Triumph Tiger 1200 GT Pro vs Ducati Multistrada V4 S Vergleich

Kann die Triumph eine Gefahr für die Alpenmasterin 2021 werden?

Triumph mischt das prestigeträchtige Big-Enduro-Segment mit der neuen Tiger 1200 auf. Aber kann die Britin sich auch gegen die besten Reiseenduros durchsetzen? Im Zuge der Alpenmasters 2022 legt sie sich gleich einmal mit der Vorjahressiegerin an. 

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Alle Jahre wieder matchen sich in den Alpen die begehrtesten Motorrad-Neuheiten des Jahres beim größten Vergleichs-Test Europas, den Alpenmasters. Nach zwei Jahren am Großglockner haben die Kollegen von MOTORRAD wieder die Dolomiten als Testgelände auserwählt. Die Hauptbasis bildet dieses Jahr das MoHo Motorradhotel Gassenwirt in Kiens, nur wenige Kilometer von der legendären Sella-Runde und vielen mächtigen Südtiroler Pässen entfernt. Insgesamt 16 Motorräder treten in 8 Paaren gegeneinander an, doch nur wenigen wird so eine hohe Siegeschance zugestanden, wie der neuen Tiger 1200. Kann sie wirklich die Multistrada V4 S schlagen?

Über jeden Zweifel erhaben? Ducati Multistrada V4 legt gewaltig vor

Die Ducati Multistrada V4 S wurde seit ihrer Präsentation 2020 schon oft getestet und verglichen, wobei sie durch die Bank überzeugte. In verschiedenen Tests, mit unterschiedlichen Testern und Testbedingungen zeigte die Multi ihre Vielseitigkeit und Ausgereiftheit. Ließt man die alten Tests zur Ducati Multistrada V4, scheint es fast nur Lob und freudige Euphorie für die edle Reisemaschine aus Bologna zu geben. Lediglich der hohe Verbrauch gilt als Schwachpunkt der Multi, sonst werden vor allem ihre Qualitäten medial gepriesen. Mit top Ausstattung, einem brachialen, doch auch gut erzogenen Motor und einem extrem agilen Handling schaffte sie es letztes Jahr sogar die langjährige Alpen-Königin, die BMW GS, vom Thron zu stoßen. Kann die nagelneue Triumph 1200 da mitziehen? 

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Motor im Vergleich - Triumph Tiger 1200 vs Ducati Multistrada V4

Beim Motor muss man leider sagen, schafft die neue Tiger nicht ganz das Niveau der Italienerin. Das liegt aber nicht an der Leistung des 1160 ccm Reihen-Dreizylinders, denn mit 150 PS bei 9.000 U/min und 130 Nm Drehmoment bei 7.000 U/min hat die Britin zwar etwas weniger Power, aber immer noch mehr als ausreichend für ordentlich Vortrieb. Das Aggregat nimmt aber leider diese Leistung nicht so sauber an, wie bei der Multistrada. Der Karden-Antrieb bietet als geschlossenes System einige Vorteile, wie zum Beispiel dass man ihn nicht warten muss, dafür ist er aber auch anspruchsvoller in der Entwicklung und Abstimmung. Das scheint auch der Grund für die recht starken Lastwechsel auf der Tiger 1200 zu sein. Vor allem bei niedrigen Drehzahlen, was sich in den Alpen oft in Kehren bemerkbar macht, gibt es selbst bei äußerst sanftem Gas-Anlegen einen deutlichen Ruck. Der Dreizylinder ist sonst ein sehr smoother, zugänglicher Geselle und steigert seine Power komplett linear, doch der Anfang fällt eher ruppig aus. Auch der Quickshifter dürfte noch nicht ganz perfekt auf den Kardan abgestimmt sein, denn die von uns getestete Tiger 1200 GT Pro lässt die sonst bei Triumph üblichen, knackig-schnellen Schaltwechsel vermissen. Gerade bei niedrigeren Drehzahlen schaltet der Schaltassistent manchmal auf stur und blockiert.

