Yamaha Tracer 9 vs. BMW F 900 XR 2021 Sporttourer Vergleichstest

Bonsai-Drilling und deutscher Twin im Duell

Beim gnadenlosen Vergleich über 600 Kilometer bei guten und miserablen Bedingungen auf Autobahnen und über kurvige Landstraßen müssen die Mittelklasse-Sporttourer aus den Häusern BMW und Yamaha beweisen was in ihnen steckt.

Sizilien und Kalabrien als ideales Testgelände für das Sporttourerduell

Süditalien gilt vollkommen zu Recht als Traumdestination für Motorradreisen. Im Zuge der Bridgestone T32 Reifenpräsentation unternahmen wir also genau das - eine echte Motorradreise. Startend von Sizilien und vorbei am eindrucksvollen Ätna, dem höchsten Vulkan Europas, schlängelten wir uns entlang herrlich kurviger Bergstraßen bis nach Messina. Dort setzen wir mit der Fähre aufs Festland über. Weiter ging es durch Kalabrien, das ebenfalls mit imposanten Routen glänzt. Neben den berüchtigt engen Bergstraßen von unterschiedlicher Qualität führte uns die ein oder andere Verbindungsetappe auch über die Autobahn. Ein intensiver Schauer ermöglichte zudem den so oft geforderten Nässetest. Optimale Voraussetzungen also für den Vergleich zweier Motorräder, die von sich behaupten das alles zu können.

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Yamaha Tracer 9 und BMW F 900 XR halten die Klasse Sporttourer am Leben

Das Segment der Sporttourer wurde in letzter Zeit von einigen Herstellern sträflich vernachlässigt. Selbst das Portfolio großer Hersteller, wie Honda weist hier Lücken auf. Entsprechend groß ist die Freude, dass Yamaha und BMW in der Klasse knapp über 100 PS weiterhin die Fahne hoch halten. Doch welcher Ansatz ist besser gelungen, wo liegen Stärken und Schwächen, wie stehts im direkten Duell? Mit frisch aufgezogenen Bridgestone Battlax T32 (Erstausrüstung an der Tracer 9, bei der BMW nachträglich montiert), rückte ich aus um diese Fragen zu beantworten.

Motoren im Vergleich: BMWs 2-Zylinder oder Yamahas Drilling

Nominell trennen die beiden Aggregate 14 PS und ein Newtonmeter Maximaldrehmoment, sowie ein Kilogramm Gewicht - am Papier also eine verdammt enge Kiste. Den Head-to-Head Vergleich der gesamten technischen Daten von Yamaha Tracer 9 und BMW F 900 XR liefert euch wie gewohnt unser Motorradvergleich. Während der BMW-Murl von unten, ganz zweizylinder-typisch gut anschiebt, kommt oben raus kein weiterer Punch. Der Klang des Triebwerks hat bei mittleren und hohen Drehzahlen zudem eine blecherne Note. Anders sieht es bei der Tracer 9 aus, um es kurz zu machen: Die Drehfreudigkeit und massive Power des CP3 ziehen einem die Arme derart lang, dass man meint nicht 14 sondern 40 Pferde mehr unterm Hintern zu haben als auf der BMW. Der Drilling ist eine Wucht in jeder Lebenslage - Chapeau Yamaha!

Fahreindrücke direkt aus dem Sattel: Wie schlagen sich BMW und Yamaha bei den Themen Handling, Fahrwerk und Bremse?

Hier möchte ich vorausschicken, dass man auf beiden Motorrädern einen Heiden-Spaß im Winkelwerk haben kann. Die BMW lässt sich herrlich in die Radien werfen und lässt unglaubliche Schräglagen zu, wer hier mit den Fußrasten schleift ist entweder ein furchtloser Held oder gestürzt. Dabei ist es ganz egal, ob man Anhänger des Fahrstils Drücken oder Legen ist, oder gerne auch einmal abwechselt, die vorderrad-orientierte Sitzposition und der (für mich 1,87 Meter Lackl) ideal positionierte Lenker ermöglicht richtig aktives Fahren. Die Bremboanlage an der F 900 XR ermöglicht spätes aggressives Bremsen und macht auch unter starker Belastung nicht schlapp - Fadingverhalten war keines auszumachen.

