist verbaut, die die eigentliche Sitzhöhe von 800 mm nochmals drückt. Glücklicherweise entschied sich der Erstbesitzer beim Kauf für die optional breitere Hinterradfelge, sodass wir einen 180er Reifen aufziehen konnten. Die Wahl fiel wie bei allen anderen Motorrädern des Race Around Austria auf den Michelin Power 5.

Der Boxer überzeugt mit hoher Souveränität

Choke gezogen, Starter bedient und die R 1100 S rüttelt sich ins Leben - ohne Ausnahme. Der luft- und ölgekühlte Boxermotor mit 1.085 ccm beweist sich auf unserer Tour als absolut zuverlässig. Die Boxer-Vibes durchstrahlen das gesamte Motorrad, kann man die Vibrationen doch klar im Zittern der Verkleidung erkennen. Während der Fahrt hält sich die unfreiwillige Massagefunktion in Grenzen, solange man sich nicht in zu hohen Drehzahlbereichen befindet. Über 5.000 Umdrehungen übernehmen die Vibrationen wieder den Ton, was sich vor allem in den Fußrasten sehr unangenehm zeigt.

Dafür punktet das Aggregat im seinem stattlichen Vortrieb. Es darf hier aber nicht von überaus sportlicher Performance gesprochen werden, schließlich müssen 98 PS und 97 Nm Drehmoment ein Gewicht von knapp 230 Kilogramm bewegen. Die R 1100 S geht aber in jeder Lebenslage gut voran und wirkt mit ihrem sonoren Boxersound dabei immer äußerst elegant und gediegen.

BMW R 1100 S Ergonomie

Als sogenannter Sportboxer geht die R 1100 S zwar in die Richtung eines Sportmotorrads, kann aber aus heutiger Sichtweise klar in die Sporttourer-Klasse gepackt werden. Die Sitzposition zeigt sich in einem dementsprechenden Mix aus Tourentauglichkeit und Sportlichkeit. Die Handgelenke werden kaum belastet, der Komfort ist hoch. Mit meiner Körpergröße von 175 cm begrüße ich normalerweise niedrige Sitzbänke, was auch in gewisser Weise auf die BMW zutraf. Das Dickschiff lies sich stets angenehm rangieren, da ein fester Stand zu jeder Zeit gegeben war. Doch selbst mir war die nachgerüstete Sitzbank auf Dauer zu niedrig. Durch den spitzen Kniewinkel entstanden nach ein paar Stunden im Sattel deutliche Knieschmerzen.

Wäre der Standard-Sattel montiert gewesen, hätte es dieses Problem wahrscheinlich nicht gegeben.

Für damals fortschrittlich: Die Ausstattung

Beim Aufsteigen wird man von wunderschönen Analoganzeigen begrüßt. Noch die obligatorischen Warnleuchten und das wars auch schon. Auch wenn ich als relativ junger Mensch großer Fan von TFT-Displays bin, geht doch nichts über analoge Rundanzeigen.

Analoganzeigen der BMW
Klassisch, schlicht und schön: Die Analoganzeigen der BMW.

Für Überraschung sorgt eher, dass selbst diese alte BMW bereits über Integral-ABS verfügt. Hierbei handelt es sich um die erste Generation, die noch mit Bremskraftverstärker arbeitet. Dieser aktiviert sich erst mit eingeschalteter Zündung, weshalb auch beim Rangieren des ausgeschalteten Motorrads kaum Bremskraft verfügbar ist. Während der Fahrt verhält sich das System aber sehr unauffällig. Die Regelintervalle des ABS sind natürlich nicht auf modernem Standard - aber schließlich reden wir hier von einem über 20 Jahre alten Motorrad.

Die BMW R 1100 S zeigt sich noch immer als gutes Reisemotorrad

Zugegeben: Bei unserer Race Around Austria Videoserie hatte ich einen echten Komfortvorteil auf der Langstrecke. Julianes Suzuki GSX-R 600 und Tibors Yamaha R6 spielen da einfach in anderen Klassen als die R 1100 S - auch wenn sie als "Sport-Boxer" bezeichnet wird. Deshalb konnte ich mich auch an einem bequemen Fahrwerk erfreuen, das in der Front BMW-typisch per Telelever arbeitet. Auch am Ende der Tagesetappe konnte ich mich entspannen, während die Kollegen noch Kette schmieren mussten - Kardanantrieb sei Dank!

Die Blinkerbedienung ist aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig. Insgesamt braucht es auf der R 1100 S dazu drei Knöpfe.
Die Blinkerbedienung ist aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig. Insgesamt braucht es auf der R 1100 S dazu drei Knöpfe.

Nachdem wir 2021 bereits eine mehrtägige Tour mit dem modernen Pendant, der BMW R 1250 RS, unternommen hatten, musste ich im Sattel der alten 1100er oft an die 1250er denken. Tatsächlich finden sich viele Parallelen und man spürt die unmittelbare Verwandtschaft. Die R 1100 S ist ein genau so gutes Reisemotorrad, nur älter und ein bisschen rauer. Sogar der Verbrauch von 5 bis 6 Liter auf 100 Kilometer kann heute noch überzeugen. Doch bedenkt man den Preisunterschied zwischen neu und alt, wüsste ich, worauf ich erneut mein Geld setzen würde.

Fazit: BMW R 1100 S 2002

Auch wenn die R 1100 S bereits eine alte Dame ist, darf sie nicht unterschätzt werden. Wer kein Problem mit älterer Technik und simpler Ausstattung hat, kann sich hiermit ein günstiges Reisemotorrad anschaffen, das solider Technik stets ein treuer Begleiter ist.


  • charaktervoller Boxermotor
  • bequeme Ergonomie
  • neutrales Fahrverhalten
  • optionales ABS
  • Kardanantrieb
  • starke Vibrationen ab mittlerer Drehzahl
  • hohes Gewicht
  • komplizierte Blinkerbedienung

Bericht vom 19.12.2023 | 13.560 Aufrufe

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