Im Vergleich schafft der 1158 ccm V4-Motor der Multistrada den Spagat zwischen entspanntem Touring bei niedrigen Touren und sportlicher Leistungsexplosion im oberen Drehzahlbereich nahezu perfekt. Das Drehzahlniveau der Ducati liegt zwar allgemein etwas höher als bei der Konkurrenz, dafür hängt sie aber immer sehr sauber am Gas und erlaubt sich nie ein Ruckeln oder unsaubere Gasannahme. Auch der Quickshifter ist ein Traum und funktioniert einwandfrei.

Wind- & Wetterschutz auf der Triumph Tiger GT Pro und Ducati Multistrada V4 S 2022

Ziemlich auf Augenhöhe befindet sich das Duell bei wichtigen Dingen wie dem Autobahn-Komfort, Wind- und Wetterschutz. Nur wenige haben das Glück die Alpen direkt vor der Nase zu haben, also sind längere Anfahrten auch ein Bestandteil von Alpen-Touren. Hier sind sich die Ducati und die Triumph mit ihrer ähnlichen Ergonomie sehr nahe. Auf beiden sitzt man eher tief im Motorrad, der Kniewinkel ist recht entspannt, wenn auch eine spur spitzer auf der Ducati, und die Arme liegen ohne Druck auf dem breiten, hohen Lenker. Der obere Windschutz ist auf der Ducati und der Triumph dank einfach verstellbarer und ausreichend hoher Windschilder gut gelungen. Untenrum bietet der breite V4 etwas mehr Deckung, was allerdings bei warmen Temperaturen auch ein Nachteil sein kann. Ducati versucht die Hitzeentwicklung auf der Multi durch die angedeuteten Winglets zwar zu minimieren, trotzdem kann einem das sportliche Aggregat ziemlich einheizen. Die entspannte Autobahn-Fahrerei wird auf der Britin wiederum von den Vibrationen des Motors gestört, denn gerade bei ca. 130 bis 140 km/h lassen hochfrequente Erschütterungen die Hände und Füße nach langen Fahrten taub werden. 

Welche bewegt sich besser auf den Alpenpässen? - Handling und Fahrverhalten der Triumph Tiger GT Pro und Ducati Multistrada V4 S im Vergleich

Die langweilige Anfahrt geht vorüber und endlich schlängeln sich die mächtigen Passstraßen an der Bergflanke hoch, im Fall der meisten Pässe rund um die Sella-Gruppe auf über 2000 m Höhe. Hier zeigt die Ducati Multistrada V4 S ihre Vielseitigkeit. Durch das elektronische, per Knopfdruck verstellbare Skyhook-Fahrwerk ist sie in einem Moment noch ganz entspannt und entschleunigt unterwegs, fetzt im nächsten Moment jedoch entfesselt durch die Radien. Die Leistung des Motors ist ehrfurchterregend, doch dank modernster Assistenzsystem beherrschbar und feuert die Multi gewaltig aus der Kurve. Vor der nächsten Kurve, die in den Alpen schnell folgt, bremsen die mächtigen, fein dosierbaren Brembo Stylema Bremsanlagen die furiose Italienerin wieder ein. Den breiten Grinser unter dem Helm verursacht aber das grandiose Handling. Ein leichter Input am breiten Lenker reicht aus und schon kippt die Multi willig in Schräglage. Dort bleibt sie stabil, das Fahrwerk liefert reichlich Feedback vom Boden und man hat das Gefühl, als würde das Vorderrad zum Fahrer sprechen. In puncto Sportlichkeit kann kein derzeitiges Adventure Bike der Multistrada V4 S das Wasser reichen. Aber selbst wenn man nicht schwer am heizen ist, freut man sich über das unkomplizierte, verspielt leichte Handling der Ducati. Das ist auch der größte Unterschied zur Tiger.