Das Fahrwerk der Bayrischen ist im Grundsetup gut gelungen, das ist gut so, denn an der Gabel gibt es keinerlei Verstellmöglichkeiten. Die Testmaschine war mit dem optionalen ESA Fahrwerk ausgerüstet. Dieses regelt allerdings nur die Abstimmung des Federbeins. Zusätzlich zum praktischen Einstellen der Vorspannung auf den Beladungszustand per Knopfdruck, gibt es die Dämpfungsmodi Road und Dynamic zur Wahl. Vor allem auf schlechteren Straßen empfiehlt sich der Modus Road - die Bandscheiben werden es einem danken. Der Dynamic-Modus stimmt das Federbein spürbar straffer ab und ermöglicht noch sportlicheres Fahren. Vor allem bei wechselnden Fahrbahnverhältnissen ist das ESA ein echter Vorteil, die 430 Euro Aufpreis (Preis in Österreich) sind also durchaus gerechtfertigt.

Die Latte liegt in diesem Bereich hoch für die Tracer 9, doch keine Sorge Yamaha hat seine Hausaufgaben gemacht. Schon das Standard-Fahrwerk erledigt seine Aufgabe zufriedenstellend. Steigt man allerdings von der Tracer 9 auf die GT-Variante auf will man nicht mehr zurück. Das semi-aktive elektronische Fahrwerk von Kayaba mit dem klingenden Namen KADS, bietet sowohl fürs sportliche (Modus A-1) als auch fürs komfortorientierte (Modus A-2) Fahren einfach die ideale Abstimmung. Im Gegensatz zur BMW werden dabei Gabel und Federbein durch elektronische Befehle angesteuert, nur die Vorspannung muss man an der Yamaha manuell adjustieren. Beim Federbein geht das schnell und unkompliziert per Handrad, während man an der Gabel Werkzeug zur Hand nehmen muss. Die Bremse spricht gut, aber nicht zu scharf an und ermöglicht zufriedenstellende Verzögerungswerte.

Beim Thema Handling ist die Tracer 9 eindeutig auf einem Niveau mit der BMW, lediglich das Gefühl fürs Vorderrad leidet etwas durch die zurückversetzte Sitzposition und die hohen Riser. Weite Radien sind vor allem mit dem E-Fahrwerk ein wahrer Genuss. Daran haben sicher auch die Bridgestone T32 ihren Anteil, die nicht umsonst als Erstausrüstung an der Yamaha verbaut sind. Spielerisches Handling bietet die Yamaha dennoch, das Mehrgewicht der GT-variante löst sich während der fahrt förmlich in Luft auf. Einziges Manko: Die Schräglagenfreiheit ist im direkten Vergleich mit der BMW etwas eingeschränkt. Dafür zeichnen die langen Angstnippel an den Fußrasten verantwortlich, die einen zur Vernunft mahnen. Es besteht die Möglichkeit die Fußrastenanlage 15 mm nach oben zu versetzen, der Kniewinkel wird dadurch naturgemäß spitzer.

Tourentauglichkeit: Windschutz, Sitzposition, Soziustauglichkeit

Eine echte Motorradreise ist natürlich erst mit dem obligatorischen Regenguss, auf den man so gar nicht vorbereitet ist, komplett. So erwischte es uns am Vormittag des zweiten Tages zunächst auf der Autobahn und dann gleich noch einmal im Gebirge. Meine Modeka Viper LT Textilkombi verhinderte Schlimmeres und ich kann euch somit noch umfassendere Angaben zu Wind- und vor allem Wetterschutz der beiden Duellanten mitgeben.

Hier leidet die F 900 XR oder eigentlich der Pilot, der auf ihr Platz nimmt, unter der schlanken Front und dem niedrigen Windschild, das die Style Sport Variante mit sich bringt. Für letzteres bietet das (Original-)Zubehör Alternativen, während die untere Körperhälfte den Umwelteinflüssen jedenfalls ausgeliefert ist. Die Sitzbank ist elegant und schlank geschnitten sodass trotz einer Sitzhöhe von 825 mm auch Personen mit kürzeren Beinen einen sicheren Stand haben. Ist weniger oder mehr Sitzhöhe gewünscht bietet BMW im Zubehör einige Möglichkeiten an. Der Sattel ist deutlich kürzer als auf der Yamaha, sodass der Sozius relativ nahe am Fahrer Platz nimmt. Koffer und Griffhheizung sind als aufpreispflichtiges Extra verfügbar.

Die Tracer 9 (GT) bringt serienmäßig bereits ein Windschild mit, das eines (Sport-)Tourers würdig ist. Dieses lässt sich in 10 Stufen auf die jeweiligen Bedürfnisse des Fahrers einstellen. Durch den breiteren und größeren Tank (19 statt 14 Liter) wird man auch untenrum gut vor Witterungseinflüssen geschützt. Die Tracer ist insgesamt das erwachsenere Motorrad, unglaublich, dass sie nur ein Kilo mehr auf die Waage bringt als die BMW. Man hat deutlich mehr Platz im Sattel als auf der F 900 XR, der abgetrennt konstruierte Soziuspolster hat sehr komfortable Ausmaße. Etwas fummelig gestaltet sich der Umbau der Sitzbank auf die höhere Stufe, die dann eine Sitzhöhe von 825 statt 810 Millimetern ermöglicht.

