Erster Test der Harley-Davidson Nightster

Die "kleine" Sportster hört auf einen neuen Namen

Seit dem Wegfall der luftgekühlten Sportster-Modelle fehlte bei Harley-Davidson ein Einsteiger-Modell in die Welt der Kultmarke aus den USA. Mit der Nightster schlägt man in Milwaukee nun ein neues Kapitel der langen Sportster-Saga auf, wir sind sie in Spanien schon gefahren.

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Eine 65-jährige Tradition neu interpretiert

Kombination aus Minimalismus und Design: Das ist Sportster. Für die Marke Harley-Davidson weit mehr als nur ein Motorrad-Modell. Schließlich kann sie auf eine 65-jährige Tradition zurück blicken, ist sie jenes Bike, an dem sich Customizer aus aller Herren Länder am meisten "auslebten" und so auch den Drang zum Individualismus unter den H-D-Fahrern entscheidend prägten. Genau in diese Kerbe zielt man nun auch mit der neuen Nightster, auch wenn diese nicht mehr auf den Namen Sportster hört. Vielleicht, weil das Thema auch ziemlich neu interpretiert wurde, sie in Sachen Sportlichkeit die Vorgänger doch deutlich in den Schatten stellte, wie wir uns bei der ersten Testfahrt auf den kurvigen Straßen rund um Girona überzeugen konnten.

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Das Herzstück ist der neue Revolution Max 975T V-Twin

Herzstück des Motorrads ist der aus der Pan America bzw. der Sportster S bekannte Revolution Max Motor, der hier von 1050 auf 975 Kubik "gestutzt" wurde und so das aktuell Hubraum schwächste Bike im Harley-Portfolio ist. Der flüssigkeitsgekühlte V-Twin mit einem Zylinderwinkel von 60 Grad leistet 90 PS bei 7.500 U/min bzw. ein Drehmoment von 95 Newtonmeter bei 5.000 U/min und wurde so ausgelegt, dass er über ein breit nutzbares Drehzahlband verfügt. Damit lässt es sich entspannt schaltarm cruisen, um seine Power jedoch auszukosten, will er in der Praxis doch über 4000 Touren gedreht werden - dann lässt er die Nightster noch einmal so richtig lospreschen. Mit einem eingetragenen Standgeräusch von 90 Db übrigens auch auf allen Straßen im Tiroler Außerfern…

Sportliche Kurvenjagd auf der Landstraße

Gegenüber dem Vorgänger wurde das Motorrad um 31 Kilo leichter, die Sitzbank mit 700 Millimeter Höhe ist wohl für so ziemlich jeden einfach zu erklimmen, die mittig platzierte Fußrasten-Anlage bietet in Verbindung mit dem flachen Lenker eine entspannte, aber durchaus sportliche Sitzposition. Und sportlich lässt sich das vollgetankt nur 221 Kilo wiegende Teil, das vorne auf 19-Zoll-, hinten auf 16-Zoll-Rädern daherrollt, auch wirklich bewegen, wenn einen das Begleit-Geräusch von kratzenden Rasten bei der Kurvenjagd auf der Landstraße nicht stört. Denn die Schräglagenfreiheit wurde zwar ebenfalls erhöht, ist aber nicht die üppigste. Die Bremsen, vorne ist eine Einzelscheibe montiert, verzögern das Motorrad dabei ausreichend, der Druckpunkt ist gut und die Hebeln sind voll einstellbar.

Die Unterschiede zwischen den drei Fahr-Modi sind sehr gut spürbar

Ausgestattet ist die Nightster mit dem "Rider Safety Enhancement Systems" von Harley-Davidson, was nicht weniger heißt, als mit den gängigsten elektronischen Fahrhilfen. So ist neben ABS auch eine Traktionskontrolle bzw. eine Schleppmomentregelung mit an Bord. Drei während der Fahrt wählbare Fahr-Modi (Road, Sport und Rain) stimmen sämtliche Parameter unterschiedlich aufeinander ab, wobei diese Unterschiede in der Praxis sehr gut spürbar sind. Der Road-Modus eignet sich fürs entspanntes Cruisen bzw. den täglichen Einsatz, bietet eine homogene Leistungsentfaltung sowie ein moderates Eingreifen von ABS und Traktionskontrolle. Ganz anders der Sportmodus, der das volle Potential des Revolution Max auf die Straße bringt, die direkteste Gasannahme bietet und Traktionskontrolle sowie ABS erst spät eingreifen lässt. Einzig im Rain-Modus ist die Leistung um etwa 15 Prozent reduziert, die Gasannahme extrem sanft, die Traktionskontrolle beim Geringsten Anzeichen eines "Rutschers" präsent - damit sollte man wirklich sicher durch jeden Regen kommen. Angezeigt wird der gewählte Modus im an den Risern des Lenkers angebrachten Rundinstrument, das einen analogen Tachometer mit integriertem LCD-Display beherbergt.