Die Tiger 1200 GT Pro hat auch feine Ware mit an Bord. Das semi-aktive Showa Fahrwerk ist in Serie eindeutig auf Komfort getrimmt, kann aber an der Gabel komplett und hinten in der Federvorspannung eingestellt werden. Selbst im Serientrimm arbeitet es sauber und bleibt stabil, wobei sich durch das weiche Setup die Nase bei Bremsmanövern gerne gen Boden senkt. Die Bremserei ist ebenfalls von Brembo und packt auf der Tiger sogar noch eine Spur direkter zu, wobei das vermutlich gar nicht notwendig wäre. Denn auf der Tiger werden nur wenige Piloten wirklich sportlich unterwegs sein, da sie erstens deutlich weniger Schräglagenfreiheit bietet als die Ducati und außerdem mit ihrem trägeren Handling eher einen entspannten Fahrstil bevorzugt. Schnelle Richtungswechsel sind nicht ihre Stärke, da braucht es schon einiges an Kraft, um sie umzulegen. Am Gewicht allein liegt das nicht, denn schließlich liegt die Tiger 1200 GT Pro mit gemessenen 251 kg unter den leichteren Big-Enduros und ist auch 3,5 kg leichter als die Ducati. Trotzdem fehlt ihr diese Agilität, die die Multi so auszeichnet und im Winkelwerk für Fahrspaß sorgt. Die Tiger geht es lieber gemütlicher an, cruist gediegen über den Pass und lässt dem Piloten im Sattel auch Zeit, sich die Gegend anzusehen. 

Sozius-Komfort im Vergleich - Triumph Tiger GT Pro vs. Ducati Multistrada V4 S 2022

Viele Motorradfahrer legen sich solch große Reisemaschinen nicht nur zu, um alleine durch die Welt zu fahren, sondern wollen auch noch die bessere Hälfte mitnehmen. Um das zu überprüfen, nehme ich auf beiden hinter Kollegen Poky Platz. Die Größe des Sozius-Sattels ist auf beiden ähnlich groß, ebenso ist der Kniewinkel ähnlich entspannt, aber die Griffe sind auf der Ducati besser geformt. Sowohl bei der Ducati, als auch bei der Triumph, ragt mein Hintern links und rechts über den Sitz, das heißt man sitzt auch schon halb auf den Haltegriffen. Auf der Ducati stört das nicht, da sich die Griffe weit nach hinten ziehen und sich so die Sozia dort am hinteren Ende gut anhalten kann. Auf der Triumph enden die Griffe aber gleich nach dem Sitz im Gepäckhalter, sodass man schlussendlich auf den eigenen Fingern sitzt. Bei langen bergab Passagen entlaste ich als Sozius auch gerne den Fahrer und stütze mich mit den Armen am Tank ab. Auf der Ducati gelingt das durch den buckligen Tank besser, bei der Triumph braucht es dafür schon sehr lange Arme. Für den Fahrer ist es im Zweibetrieb auf der Tiger etwas komfortabler, dafür ist die Multi auch hier handlicher und macht Manöver bei niedrigen Geschwindigkeiten leichter. Mit einer erlaubten Zuladung von 222 kg auf der Tiger und 230 kg auf der Mutlistrada sollten sich auf beiden zwei Mitfahrer plus Gepäck ausgehen.

Elektronische Vollausstattung auf der Triumph Tiger GT Pro und Ducati Multistrada V4 S 2022

Auch hier sind die beiden Kontrahentinnen auf Augenhöhe. Kurven-ABS, schräglagenabhängige Traktionskontrolle, mehrere Fahrmodi, Heizgriffe, Sitzheizung, Tempomat, Smartphone Connectivity und jede Menge weiterer Assistenzsysteme findet man auf beiden Motorrädern. Welches Bedienkonzept man schlüssiger, oder welche 6,5-Zoll TFT-Anzeige als schicker empfindet, ist eine rein subjektive Entscheidung. Beide nutzen 5-Wege Joysticks am linken Lenkerende zur Navigation durch die Menüs. Hier bietet die Triumph noch etwas mehr Individualisierungsmöglichkeiten als die Ducati. Der größte Unterschied zwischen beiden ist, dass die Tiger 1200 GT Pro keinen Totwinkelassistenten und kein abstandsregelndes Radar verbaut hat. Ersteres gibt es auf den Explorer Modellen der Tiger 1200, zweiteres könnte in Zukunft auf den Tigern Platz finden, ist bis dato aber noch nicht verfügbar.