Auf der ebenfalls getesteten GT Variante war eine noch angenehmer dämpfende Sitzbank verbaut. Dazu kommen natürlich noch die 10-stufige Griffheizung, die bei kälterer Witterung ein Segen ist und die jeweils 30 Liter fassenden Koffer. Sie sollen einen Integralhelm fassen. Bei meinem Arai Quantic Größe Medium ging sich das allerdings aufgrund des Spoilers ganz knapp nicht aus.

Meine Ausrüstung (Drohne, GoPros inkl. Halterungen, Powerbank, Kabel, Wechselhandschuhe, Wechsel-T-Shirt, Geldbörse, Handy, Kleinzeug) fand aufgrund der häufigen Fahrzeugwechsel ohnedies in der Rearbag PRO von SW-Motech Platz. Auf der Tracer 9 integriert sie sich optimal, da sie exakt die gleiche Breite wie die Soziussitzbank hat, aber auch auf der BMW passt sie gut. Mit der möglichen Erweiterung passt sogar mein Arai hinein oder eben genug Gepäck für eine Reise über ein verlängertes Wochenende.

Ausstattung: Das Display der BMW mit der sonstigen Elektronik der Tracer 9 - das wär´s!

Die Yamaha Tracer 9 GT unterscheidet sich neben dem Fahrwerk und den bereits erwähnten Koffern und der Griffheizung durch folgende Features von der Standardvariante: Der Quickshifter mit Blipper und ein adaptives Kurvenlicht. Während der Verzicht auf das Kurvenlicht (ist bei der BMW übrigens Serie!) hauptsächlich nachts schmerzt, vermisst man den Schaltassistent beim direkten Umstieg in beinahe jeder Lebenslage schmerzlich - Pflichtextra! Ansonsten ist auch schon die Grundvariante der Tracer 9 state-of-the-art ausgestattet. Es ist die 6-achsige IMU, die den folgenden Systeme ermöglicht schräglagenabhängig zu arbeiten: 3-stufige-Traktionskontrolle (TCS), Slide Control System (SCS), Vorderrad-Lift-System (LIF) und natürlich ABS. Von den vier zur Wahl stehenden Fahrmodi hat sich Modus 2 als am besten für die Landstraße geeignet herausgestellt. Auch ein Tempomat ist Serie.

Da kann die BMW F 900 XR mit zwei Modi (Rain, Road), Traktionskontrolle und ABS nicht wirklich viel entgegenhalten. Gegen Aufpreis gibt es natürlich alles, man kann sich also genau das aus der ellenlangen Extras-Liste aussuchen, was man möchte. Serienmäßig liefert die Münchnerin hingegen das wunderbare 6,5 Zoll Farbdisplay inkl. Connectivity und Navifunktion (bei Koppelung mit einem Smartphone). Diese beiden Funktionen gibt es bei Yamaha auch nicht für gutes Geld und nette Worte. Gewöhnungsbedürftig blicken einen die beiden 3,5 Zoll-Display-Augen an. Die Ablesbarkeit ist mäßig und die Bedienung über das kleine Drehrad fummelig.

Zu den elektronischen Fahrhilfen lässt sich pauschal für beide Kontrahentinnen geltend festhalten, dass mittlerweile auf extrem hohem Niveau gearbeitet wird. Ein tolles Sicherheitsplus, das man nicht mehr missen möchte. Umso besser, dass bei der Yamaha hier alles als Standard verbaut ist, da ist sie der BMW doch einiges voraus!

Alltagsthemen: Verbrauch, Standgeräusch, Reichweite

Nach 600 (sehr flotten) Kilometern standen bei der BMW 5,5 Liter und bei der Yamaha 6 Liter Durchschnittsverbrauch pro 100 km im Display. Bei zurückhaltender Fahrweise, ist da wie dort wohl ein Liter weniger möglich. Aufgrund des größeren Tankinhalts hat die Tracer 9 damit eine spürbar höhere Reichweite von über 300 km, während man auf der BMW nach 230 - 250 Kilometern schon die Augen nach der nächsten Tankstelle offen halten sollte.

Einen Punkt sammelt die BMW beim leidigen Thema Standgeräusch. Während bei der Tracer 9 und 9 GT, wie schon bei der MT-09 96 dB anstehen und man daher die bekannten Straßen im Außerfern meiden muss, hat man auf der F 900 XR in dieser Hinsicht keine Probleme.