Der 11,7-Liter-Tank der Nightster befindet sich unter der Sitzbank

Dadurch, dass der Revolution Max 975T Motor ein mittragendes Teil ist, konnte Gewicht eingespart werden, beim Fahrwerk setzt man vorne auf eine 41-Millimeter-Teleskopgabel von Showa mit 114 Millimeter Federweg, hinten in alter Sportster-Tradition (die Customizer werden es danken) auf zwei außen liegende Federbeine mit 76 Millimeter Federweg, bei denen die Vorspannung eingestellt werden kann. In der Praxis lässt es sich damit präzise auch durch schnelle, Kurven fahren, sobald die Straße aber richtig rumpelig wird, bekommt der Fahrer den Fahrbahnzustand doch recht direkt vermittelt. Neu ist die Position des Tanks unter dem Sitz, der beim Tanken seitlich weggeklappt wird, wodurch sich der Schwerpunkt der ohnehin niedrigen Nightster noch weiter nach unten verschiebt, was dem Handling bzw. der Agilität zu Gute kommt und es obendrein leichter macht, das auf dem Seitenständer abgestellte Motorrad in die Senkrechte zu bringen. Das Fassungsvermögen beträgt 11,7 Liter, womit Reichweiten von +/- 200 Kilometer realistisch erscheinen. Unter der Tankattrappe aus Stahl, die in ihrer Form jener des legendären Sportster "Walnut"-Tanks nachempfunden wurde, befindet sich die Airbox.

Harley-Davidson Nightster Tank
Den Tank versteckt Harley-Davidson unter der Sitzbank.

Reichhaltig Zubehör ab Werk bzw. "Freiräume" für Customizer

Selbstverständlich kann man sich auch diese sportliche Harley, die ab Ende Mai bei den Händlern stehen wird, in alter Sportster-Tradition individualisieren, wie schon der Nightster-Slogan "Instrument of Expression" (Instrument des Ausdrucks) sagt. Bereits mit dem Verkaufsstart werden ab Werk 67 Zubehör-Teile angeboten, vom Sozius-Sitz über verschieden Windschilder bis hin zu Satteltaschen. Sportlich ist freilich auch der Einstiegspreis in die Harley-Welt von in Deutschland 14.995 Euro, in Österreich 17.995 Euro bzw. in der Schweiz 15.700 Franken, jeweils für die Farbe Vivid Black. Für die Tankattrappe in Gunship Grey oder Redline Red muss noch einmal rund 300 Euro Aufpreis berappt werden. Das ist schon ganz schön viel Moos, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele damit noch beim Customizer vorstellig werden, um ihre Nightster noch einmal so richtig von allen anderen abzuheben. Denn der Sportster-Gedanke lebt in ihr weiter und das mit richtig guten Fahreigenschaften.

Harley-Davidson Nightster Custom Bike 2022
Eine Custom-Version der neuen Nightster.

Fazit: Harley-Davidson Nightster

Wer meint, man könne eine Harley-Davidson nicht sportlich über kurvige Landstraßen bewegen, der sollte sich einmal auf die Nightster schwingen. Zwar immer noch ein Cruiser, der von den Fahreigenschaften aber schon deutlich in Richtung Nakedbike geht. Und obendrein eine lange Tradition mitfahren lässt bzw. viel Spielraum zur Individualisierung bietet, wie uns zwei von bekannten Customizern umgebaute Nightster-Modelle bei der Präsentation veranschaulichten.


  • sehr gut abgestimmte Fahr-Modi
  • kraftvoller Motor sportliche, aber doch entspannte Sitzposition
  • einstellbare Hebeln
  • viel Spielraum für Individualisierung
  • hoher Preis
  • wenig Komfort auf schlechten Straßen
  • Kraftentfaltung bei ca. 4000 Touren etwas ruppig bzw. "nervös"

Bericht vom 12.04.2022 | 17.653 Aufrufe

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