Fazit zum Vergleichs-Test Triumph Tiger GT Pro versus Ducati Multistrada V4 S 2022

Die Multistrada V4 S ist deswegen so schwer zu schlagen, weil sie ein unfassbar ausgereiftes und vielseitiges Paket bietet. Von gemütlich bis halsbrecherisch kann sie bewegt werden, erfüllt ausstattungstechnisch jeden Wunsch und bietet auch noch eine angenehme Ergonomie für Fahrer und Sozius. Ja, sie verbraucht mit teils über 7 Litern deutlich mehr als die Konkurrenz und kostet auch bei der Anschaffung einen ordentlichen Batzen, dafür kann sie aber auch alles und mehr, was man sich von einer modernen Reiseenduro wünscht. Die Tiger macht ihr Sache in vielen wichtigen Punkten, wie Komfort, Ausstattung und Windschutz sehr gut, hat aber auch noch einige Ecken, wo noch einmal nachgeschärft werden könnte. Vor allem die Lastwechsel, der Quickshifter und die Vibrationen mindern den Fahrspaß in ihrem Sattel und sind in der Oberliga der Adventure-Bikes fehl am Platz. Durch das weiche Fahrwerk, die geringe Schräglagenfreiheit und das träge Handling muss sie am sportlichen Ende des Spektrums zurückstecken, ist bei ausgeglichenem Fahrbetrieb aber eine gediegene Erscheinung mit State-of-the-Art Ausstattung.

Fazit: Ducati Multistrada V4 S

Schon bei zahlreichen Tests musste sich die Multistrada auf extrem vielseitigem Terrain gegen viele Gegner gehaupten und war dabei meistens das schnellste und insgesamt auch beste Motorrad. Eigentlich logisch - ist sie auch das hochpreisigste Motorrad in dieser Klasse. Die Ducati Crew hat in das Motorrad alle hochwertigen Zutaten eingefüllt, welche man für Geld kriegen kann. Diese wurden zu einem harmonischen Gesamtpaket vereint welches unfassbar gut fährt. Ein würdiger Sieger von diversen Vergleichstests zu einem stolzen Preis.


  • Unfassbar tolles Fahrverhalten - neutral, harmonisch, handlich aber trotzdem stabil
  • Echtes Reiseenduro Feeling im Sattel
  • großartige Bremsen
  • Faszinierender, beeindruckend starker Motor
  • Motorleistung durch grandioses Ansprechverhalten wunderbar zu dosieren
  • Angenehme Sitzposition
  • Gute Ergonomie auch beim Stehend fahren
  • faszinierendes Radarsystem, welches man in der Praxis auf der Autobahn gerne einsetzt
  • Toller Windschutz
  • Hohe Stabilität auch bei hohen Geschwindigkeiten
  • Kräfteschonend und
  • überdurchschnittlicher Verbrauch
  • Bedienung im Sattel könnte an einigen Ecken komfortabler sein
  • Handy-Connectivity nicht wirklich zu Ende gedacht

Fazit: Triumph Tiger 1200 GT PRO

Die Triumph Tiger 1200 GT Pro wartet mit einem mächtigen Reihen-Dreizylindern auf und richtig viel Ausstattung auf. Das Rundum-Sorglos-Paket auf zwei Rädern lässt sich souverän steuern, bevorzugt aber klar eher gemütliche Gangarten. Wen das nicht stört, der wird sich am sanften elektronischen Fahrwerk, dem guten Windschutz und jede Menge Komfort-Features erfreuen. Die neuentwickelte Tiger 1200 ist aber an einigen Ecken auch (noch) etwas unrund, wie man zum Beispiel an stärkeren Lastwechselreaktionen und hochfrequenten Vibrationen auf Autobahn-Etappen merkt.


  • Lineare, berechenbare Leistungsentfaltung
  • Üppiges Elektronik-Paket
  • Guter Windschutz
  • Angenehme Sitzposition
  • Top Bremsen
  • Hochfrequente Vibrationen bei bestimmten Drehzahlen
  • Eher träges Handling
  • Lastwechselreaktionen
  • Griffe für Sozius ungünstig positioniert

Bericht vom 05.07.2022 | 9.651 Aufrufe

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