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Preis-Vergleich Yamaha Tracer 9 vs BMW F 900 XR

Ausstattungsbereinigt hat die Yamaha Tracer 9 beim Thema Preis-Leistung in diesem Vergleich eindeutig die Nase vorn. Für die BMW spricht, dass man nicht auf Pakete angewiesen ist, sondern sich seine Traum-XR gänzlich individuell zusammenstellen kann. Außerdem ist sie bereits ein Jahr (unverändert) am Markt, sodass sich mit einer frischen Gebrauchten eventuell ein Schnäppchen machen lässt. Angebote zu BMW F 900 XR, Yamaha Tracer 9 und Tracer 9 GT findet ihr natürlich am 1000 PS Marktplatz.

Vergleichsfazit im Duell Yamaha Tracer 9 (GT) vs BMW F 900 XR 2021

Die 2021 frisch auf den Markt gekommene Yamaha Tracer 9 kann fast alles und macht es der Konkurrenz - in diesem Fall der BMW F 900 XR - definitiv nicht leicht. Der herrliche CP3-Motor verpackt in einem gefälligeren Design als bei der nackten Schwester - diese Kombination wird viele Fans finden. Die BMW F 900 XR ist ebenfalls eine echt schöne Vertreterin ihres Segments und bietet neben viel Spaß im Sattel ein top-modernes Display mit Navifunktion und voller Connectivity, diese Features sind gerade auf einem Reisemotorrad nicht uninteressant! Ist man viel zu zweit unterwegs, sollte man jedenfalls zu Yamaha greifen, am besten zur GT, die kaum noch Wünsche offen lässt. Mehr Reisemotorrad braucht es nicht. Der grandiose Motor und die überkomplette Ausstattung küren sie zum Testsieger.

Fazit: BMW F 900 XR

Mit der F 900 XR machen die Bayern grundsätzlich alles richtig – die BMW-Kernkompetenz Touring wird in der Mittelklasse neu belebt. Aber nicht etwa auf langweilige, zu perfektionistische Weise, sondern erfrischend sportlich mit einem erstaunlich hochwertigen Fahrwerk in dieser Preisklasse. Die Bremsen werken tadellos, der Motor hängt schön am Gas – lediglich der Sound könnte etwas besser sein, aber da trifft BMW keine direkte Schuld. Trotz sportlicher Leichtfüssigkeit kommen der Komfort und die Reisetauglichkeit nicht zu kurz. Auch die Preispolitik bei den vier Zusatzpaketen passt gut in die Mittelklasse. Die F 900 XR sollte damit ein Erfolg werden!


  • Motor hängt gut am Gas
  • ausgewogene Ergonomie
  • viel Schräglagenfreiheit
  • tolle Brembo-Bremsen
  • stylische Optik
  • Motorsound könnte besser sein

Fazit: Yamaha Tracer 9

Absolute Kaufempfehlung für Fahrer/innen, die gerne sportlich fahren aber auch auf die Vorzüge eines Tourenfahrzeugs nicht verzichten wollen. Ob GT oder Standard-Version ist eine Geschmacksfrage: wer gerne Gas gibt, hauptsächlich auf guten Strassen unterwegs ist und dem ein straffes Fahrwerk taugt, der wird mit der Standard-Tracer 9 sehr gut bedient sein. Wer gerne noch etwas Komfort obendrauf hätte und auch hin und wieder längere Touren fährt, der wird den Komfort und die Zusatzausstattung der GT wertschätzen.


  • druckvoller und starker Motor
  • leichtes Handling
  • stabiles Fahrgefühl
  • umfassendes Elektronikpaket
  • Umständliche Bedienung des Displays
  • Standgeräusch >95 dB (96 dB)
  • keine Connectivity

Fazit: Yamaha Tracer 9 GT

Absolute Kaufempfehlung für Fahrer/innen, die gerne sportlich fahren aber auch auf die Vorzüge eines Tourenfahrzeugs nicht verzichten wollen. Ob GT oder Standard-Version ist eine Geschmacksfrage: wer gerne Gas gibt, hauptsächlich auf guten Strassen unterwegs ist und dem ein straffes Fahrwerk taugt, der wird mit der Standard-Tracer 9 sehr gut bedient sein. Wer gerne noch etwas Komfort obendrauf hätte und auch hin und wieder längere Touren fährt, der wird den Komfort und die Zusatzausstattung der GT wertschätzen.


  • druckvoller und starker Motor
  • leichtes Handling
  • stabiles Fahrgefühl
  • umfassendes Elektronikpaket
  • tolles E-Fahrwerk
  • super Ausstattung
  • Umständliche Bedienung des Displays
  • Standgeräusch >95 dB (96 dB)
  • keine Connectivity

Bericht vom 16.05.2021 | 18.914 Aufrufe

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